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Offener Brief von Ralph Giordano an BundesprÀsident Wulff

Dienstag 12. Oktober 2010 von Ralph Giordano (1923-2014)


Ralph Giordano (1923-2014)

Sehr geehrter Herr BundesprÀsident,

„Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland, das ist unsere christlich-jĂŒdische Geschichte, aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“. Dieser Satz in Ihrer Rede vom 3. Oktober anlĂ€sslich des 20. Gedenktags der Wiedervereinigung offenbart in seiner PauschalitĂ€t eine so verstörende Unkenntnis der Wirklichkeit und verfrĂŒhte Harmonisierung grundverschiedener Systeme, dass es einem die Sprache verschlagen will.

Ich maße mir nicht an, Ihnen Nachhilfeunterricht in Geschichte erteilen zu wollen, aber hier wird eine blauĂ€ugige Gleichsetzung des realexistierenden Islam mit einem EU-konformen Wunsch-Islam so sichtbar, dass energischer Widerspruch eingelegt werden muss. Denn der politische und militante Islam ist nicht integrierbar, aber auch der „allgemeine“ jenseits davon ist noch problematisch genug.

Ist er doch bisher auf die Frage, ob er vereinbar sei mit Meinungsvielfalt, Gleichstellung der Frau, Pluralismus, Trennung von Staat und Religion, kurz, mit Demokratie, jede ĂŒberzeugende Anwort schuldig geblieben. Eine dunkle Wolke, die am Himmel des 21. Jahrhunderts schwebt, und von der auch die Bundesrepublik Deutschland durch eine total verfehlte Immigrationspolitik unmittelbar berĂŒhrt wird.

Hier stoßen in der Tat zwei grundverschiedene Kulturkreise aufeinander, und das in sehr unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Einmal der judĂ€o-christliche, in dem sich nach finstersten Geschichtsepochen mit Renaissance, AufklĂ€rung, bĂŒrgerlichen Revolutionen und ihrer Fortschreibung das liberale Muster durchgesetzt hat, ein gewaltiger Sprung nach vorn. Dann der andere, der islamische Kulturkreis, der nach zivilisatorischen Glanzzeiten, die das Abendland nur beschĂ€men konnten, bei aller inneren Differenzierung dennoch bis heute eine gemeinsame patriarchalisch-archaische Stagnation zu verzeichnen hat: gehorsamsorientiert, sĂ€kularitĂ€tsfern, auf Ungleichheit der Geschlechter, elterliche Kontrolle und fraglose Anerkennung von religiösen AutoritĂ€ten fixiert.

Es ist der Zusammenstoß zwischen einer persönliche Freiheiten tief einengenden, traditions- und religionsbestimmten Kultur, und einer anderen, nach langen Irrwegen individualistisch geprĂ€gten, vorwiegend christlichen und doch sĂ€kularen Gesellschaft.

In dieser Auseinandersetzung tĂŒrmen sich riesige Hemmnisse, und es sind Muslime selbst, die auf sie hinweisen. So der große tĂŒrkische Schriftsteller Zafer Senocak, der das Seziermesser an der wundesten Stelle ansetzt: „Kaum ein islamischer Geistlicher, geschweige denn ein frommer Laie, ist willens und in der Lage, das Kernproblem in der Denkstruktur des eigenen Glaubens zu sehen. Sie sind nicht bereit zur kritischen Analyse der eigenen Tradition, zu einer schonungslosen GegenĂŒberstellung ihres Glaubens mit der Lebenswirklichkeit in der modernen Gesellschaft.“

Oder der unerschrockene Abbas Baydoun, langjĂ€hriger Feuilletonchef der libanesischen Tageszeitung „As-Safir“, der sich auf das Ă€hnlich gefĂ€hrliche Gebiet tabuloser Selbstkritik begibt: „Bei uns suchen viele nach Ausreden, nicht in den Spiegel zu schauen, um uns den Anblick eines fĂŒrchterlichen Gesichts zu ersparen, des Gesichts eines anderen Islam, des Islam der Isolation und der willkĂŒrlichen Gewalt, der nach und nach die Oberhand gewinnt und bald, wĂ€hrend wir dem Höhepunkt der Verblendung zusteuern, unser tatsĂ€chliches Gesicht sein wird.“

Was, Herr BundesprĂ€sident, sind Salman Rushdies „Satanische Verse“ gegen diese Beschwörungen? Hier machen Muslime Schluss damit, die Verantwortlichkeit fĂŒr die eigenen, selbstverursachten Übel und MissstĂ€nde an „Europa“, den „Großen Satan USA“ oder den „Kleinen Satan Israel“ zu delegieren. Hier prangern Muslime die UnfĂ€higkeit der islamischen Welt zur Selbstreflexion an, hier wird die eigene Elite als der wahre Verursacher der Krise beim Namen genannt. Und dabei ausgesprochen, was auszusprechen kein Nichtmuslim je wagen wĂŒrde: Nicht die Migration, der Islam ist das Problem! Ein riesiger, revolutionsĂŒberreifer Teil der Menschheit, die „Umma“, also die gesamte Gemeinschaft der Muslime, so differenziert sie auch in sich ist, droht an ihrer eigenen kultur- und religionsbedingten RĂŒckstĂ€ndigkeit und Unbeweglichkeit zu ersticken. Ein gleichsam dröhnendes Ausrufezeichen dazu: die gespenstische Talmiwelt der Öl-BillionĂ€re am Golf, das Fettauge auf der Bodenlosigkeit eines geld- und goldstrotzenden Zynismus – „Das kann nicht gutgehen“, so Orham Pamuk.

Aber auch in Deutschland, sehr geehrter Herr BundesprĂ€sident, gibt es muslimische Stimmen, die Ihrer Einbringung des islamischen Kulturkreises in den judĂ€o-christlichen skeptisch gegenĂŒberstehen.

So etwa die iranische Theologin Hamideh Mohaghegni, die warnte, „dass die innerislamischen KlĂ€rungen auf dem Wege zu einem Euro-Islam noch zwanzig bis dreißig Jahren in Anspruch nehmen werden, und es auch dann immer noch fraglich sei, ob der sich hier durchsetzen oder dem traditionellen Islam unterliegen wird.“ Eine andere Stimme, die dazu aufruft, der Meinung des Volkes Beachtung zu schenken und muslimischen Verbands- und MoscheevereinsfunktionĂ€ren kritisch gegenĂŒber zu treten, ist die von Dr. Ezhar Cezairli, Mitglied der Deutschen Islamkonferenz: „Ich finde es verstĂ€ndlich, wenn Menschen, die keineswegs der rechten Szene zugehören, Angst vor Islamisierung haben.“ Und weiter: „Es ist eine Gefahr fĂŒr die Zukunft Deutschlands, dass manche Politiker durch ihre Ignoranz gegenĂŒber islamischen Organisationen dabei sind, die Grundlagen unserer aufgeklĂ€rten Gesellschaft aufzugeben.“

Das all den Pauschalumarmern, xenophilen EinĂ€ugigen, Sozialromantikern, Gutmenschen vom Dienst und Beschwichtigungsaposteln ins Stammbuch, deren KuschelpĂ€dagogik auch nach Thilo Sarazzin noch so tut, als ob es sich um eine multikulturelle Idylle handelt, die durch sozialtherapeutische Maßnahmen behoben werden könnte.

Keine MissverstĂ€ndnisse, sehr geehrter Herr BundesprĂ€sident: Es bleibt die Ehre der Nation, jeden Zuwanderer, Fremden oder AuslĂ€nder gegen die Pest des Rassismus und seine Komplizen zu schĂŒtzen. Gleichzeitig aber ist es bĂŒrgerliche Pflicht, sich gegen Tendenzen, Sitten, GebrĂ€uche und Traditionen aus der tĂŒrkisch-arabischen Minderheit zu wehren, die jenseits von Lippenbekenntnissen den freiheitlichen Errungenschaften der demokratischen Republik und ihrem Verfassungsstaat ablehnend bis feindlich gegenĂŒberstehen.

Die entscheidenden Integrationshemmnisse kommen aus der muslimischen Minderheit selbst, auch wenn man davon ausgehen kann, dass ihre Mehrheit friedliebend ist. Es bleibt jedoch verstörend, wie rasch in der Welt des Islam riesige Protestaktionen organisiert werden können, sobald Muslime sich angegriffen oder beleidigt fĂŒhlen. Wie stumm es aber in den hiesigen VerbĂ€nden und Moscheevereinen bleibt, wenn, zum Beispiel, in der tĂŒrkischen Stadt Malatya drei Mitarbeiter eines Bibelverlags massakriert, Nonnen in Somalia erschossen und in Pakistan Christen wegen Verstoßes gegen das „BlasphĂ€miegesetz“ in Todeszellen gehalten werden, wo sie auf ihre Exekution warten. Eisernes Schweigen
 Das Migrations / Integrationsproblem erfordert aber eine ebenso furchtlose wie kritische Sprache. Wo sind wir denn, dass wir uns fĂŒrchten, zu AuslĂ€nder- und Fremdenfeinden gestempelt zu werden, wenn wir uns zu eigenen Wertvorstellungen bekennen? Wo sind wir denn, dass wir uns scheuen mĂŒssen, eine paternalistische Kultur, in der das Individuum nichts, die Familie und Glaubensgemeinschaft aber alles ist, integrationsfeindlich zu nennen? Was ist denn falsch an der Feststellung, dass in ungezĂ€hlten FĂ€llen der Zuwanderung der Anreiz nicht Arbeit gewesen ist, sondern die Lockungen der bundesdeutschen Sozialkasse?

„Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ – wirklich?

Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass es nicht unbedrohlich ist, daran Zweifel zu Ă€ußern – ich weiß, wovon ich rede. Der Islam kennt die kritische Methode nicht. Deshalb wird Kritik stets mit Beleidigung gleichgesetzt. Was nicht heißt, daß es keine kritischen Muslime gibt. Meinen Beitrag fĂŒhre ich an ihrer Seite, mit so tapferen Frauen wie Necla Kelek, Seyran Ates, Mina Ahadi, Ayaan Hirsi Ali – und allen anderen friedlichen Muslima und Muslimen auf der Welt.

Noch ein Postscriptum zu meinem eigenen Antrieb: Als Überlebender des Holocaust kenne ich den Unterschied zwischen Hitlerdeutschland und der Bundesrepublik. Ihre Demokratie ist mir heilig, denn nur in ihr fĂŒhle ich mich sicher. Deshalb: Wer sie antastet, hat mich am Hals, ob nun Moslem, Christ oder Atheist.

Mit vorzĂŒglicher Hochachtung Ralph Giordano

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 12. Oktober 2010 um 18:32 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik.