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Eine frustrierte Frauengeneration

Montag 7. Februar 2011 von Birgit Kelle


Birgit Kelle

Eine frustrierte Frauengeneration

Was ist eigentlich schief gelaufen in der Emanzipationsbewegung, dass sich heute zeigt, dass die Frauenfrage eindeutig auch eine Generationenfrage ist? In der neu entbrannten Debatte rund um eine gesetzliche Frauenquote scheint zumindest eines eindeutig: Ältere Frauen wollen die Quote, jĂŒngere Frauen nicht. Da die Quote aber vor allem der jungen, gut ausgebildeten Generation zugute kommen soll, wĂ€re es da nicht angebracht auch genau auf diese Generation und ihre WĂŒnsche zu hören, anstatt sie bevormundend ans HĂ€ndchen zu nehmen, frei nach dem Motto: Ihr wisst es halt nicht besser?

Ich lese eine ganz große Frustration aus all den Statements fĂŒr eine gesetzliche Quote fĂŒr Frauen in der Wirtschaft. Mehrere Generationen von Frauen haben sich langsam aber stetig in Machtpositionen vorgekĂ€mpft. Und ich wage die Behauptung, dass man den Dingen einfach nur ihren Lauf lassen mĂŒsste und es wĂŒrde sich automatisch ein höherer Frauenanteil in Spitzenpositionen ergeben. Wir haben zahlreiche Ministerinnen in unserem Land, das von einer Bundeskanzlerin gefĂŒhrt wird. Ich denke, selbst ihre politischen Gegner wĂŒrden niemals auf den Gedanken kommen, dass Angela Merkel als Quotenfrau unser Land regiert. Sie hat sich mit großem Geschick und eisernem Willen an der hungrigen Meute ihrer Neider und Konkurrenten vorbei manövriert und sich selbst an die Spitze gesetzt. Da war keine Quote nötig und kein Freifahrschein, sondern Mut und Wille. Verzicht auf Familienleben, lange Arbeitszeiten, wenig Freizeit. Ich habe Respekt vor dieser Leistung, auch wenn ich zahlreiche ihre Ansichten nicht teile. Den Fehler, sie zu unterschĂ€tzen, machen die MĂ€nner nicht mehr und das zu Recht. Ich will, dass alle Frauen in Spitzenpositionen mit dem gleichen Respekt behandelt werden. Mit einer Quote wĂŒrden wir die harte Arbeit, die tausende von Frauen in ihren Berufen investieren auf eine Quote herunterreden. Mit welchem Respekt wird man einer Frau in einem Vorstand begegnen, die auf Grund einer gesetzlichen Quote an sicher ebenfalls fĂ€higen Konkurrenten vorbei auf ihren Stuhl gehievt worden ist? Karriere machen ist kein Kindergeburtstag – auch wenn ich nach so mancher Feier in meinem eigenen Haus mit der These schwanke.

Das ist genau der Punkt, der junge Frauen in der Debatte stört. Sie wollen nicht als Quotenfrauen irgendwo sitzen. Ich auch nicht. Ich will mit meinem Können wahr genommen werden und muss die Frustration des Scheiterns ebenfalls aushalten können – wie zahlreiche MĂ€nner ĂŒbrigens auch. Ich will keine Dekoration auf dem Gruppenbild sein, sondern mitentscheiden wie alle anderen auch. Wir Frauen nehmen uns selbst etwas von unserem hart erkĂ€mpften Status, wenn wir uns einen gesetzlichen Sessellift installieren.

Und was fĂŒr ein Signal ist das eigentlich an all die gut ausgebildeten, intelligenten und selbstbewussten Frauen im Land, die daran glauben, dass sie es auch ohne Quote schaffen können? Hat nicht gerade der Feminismus Jahrzehnte lang darum gekĂ€mpft, dass wir Frauen endlich so werden? Dass wir den Mut haben uns zu nehmen, was uns zusteht? Und jetzt sagen uns die gleichen Frauen, ihr schafft es nicht ohne Quote? Da kann doch die gesamte Emanzipation nach Hause gehen, wenn wir daran wirklich glauben sollen. Dann brauchen wir uns jetzt auch fortan nicht mehr bemĂŒhen, wenn der Lohn nur unendliche Frustration und EnttĂ€uschung ist. NatĂŒrlich ist es nicht einfach, sich durchzusetzen. Einem anderen den Stuhl wegzunehmen. MĂ€nner scheinen da skrupelloser zu sein, aber dĂŒrfen wir tatsĂ€chlich erwarten, dass sie den Platz, den sie sich selbst hart erkĂ€mpft haben einfach rĂ€umen? WĂŒrden wir einer Frau auch einfach den Stuhl wegnehmen?

Vor in paar Wochen war ich beim WDR in eine Diskussionsrunde um die Frauenquote geladen. NatĂŒrlich saßen nur Frauen in der Runde, denn in diesen Debatten ist eines immer schon im Vorfeld nicht zu hinterfragen: Mit MĂ€nnern braucht man darĂŒber nicht diskutieren. Also saßen wir unter uns und als ich (als JĂŒngste in der Runde) wagte auszusprechen, was mir meine Erfahrung und unzĂ€hlige GesprĂ€che mit Frauen immer wieder bestĂ€tigt haben: Dass nĂ€mlich junge Frauen oft gar nicht den Wunsch verspĂŒren, sich bis an die Spitze hochzuarbeiten. Dass sie gerne ihre Kinder großziehen. Dass sie kein Problem damit haben, dass ihr Mann die Familie ernĂ€hrt. Da war kollektiver Atemstillstand in der Runde. Das Unaussprechliche stand im Raum. Sie wollen es nicht! Die EntrĂŒstung ließ nicht lange auf sich warten.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden. Ich finde es großartig, wenn Frauen sich Spitzenpositionen erkĂ€mpfen. So wie vor der Leistung unserer Bundeskanzlerin, habe ich auch vor der Leistung der vielen anderen Frauen einen sehr großen Respekt. Aber es ist nicht mein Weg. Und es ist nicht der Weg von vielen anderen Frauen. Und genau hier mĂŒssen wir anfangen, wenn wir tatsĂ€chlich von Frauenförderung sprechen. Warum wird Emanzipation immer nur mit beruflichem Erfolg gleichgestellt? Bin ich als Frau unemanzipiert, wenn ich nicht gewerblich arbeite? Da ist ein Zickenkrieg wenig hilfreich, sondern Respekt vor persönlichen LebensentwĂŒrfen nötig.

Unsere Familienministerin Frau Schröder hat da jetzt schon keine Chance mehr. Sie kann ihr Kind noch nicht mal in den Armen halten, da gibt es schon aus dem BlĂ€tterwald der Nation fertige LebensentwĂŒrfe fĂŒr sie, ihren Mann und ihr noch ungeborenes Kind. Sie hat jetzt schon keine freie Entscheidung mehr. Egal wie sie es nach der Geburt ihres Kindes machen wird, es wird haufenweise Kommentare geben, warum es falsch ist, warum es nicht genug ist, warum sie das Kind zu frĂŒh weggibt, oder zu spĂ€t. Sie ist die erste Familienministerin unseres Landes, die im Amt ein Kind bekommt. Ich beneide sie nicht. Respekt. Auch hier weit und breit keiner. Ungefragte RatschlĂ€ge fĂŒr eine höchst private Entscheidung. Wir mĂŒssen damit aufhören, den Familien und vor allem den Frauen zu erklĂ€ren, welcher Lebensentwurf der einzig richtige ist.

Vor einigen Monaten hat das Kölner Rheingold Institut eine Studie zum inneren Befinden der MĂŒtter heute gemacht und kommt zu dem Ergebnis, dass Frauen heute sich stĂ€ndig selbst ĂŒberfordern. Dass sie an ihren eigenen AnsprĂŒchen tĂ€glich scheitern. Dass sie sich selbst so sehr unter Druck setzen, in allen Bereichen perfekt zu sein, dass der normale Menschenverstand von Vornherein weiß, es ist nicht zu schaffen. Aber sind es tatsĂ€chlich ihre eigenen AnsprĂŒche, die sie nicht erfĂŒllen, oder sind sie nicht viel mehr getrieben von der öffentlichen Meinung? Und die ist spĂ€testens seit der siebenfachen Mutter und ehemaligen Familienministerin von der Leyen ganz klar: Frauen mĂŒssen alles gleichzeitig können. Gut aussehen, viele Kinder bekommen und Karriere machen. Die Prominenz macht es in den Gazetten ebenfalls tĂ€glich vor. Dass die persönliche Lebenssituation der Ministerin und der gestylten SpĂ€tgebĂ€renden aus den bunten BlĂ€ttern gerade auch unter finanziellen Aspekten nicht reprĂ€sentativ fĂŒr unser Land ist und auch rein gar nichts mit der tĂ€glichen Lebenssituation der normalen Familie in Deutschland zu tun hat, ist da gerne mal zweitrangig. Und was hat das eigentlich mit mir zu tun, wie andere ihr Leben gestalten, stellst sich die Frage aus weiblicher Sicht? Bin ich wirklich von zu Hause ausgezogen, um mir fortan die guten RatschlĂ€ge im Familienministerium abzuholen? Stattdessen bekomme ich als Frau stĂ€ndig gesagt: Stell dich nicht so an, die anderen schaffen das doch offensichtlich auch. Der Druck, in allen Bereichen perfekt zu sein zu mĂŒssen ist allgegenwĂ€rtig. Reichte es frĂŒher aus, wenn man als Frau den Haushalt fĂŒhrte und die Kinder anstĂ€ndig groß zog, so ist das als Lebensaufgabe heute nur noch ein mĂŒdes LĂ€cheln wert, wenn ĂŒberhaupt. Macht die denn auch was Richtiges oder kriegt sie bloß Kinder?

Und ich greife hier nicht die MĂ€nner an, es sind Frauen unter sich, die am hĂ€rtesten gegen den Lebensentwurf als Mutter und Hausfrau vom Leder ziehen. Was nicht gewollt ist, darf nicht sein. „Der Konflikt: Die Frau und die Mutter“, titelt die französische Feministin Elisabeth Badinter in ihrem neuen Buch. „Die Feigheit der Frauen“ thematisiert aktuell die ehemalige taz-Chefin Bascha Mika in ihrem Buch und wirft den Frauen vor, sich hinter der AbhĂ€ngigkeit vom Mann und dem Kinderkriegen aus der Verantwortung zu stehlen. Sie hat zumindest eines erkannt: Viele Frauen wollen es so haben. Aber das es verurteilt werden muss, ist klar. „Latte-Macchiato“-Frauen nennt sie diese Artgenossinnen geringschĂ€tzig. Den ganzen Tag Milchkaffe schlĂŒrfen und den Mann das Geld ranschaffen lassen. Ist nicht mein Weg, ich hab keine Zeit fĂŒr Latte-Macchiato, ich hab vier Kinder großzuziehen. Aber wenn man das aufgebauschte Klischee mal hinterfragt: Ist das wirklich so unemanzipiert, dass man einen Mann dazu bekommt, dass er hart arbeiten geht, man selbst nicht arbeitet und die Tage mit Milchkaffee verbringt, wĂ€hrend er an frĂŒhem Herzinfarkt stirbt und ein Vermögen hinterlĂ€sst? Werden hier wirklich die Frauen ausgenutzt? Das zu beurteilen ist immer subjektiv aber auch hier kommen wir letztendlich an den Punkt: Wir urteilen ĂŒber die LebensentwĂŒrfe von anderen Menschen und maßen uns an, ein richtig oder falsch definieren zu dĂŒrfen.

Gleichzeitig erleben wir eine Generation junger MĂ€dchen, die nur noch schön sein wollen, oder berĂŒhmt, oder beides. FĂŒr jede noch so erniedrigende Casting-Show stehen sie Schlange, Schönheitsoperationen haben Hochkultur. Sie hungern sich zu Tode und lassen sich in Nacktmagazinen – natĂŒrlich rein Ă€sthetisch-kĂŒnstlerische Bilder – vorfĂŒhren. Die Welt liegt ihnen zu FĂŒĂŸen, die UniversitĂ€ten stehen offen, aber sie wollen Popstars oder Supermodels werden. Sicherlich ein bisschen ĂŒberspitzt, aber nicht weniger besorgniserregend. Trotz Girls-Day und MĂ€dchenförderung. Trotz besserer SchulabschlĂŒsse und wissenschaftlich verbriefter TeamfĂ€higkeit ziehen sich immer mehr junge MĂ€dchen auf ihr Ă€ußeres Erscheinungsbild als einzigen Garanten fĂŒr ein glĂŒckliches Leben in einer ĂŒbersexualisierten Gesellschaft zurĂŒck. FĂŒr mich ein Zeichen der völligen Überforderung durch die große neue Welt voller Möglichkeiten. Da ist es einfacher, sich auf eine Sache zurĂŒck zu ziehen und damit sein GlĂŒck zu versuchen. Das bereitet mir viel mehr Kopfzerbrechen als die wenigen Frauen in Dax-Unternehmen.

Dass Frauen ihr Äußeres als Machtfaktor einsetzen ist ja keine neue Entwicklung und hat sich aus Frauensicht vielfach bewĂ€hrt. Schon vor Kleopatra wussten Frauen ihren Körper gezielt einzusetzen, um ihren Willen durchzusetzen. Mag sein, dass es uns die MĂ€nner da auch nicht wirklich schwer machen. Aber heute lĂ€uft die Entwicklung langsam aber sicher aus dem Ruder. Immer noch liegt bei Lebenszielen in Umfragen „sich einen reichen Mann angeln“ ganz weit Vorne und treibt Feministinnen in den Wahnsinn.

Bezeichnend ist nicht zuletzt das Schweigen der MĂ€nner in dieser Debatte. Die einzigen Worte, die zu hören sind von mĂ€nnlicher Seite, sind die BefĂŒrworter der Quote. Welcher Politiker stellt sich auch schon vor die versammelte Nation und spricht sich offen gegen die Frauenquote aus, auch wenn er heimlich absolut dagegen ist? Jeder kann sich wörtlich ausmalen, welcher Proteststurm der versammelten Feminismuselite ihn erwartet. Also halten sie den Mund und harren der Dinge.

Birgit Kelle, 02.02.2011

Quelle: DIE FREIE WELT – Die Internet-& Blogzeitung fĂŒr die Zivilgesellschaft

Birgit Kelle (35) ist Journalistin, verheiratet und Mutter von vier Kindern. Geboren 1975 in SiebenbĂŒrgen, RumĂ€nien, 1984 ĂŒbergesiedelt nach Deutschland. Von 2005 bis 2008 Herausgeberin der christlichen Monatszeitung VERS1. Sie ist Vorsitzende des Vereins “Frau 2000plus e.V.” und Member of the Board der New Women for Europe (NWFE), ein Dachverband fĂŒr Frauen- und FamilienverbĂ€nde aus ganz Europa mit Beraterstatus am EuropĂ€ischen Parlament.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 7. Februar 2011 um 10:59 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik.