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Nachhaltig kinderlos

Mittwoch 18. Januar 2012 von Birgit Kelle


Birgit Kelle

Nachhaltig kinderlos

Prozentual zum Anteil der Gesamtbev├Âlkerung hat Deutschland die geringste Kinderzahl in Europa. Wir m├╝ssen rigoros umdenken: Familien brauchen Geld, Kinder brauchen Rechte.

Nachhaltigkeit ist das Schlagwort der Stunde. Was beim ├Âkologischen Bewusstsein beginnt, macht vor der demografischen Entwicklung nicht halt. Das Problem beginnt jedoch bereits bei der Definition. Denn was ist nachhaltige Familienpolitik? Eine, die m├Âglichst viele Familien hervorruft? Dann m├╝ssten wir definieren, was Familie im Sinne von Art. 6 GG ist ÔÇô ganz schwieriges Terrain. Oder etwa eine, die Familien m├Âglichst lange zusammenh├Ąlt? Die Scheidungsraten, Singlehaushalte und Alleinerziehenden sprechen eine andere Sprache. Oder doch eine, die m├Âglichst viele Kinder hervorruft? Dann w├Ąren wir jedenfalls familienpolitisch komplett gescheitert.

Angst, irgendeine Patchwork-Konstellation auszuschlie├čen

Nirgendwo in Europa leben weniger Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren als bei uns. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes offenbarten im Sommer 2011: Deutschland ist Schlusslicht der Tabelle mit nur 16,5 Prozent. Zum Vergleich: In der T├╝rkei betr├Ągt der Anteil exorbitante 31,2 Prozent. In Frankreich sind es 22 und auch in Gro├čbritannien, Norwegen oder Schweden sind es ├╝ber 20.

Sicher ist, dass unsere Politik es schon lange aufgegeben hat, zu definieren, was Familie ist. Zu gro├č ist die Angst, irgendeine Patchwork-Konstellation aus dem fr├Âhlichen Familienhappening auszuschlie├čen, also hat man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt: Es m├╝ssen mehr Kinder her. Dumm nur, dass der R├╝ckschluss mehr Kinderbetreuung gleich mehr Kinder bei uns nicht funktioniert. Wir bleiben trotzdem bei statistischen 1,36 Kindern pro Frau, was sich in den n├Ąchsten Jahrzehnten noch versch├Ąrfen wird: Denn alle heute nicht geborenen M├Ądchen bekommen morgen auch keine Kinder.

Wir f├Ârdern die, die es nicht brauchen

Wenn wir aber sowieso nicht mehr auf die Form der Familie R├╝cksicht nehmen, warum unterst├╝tzen wir dann nicht wenigstens jede Familienkonstellation mit Kindern und schauen, was daraus wird? Zum Beispiel mit einem Familiensplitting, bei dem jede Person im Haushalt gleich viel z├Ąhlt, die steuerliche Belastung von Haushalten mit Kindern sinkt und vielleicht sind dann auch mehr Kinder drin? In Frankreich funktioniert ein vergleichbares System und die Zahl der Mehrkindfamilien, die bei uns sinkt, steigt dort.

Und wir sollten aufh├Âren, die Familien zu f├Ârdern, die unsere Unterst├╝tzung am wenigsten brauchen. Genau dies System verfolgen wir leider konsequent: Kinderkriegen lohnt sich finanziell am meisten, wenn man schon viele Jahre in einen guten Job investiert hat. Die jungen Leute in Ausbildung und mit geringem Einkommen profitieren am wenigsten vom Elterngeld, br├Ąuchten es aber am dringendsten. Man m├╝sste es genau umkehren. Denn wer mit 20 anf├Ąngt, Kinder zu bekommen, hat Potenzial f├╝r mehr Nachwuchs, als das Paar, das ab 35 k├╝nstlich befruchtet.

Die Machtverteilung im Land w├╝rde sich massiv ├Ąndern

Nicht zuletzt sprechen wir ja gerne ├╝ber Familien, aber nicht mit ihnen. Unser Haushalt hat sechs Personen, aber nur zwei Wahlstimmen, mit denen wir ├╝ber die Zukunft bestimmen k├Ânnen, in die wir unsere vier Kinder entlassen. Dabei b├╝rden wir ihnen einseitig Lasten auf in einem Generationenvertrag, in dem sie nichts zu melden haben. Obwohl schon mehrfach interfraktionell und mit prominenter Besetzung im Bundestag eingebracht, hat das Wahlrecht ab Geburt, vertreten durch die Eltern, nie eine echte Chance bekommen.

Kein Wunder, die Machtverteilung im Land w├╝rde sich massiv verschieben ÔÇô vergleichbar mit der Einf├╝hrung des Frauenwahlrechtes. Dabei w├Ąre es nur fair und kostet kein Geld ÔÇô aber eventuell so manchen etablierten und lieb gewonnenen Stuhl im Bundestag. Gebt den Kindern endlich eine Stimme, sie sind unsere Zukunft, oder, um es mit Gr├Ânemeyer zu sagen: Kinder an die Macht!

Birgit Kelle, 12.01.2012

Quelle: The European

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 18. Januar 2012 um 22:01 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik.