Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Richtungspfeile und Warnlichter

Mittwoch 8. Dezember 2010 von Administrator


Richtungspfeile und Warnlichter

Ein Überblick ĂŒber die dritte Auflage von Karl Barals „Handbuch der biblischen Glaubenslehre“
(VTR, NĂŒrnberg, 2010)

Eine allgemeinverstĂ€ndliche, kurz gefasste Glaubenslehre hat Karl Baral, wĂŒrttembergischer Gemeindepfarrer im Schwarzwald, schon wĂ€hrend seines Studiums vermisst. Und zwar eine solche, die biblisch gegrĂŒndet ist und auf aktuelle Herausforderungen eingeht. Um diesem Mangel abzuhelfen, hat Karl Baral das „Handbuch der biblischen Glaubenslehre“ verfasst, das zum ersten Mal im Jahr 1994 erschienen ist. Es richtet sich an Bibelschullehrer, Pfarrer, KirchengemeinderĂ€te und andere theologisch Interessierte, heißt es im Vorwort.

Das Handbuch umfasst gut 400 Seiten einschließlich Register. In sieben Abschnitten behandelt es die „Hauptpunkte biblischer Lehre fĂŒr unsere Zeit“. Nach der Einleitung, die sich mit dem VerstĂ€ndnis der Theologie und der Heiligen Schrift befasst, folgt die Lehre von Gott, von der Schöpfung, vom Menschen und von Christus. Danach wird „die persönliche Aneignung des Heils“ dargelegt. Der abschließende Teil heißt: „Das Reich Gottes und die Vollendung“. In einem 20-seitigen Anhang wird der Unterschied zwischen dem hebrĂ€ischen und griechischen Denken diskutiert.

Kennzeichnend fĂŒr Barals Darlegung des christlichen Glaubens ist zum einen die Konzentration auf ausgewĂ€hlte, wichtige Lehraussagen. So dass in einem einzigen Band der große Bogen der Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zu der Vollendung sichtbar wird.

Zum anderen fallen die vielen Zitate auf, die das jeweilige Thema beleuchten. Der Leser erhÀlt Einblick in die theologische Literatur und Diskussion.

Zum dritten wird die biblische Botschaft immer wieder im GegenĂŒber zur Lehre der katholischen Kirche, der Zeugen Jehovas oder der Anthroposophie entfaltet. Der Interessierte erfĂ€hrt entscheidende Unterschiede zu einer evangelischen Position.

Das Vorhaben, Bezug zu nehmen auf gegenwĂ€rtige Fragestellungen des Glaubens und Denkens, wird so umgesetzt, dass Baral in den roten Faden seiner Glaubenslehre an vielen Stellen Überlegungen einfĂŒgt zu dem, was Christen heute herausfordert. Sieben Beispiele dazu:

(1) Die Postmoderne wird beschrieben als eine Geisteshaltung, die von Pluralismus, Individualismus und Erlebnisorientierung gekennzeichnet ist. Die Postmoderne wirkt sehr tolerant, merkt Baral kritisch an, ist es aber insofern nicht, als dass sie dazu neigt, eine feste Meinung, die der PluralitÀt der Meinungen widerspricht, nicht zu tolerieren (30-32).

(2) Das Vertrauen zur Heiligen Schrift als dem Wort Gottes, auf dem alle VerkĂŒndigung und Lehre basiert, wird heute gerne in Frage gestellt durch das Kampfwort vom „papierenen Papst“. Es meint eine naive, verkehrte Hörigkeit gegenĂŒber der quasi pĂ€pstlich-irrtumslosen Schriftaussage. Baral weist darauf hin, dass dieser Begriff fĂ€lschlicherweise als ein Luther-Zitat ausgegeben wird. Er ist reformationsgeschichtlich vielmehr bei den Gegnern Luthers, den sogenannten „SchwĂ€rmern“, zu verorten, die sich im Besitz eines geist-gegebenen, lebendigen Wortes wĂ€hnten und deshalb Luthers schriftgebundene Theologie verspotteten. Eine theologische Position, die eine konsequente Schriftorientierung als „Biblizismus“ diffamiert, dabei selbst die Schriftaussage uminterpretiert oder verdrĂ€ngt, kann sich nicht auf Luther berufen (50).

(3) Im Rahmen eines Exkurses zu dem heute als gewichtig empfundenen Thema des „Segenshandeln Gottes“ befĂŒrwortet Baral die Kindertaufe, weil jedem, der zum Reich Gottes gehören darf, die Taufe zusteht. Die zur BegrĂŒndung der Kindersegnung oft angefĂŒhrte Szene, in der Jesus den Kindern die HĂ€nde auflegt, sei von der jĂŒdischen Sitte her zu verstehen, Kinder zu den Ältesten zu tragen und segnen zu lassen. Sie könne deshalb nicht als Stiftung einer neuen gottesdienstlichen Segnung verstanden werden, argumentiert der Autor (109-112).

(4) Weil die Ehe biblisch als Gemeinschaft zwischen Mann und Frau definiert ist, lĂ€sst sich die gleichgeschlechtliche Partnerschaft nicht in die NĂ€he der Ehe rĂŒcken. Wolfhart Pannenberg stellt dazu fest (160): „In der Gesamtheit des biblischen Zeugnisses wird praktizierte HomosexualitĂ€t ausnahmslos zu den Verhaltensweisen gerechnet, in denen die Abwendung des Menschen von Gott besonders eklatant zum Ausdruck kommt.“ Eine Kirche, die HomosexualitĂ€t akzeptiert, legitimiert und segnet, hört nach Pannenberg auf, „evangelische Kirche in der Nachfolge der Reformation zu sein“ (162).

(5) Wie das klassische Bekenntnis zu Jesus, dem Gottessohn und dem Menschen, heute aufgelöst wird, zeigt Baral am Beispiel eines Buches des Theologen Andreas Rössler, der von einem „kosmischen Christus“ spricht, der sich in dem Wanderprediger aus Nazareth „verdichtet“ habe (189f). Dieses Denkmodell wendet sich gegen den Glauben, Jesus sei mehr gewesen als ein gewöhnlicher Mensch, nĂ€mlich Gottes Sohn und der im Gebet anzurufende Herr. Doch eben dieser Glaube wird etwa im HebrĂ€erbrief eindrĂŒcklich gelehrt, wenn es von Jesus, dem ĂŒber die Engel erhöhten Herrn heißt, er habe sich um der Rettung der Menschen willen zu einer echten Menschenexistenz erniedrigt (Hebr 2,14-18).

(6) Die Einheit der Kirche erklĂ€rt Baral vom Augsburger Bekenntnis VII her als eine geistliche Einheit, die durch die evangeliumsgemĂ€ĂŸe VerkĂŒndigung und Abendmahlsverwaltung entsteht und ganz davon abhĂ€ngig ist. Eine Ă€ußerliche, organisatorische Einheit der Kirchen, wie sie von mancher Seite kirchenpolitisch angestrebt wird, ist dagegen nicht notwendig. In dem Trend zur Zentralisierung sieht Baral die Gefahr, dass das VielfĂ€ltige, Gemeindenahe und geistlich Lebendige kleinerer Kirchen und Gemeinschaften durch Entscheidungen von oben zerstört wird (325-327).

(7) Die Allversöhnungslehre, die bereits in der Alten Kirche durch den Gelehrten Origenes vertreten wurde, lĂ€sst sich nicht vereinbaren mit den Aussagen in Mt 25,41.46, nach denen Jesus, der Richter, Menschen von sich weg in die „ewige Strafe“ schickt. Auch die Wiederbringungslehre eines Michael Hahn oder die AllerwĂ€hlungslehre eines Karl Barth sieht Baral als eine nicht mit dem Neuen Testament ĂŒbereinstimmende Lehre an (332).

Diese Beispiele zeigen, dass Barals Handbuch relevante alte und neue Glaubensfragen aufgreift, um sie in aller KĂŒrze mit einer biblischen Positionierung zu verbinden. Die Knappheit der Darstellung hat den Vorteil, dass ein weiter Themenkreis abgeschritten werden kann. Sie wirkt gelegentlich auch problematisch, wo ein anspruchsvolles Thema nur angerissen wird. Die These, dass der Glaube an Wunder der GĂŒltigkeit der Naturgesetze nicht widerspricht, taucht ziemlich unvermittelt auf, ohne dass ein hinfĂŒhrender Weg des Denkens entfaltet wird (133f). Der Satz, dass der „Umweltschutz ohne Gott und seine Gebote zum Scheitern verurteilt“ sei, klingt wie eine interessante Überschrift, der aber keine nĂ€here ErlĂ€uterungen folgen (186). Der intensive Widerspruch gegen die These von Dr. Volker GĂ€ckle, die alttestamentliche Landverheißung fĂŒr Israel sei neutestamentlich nicht mehr so konkret und begrenzt wie frĂŒher zu verstehen, macht dem Leser das Verstehen nicht leicht, weil er sich die verhandelte These aus Einzelzitaten rekonstruieren muss (329-331).

Mit der selbst gestellten Aufgabe, auf begrenztem Raum das Ganze des Glaubens darzustellen und gleichzeitig doch theologisch sehr Anspruchsvolles zu behandeln, dĂŒrfte es zusammenhĂ€ngen, dass an einigen Stellen Fragezeichen stehenbleiben. So kann man fragen, ob es Hans KĂŒngs vernĂŒnftigen Überlegungen zu einer möglichen Existenz Gottes gerecht wird, sie von der offenbarten Existenz Gottes her zurĂŒckzuweisen, wenn diese Überlegungen nicht als Widerspruch, sondern als HinfĂŒhrung zur Offenbarung verstanden sein wollen (74f). DiskussionswĂŒrdig erscheint auch die Option fĂŒr die verbreitete Deutung des Kreuzestodes als inklusive (den Menschen einschließende) Stellvertretung nach Hartmut Gese; und zwar deshalb, weil die Unterscheidung „inklusiv – exklusiv“ nicht genauer an biblischen Texten nachgewiesen wird, und weil sich das Handbuch an dieser Stelle mit einem ganz anders gelagerten Thema beschĂ€ftigt, nĂ€mlich einer problematischen, charismatischen These von der Überwindung aller Krankheit durch den Gekreuzigten (228-233). Der Autor bezieht sich auch auf die oft zitierte Schematisierung der Versöhnungslehre von Gustav AulĂ©n aus dem Jahr 1931, die den Sieg ĂŒber die SĂŒnde gegen das Opfer bzw. die Genugtuung fĂŒr die SĂŒnde ausspielen möchte, was in der Bibel aber nicht als Gegensatz erscheint (234-238). Der Versuch, ein „hebrĂ€isches“ Beziehungs-Denken gegen ein „griechisches“ Substanz-Denken abzugrenzen, dĂŒrfte nicht auf jedermann ĂŒberzeugend und nutzbringend wirken, der sowohl im Alten als auch im Neuen Testament ein ausgewogenes und ĂŒbereinstimmendes Zeugnis von dem SEIN und dem TUN Gottes wahrnimmt (358f; 349f). Diese angefĂŒhrten speziellen, höchst komprimierten Abgrenzungen wird der Nutzer des Handbuchs, der kein Theologiestudium absolviert hat, nicht ohne weiteres nachvollziehen können.

Fazit: Die Glaubenslehre von Karl Baral mit ihren pointierten Hinweisen lĂ€sst sich mit Richtungspfeilen und Warnlichtern am Fahrbahnrand vergleichen. Den Weg der genaueren biblischen BegrĂŒndung und den Weg des langsam begreifenden Denkens können sie nicht ausleuchten. Aber sie können wertvolle Orientierung geben fĂŒr hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiter der Kirche, die unterwegs sind in einer Zeit, wo unbewusst oder bewusst Abwege von der biblischen Spur des Glaubens und VerkĂŒndigens beschritten werden. Die Richtungspfeile und Warnlichter des Handbuchs geben die richtige Richtung an zu dem Ziel, das Paul Gerhardt ersehnt hat (337): „Lass mich, lass mich hingelangen, da du mich, und ich dich, leiblich werd umfangen.“ Die öfters zitierten Liedstrophen zeigen, dass Karl Baral, der sich viel MĂŒhe macht um die original-christliche Lehre, als Gemeindepfarrer im gottesdienstlichen Leben verwurzelt ist.

Pfr. Dr. Tobias Eißler, Gunzenhausen, 2010

Baral, Karl, Handbuch der biblischen Glaubenslehre, 3. Auflage, VTR, NĂŒrnberg, 2010, 410 Seiten, 24,95 €, ISBN: 978-3-941750-34-0.

Um das „Handbuch der biblischen Glaubenslehre“ zu bestellen, bitte hier weiterklicken.

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 8. Dezember 2010 um 13:14 und abgelegt unter Buchempfehlungen, Rezensionen, Theologie.