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Vereint Abraham Juden, Christen und Muslime?

Montag 16. Januar 2012 von Pfr. Eberhard Troeger


Pfr. Eberhard Troeger

Vereint Abraham Juden, Christen und Muslime?

Einleitung

Gern wird heute – vor allem von christlicher Seite – die Einheit der drei sogen. ‚abrahamitischen‘, monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam beschworen, weil sich alle auf Abraham und seinen Glauben an den einen Gott berufen. Man beschw├Ârt eine ‚├ľkumene der Religionen, die an den einen Gott glauben‘. Im Eingottglauben Abrahams will man gewisserma├čen den kleinsten gemeinsamen Nenner finden. Man will ehrlicherweise die Unterschiede im Gottesglauben nicht verwischen, aber das Gemeinsame herausstellen und als Basis f├╝r das Gespr├Ąch und die Zusammenarbeit betonen.

Ist das m├Âglich und legitim? Bei genauem Hinsehen berufen sich Judentum, Christentum und Islam auf je ‚ihren Abraham‘, also auf einen Abraham, wie sie ihn jeweils verstehen. Am jeweiligen Abrahamverst├Ąndnis werden gerade nicht die Gemeinsamkeiten des Gottesglaubens, sondern seine Unterschiede deutlich. Wir werden sehen, dass am jeweiligen Abraham-Bild das unterschiedliche Gottesverst├Ąndnis deutlich wird.

Dabei ist nat├╝rlich zu bedenken, dass alle drei Glaubensweisen ‚breiten Str├Âmen‘ gleichen, in denen recht unterschiedliche Auffassungen zum Thema vertreten werden. Wir werden uns deshalb vor allem an die Haupturkunden der drei Religionen, Altes und Neues Testament und Koran zu halten haben.

1. Abraham im alttestamentlichen Zeugnis

a. Das Alte Testament bezeugt uns Abraham als einen Menschen, zu dem Gott auf verschiedene Weise sehr pers├Ânlich geredet hat. Dabei hat Gott ihm nicht einfach ‚Wissen ├╝ber Gott‘ vermittelt, sondern hat ihn erfahren lassen, wer Gott ist – n├Ąmlich der treue, zuverl├Ąssige Bundesgott, der seine Verhei├čungen erf├╝llt.

Gott hat Abraham aus seiner vertrauten Umgebung herausgerufen und ihn in eine fremde Welt beordert. Abraham hat sich auf dieses ‚Wagnis des Glaubens‘ eingelassen. Er verlie├č seine Heimat, ohne zu wissen, wo es hingeht und wie dort im fremden Land alles werden wird. Abraham gehorchte Gott, und Gott erwies sich als der zuverl├Ąssige, reale Gott.

Gott gab Abraham ein dreifaches Versprechen: er versprach ihm eine neue Heimat, ein Land; er versprach ihm gro├če Nachkommenschaft; ein Volk solle aus ihm werden; und schlie├člich: Abraham solle f├╝r viele Menschen ein Segen sein; mit seinem Namen solle man sich gegenseitig Segen w├╝nschen, und durch ihn und in ihm sollen alle V├Âlker der Welt gesegnet werden.

Diese Verhei├čung steht am Anfang der Abraham-Berichte (1. Mose 12,1-3). Alle weiteren Berichte zeigen, wie diese Verhei├čungen anbruchhaft in Erf├╝llung gingen, aber zwischendurch immer wieder gef├Ąhrdet waren.

b. Vom verhei├čenen Land konnte Abraham nur ein kleines St├╝ck erwerben, n├Ąmlich einen Acker bei Hebron, an dessen Rand eine H├Âhle lag, in welcher er Sara begrub. Dieses St├╝ck Land wurde zur Anzahlung f├╝r ganz Kanaan. Doch das erlebte Abraham nicht mehr. Er blieb Glaubender und Hoffender.

Am dramatischsten entwickelte sich die Frage nach dem gro├čen Volk, d.h. nach dem oder den Nachfahren. Abraham und Sara hatten keine Kinder und waren alt. Abrahams Vertrauen in Gott wurde auf viele, harte Proben gestellt. Sara war einige Male gef├Ąhrdet, da man sie Abraham abwerben wollte, und Abraham verhielt sich in diesen Situationen nicht ganz gl├╝cklich. Aber Gott rettete Sara.

Schlie├člich schlug Sara Abraham eine recht menschliche L├Âsung vor, Kinder zu bekommen, und Abraham lie├č sich darauf ein. Das Ergebnis war Ismael, der Sohn der Hagar – aber dieser eigenm├Ąchtige Weg f├╝hrte zu einem Familiendrama und schlie├člich zur Ausweisung Hagars und Ismaels.

Doch w├Ąhrend sich dieser Fehlschlag abzeichnete, k├╝ndigte Gott das Wunder der Geburt Isaaks an, und es geschah. Der Junge wuchs heran. Dann aber sollte Abraham ausgerechnet diesen ‚Sohn des Glaubens‘ als Opfer darbringen. Das war die h├Ąrteste Glaubensprobe. ‚Der Herr wird’s versehen‘, antwortete Abraham auf die neugierige Frage Isaaks nach dem Opfertier. Abraham blieb gehorsam und erfuhr die Treue Gottes in der Ausl├Âsung Isaaks durch ein Tier. Isaak war gerettet und konnte der Vater eines gro├čen Volkes werden. Isaak wurde zum ‚Angeld‘ f├╝r das Volk Israel. Doch das erlebte Abraham nicht mehr. Er blieb Glaubender und Hoffender.

┬áMit Isaak stand und fiel auch die Segensverhei├čung f├╝r alle V├Âlker. Wahrscheinlich hatte Abraham es erlebt, dass die Menschen seiner Zeit sich segneten und sagten: Gott mache dich reich wie Abraham. Doch die eigentliche Erf├╝llung erlebte Abraham nicht. Die Erf├╝llung kam letztlich erst mit Jesus, dem ‚Licht der Welt‘. Paulus schreibt in Gal. 3,8: „Die Schrift aber hat es vorausgesehen, dass Gott die Heiden durch den Glauben gerecht macht. Darum verk├╝ndigte sie dem Abraham (1. Mose 12,3): ‚In dir sollen alle Heiden gesegnet werden.'“

c. In der Abrahamgeschichte verk├╝ndigt uns das Alte Testament Gott als den treuen Bundesgott. Dieser Gott erwies sich als ein Gott, mit dem der Mensch rechnen kann. D.h., Gott nicht als eine unpers├Ânliche Idee, sondern als eine lebendige Wirklichkeit und als solche ein pers├Ânliches Gegen├╝ber zum Menschen, ein Du. Abraham hat Gott als solchen erfahren. Und jeder Mensch kann Gott als solchen erfahren.

2. Abraham im Judentum

‚Wir haben Abraham zum Vater‘ (Matth. 3,9, vgl. Joh. 8,33) – so rechtfertigten sich die Juden im 1. Jahrhundert gegen├╝ber Johannes dem T├Ąufer und gegen├╝ber Jesus. Mit dem Hinweis auf ihr Kindschaftsverh├Ąltnis zu Abraham lehnten sie sowohl den Bu├čruf des T├Ąufers als auch den Jesu ab. Die leibliche Abstammung von Abraham machte sie selbstsicher gegen├╝ber dem Anspruch Gottes auf ihr Leben. Jesus sagte ihnen: ÔÇ×Wenn ihr Abrahams Kinder w├Ąret, so t├Ątet ihr Abrahams Werke.ÔÇť Sowohl Johannes als auch Jesus sagten deutlich, dass eine leibliche Abstammung von Abraham nicht ausreicht.

Johannes und Jesus setzen damit die Kritik der alttestamentlichen Propheten fort. Israel solle nicht meinen, dass die Berufung durch Gott ein Freibrief f├╝r die S├╝nde ist. Gott will Gehorsam, eben den Gehorsam Abrahams.

Der alttestamentliche Abraham war eben beides:

– einerseits der leibliche Vater Israels ├╝ber seinen Sohn Isaak und seinen Enkel Jakob, und das 1. Buch Mose macht klar, dass diese Erblinie die Erw├Ąhlungslinie ist; Israel kann sich also wirklich auf den Abrahambund und die Erw├Ąhlung durch Gott berufen;

– andererseits ist der alttestamentliche Abraham das gro├če Vorbild im Glaubensgehorsam und insofern Typos f├╝r alle zuk├╝nftigen an Gott Glaubenden. Durch Abraham sollen eben alle V├Âlker gesegnet werden und nicht nur die Nachfahren.

Im Judentum ist Abraham einseitig ‚verengt‘ worden auf die v├Âlkische Erw├Ąhlungslinie. Ebenso hat das Judentum das Zeugnis von der Treue Gottes auf Israel begrenzt und damit den Gottesglauben verzerrt.

3. Abraham im neutestamentlichen Zeugnis

Jesus und die Apostel haben Abraham und den Gottesglauben wieder in die urspr├╝ngliche Weite ger├╝ckt und den Gott bezeugt, welcher der treue Vater im Himmel f├╝r alle Glaubenden ist. Paulus f├╝hrt in R├Âmer 4 und 9 sowie in Galater 3 und 4 aus, dass der wesentliche Zug an Abraham sein Vertrauen in Gottes Verhei├čungen war. Durch dieses Vertrauen lebte er in der rechten Glaubensbeziehung. Ich meine, dass Paulus damit einerseits den Abraham der 1. Mosesbuches richtig verstanden hatte und andererseits auf der Linie Johannes des T├Ąufers und Jesu dachte.

Wie f├╝r Johannes und Jesus hatte dieses Verst├Ąndnis Abrahams eine besondere Bedeutung in seiner Auseinandersetzung mit dem gesetzestreuen Judentum. F├╝r Paulus ist derjenige ‚Kind Abrahams‘, der Gott bedingungslos vertraut (Gal.3,7). Die leibliche Abstammung ist also nicht entscheidend. Paulus macht dies daran deutlich, dass Abraham ja viele leibliche Kinder hatte – au├čer Isaak auch Ismael und die S├Âhne der Ketura – dass aber nur Isaak der ‚Sohn des Glaubens‘ und damit der Tr├Ąger der Bundesverhei├čung ist.

Paulus folgert daraus, dass auch Nichtjuden, also Menschen aus den V├Âlkern der Welt (Gal. 3,8), Kinder Abrahams werden k├Ânnen, wenn sie glauben. „So sollte er ein Vater werden aller, die glauben….“ (R├Âm. 4,11). Paulus begr├╝ndet auf diese Weise, dass es nicht n├Âtig sei, das mosaische Gesetz zu halten, um in die richtige Gottesbeziehung zu kommen. Das Gesetz ist wohl gut, aber es kann den Menschen letztlich nicht in das rechte Gottesverh├Ąltnis bringen. Nur im Glauben an die in Jesus verhei├čene S├╝ndenvergebung kann ein Mensch ‚mit Gott in Ordnung kommen‘.

Hier wird deutlich, dass die neutestamentliche Sicht Abrahams auch eine bestimmte Sicht Gottes ist. Gott ist der barmherzige Gott, der in seiner gro├čen Liebe alle Menschen zu Kindern Abrahams machen m├Âchte. Diese Liebe ist so gro├č, dass Gott durch seinen Sohn Jesus Christus einen Weg zu sich er├Âffnet hat, der f├╝r alle Menschen offen ist: nicht der Weg des Gesetzes, sondern der bedingungslosen Vergebung im S├╝hnopfer Jesu.

Die Apostel Jesu und damit der christliche Glaube sind sich gewiss, dass diese Deutung Abrahams und dieser Gottesglaube mit dem Alten Testament ├╝bereinstimmen, dass das Judentum das alttestamentliche Zeugnis von Gott verengt hat und dass der Jesusglaube das alttestamentliche Zeugnis von Gott best├Ątigt und vertieft. Das Christentum versteht sich, wenn es dem biblischen Zeugnis treu bleibt, als der H├╝ter des wahren Abrahamverst├Ąndnisses und des wahren Gottesglaubens, als die endzeitliche Gemeinde der Glaubenden aus den Juden und aus den V├Âlkern der Welt, als Menschen, die aus dieser Welt schon herausgerufen worden sind und auf die Herrschaft Gottes warten.

4. Der Abraham Muhammads

a. F├╝r Muhammed war wichtig, dass Abraham weder Jude noch Christ war, sondern einfach ein Gottgl├Ąubiger. Muhammed hatte kein klares Geschichtsbild, aber er hatte begriffen, dass Abraham vor Mose und Jesus lebte. Da Abraham ein Verehrer des einen Gottes war, schloss Muhammed daraus, dass man nicht Jude oder Christ werden m├╝sse, um den einen Gott zu verehren.

Vermutlich stand Muhammed vor seinem Berufungserlebnis vor der Frage, ob er nicht Jude oder Christ werden solle. Nach seinem Berufungserlebnis wusste er sich als arabischer Gottgl├Ąubiger ‚gleichberechtigt‘ neben Juden und Christen. Da aber Juden und Christen seine Sendung ablehnten, wurde f├╝r Muhammed der R├╝ckgriff auf Abraham immer wichtiger: Wer glaubt wie Abraham, der ist im rechten Gottesverh├Ąltnis!

Muhammed argumentierte also ├Ąhnlich wie Paulus, doch ist der Unterschied nicht zu ├╝bersehen. W├Ąhrend Paulus den alttestamentlichen Abraham aus den heiligen Schriften kannte, hat Muhammed den im 1. Mosebuch bezeugten Abraham nicht kennen gelernt, da er die hebr├Ąischen Schriften weder lesen konnte noch – vermutlich – zu h├Âren bekam. Seine Kenntnis von Abraham beruhte auf j├╝dischen Legenden, und Muhammed legte seine eigenen Vorstellungen von dem wahren Gottgl├Ąubigen in Abrahams Geschichte hinein. Der Koran verk├╝ndigt einen ‚muhammedanischen Abraham‘, der gegen die Vielg├Âtterei k├Ąmpft wie Muhammed selbst.

b. Zahlreiche Koranstellen schildern Abrahams Kampf gegen den G├Âtzendienst seiner Zeit, vor allem auch gegen seinen Vater Azar. Er zerschl├Ągt die G├Âtzenstatuen (21,58). Daraufhin will man Abraham t├Âten, aber Gott errettet ihn (21,68). Abraham bekennt sich zu Gott als dem Sch├Âpfer. Ber├╝hmt sind die Koranverse (6,76 – 79), in denen Abraham die Sterne, den Mond und die Sonne als unf├Ąhige Helfer ablehnt und sich Gott zuwendet. Nach 2,260 bittet Abraham Gott um einen Beweis, dass er Tote lebendig machen kann. Daraufhin werden vier tote V├Âgel ‚auferweckt‘.

Ich m├Âchte hier einige Anmerklungen zum islamischen Sch├Âpfungsglauben machen. Er unterscheidet sich wesentlich vom biblischen. Das h├Ąngt damit zusammen, dass der Islam die absolute Freiheit Gottes betont, aber nicht um die unendliche Treue und Geduld Gottes wei├č. Prof. Adel Khoury, M├╝nster, schreibt dazu in seinem Buch ‚Einf├╝hrung in die Grundlagen des Islam‘, K├Âln u.a. 1978, S. 144f.: „Wenn alles immer wieder neu dem Sch├Âpfungsakt Gottes entspringt, so bedeutet das, dass alles in jedem Augenblick durch den sch├Âpferischen, unbedingten und uneingeschr├Ąnkten Willen Gottes bestimmt und bedingt wird (Atomismus). Es folgt aus dieser Sicht der Dinge, dass die Welt keine innere Kontinuit├Ąt aufweist. Ihre ├Ąu├čerliche Kontinuit├Ąt ist lediglich die Zusammensetzung unendlich vieler Augenblicke, in denen Gott immer wieder die Welt neu erschafft. Was wir Menschen als eine Kontinuit├Ąt der Existenz der Welt und eine Best├Ątigung ihrer Naturgesetze betrachten, ist in Wirklichkeit nur die Reihe der punktuellen und immer erneuten Wirkungserscheinungen des freien Sch├Âpferwillens Gottes. So besteht in der Natur keine innere Wahrheit der Dinge. Das Wesen jeder Erscheinung wird von Gott direkt in jedem Augenblick im Zusammenhang mit ihrer Erschaffung neu festgesetzt…Dieser Atomismus erstreckt sich auf alle Bereiche des Seins und des Daseins, er umfasst alle Ebenen der Welt und des menschlichen Lebens…Die islamischen Theologen, die diesen Atomismus bejahen, berufen sich unter anderem auf folgende Koranstellen: S 56,71-72…S 8,17: ÔÇ×Und nicht ihr habt sie get├Âtet, sondern Gott. Und nicht du hast jenen Wurf ausgef├╝hrt, sondern Gott…“.

c. Kommen wir zur├╝ck zu Abraham. Zahlreiche Koranstellen beziehen sich auf die Verhei├čung von Nachkommenschaft an Abraham und auf das Gericht ├╝ber Lots Leute. Die ganze heilsgeschichtliche Dramatik fehlt aber im Koran. Die Geburt eines Jungen von hochbetagten Eltern wird als ein Geschenk Gottes angesehen. Auch die Geschichte von der Opferung dieses Jungen wird in vager Form geschildert. Der Name Isaaks wird dabei nicht genannt, und f├╝r die Muslime war Ismael der zu Opfernde. Merkw├╝rdigerweise sagte Abraham zu seinem Sohn: „‚Mein Sohn! Ich sah im Traum, dass ich dich schlachten werde. ├ťberleg jetzt (und sag), was du (dazu) meinst!‘ Er sagte: ‚Vater! Tu, was dir befohlen wird!…“ (Sure 37,102). Die ganze Dramatik der alttestamentlichen Erz├Ąhlung ist hier eingeebnet, der Sohn zu einem ergebenen Muslim gemacht worden.

d. Zahlreiche weitere Koranverse schildern Abraham als frommen Muslim, der hofft, dass Gott ihm am Tag der Auferstehung seine S├╝nde vergibt (26,82). Abraham war ein Prophet, ja er hat Offenbarungen von Gott erhalten, die in den ‚Bl├Ąttern Abrahams‘ festgehalten worden sind (2,136; 4,54). Der Islam wird als die ‚Religion Abrahams‘ (2,135) bezeichnet. Abraham wird nach Mekka in Arabien verpflanzt, die Kaaba als Haus und Platz Abrahams (2,125) bezeichnet. Abraham und Ismael haben nach 2,127 die Mauern ‚des Hauses‘ gebaut.

e. Mit Hilfe dieser Projektionen setzte Muhammed die biblische Heilsgeschichte von Abraham bis Jesus praktisch au├čer Kraft. Mit dem R├╝ckgriff auf Abraham entzog sich Muhammed sowohl dem Anspruch des mosaischen Gesetzes als auch des durch Jesus gewirkten Heils.

Der islamische R├╝ckgriff auf Abraham ist gerade keine gemeinsame Plattform f├╝r den Gottesglauben von Juden, Christen und Muslimen, sondern vielmehr eine Kampfansage an den in der Bibel bezeugten ‚Gott der V├Ąter‘ und den Vater Jesu Christi. Das koranische und das biblische Zeugnis von Gott lassen sich nicht ‚auf einen Nenner bringen‘, sind vielmehr gegens├Ątzlich. Der Koran spricht von einem ‚anderen Gott‘ als die Bibel, auch wenn wir Muslimen nat├╝rlich zugestehen m├╝ssen, dass sie den einen Gott, den Sch├Âpfer und Herrn der Welt, meinen.

f. Im Islam ist das koranische Gottesbild zur Norm erhoben worden. An dieser Norm wird das biblische Gottesbild gemessen. Alles, was in der Bibel dem koranischen Gottesbild widerspricht, wird als Erfindung von Juden und Christen, also als menschliche F├Ąlschung hingestellt. Muslime sind der Meinung, dass sie allein im Koran und in der Tradition das wahre Gottesbild bzw. die wahre Gottesoffenbarung bewahrt haben und Juden wie Christen einem falschen Gottesbild anh├Ąngen. Einen Gott, der durch Opfer vers├Âhnt werden muss, einen Gott, der seinen Sohn am Kreuz opfert, lehnen Muslime ab.

Aus diesen Ausf├╝hrungen folgt nun:

5. Wie sehen Judentum, Christentum und Islam einander?

Wir haben gesehen, dass Juden, Christen und Muslime nicht nur Abraham, sondern auch den Gott Abrahams sehr unterschiedlich glauben und bekennen. Was folgt daraus f├╝r die Sicht der jeweils beiden anderen Glaubensweisen?

a. Das Judentum versteht sich selbst als den wahren H├╝ter des biblischen Eingottglaubens.

Das Christentum sieht es dagegen sehr kritisch. Aus j├╝discher Sicht ist das Christentum letztlich eine aus dem Judentum kommende Sekte, die Sekte der Jesus-Anh├Ąnger, die sich leider weltweit ausgebreitet hat und durch die Einbeziehung der Heidenchristen eine m├Ąchtige Weltreligion geworden ist.

Auch den christlichen Gottesglauben sieht das Judentum sehr kritisch. Es wirft uns als Christen vor, den vermeintlichen Messias Jesus auf die g├Âttliche Ebene gehoben und damit den strengen Eingottglauben preisgegeben zu haben. Das Judentum hat im Laufe der Kirchengeschichte den christlichen Glauben immer wieder massiv in Frage gestellt, vor allem den Glauben an die Dreieinigkeit Gottes und an den gekreuzigten Messias Jesus. Leider haben Christen im Laufe der zweitausend Jahre Kirchengeschichte das Zeugnis von dem erniedrigten Gottessohn durch das harte Verhalten gegen├╝ber den Juden sehr unglaubw├╝rdig gemacht.

Das Judentum sieht auch den Islam sehr kritisch. Einerseits w├╝rdigen Juden den strengen islamischen Eingottglauben, aber Juden k├Ânnen nicht zustimmen, dass dieser Gottesglaube an Muhammed offenbart sein soll. Die Juden zur Zeit Muhammeds haben ihm vermutlich deutlich gesagt, dass die Offenbarung mit der hebr├Ąischen Bibel abgeschlossen ist. Juden k├Ânnen unm├Âglich Muhammed als Propheten anerkennen. Sie m├╝ssen Muhammed vorwerfen, sich an die Stelle Moses gesetzt zu haben.

Juden m├╝ssen aber auch den islamischen Machtanspruch verwerfen. Der Islam hatte sich noch unter Muhammed in Madina zu seinem religi├Âsen Staat entwickelt und die Juden blutig aus Madina vertrieben. Der Islam versteht sich wie das alte Volk Israel als ein religi├Âs-politisches Gemeinwesen. Darin liegt eine gro├če Tragik, die gerade in unseren Tagen im Nahostkonflikt deutlich wird. Das Judentum hat die Hoffnung auf eine staatliche Existenz nie aufgegeben. Damit st├Â├čt es aber mit den islamischen Machtinteressen zusammen. Politisch ist der Islam die gro├če Konkurrenz des Judentums, w├Ąhrend die christliche Kirche inzwischen auf ihre politischen Anspr├╝che – Gott sei Dank – verzichtet hat.

b. Wie ist die christliche Stellung zu Juden und Muslimen zu formulieren, wie ich sie aufgrund des Zeugnisses der Schrift verstehe.

Als Christen sind wir den Juden besonders verbunden, weil wir die hebr├Ąische Bibel mit ihnen gemeinsam haben und weil wie in den gl├Ąubigen Juden Zeugen f├╝r den einen Gott und seine Treue sehen. Paulus nennt die Juden ‚Kinder Gottes‘ (R├Âm. 9,4) und Geliebte Gottes (V. 28). Mit den Juden warten wir auf die Ankunft des Messias in Macht und Herrlichkeit. Mit Paulus wissen wir, dass ÔÇ×ganz Israel gerettet werden wirdÔÇť (R├Âm. 11,26).

