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Der Staat hat die Eltern entrechtet

Freitag 20. Oktober 2006 von Dr. Konrad Adam


Dr. Konrad Adam

Der Staat hat die Eltern entrechtet

Im ganzen Land werden plötzlich mißhandelte und vernachlässigte Kinder entdeckt. Der Vorwurf, der Staat habe versagt, ist wahr: Er macht die Eltern zu Arbeitsmaschinen und verwaltet die lästigen Kinder am liebsten selbst. Das ist erstens falsch und zweitens funktioniert es nicht.

Die Nachricht von dem toten Kind in Bremen scheint eine Lawine ausgel√∂st zu haben. Seither werden landauf, landab in Kellern, K√ľhlschr√§nken und Kinderzimmern vernachl√§ssigte und mi√ühandelte, geschlagene und verhungerte Kinder entdeckt. Und jedes Mal steht der Schuldige fest: der Staat, vertreten durch die Polizei, das Jugendamt, die verantwortliche Beh√∂rde oder die unverantwortliche Senatorin. Sie alle, hei√üt es dann regelm√§√üig, h√§tten versagt.

Nat√ľrlich hat der Staat versagt. Aber doch nicht erst seit gestern oder vorgestern, und auch nicht nur durch Unterlassen. Versagt hat er, als er, im Widerspruch zu der Verfassung, auf den Gedanken kam, den Eltern ihr nat√ľrliches Recht zu bestreiten und sie von der „zuv√∂rderst ihnen“ obliegenden Pflicht zu befreien, die Kinder, die sie in die Welt gesetzt haben, auch zu versorgen und zu erziehen.

Keine Rechte ohne Pflichten, der Wahlspruch von New Labor in England, gilt auch in umgekehrter Reihenfolge. Dann heißt er: Keine Pflichten ohne Rechte. Als sich der Staat dazu erbot, den Eltern das Erziehungsgeschäft abzunehmen, hat er gegen diese Regel verstoßen Рdoch das ist eine Vorstellung, die bei den Staatsfrommen, die auf der Linken und der Rechten in der Mehrheit sind, schlecht ankommt.

Sie wollen die Botschaft, die sie mit ihrem lauten Ruf nach Betreuung stillschweigend verbreiten, nicht wahrhaben. Die lautet: Kinder sind l√§stig! Wenn sie sich denn schon nicht vermeiden lassen, sollten sie von den Eltern so schnell wie m√∂glich in einer Krippe abgeliefert, an eine Tagesst√§tte weitergereicht oder in einer Ganztagsschule geparkt werden. Auf keinen Fall sich selbst drum k√ľmmern, denn das bedeutet den Verzicht auf „Karriere“! In dieser Frage ist der West-Staat, wie wir ihn seit der Vereinigung kennen, der legitime Nachfolger der Ost-Partei: Er hat immer Recht, wei√ü alles besser und mu√ü die B√ľrger deshalb von der √§rgsten Last, der Last der Freiheit, befreien.

Alle politischen Kr√§fte unter Einschlu√ü der FDP sind sich darin einig, da√ü das Land, um zu √ľberleben, in ein gro√ües Arbeitshaus verwandelt werden mu√ü. Wenn die Leute dazu gen√∂tigt sind, ganztags und au√üer Hause zu arbeiten, haben sie f√ľr das, was fr√ľher die Privatsph√§re ausmachte, immer weniger Zeit; die √ľberlassen sie dann zwangsl√§ufig dem Staat. Die Staatsvertreter sehen das mit Freude, denn damit steigt ihre Aussicht auf Machtgewinn. Und weil die Macht die W√§hrung ist, in der sie rechnen, betrachten sie die schleichende Enteignung als Gesch√§ft.

Gewi√ü verm√∂gen die Vielen, wie es bei Aristoteles hei√üt, mehr als jeder Einzelne allein. Aber doch nur so lange, wie der Staat sie l√§√üt. Das tut er aber nicht. Der Staat, vertreten durch seine √Ąmter und Beh√∂rden, mischt sich ein, will mitgestalten und, wie die Floskel lautet, aktivieren: Als ob in einem Land, das den bei weitem gr√∂√üten Teil seines kollektiven Reichtums darauf verwendet, Renten zu bezahlen, Krankheiten zu kurieren, Arbeitslosigkeit zu verwalten und Pflege zu gew√§hren, die Rede vom „aktivierenden“ Staat nicht ein Witz w√§re, den nur noch bekennende Linke ernst nehmen. Tats√§chlich aktiviert ein solcher Staat zu gar nichts mehr; er l√§hmt, entmutigt, t√∂tet ab.

Eine eher kl√§glich als √ľppig bemessene Grundversorgung, bestehend aus sozialen Dienstleistungen, aus Fernsehunterhaltung und Energiezufuhr, sicherstellen und zumessen, das kann der Staat und soll er auch. Aber schon bei der Bildung ist er, wie nicht erst die Pisa-Studien bewiesen haben, drastisch √ľberfordert, bei der Erziehung erst recht. Alles, was √ľber ein sozialistisch kalkuliertes Mittelma√ü hinausreicht, ist den Beh√∂rden unzug√§nglich und eben deshalb auch suspekt. Exzellenz ist eine Sache, die von der Staatsmacht besch√§digt oder unterdr√ľckt, aber nicht gez√ľchtet werden kann. Der Staat lebt auch hier von Voraussetzungen, die er nicht garantieren, geschweige denn schaffen kann.

Erziehung, sagt Fontane, sei Innensache, „Sache des Hauses, und vieles, ja das Beste kann man nur aus der Hand der Eltern empfangen“. Doch Eltern kommen in den Programmschriften der Parteien, Gewerkschaften und Verb√§nde nur noch ausnahmsweise vor; und wenn, dann blo√ü als Risikofaktoren, die so schnell wie m√∂glich durch den Eingriff von oben an den Rand zu schieben oder zu ersetzen sind.

Das tote Kind aus Bremen hat gezeigt, da√ü, wie und mit was f√ľr Folgen Eltern versagen k√∂nnen. Da√ü, wie und mit was f√ľr Folgen der Staat versagt, hat der Fall aber auch gezeigt. Schlie√ülich war es der Staat, der die Existenz von Kindern zum Merkmal einer neuen Unterschicht gemacht und Millionen von ihnen in die Armut getrieben hat. In Deutschland nennt man das sozial.

DIE WELT 20.10.06

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 20. Oktober 2006 um 9:58 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik.