Gemeindenetzwerk

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Die kleine Marie

Freitag 22. Mai 2009 von Ludwig Harms (1808-1865)


Ludwig Harms (1808-1865)

Die kleine Marie

Ich habe vor einiger Zeit eine schöne ErklĂ€rung des Spruchs: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht Meines Vaters im Himmel, verbunden mit dem Spruch: Aus dem Munde der UnmĂŒndigen hast Du Dir Lob zugerichtet, erhalten, daß ich sie unmöglich fĂŒr mich behalten kann. Ich bekam nĂ€mlich einen kleinen Brief, der an einer Seite angebrannt, an der anderen Seite infolge NĂ€sse offen war, in welchem ein Matthier (GeldstĂŒck) lag. In dem Brief war von einer Kindeshand kaum leserlich geschrieben: Der liebe Herr Jesus schickt durch die kleine Marie einen Matthier, wofĂŒr die Heiden bekehrt werden sollen. Mehr habe ich nicht, ich brauche auch nicht mehr, ich gehe zu Jesu und warte auf meinen Engel, der mich abholen will, ich denke morgen oder ĂŒbermorgen. Lieber Pastor Harms, grĂŒĂŸe die kleinen schwarzen Heidenkinder von mir und sage ihnen, sie hĂ€tten auch jeder einen Engel, der wĂ€re aber weiß, und wenn sie einmal in den Himmel kĂ€men, so wĂ€ren sie auch weiß. Denn daß sie schwarz wĂ€ren, das kĂ€me, weil die Sonne sie stĂ€che, im Himmel aber stĂ€che die Sonne nicht mehr. – Weiter stand nichts in dem Briefe und ich hĂ€tte wohl nimmer erfahren, woher er gekommen wĂ€re, wenn mir nicht der Überbringer davon erzĂ€hlt hĂ€tte. Der war aber ein armer Tagelöhner aus dem LĂŒneburgischen, der oft hierher zur Kirche kommt und ein rechtes Kind Gott ist. Der erzĂ€hlte: Die kleine Marie ist nun bei Gott dem Herrn. Sie war, als sie einschlief, 6 Jahre alt. Sie ist die einzige Tochter einer armen Witwe gewesen, die Mutter aber ist ihr auch abgestorben, als das Kind 4 Jahre alt war, und da stand denn die arme Waise ganz verlassen. Sie hat gar nicht geweint bei dem Tode ihrer Mutter, sondern als ihre Mutter begraben werden sollte und in den Sarg gelegt wurde, hat sie fröhlich in die kleinen HĂ€nde geklatscht und gesagt: Wie freue ich mich, seit drei Tagen hat Mutter gar nicht mehr geweint, nun muß sie es mal gut haben! Wo geht sie eigentlich nun hin, da ihr sie wegbringt? Da hat jener liebe Tagelöhner, der sie mit zur Ruhe bringen wollte, dem Kinde gesagt: Marie, Mutter ist nun beim lieben Herrn Jesu, und da braucht sie nicht mehr zu weinen, wie sie sonst oft tun mußte. Da ist das Kind so froh geworden, daß sie den guten Mann an die Hand gefaßt hat und ist mit zum Grabe gegangen. Nach dem LeichebegrĂ€bnis hat sie aber gar nicht begreifen können, warum man die Mutter in die Erde gelegt habe, sie hat gemeint, es wĂ€re besser gewesen, der liebe Gott hĂ€tte sie gleich in den Himmel steigen lassen. Da hat der gute Freund ihrer Mutter ihr gesagt: Siehe, Marie, die Mutter ist so mĂŒde geworden von der langen Reise und Arbeit hier auf der Erde, daß sie erst recht ausschlafen und ausruhen muß. Und wenn sie dann ausgeschlafen hat, dann kommt der Herr Jesus und weckt sie aus dem Grabe auf, so wie dich sonst deine liebe Mutter des Morgens aus dem Bette aufweckte. Und wie du dann, wenn sie dich weckte, in das freundliche Angesicht deiner Mutter sĂ€hest und warst dann so vergnĂŒgt und standest auf, so sieht dann deine Mutter dem lieben Heiland, der sie aus dem Grabe aufweckt, auch in Sein freundliches Angesicht und steht dann ganz vergnĂŒgt auf. Nicht wahr? Das wird eine Freude sein! Da klatscht das Kind nochmals fröhlich in die kleinen HĂ€nde und sagt: Das ist schön!

Was sollte aber nun aus Marie werden? Der Vater ist tot, Verwandte sind nicht da, Geld ist nicht da, nichts als das Bett, darin die Mutter gestorben ist, das bißchen Hausrat und Mariens Kleider, das ist alles. Der gute Tagelöhner nimmt sich vor, nachdem er das Kind, von dem Grabe zurĂŒckkehrend, wieder nach Hause gebracht hat, er will nun hingehen und mit dem Dorfvorsteher oder Bauernvogt, wie man ihn dort nennt, sprechen, damit das Dorf fĂŒr die Waise sorge. Aber die kleine Marie denkt anders, es fĂ€llt ihr gar nicht ein, allein in ihrer Stube zu bleiben, sondern als er seinen Hut nimmt, um zu gehen, faßt sie ihn wieder an die Hand und sagt, als verstehe sich das von selbst: Vadder, ich gah mit un will bi di un Vaddersche blieven! Dem Tagelöhner fallen wohl seine fĂŒnf lebendigen Kinder ein, die er zu Hause hat und mit seiner HĂ€nde Arbeit ernĂ€hren muß; aber die Stimme der Kleinen schlĂ€gt in sein Herz, als ob es Gottes Stimme vom Himmel gewesen wĂ€re, und es ist auch Gottes Stimme gewesen. Wohl ihm, daß er ein offenes Ohr und Herz hatte, sie zu vernehmen. HĂ€tte er viel Geld gehabt, wĂŒrde er wahrscheinlich tauber gewesen sein, denn Geld hat unter anderem auch die Eigenschaft, daß es die Ohren taub und das Herz hart macht. So geht er denn mit seinem sechsten Kind heim und bringt es seiner braven Frau mit den Worten: Mudder, da nett us de leewe God noch’n Kind beschert, dat is’n Vader Unser mehr int Hus! Und die brave Frau knurrt nicht und murrt nicht; der Engel Gottes hat, schon ehe der Vater nach Hause kommt, bei ihr angeklopft, und sie hat ihn bitten wollen, wenn er kĂ€me, er sollte hingehen und das Kind holen. Am Ă€ndern Tag holt er das Bett und den Hausrat und niemand sagt ihm ein Wort darein, man lĂ€ĂŸt ihn gewĂ€hren, denn die ganze Bauernschaft ist froh, daß sie die Last los ist, die der arme Tagelöhner allein auf sich nimmt. Und ihm ist es, Gott sei Dank, keine Last gewesen. Er hat mir mit TrĂ€nen im Auge gesagt, er habe es in den zwei Jahren nicht einen Tag bereut, das Kind zu sich genommen zu haben, er habe mit seiner Frau und seinen sechs Kindern immer Brot gehabt, und ihm wolle es vorkommen, mehr und reicher als sonst, das mĂŒsse der Segen des Herrn getan haben, denn er wisse doch nicht, daß er mehr gearbeitet habe als frĂŒher, wohl aber habe er mehr gebetet sei der Zeit. Und gleich in der ersten Woche habe er zweierlei gelernt von dem lieben Kinde, so daß er sich in die tiefste Seele hinein habe schĂ€men mĂŒssen. Bis dahin nĂ€mlich habe er nach dem Abendsegen seine Kinder zwar stets ins Bett gebracht, aber es sei ihm nie eingefallen, die Kinder in ihren Betten einzusegnen. Da habe aber gleich am ersten Abend Marie gemeint, ihre Mutter habe sie immer eingesegnet und das mĂŒsse er oder Vaddersche auch erst tun. Ganz beschĂ€mt aber habe er fragen mĂŒssen, wie denn die Mutter das gemacht habe, und sie habe ihm geantwortet, erst hĂ€tte die Mutter ihr das heilige Kreuz auf die Stirn gemacht und dann ihr die Hand aufgelegt und gesprochen: Das walte Gott der Vater, Gott der Sohn, Gott der Heilige Geist, der behĂŒte dich durch Seinen heiligen Engel. Amen.

Seit der Zeit habe er Marie und alle seine Kinder jeden Abend eingesegnet, und er danke es dem Kinde noch im Grabe, daß sie ihn das gelehrt habe, zumal da er spĂ€ter hier in der Kirche gehört hĂ€tte, daß das allezeit bei uns in der guten alten Zeit Sitte gewesen wĂ€re. Und so wisse er nun gewiß, daß er seit der Zeit wenigstens acht Engel in seinem Hause jede Nacht ĂŒber gehabt habe, zwei fĂŒr sich und seine Frau und sechs fĂŒr seine Kinder, die dann auch des Tages mit einem jeden gegangen wĂ€ren, weil sich der Engel des Herrn lagere um die, so den Herrn fĂŒrchten. Und das zweite, was er von dem Kinde gelernt habe, das sei, bei jeder Morgen- und Abendandacht zu singen und auf den Knien zu beten, denn beides habe er bis dahin noch nicht getan, sondern nur den Morgen- und Abendsegen gelesen. Das sei aber so gekommen. Als er gleich den ersten Abend das Abendsegenbuch nach dem Lesen zugemacht habe und angefangen habe, das Vater Unser zu beten, da sei das liebe Kind auf seine Knie gefallen mit gefalteten HĂ€nden und er hĂ€tte unmöglich sitzen bleiben können, es hĂ€tte auch ihn mit Gewalt niedergezogen und all die Seinen mit und so sei es nachher stillschweigend jeden Morgen und Abend von selbst geschehen, ohne weiter davon zu reden. Am Ă€ndern Morgen aber, als alle wieder zur Morgenandacht beisammen gewesen wĂ€ren, da hĂ€tte das kleine MĂ€dchen, eben als er das Buch aufmachen wollte, angefangen zu singen: Wach auf, mein Herz und singe dem Schöpfer aller Dinge, dem Geber aller GĂŒter, dem treuen MenschenhĂŒter – rein, so klar, daß sie alle hĂ€tten mitsingen können und mitsingen mĂŒssen. Das wĂ€re so lieblich gewesen, daß er seitdem keinen Morgen und keinen Abend mehr hĂ€tte unterlassen können zu singen, zumal da das Kind abends wiederum von selbst angefangen hĂ€tte zu singen: Nun ruhen alle WĂ€lder, Vieh, Menschen, Stadt‘ und Felder, es schlĂ€ft die ganze Welt. – Er habe nachher erfahren, daß Mariens Mutter tĂ€glich morgens und abends gesungen habe und das Kind durch das Zuhören die GesĂ€nge und Melodien so lebendig aufgefaßt habe. Bald darauf habe das MĂ€dchen, da es seine Ă€lteren Kinder so oft habe lesen und schreiben sehen, durchaus auch lesen und schreiben lernen wollen und seine Kinder hĂ€tten sich eine Freude daraus gemacht, sie darin zu unterrichten, denn es sei wunderbar gewesen, wie die alle die kleine Marie lieber gehabt hĂ€tten als sich untereinander, und wenn sie sich auch untereinander manchmal, wie Kinder pflegen, uneinig gewesen wĂ€ren, so doch nie mit diesem Kinde. Und so sei es ihm und seiner Frau auch gegangen, sie hĂ€tten dies Kind lieber gehabt als ihre eigenen Kinder. Nie könne er Gott genug danken, daß Er ihm einen solchen Segen ins Haus gebracht hĂ€tte. Ein solcher Segen wĂ€re sie auch fĂŒr seine Kinder gewesen. Sie hat gar keinen Streit leiden können, und wenn sich die Ă€ndern einmal gezankt hĂ€tten, dann wĂ€re sie gleich gekommen und hĂ€tte gesagt: Du Fritz, du Johann, wenn du streitest, so geht der liebe Engel weg, dann wĂ€re wieder Friede geworden. Fast zwei volle Jahre ließ der Herr dem braven Mann dies gesegnet Kind. Und wenn er hierher zur Kirche gekommen war und dann wieder zu Hause eingetroffen, da haben sich alle Kinder um ihn versammelt, Marie aber hat sich mit seiner Kleinsten auf seinen Schoß gesetzt, und dann hat er erzĂ€hlen mĂŒssen alles, was er gesehen und gehört hatte. Da ist sie denn ganz Auge und Ohr gewesen, wenn er von den kleinen schwarzen Heidenkindern in Afrika erzĂ€hlt hat, und in dem letzten Vierteljahr ihres Lebens ist sie viermal gekommen und hat ihn um einen Pfennig gebeten, was sie sonst nie getan hatte. Den hat sie dann jedesmal sorgfĂ€ltig in ihre kleine Lade gelegt. Da wird sie eines Tages krank und die kleine Brust geht ihr heftig auf und nieder. Er will zum Arzt laufen, sie bittet ihn aber, es nicht zu tun. Kind, sagt er, du wirst wieder besser, wenn du Arznei einnimmst; sie aber antwortet: Ich brauch keine Arznei, ich gehe zum Heiland. So hat sie drei Tage im Bette gelegen und nichts trinken wollen als etwas Milch und Wasser. Am vierten Tage, des Morgens 10 Uhr, hat sie den Vater um ein StĂŒcklein Papier gebeten, hat darauf mit zitternder Hand die obigen Worte geschrieben, hat dann den Vater gebeten, ihr fĂŒr die vier Pfennige einen Matthier zu geben, und er hat ihr versprechen mĂŒssen, den Brief mit dem Matthier mir zu geben. Als er den Brief zugemacht hat, hat er ihn aus Versehen an dem Ende etwas angebrannt. Das tut nichts, sagt das Kind, er kann ihn doch wohl lesen. Dann hat sie den Brief unter ihrem Hemd auf die Brust gelegt, da ist das andere Ende von dem Todesschweiß ganz naß geworden. Hierauf hat sie Vater und Mutter und ihren fĂŒnf BrĂŒdern und Schwestern die Hand gegeben, hat gesagt, sie wollte den Herrn Jesu fleißig fĂŒr sie bitten, und sie sollten mich auch grĂŒĂŸen, wenn sie mir den Brief brĂ€chten. Mit den HĂ€nden gefaltet auf der Brust hat sie dann eine Zeitlang still gelegen und zuletzt gesagt: Nun kommt mein lieber Engel und holt mich zu Jesu. Das ist ihr Ende gewesen. Den Matthier habe ich aber noch und werde ihn auch nicht ausgeben, ich habe einen Ă€ndern dafĂŒr in die Missionskasse gelegt. Die kleinen BĂŒcher aber, die ich ihr nach und nach geschickt hatte, hatte sie alle vor ihrem Ende unter ihre BrĂŒder und Schwestern verteilt, weil sie so fleißig mit ihr gesungen und gebetet hĂ€tten. – Das ist eine von meinen starken Heldinnen und Mitarbeiterinnen gewesen. Dort ist sie es nun noch besser. Gott erwecke mir noch viele solche! Amen. Als mein Bruder diese köstliche Geschichte im Missionsblatt mitgeteilt hatte, erhielt er einen Brief von einem preußischen Juristen des Inhalts, es hĂ€tte die Geschichte mit herzlicher RĂŒhrung gelesen und dankte ihm dafĂŒr, könnte aber als Rechtsgelehrter nicht umhin, ihm zu sagen, daß er den Matthier nicht behalten dĂŒrfe, denn eines Verstorbenen Testament mĂŒsse pĂŒnktlich ausgefĂŒhrt werden. Ihm antwortete mein sei. Bruder folgendermaßen: Lieber Bruder! Herzlichen Dank fĂŒr Ihren lieben Brief, der mich erquickt hat. Ihr Wunsch ist schon in ErfĂŒllung gegangen. Der Herr hat mir den Matthier schon abgefordert. Ich sollte einen Wechsel aus Afrika zahlen von 2000 Talern. Zur bestimmten Zeit war das Geld bis auf vier Pfennige zusammen, die fehlten an der Summe, und obgleich ich meine Missionskasse und meine Privatkasse umstĂŒrzte, wollten die vier Pfennige nicht mehr heraus. Da ich nun nie einen Pfennig leihe, so mußte, wenn ich Wort halten wollte, des lieben Kindes Matthier mit, und er ist mitgegangen. – Gott segne Sie, lieber Bruder, beten Sie fĂŒr mich, ich bete fĂŒr Sie! In brĂŒderlicher Liebe und FĂŒrbitte

Ihr Louis Harms

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 22. Mai 2009 um 13:23 und abgelegt unter Allgemein.