Gemeindenetzwerk

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Leserbrief zu Landesbischof Bohls Bibelverständnis

Montag 6. Mai 2013 von Dr. Joachim Cochlovius


Dr. Joachim Cochlovius

Auf diesen Text (Anm. 1) haben bestimmt viele gewartet, die im Juni 2012 über die „Erklärung des Landesbischofs zur ‚Stellungnahme’ des Evangelisationsteams“ enttäuscht waren. Dort hatte Jochen Bohl u.a. gesagt, dass die Aussagen in 3. Mose 18 und Röm. 1 zur homosexuellen Praxis „nicht im Zentrum der biblischen Botschaft“ stehen und dass die kirchenamtliche Öffnung evangelischer Pfarrhäuser für Amtsträger in eingetragenen gleichgeschlechtlichen Beziehungen keinen status confessionis bedeute. Auch diese Stellungnahme enttäuscht, weil sie die kirchliche Legitimation homosexueller Praxis, wie sie das Pfarrdienstgesetz der EKD von 2010 festgeschrieben hat, nicht zu begründen vermag.

Die Ursache ist mit Händen zu greifen. Die Bibel wird lediglich als ein dem Menschen gegenüber stehendes Gotteswort verstanden, in dem Menschen aufgeschrieben haben, was sie mit Gott erlebten, und in dem es viele Geheimnisse zu entdecken gibt. Dass die Bibel aber die letzte Autorität ist für Leben und Glauben der christlichen Kirche, das liest man nicht. Der immer wieder zu hörende Hinweis auf Christus als Mitte der Schrift ist hier fehl am Platze, denn Jesus und seine Apostel haben immer wieder die unbedingte Autorität der ganzen Schrift bestätigt (Matth. 5,18; 2. Tim 3,16). Ebenso wenig taugt der konstruierte Gegensatz von Buchstaben und Geist als Begründung, denn der „Buchstabe“ (bei Paulus ist damit das Gesetz Gottes gemeint) ist genauso wie das Evangelium vom Heiligen Geist gewirkt. Beide Redeweisen Gottes dienen dazu, Menschen zum Glauben an Christus zu führen.

Wenn die Bibel zu einem interessanten Gesprächspartner degradiert wird, dann kommt man schnell zu hochmütigen Urteilen, wie z.B. dass sie nichts wisse „von den Erkenntnisfortschritten, die uns geschenkt wurden“. 2001 hatte die sächsische Kirchenleitung noch festgeschrieben, dass „eine homosexuelle Beziehung nicht im Pfarrhaus gelebt“ werden darf. Welche „Erkenntnisfortschritte“ haben 11 Jahre später zu einer Neubewertung homosexueller Praxis geführt, und welche künftigen „Fortschritte“ werden zu weiteren Gesetzesänderungen führen, das wüßte man gern.

Die zitierten Beispiele, wo sich evangelische Landeskirchen in der Vergangenheit mehr an gesellschaftlichen Normen als an der Bibel orientiert haben, wenden sich gegen den Landesbischof selbst. Wie man früher die Monarchie, den Patriarchalismus und die Kriegstreiberei glorifiziert hat, so heute die Selbstbestimmung des Individuums. In 100 Jahren wird man sich darüber wundern, wie willfährig evangelische Kirchenleitungen heutzutage dem Zeitgeist gefolgt sind. Noch wäre es Zeit, im Blick auf Ehe, Familie, Lebensrecht und Sexualität die Autorität der Bibel neu anzuerkennen.

Anm. 1: „Wie ist die Bibel heute zu verstehen?“ (idea Spektrum 24.4.2013)

Vollständige Fassung eines in idea Spektrum vom 2. 5.2013 veröffentlichten Leserbriefs

 

Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 6. Mai 2013 um 7:19 und abgelegt unter Gemeinde, Kirche, Sexualethik.