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Sackgasse Einwanderung

Samstag 9. Oktober 2010 von Prof. Dr. Herwig Birg


Prof. Dr. Herwig Birg

Prof. Dr. Herwig Birg
Sackgasse Einwanderung – Ein Beitrag zur aktuellen Migrationsdebatte

Nach Jahrzehnten der Bev√∂lkerungsschrumpfung und demographischen Alterung werden Fachkr√§fte und Steuern zahlende Einwohner trotz hoher Einwanderungen in Deutschland immer knapper. Dabei stehen die gro√üen Ver√§nderungen noch bevor: Vom Anfang bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts wird die mittlere Bev√∂lkerungsgruppe (20 bis 60j√§hrige) selbst bei einem hohen Zustrom von Einwanderern um 16 Mio. abnehmen (untenstehende Grafik: Bev√∂lkerungsvorausberechnung Herwig Birg, 1999). Diese auch vom Statistischen Bundesamt in √§hnlicher Weise vorausberechneten Zahlen werden kaum noch bestritten, daf√ľr umso angestrengter ignoriert.

Bevölkerungs- und Fachkräftemangel wie nach dem Dreißigjährigen Krieg

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Einen Bevölkerungs- und Fachkräftemangel dieser Dimension gab es hierzulande nur nach dem Dreißigjährigen Krieg. Um dem Mangel abzuhelfen, lockten die Länder im 18. Jahrhundert qualifizierte Einwanderer wie die Hugenotten mit Privilegien ins Land, umgekehrt stand in manchen deutschen Ländern auf Auswanderung im Extremfall die Todesstrafe.

Berlin hatte zur Mitte des 18. Jahrhunderts einen Migrantenanteil von 40 Prozent. Der entscheidende Unterschied zu heute ist, dass die meisten Einwanderer den Einheimischen hinsichtlich ihrer beruflichen Kenntnisse und F√§higkeiten weit √ľberlegen waren. Dagegen lebt heute nahezu die H√§lfte der Einwohner des Stadtteils Berlin-Mitte, darunter viele Einwanderer, von staatlichen Transferzahlungen.

Anders als die 12 Mio. Fl√ľchtlinge und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg haben die heute in Deutschland lebenden 16 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund kein neues Wirtschaftswunder bewirkt. Vielmehr ist festzustellen, dass die Wachstumsraten des Volkseinkommens, des Pro-Kopf-Einkommens und der Produktivit√§t der Volkswirtschaft geringer werden. Deutschland ist zwar immer noch Exportweltmeister, aber dies ist keineswegs √ľberdurchschnittlich qualifizierten und aufstiegsorientierten Einwanderern zuzuschreiben. Entscheidend f√ľr den Wettbewerbsvorsprung Deutschlands ist die im internationalen Vergleich immer noch gute Ausbildung des im Inland geborenen und erzogenen Nachwuchses sowie das konkurrenzlose, weltweit einmalige System der deutschen Berufsausbildung.

Qualifikationsniveau der Bevölkerung sinkt ab

Die Mehrheitsbev√∂lkerung der Zukunft wird anders als heute bei den j√ľngeren Altersgruppen aus unterdurchschnittlich qualifizierten Eingewanderten und ihren Nachkommen bestehen. In vielen Gro√üst√§dten ist dieser Punkt nicht mehr fern oder schon erreicht. Auf Grund des steigenden Bev√∂lkerungsanteils von Migranten f√ľhrt dies zum Absinken des Qualifikationsniveaus der Bev√∂lkerung insgesamt.

Solange die Entwicklung in anderen L√§ndern √§hnlich verl√§uft, k√∂nnte man der Auffassung sein, dass das Sinken des Qualifikationsniveaus nicht besorgniserregend ist, weil dann die relativen Unterschiede und Wettbewerbsvorteile zwischen den L√§ndern bestehen bleiben. Es gibt aber noch eine andere Sichtweise: Vergleicht man die Entwicklungsm√∂glichkeiten Deutschlands, die es bei hohen bzw. niedrigen Einwanderungen h√§tte, zeigt sich schnell, dass es f√ľr unser Land wesentlich g√ľnstiger w√§re, die ausscheidenden Generationen nicht durch die schlecht ausgebildeten Nachkommen anderer L√§nder via Einwanderung zu ersetzen, sondern durch eigenen Nachwuchs, der nicht integriert zu werden braucht, weil er in unserer Kultur aufw√§chst.

Aber nicht nur aus N√ľtzlichkeitserw√§gungen, sondern auch aus moralischer Sicht ist eine Einwanderungspolitik auf Kosten anderer L√§nder nicht akzeptabel, weil dies auf die demographische Ausbeutung von L√§ndern mit teilweise noch gravierenderen Bev√∂lkerungsproblemen hinausl√§uft – auf eine neue Spielart des alten Kolonialismus.

Zugewanderte bleiben bis zu 12 mal häufiger als Deutsche ohne Schulabschluß

Hierzulande leben 16 Mio. Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund, darunter versteht die amtliche Statistik die Ausländer und die nach 1949 Zugewanderten und deren Nachkommen. Eine neue Statistik des Statistischen Bundesamtes ermöglicht erstmals einen zuverlässigen Vergleich der Bevölkerungen mit bzw. ohne Migrationshintergrund hinsichtlich ihrer schulischen Qualifikation und einer Reihe anderer wichtiger Merkmale.

Von der schulischen Qualifikation hängt in Deutschland die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung jedes Menschen in entscheidender Weise ab. Deshalb ist schon die Bilanzierung der Vor- und Nachteile der Einwanderung auf der Basis eines einzigen schulischen Merkmals außerordentlich aussagekräftig.

Der Prozentanteil der Menschen ohne Schulabschlu√ü ist bei der Migrationsbev√∂lkerung sechs mal so hoch wie bei den Nichtmigranten, die hier der Einfachheit halber als Deutsche bezeichnet werden sollen, obwohl auch viele Migranten die deutsche Staatsangeh√∂rigkeit besitzen. Bei den aus der T√ľrkei stammenden m√§nnlichen Migranten betr√§gt der Unterschied das Zw√∂lffache der Prozents√§tze der deutschen M√§nner, bei den Frauen das Zwanzigfache der deutschen Frauen.

Die Einwanderungsprobleme Deutschlands k√∂nnen aber nicht auf die aus der T√ľrkei oder aus anderen islamischen L√§ndern stammenden Migranten eingeengt werden. Denn auch bei den aus europ√§ischen Nachbarl√§ndern Zugewanderten fehlt ein Schulabschlu√ü wesentlich h√§ufiger als bei den Deutschen. Im Falle der aus Italien Stammenden haben beispielsweise 11 Prozent bei den M√§nnern keinen Schulabschlu√ü und 13 Prozent bei den Frauen. Bei den Deutschen sind es 1,4 bzw. 1,3 Prozent.

Unkalkulierbare Nebenwirkungen

Bei der Diskussion √ľber volkswirtschaftliche, betriebswirtschaftliche und gesellschaftliche Vor- und Nachteile der Einwanderungen sollte nicht √ľbersehen werden: Wenn wir selbst so eigenn√ľtzig sind und von den Einwanderern die L√∂sung unserer ureigensten demographischen und wirtschaftlichen Probleme erwarten, ist es widersinnig, wenn wir uns gleichzeitig dar√ľber beklagen, da√ü Einwanderer unsere Transferangebote in Anspruch nehmen, um ihren Lebensstandard zu verbessern. Schlie√ülich sind ja alle Gesetze dieses Landes, auch die Transfergesetze, nicht von den Einwanderern, sondern von uns selbst geschaffen worden.

In Deutschland steht wieder einmal eine √úberarbeitung des Zuwanderungsgesetzes zur Debatte, um die Einwanderer besser nach Qualifikationskriterien und nach ihrer Integrationswilligkeit- und f√§higkeit ausw√§hlen zu k√∂nnen, wie es beispielsweise in Kanada geschieht. Aber die geplante strengere Auswahl w√ľrde bei einem Gro√üteil der Zuwanderer, die aus humanit√§ren Gr√ľnden oder auf Grund politischer Verfolgung ein im Grundgesetz garantiertes Recht auf Asyl geltend machen k√∂nnen, gar nicht greifen, weil das Grundgesetz dem Zuwanderungsgesetz √ľbergeordnet ist.

Mit dem Zuwanderungsgesetz werden nach den Beteuerungen von Seiten der Politik keine bev√∂lkerungspolitische Ziele verfolgt. Selbst wenn solche Ziele angestrebt w√ľrden, w√§ren sie mit diesem Gesetz nicht erreichbar. Denn auch die Geburtenrate der Einwanderer liegt entgegen der popul√§ren Vorstellung mit 1,6 Lebendgeborenen pro Frau ebenso wie die der Deutschen (1,3 bis 1,4) mittlerweile deutlich unter zwei Kindern pro Frau.

Auf Grund der jungen Altersstruktur der Eingewanderten reicht jedoch die relativ niedrige Geburtenrate von 1,6 Kindern pro Frau in Kombination mit dem permanenten Zustrom von jungen Menschen im Elternalter noch f√ľr ein jahrzehntelanges Bev√∂lkerungswachstum der Migrationsbev√∂lkerung aus, w√§hrend die deutsche Bev√∂lkerung auf Grund ihrer ung√ľnstigeren Alterstruktur und niedrigeren Geburtenrate schon seit Jahrzehnten schrumpft.

Ohne den permanenten Zustrom von mehr als einer halben Million Zuwanderern pro Jahr w√ľrde sich jedoch der jetzige Geburten√ľberschu√ü der Migrationsbev√∂lkerung in kurzer Zeit in ein Geburtendefizit verwandeln. Das Problem ist also keinesfalls die niedrige und wahrscheinlich weiter sinkende Geburtenrate der Migranten, sondern die immer noch hohe j√§hrliche Zuwanderung hunderttausender Menschen mit geringer Qualifikation in dem f√ľr die Geburtenzahl g√ľnstigen Alter zwischen 20 und 30.

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Im Vergleich zu einer Entwicklung, die die ausscheidenden Generationen durch den eigenen Nachwuchs ersetzt, ist der von Deutschland eingeschlagene Weg ein Holzweg: Einwanderungen haben volkswirtschaftlich eine miserable Rendite, sind fiskalisch ein Verlustgeschäft und haben unkalkulierbare gesellschaftliche Nebenwirkungen, die unsere Demokratie gefährden können.

Herwig Birg, Oktober 2010

Der hier mit freundlicher Genehmigung des Verfassers veröffentlichte Artikel erschien in einer Erstfassung im FOCUS (Ausgabe 30.08.2010).

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 9. Oktober 2010 um 8:22 und abgelegt unter Demographie, Gesellschaft / Politik.