Zugleich aber bekennen wir, dass Jesus von Nazareth der von Gott gesandte Messias Israels ist. Paulus stellt fest, dass die Mehrzahl der Juden diesem Messias und damit Gott ungehorsam ist (R├Âm. 11,31), dass sie ‚verstockt‘ (V. 25) und ‚Feinde‘ (V. 28) der Messiasgl├Ąubigen sind. Das gibt uns allerdings kein Recht, die Juden zu verachten oder gar zu verfolgen. Vielmehr sollen wir als Messiasgl├Ąubige den Juden ihren Messias bezeugen und sie zu Jesus rufen. Ich glaube, dass es legitim ist, dass wir als Christen aus den V├Âlkern der Welt Juden zu dem einladen, der auch f├╝r sie als Retter und Messias gekommen, gestorben und auferstanden ist. Gleichzeitig sollten wir den Juden viel Liebe erweisen und sie angesichts ihrer vielen Feinde in Schutz nehmen. Wir wollen das ihnen von christlicher Seite zugef├╝gte Unrecht bu├čfertig eingestehen, k├Ânnen aber Israel und das Judentum auch nicht verherrlichen und das von Israel anderen Menschen zugef├╝gte Unrecht nicht ├╝bersehen.

Wie sehen wir von der Bibel her den Islam und die Muslime? Wir m├╝ssen zugestehen, dass viele Muslime einen gro├čen ‚Eifer f├╝r Gott‘ haben, wie Paulus ihn auch vielen Juden zugesteht (R├Âm. 10,2). Wir m├╝ssen aber mit Paulus hinzuf├╝gen, dass dieser Eifer ‚ohne Einsicht‘, d.h. ohne wahre Gotteserkenntnis ist. Der Islam hat wohl Elemente des j├╝dischen und des christlichen Glaubens aufgenommen, aber insgesamt das biblische Zeugnis von Gott entstellt und einseitig verzerrt.

Der Islam kennt nicht den absolut heiligen Gott, dessen Urteil ├╝ber den S├╝nder hei├čt: Des Todes schuldig. Der Islam meint, dass Menschen in der Lage seien, ihre S├╝nde wieder gutzumachen und bei Gott Anerkennung zu finden. Der Islam lehnt deshalb Vers├Âhnung und S├╝hnopfer ab. Jesus wird zu einem blo├čen Propheten herabgestuft.

Damit erweist sich der Islam als eine gegen den biblischen Jesus gerichtete Macht, eine endzeitliche Verf├╝hrung, die Menschen von Jesus als dem Retter abhalten will (Anh├Ąnger eines ‚falschen Propheten‘ nach Matth. 24,24; 1. Joh. 2,22f.) und die Muslime als Menschen, die einer Verf├╝hrung erlegen sind (2. Kor. 11,14; Matth. 16,22f.).

Von seiner Entstehung her ist der Islam eine arabische Religion mit j├╝dischen und christlichen Entlehnungen, die durch politische und milit├Ąrische Erfolge Macht gewonnen hat und zur Weltreligion bzw. zur Weltmacht geworden ist.

Diese Einsch├Ątzung sollte freilich Christen nicht dazu verleiten, Muslime zu verachten oder gar zu bek├Ąmpfen. Auch Muslimen gilt die Liebe Christi. Ich meine, dass wir Muslime zu Jesus, dem Retter, einladen sollen.

Gleichzeitig sollten wir ihnen respektvoll begegnen und ihre Rechte als religi├Âse Minderheit in unserem Land achten. Wir sollten ihnen auch in Liebe helfen, wo es n├Âtig und m├Âglich ist. Wir sollten uns bem├╝hen, die Muslime zu verstehen als Menschen, die wie wir unter unserer modernen und gottlosen Gesellschaft leiden. Wir k├Ânnen es uns auch leisten, unsere christliche Geschichte ehrlich zu sehen als eine Geschichte vielfachen Versagens gegen├╝ber den Muslimen.

Das alles sollte uns aber nicht davon abhalten, den Muslimen Jesus als den Herrn und Retter zu bezeugen und ihre Umkehr zu Jesus zu erwarten. Wir sollten es gegen├╝ber Muslimen auch nicht verschweigen, dass viele Christen in muslimischen L├Ąndern keine Religionsfreiheit genie├čen d├╝rfen. Wir sollten nicht m├╝de werden, die Freiheit unserer christlichen Schwestern und Br├╝der einzufordern.

c. Wie sehen nun die Muslime Juden und Christen? Muslime halten sich selbst als die einzig wahren Gottgl├Ąubigen und rufen sowohl Juden als auch Christen zum Islam auf.

Den Juden werfen Muslime vor, die g├Âttliche Sendung Muhammeds abzulehnen und deshalb gegen├╝ber Gott ├╝berheblich und ungehorsam zu sein. Muslime k├Ânnen Juden bestenfalls als ‚Leute der Schrift‘ dulden, aber nicht als wahre Gottgl├Ąubige anerkennen.

Auch uns Christen werfen die Muslime vor, dass wir Muhammads Sendung nicht anerkennen und deshalb Gott ungehorsam sind. Vor allem aber sieht man uns nicht als wahre Gl├Ąubige an den einen Gott, weil wir Gott als den dreieinigen bekennen, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Neben Gott Gottheiten zu bekennen, ist aus islamischer Sicht eine ganze schlimme S├╝nde, die den Menschen auf jeden Fall vom Heil ausschlie├čt.

Muslime f├╝hren die Ablehnung Muhammads und den Glauben an die G├Âttlichkeit Jesu darauf zur├╝ck, dass die Nachfolger Jesu, vor allem Paulus, die Worte Jesu verdreht und entstellt h├Ątten. Unsere Bibel sei also nicht mehr die urspr├╝ngliche.

Muslime sehen auch die christliche Geschichte sehr kritisch. Sie meinen, dass Christen deshalb so viel Gewalt angewendet h├Ątten, weil ihr Glaube so unlogisch und wenig ├╝berzeugend sei. Der christliche Glaube sei unrealistisch, weil er den Menschen keine klaren Gebote und Verbote verordne und die Menschen verf├╝hre, sich auf Christus zu verlassen, anstatt sich moralisch anzustrengen.

Vielleicht sind Sie verwundert ├╝ber solche Argumentationen, aber wenn Sie sich intensiv auf das Gespr├Ąch mit Muslimen einlassen, werden Sie diese Argumente st├Ąndig zu h├Âren bekommen.

Vor allem aber stellt sich nun noch einmal die Frage: K├Ânnen drei so unterschiedlich denkende Glaubensweisen im Namen Abrahams auf einen Nenner gebracht werden? Ich halte das f├╝r ausgeschlossen, wenn wir sowohl unseren eigenen Glauben ernst nehmen und den Glauben von Juden und Muslimen in seiner Andersartigkeit respektieren wollen.

6. Welchem Abraham wollen wir folgen?

Der v├Âlkische Abraham des Judentums scheidet f├╝r uns als Menschen aus den Heiden aus. Wollen wir dem Abraham Muhammads folgen? Der Abraham des Koran war sicher ein wackerer Streiter f├╝r den Eingottglauben – ein Mensch, der ‚Eifer f├╝r Gott hatte‘ (R├Âm. 10,2). Alle Achtung vor diesem Abraham! Er sch├Ąmte sich Gottes nicht.

Auch unter Christen finden wir solche wackeren Gottesstreiter – Hut ab vor ihnen! Ich m├Âchte nicht das Geringste gegen alle christlichen Eiferer sagen – sie besch├Ąmen mich oft.

Und doch halte ich es lieber mit dem biblischen Abraham – diesem Mann, der gar kein so gro├čer Held war, der schwache Stunden kannte und versagte, der dennoch Gott immer wieder neu vertraute und gehorchte, der den Weg des Glaubens trotz aller Anfechtungen und Niederlagen bis zu Ende ging.

Abraham sah das Angeld der Verhei├čungen, er sah noch nicht das Ganze. So geht es doch auch uns in unserem christlichen Glauben. Wir haben durch Jesus das verb├╝rgte Angeld der Erl├Âsung. Wir haben den Heiligen Geist als Angeld der neuen Welt Gottes. Aber wir warten noch auf das Endg├╝ltige, auf den neuen Himmel und die neue Erde. Wir warten auf den sichtbar wiederkommenden Herrn. Dann, ja dann werden wir endg├╝ltig vom Glauben zum Schauen kommen.

Mit diesem biblischen Abraham, der hoffnungsvoll und geduldig unterwegs ist zum Ziel m├Âchte ich es halten. Er soll der ‚Vater meines Glaubens‘ sein. Und ich m├Âchte mich an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs halten, den lebendigen Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.

Pfr. Eberhard Troeger, Freudenstadt am 13.2.06

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 16. Januar 2012 um 11:47 und abgelegt unter Weltreligionen.