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Lebensformenwandel: Feuilleton-Phantasien versus nackte Empirie

Montag 30. Juli 2012 von Institut fĂĽr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.


Institut fĂĽr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.

Lebensformenwandel: Feuilleton-Phantasien versus nackte Empirie

Zu den Ritualen postmoderner Feuilleton-Diskurse gehört es, „Mythen“ zu „dekonstruieren“, die das Bewusstsein vermeintlich unaufgeklärter Zeitgenossen vernebelten. Eine besonders beliebte Zielscheibe ihrer Kritik ist die „soziale Konstruktion“ der Familie als Gemeinschaft von Vater, Mutter und Kindern. Dieses „idealisierte“ Bild der bĂĽrgerlichen Kernfamilie sei ein Relikt der Nachkriegszeit, das den Blick auf die „Dynamik“ familialer Lebensformen verstelle. Der RĂĽckzug der Kernfamilie seit den 1960er Jahren bedeute keinen Verlust, sondern einen Gewinn an „Vielfalt“. Es gebe daher keine Krise, sondern einen „Wandel“ der Familie. Sie werde heute mehr mit „Partnerschaft“ assoziiert, während Kinder eine geringere Rolle spielten (1). Neue Lebensformen wie das „Living apart together“ (LAT) stĂĽnden fĂĽr ein „verändertes Partnerschaftsideal, das stärker auf Autonomie setzt“. Familie wandele so ihre Gestalt: Sie sei „nicht mehr so stark auf den Haushalt beschränkt“ und habe „zunehmend den Charakter von sozialen Netzwerken“ (2).

„Familie“ ist also alles und nichts. In Fernsehtalkshows ist solcher Beliebigkeit Beifall sicher, Erkenntniswert fehlt ihr jedoch ebenso wie praktischer Nutzen. Aufschlussreicher ist da die amtliche Bevölkerungsstatistik. Sie geht zunächst von den Haushalten als kleinster Zelle der Gesellschaft aus. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts verwendete sie dafĂĽr oft synonym den Begriff Familie. In der groĂźen Mehrzahl der Haushalte lebten bis dato Eltern mit ihren Kindern; Single-Haushalte waren noch äuĂźerst selten. Innerhalb weniger Jahrzehnte haben sich diese Verhältnisse in ihr Gegenteil verkehrt: Ein-Personenhaushalte sind zur (relativen) Mehrheit und Familienhaushalte zur Minderheit geworden (3). Leben wir also in einer Single-Gesellschaft? Das wäre ein Fehlschluss, der einen trivialen Sachverhalt ĂĽbersieht: In Familienhaushalten leben immer mehrere Personen – ihr Anteil an der Bevölkerung ist deshalb wesentlich größer als der an der Zahl der Haushalte. Die Hälfte der Bevölkerung in Privathaushalten bilden noch immer Eltern mit ihren Kindern. Familien mit auĂźerhalb des Haushalts lebenden Kindern sind dabei noch gar nicht berĂĽcksichtigt. Gemeinsam mit kinderlosen Paaren fallen sie unter die Kategorie „Paare ohne Kinder“. Zusammen bilden diese Paare etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung, während etwa ein FĂĽnftel als „Single“ ohne Partner im Haushalt lebt (4). Bleiben die Minderjährigen auĂźen vor, dann ist etwa jeder vierte Erwachsene Single.

Viele dieser „Singles“ haben aber einen Partner, der auĂźerhalb ihres Haushalts wohnt (5). Solche „LAT“-Beziehungen dienten frĂĽher jungen Paaren als „Probezeit“ vor Heirat und FamiliengrĂĽndung. Diese Konstellation gibt es natĂĽrlich noch immer; vielen „LAT“-Partnerschaften fehlt heute aber eine Familienperspektive: Junge Frauen in diesen Beziehungen wollen genauso oft kinderlos bleiben wie Single-Frauen. Im Vergleich zu den Singles (mit und ohne Partner) wĂĽnschen sich Frauen in einer Lebensgemeinschaft wesentlich häufiger Kinder; besonders ausgeprägt ist der Kinderwunsch bei den Verheirateten (6). Auch wenn ihr Ruf in Feuilleton und Talkshow eher schlecht ist, fĂĽr die Entscheidung zur Elternschaft ist die Institution der Ehe wichtig. Zu heiraten ist aber immer weniger selbstverständlich: Etwa vierzig Prozent der 30-39-Jährigen sind heute noch unverheiratet – seit 1980 hat sich die „Ledigenquote“ damit mehr als vervierfacht (7). Die Ehe verliert also an Verbindlichkeit – aber fĂĽhrt diese „Dynamik“ zu mehr „Vielfalt“, mehr „Autonomie“ und mehr Freiheit im Zusammenleben?

Die nackte Empirie mĂĽsste eigentlich nachdenklich stimmen: Nach jĂĽngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes hat sich der Anteil der ohne einen Partner lebenden 30-40-jährigen Frauen fast verdoppelt. In diesem klassischen Familienalter lebt inzwischen jede fĂĽnfte Frau und sogar jeder vierte Mann allein – Tendenz weiter steigend (8). Nicht wenige von ihnen dĂĽrften dieses Alleinleben weniger als selbstbestimmte Wahl, denn als unglĂĽckliches Schicksal erleben. Ihre Chancen eine eigene Familie zu grĂĽnden verbessert es sicher nicht. Aber das ist fĂĽr Feuilletonisten ja auch nicht wichtig. Nebulös bleibt indes, welche Bindungen die von ihnen gepriesenen „Netzwerke“ zusammen halten sollen.

 IDAF, Newsletter 29-31.12.2012

(1) Exemplarisch fĂĽr diese Sicht: Bernhard GĂĽckel: Gibt es eine Krise der Familie? Eine Lebensform im Spannungsfeld zwischen Wandel und Konstanz. Prof. Dr. Norbert F. Schneider zur Situation der Institution Familie bei der Dritten Tendenzwendekonferenz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) am 17. November 2011 in Berlin, im Interview in der Sendung „Kulturgespräche“ des SĂĽdwestdeutschen Rundfunks (SWR 2) am 23. Dezember 2011 und im Beitrag „Geld allein ist keine Lösung“ der Publikation „The European“ vom 10. Januar 2012, S. 10-11, in: Bevölkerungsforschung Aktuell 01/2012, S. 10-11.

(2) Jahel Mielke: „Allein wohnen heiĂźt nicht allein sein“, Interview mit Norbert Schneider, in: DER TAGESSPIEGEL vom 25.4.2010, http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/allein-wohnen-heisst-nicht-allein-zu-sein/1807966.html.

(3) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/196-0-Woche-30-2009.html.

(4) Siehe hierzu: „Lebensformen der Deutschen 2011″ (Abbildung unten). Zur Definition der Lebensformen in der amtlichen Statistik: Statistisches Bundesamt: Alleinlebende in Deutschland – Ergebnisse des Mikrozensus 2011, Begleitmaterial zur Pressekonferenz am 11. Juli 2012 in Berlin, Wiesbaden 2012, S. 7.

(5) Empirisch fundiert zum Phänomen der „LAT-Partnerschaften“. Grundlegend zu Jens B. Asendorpf: Living Apart Together: Alters- und Kohortenabhängigkeit einer heterogenen Lebensform, in: Kölner Zeitschrift fĂĽr Soziologie und Sozialpsychologie, 60. Jahrgang, 4/2008, S. 749-764. Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/201-0-Woche-33-2009.html.

(6) Eingehender dazu: http://www.i-daf.org/394-0-Wochen-23-24-2011.html..

(7) Siehe Abbildung: „Ledig bleiben – postmoderne Lebensformenrevolution“, in: http://www.i-daf.org/297-0-Wochen-15-16-2010.html.

(8) Siehe: „Alleinleben nimmt bei jungen Frauen sprunghaft zu“ und „Männer leben immer häufiger allein“ (Abbildungen unten).

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 30. Juli 2012 um 9:54 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik.