Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

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„Appell aus Baden“

Mittwoch 5. Juli 2006 von H.-J. Girock und G. Liedke und G. Gerner-Wolfhard


Was jetzt dringlich ist. Zur christlichen Weltverantwortung am Anfang des 21. Jahrhunderts.
Eine Herausforderung und ein Appell aus Baden

Vorwort von Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

„Unser Christsein wird heute nur in Zweierlei bestehen: Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muß neugeboren werden aus diesem Beten und aus diesem Tun.“ Diese Worte Dietrich Bonhoeffers werden in diesen Tagen, an denen wir seines Geburtstags vor 100 Jahren gedenken, immer wieder zitiert. Aber wie der Zusammenhang von Beten und Tun des Gerechten, Glaube und Weltverantwortung in der heutigen weltpolitischen Situation fĂŒr Christinnen und Christen in Deutschland durchzubuchstabieren ist, darĂŒber wird auffĂ€llig wenig in unseren Kirchen gesprochen. Deshalb freue ich mich, daß drei badische Autoren mit diesem Text einen Anstoß geben, der Frage nachzugehen, „was jetzt dringlich ist“ hinsichtlich der Wahrnehmung einer aus Glauben gespeisten christlichen Weltverantwortung. Der Text hat darin seine besondere StĂ€rke, daß er die insbesondere seit dem 11. September 2001 aufgebrochenen Fragestellungen des interreligiösen Dialogs und des interkulturellen Zusammenlebens unter Fortschreibung der von Dietrich Bonhoeffer entwickelten Kategorien der letzten und der vorletzten Dinge aufgreift und theologisch reflektiert. Sehr wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen der Notwendigkeit eines interreligiösen Dialogs einerseits und der EinĂŒbung einer Konvivenz zwischen Christen und Muslimen andererseits. Es bleibt allerdings die Frage, ob der in diesem Zusammenhang von den Autoren verwendete Begriff der „Ökumene der Religionen“ glĂŒcklich gewĂ€hlt ist. Vielmehr geht es darum, daß das aus dem ökumenischen GesprĂ€ch und aus dem christlich-jĂŒdischen Dialog Gewonnene nun endlich auch fĂŒr den interreligiösen Dialog zwischen Christentum und Islam fruchtbar gemacht wird in Form eines theologischen Diskurses, der allerdings nicht in Erwartung einer ĂŒberaus großen KonsensflĂ€che angegangen werden sollte. Um so dringlicher ist es, im Zusammenleben mit muslimischen MitbĂŒrgerinnen und MitbĂŒrgern Formen des Zusammenlebens einzuĂŒben, die gegenseitiges Verstehen der jeweiligen kulturellen und religiösen PrĂ€gungen ermöglichen. Die erschreckenden VorgĂ€nge um die als gotteslĂ€sterlich empfundenen Karikaturen in einer dĂ€nischen Zeitung und die empörten weltweiten Reaktionen glĂ€ubiger Muslime, aber eben auch islamistisch fanatisierter Menschen fĂŒhren die Notwendigkeit einer Konvivenz vor Augen mit dem Ziel, gegenseitiges Verstehen einzuĂŒben. Ich wĂŒrde mich freuen, wenn dieser Text der drei badischen Autoren als ein „Appell aus Baden“ in weiten Kreisen unserer Kirche eine – möglicherweise auch kritische – Resonanz fĂ€nde. Ich halte ihn fĂŒr einen wichtigen Beitrag, den Zusammenhang von christlichem Glauben und Weltverantwortung im Erbe Dietrich Bonhoeffers theologisch zu reflektieren und fĂŒr unsere derzeitige Weltsituation zu konkretisieren.

A)    Zur Situation

(1)   Terrorismus und das neue „Recht des StĂ€rkeren“

Das 21. Jahrhundert konfrontiert die Menschheit mit politischen und ethischen Fragen, deren Dimension und mögliche Folgen alle bisherigen Erfahrungen ĂŒbersteigen. Die Globalisierung immer neuer Lebensbereiche hat Auswirkungen auf wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Entscheidungen weit ĂŒber lokale und regionale Begrenzungen hinaus; und die Konzentration aller wesentlichen DurchsetzungskrĂ€fte in den HĂ€nden nur noch einer Supermacht bringt den „Rest der Welt“ in bisher nicht gekannte AbhĂ€ngigkeiten. Auch in der zweiten Amtszeit hĂ€lt George W. Bush an seinen politischen GrundĂŒberzeugungen und missionarischen FĂŒhrungsansprĂŒchen fest. Das „Recht des StĂ€rkeren“ bleibt damit de facto weiterhin das Maß aller Dinge, dem die SchwĂ€cheren sich notgedrungen unterordnen mĂŒssen. Dem aber widersetzt sich – unĂŒbersehbar seit dem 11. 9. 2001 – eine explosiv wachsende Gegenbewegung, die mit ungehemmter RadikalitĂ€t Fremdbestimmung abzuschĂŒtteln und eigene Herrschaftsstrukturen durchzusetzen versucht. Beide Seiten betrachten einander mit geringfĂŒgigen Unterschieden als Inkarnation des „Bösen“, dessen BekĂ€mpfung oberste PrioritĂ€t hat und mit jeweils hohen ethisch-moralischen und teilweise religiösen Argumenten gerechtfertigt wird. Gewalt gilt hier wie dort als vorrangiges Mittel der Durchsetzung. Angesichts des gigantischen „westlichen“ MilitĂ€rpotentials einerseits und der Zugriffsmöglichkeit fanatisierter Terrorgruppen auf alle erdenklichen ZerstörungskrĂ€fte andrerseits hĂ€tte eine jederzeit mögliche Eskalation unabsehbare und un-kontrollierbare Folgen. Die AnschlĂ€ge in Madrid, London und Amman, der anhaltende Terror im Irak und andernorts haben gezeigt, daß Sicherheitsvorkehrungen und Vorwarnsysteme ĂŒber eher zufĂ€llige Erfolge hinaus terroristische Gewalt weder zutreffend vorhersehen noch gar verhindern können. Die gelĂ€ufigen Mechanismen zum Schutz der eigenen Seite oder gar zur Überwindung des Gegners greifen nicht mehr. Der Irak ist nur eines von vielen Beispielen fĂŒr die wachsende Ohnmacht der MĂ€chtigen.

 (2)   Fixierung auf Gewaltpolitik

Voraussetzung fĂŒr ĂŒberregionale Entspannung und Deeskalation ist in dieser Situation ein grundsĂ€tzlicher Wandel des politischen Denkens und die konsequente Suche nach neuen Wegen fĂŒr das Zusammenleben gegensĂ€tzlicher Interessengruppen. Ein solcher Wandel mĂŒĂŸte mit der VerstĂ€ndigung ĂŒber prinzipiellen Gewaltverzicht beginnen und an Stelle von Vorherrschaft und Bevormundung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Entwicklung gleichberechtigter Partnerschaften zum Ziel haben. Solche Forderungen werden seit langem weltweit von ungezĂ€hlten Gruppen, Organisationen, Institutionen und namhaften Persönlichkeiten erhoben, auf regionalen Treffen und Weltkonferenzen immer neu formuliert und publiziert. Konsequenzen daraus sind jedoch auf den politischen Entscheidungsebenen bisher kaum zu erkennen. Nach wie vor verhindern die bekannten nationalen und regionalen GrabenkĂ€mpfe um alte und neue Machtpositionen und die Sicherung wirtschaftlicher Vormachtstellungen alle ernsthaften BemĂŒhungen um ĂŒbergeordnete Gemeinsamkeiten und um gewaltarme Beilegung von Konflikten. Die angestrebte Kompetenzerweiterung der UNO als einer ĂŒber den Parteiungen agierenden Ordnungsinstanz ist den Interessen der Supermacht ebenso unterworfen wie den rivalisierenden AnwĂ€rtern auf Mitbestimmung. Eine wirksamere HandlungsfĂ€higkeit der UNO ist also auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Dasselbe gilt fĂŒr das Vereinte Europa, dessen politisches Gewicht hinter seiner wirtschaftlichen Entwicklung weit zurĂŒckgeblieben ist. Die US-Administration kann und wird weiterhin auf ihren FĂŒhrungsansprĂŒchen beharren und auf dem bisweilen selbst definierten Recht, sie gegebenenfalls mit gewaltsamen Mitteln durchzusetzen. Das wiederum stĂ€rkt automatisch den teilweise bis zum irrationalen Haß gesteigerten Widerstandswillen derer, die nicht lĂ€nger bereit sind, ihre Lebensgestaltung „westlicher“ Dominanz unterzuordnen. Beispielhaft dafĂŒr ist das außen-politische Verhalten der gegenwĂ€rtigen FĂŒhrung im Iran. Fortschreitende unkalkulierbare VerhĂ€rtungen sind deshalb unter den gegebenen UmstĂ€nden wahrscheinlicher als die Aussichten auf Entspannung. Nur prinzipielle VerĂ€nderungen tiefsitzender Denkgewohnheiten und – daraus folgend – gesellschaftspolitischer und weltwirtschaftlicher Spielregeln könnten eine allmĂ€hliche VerstĂ€ndigung in Gang bringen. Die derzeitigen politischen KrĂ€fte sind dazu jedoch augenscheinlich (noch) nicht fĂ€hig und weithin auch nicht bereit.

B)     Die Rolle der Weltreligionen

(3)   Schwierigkeiten und Hindernisse

In dieser Situation die Weltreligionen – voran die „abrahamischen“ – als mögliche Vermittler ins Spiel zu bringen, erscheint zunĂ€chst illusorisch und wirklichkeitsfremd. Erstens, weil die großen Religionsgemeinschaften von je her mit Gewalt und Machtbewußtsein eng verflochten sind und damit selber Teil des Problems. – Die Christen haben zwar Zwangschristianisierungen, KreuzzĂŒge, Hexen- und Ketzerverbrennungen inzwischen ĂŒberwunden. Aber fundamentalistische Strömungen sind nach wie vor bereit, im Namen Gottes Absolutheits- und DominanzansprĂŒche zu erheben und Gewaltmethoden dabei nicht auszuschließen. – Auf den Islam berufen sich – wenn auch fĂ€lschlich – die in ihrem Fanatismus gefĂ€hrlichsten Gruppen des modernen Terrorismus. Ihre Abgrenzung zur toleranten Grundhaltung des Koran ist vielschichtig und unĂŒbersichtlich, und der „eigentliche“ Islam bildet in seinen divergierenden AusprĂ€gungen (noch) kein wirksames Gegengewicht. – Im Judentum widersetzen sich starke KrĂ€fte unter Berufung auf das „gottgegebene“ Land immer noch nahezu allen Kompromissen mit den PalĂ€stinensern. Auch ohne den missionarischen Bekehrungseifer christlicher und islamischer Fundamentalisten verhindern sie friedliches und gleichberechtigtes Zusammenleben und verteidigen vorgebliche und politisch fragwĂŒrdige Rechte notfalls mit Gewalt. – Auch die aus westlicher Sicht oft friedfertiger erscheinenden asiatischen Religionen sind immer wieder und an vielen Orten in gewaltsame Auseinandersetzungen verstrickt. Zweitens sind gerade Christen und Muslime, auf die es hier besonders ankommt, untereinander so tief gespalten und zerstritten, daß eine allseits akzeptierte VerstĂ€ndigung, selbst auf „nur“ ethische Grundpositionen, schwer erreichbar erscheint. Zahlreiche AnsĂ€tze und Versuche auf den verschiedensten Ebenen sind bisher entweder gescheitert oder wegen mangelnder Erfolgsaussichten versickert. Winzige Fortschritte hier und da blieben ohne erkennbaren Einfluß auf die Gesamtsituation. (Z. B. die „Weltkonferenz der Religionen“).

(4)   Dennoch Chancen ?

Ungeachtet dieser Negativliste sind jedoch die Großreligionen nach wie vor welt-weit operierende Organisationen mit erheblichem Einfluß auf große Teile der Menschheit. Ihre jeweiligen Heilslehren sind von ethisch-moralischen GrundsĂ€tzen der Lebensgestaltung nicht zu trennen. Ihre – mindestens beanspruchte – UnabhĂ€ngigkeit von ideologischen und tagespolitischen Strömungen könnte ihnen AutoritĂ€t und Überzeugungskraft verleihen bei dem Versuch, den ĂŒberlebensnotwendig gewordenen Paradigmenwechsel im Miteinander der Menschen bewußt zu machen, selber vorzuleben und so Schritt fĂŒr Schritt auch in politische Verhaltensweisen hineinzutragen. UnĂŒberbrĂŒckbare Unterschiede zwischen den Großreligionen wird es weiterhin ebenso geben wie unterschiedliche „konfessionelle“ AusprĂ€gungen in ihrem Inneren. Beides aber darf weder innerchristlich noch interreligiös lĂ€nger rechtfertigen, daß die Mitverantwortung des Glaubens fĂŒr das Leben der Menschen in dieser Welt vernachlĂ€ssigt, geleugnet, unterdrĂŒckt oder mißbraucht wird. Die hĂ€ufigen Hinweise auf lĂ€ngst bekannte Schwierigkeiten und kaum zu ĂŒberwindende Hindernisse sind zwar berechtigt und werden von der Wirklichkeit oft genug noch ĂŒberboten. In der Tat scheitern viele Versuche zu sinnvoller VerstĂ€ndigung an verbreiteter Skepsis und hartnĂ€ckigen WiderstĂ€nden unterschiedlichster Art. Dennoch sind diese Probleme angesichts der offenkundig drohenden Gefahren, in die die Menschheit sich hineinmanövriert hat, keine akzeptable BegrĂŒndung mehr fĂŒr ein Verhalten, das sich mit wechselseitigen Ermahnungen, unkoordinierten Aktionen und gelegentlichen Good-will- ErklĂ€rungen begnĂŒgt und den Dingen ansonsten ihren gewohnten Lauf lĂ€ĂŸt. Auch wenn menschliche Erfahrung die verbreitete theologische Überzeugung bestĂ€tigt, daß das Böse im Menschen in dieser Welt nicht restlos zum Guten gewandelt werden kann, bleibt der Auftrag, Menschen-rechte, MenschenwĂŒrde und Menschenliebe wenigstens schrittweise voranzubringen, fĂŒr die GlaubwĂŒrdigkeit jeder Religion auf Dauer unverzichtbar. DafĂŒr das Bewußtsein zu wecken und allmĂ€hlich zu schĂ€rfen ist eine vordringliche Aufgabe fĂŒr Jahrzehnte, ein notwendiger, unverzichtbarer Beitrag der Weltreligionen zur Überwindung der derzeitigen globalen Krise. Wichtigste Voraussetzungen sind der Wille und die Bereitschaft aller, das jeweils eigene, in Jahrhunderten gewachsene SelbstverstĂ€ndnis kritisch zu hinterfragen und zu korrigieren.Das schließt die engagierte Bearbeitung folgender wichtiger Grundfragen ein:– Wie sind im Christentum, im Judentum und im Islam Recht und Religion einander zuzuordnen ? Wie verhalten sich „Gottesrecht“ und „Menschenrechte“ zueinander? – Wieweit und wie können die Religionen zugestehen, daß auch ein sĂ€kularer Staat mit einer„weltlichen“ Rechtsordnung letztlich Gott dient?- Wie ist das VerhĂ€ltnis von Recht und Gerechtigkeit bestimmbar, von weltlichem und geistlichen Recht, von Recht und Moral?- Wie können die Religionen sich zu der Position durchringen, daß nur die Beachtung der Menschenrechte den Frieden sichern kann? Und daß die Menschenrechte „begrĂŒndungsoffen “legitimiert werden mĂŒssen, daß Religionsfreiheit (bis hin zum Religionswechsel!)unverzichtbarer Teil dieser Menschenrechte ist ? (Wolfgang Lienemann) Eine beispielhafte Antwort auf die Frage nach dem Umgang mit solchen Grundfragen hat schon vor einem halben Jahrhundert Leo Baeck gegeben. Der Gefahr, daß eine„begrĂŒndungsoffene“ Legitimation der Menschenrechte jede gottesrechtliche BegrĂŒndungder „Toleranz aus Beliebigkeit“ preisgeben könnte, ist Baeck mit dem visionĂ€ren Konzepteiner „Toleranz aus IdentitĂ€t“ entgegengetreten. Im Jahre 1956 schrieb er: „Dann werden gute Tage kommen. Menschen und Völker und Bekenntnisse werden geschieden bleiben, werden in ihren Besonderheiten weiterleben, aber sie werden wissen, daß sie zusammengehören, Teile der einen Menschheit sind, zusammenleben sollen auf dieser unserer Erde, einander sehend und einander verstehend, und, wenn es Not tut, einander helfend“.

C) Die Aufgabe der Christenheit in dieser Situation

(5)   RĂŒckbesinnung auf Weltverantwortung

FĂŒr die Religionen ist es an der Zeit, sich auf diese Aufgaben vertieft zu besinnen. Und da die Christen noch immer wesentlich dem Teil der Welt zugerechnet werden, der in Jahrhunderten die Politik der StĂ€rke als Regulativ menschlichen Zusammenlebens am konsequentesten entwickelt und gegen andere durchgesetzt hat und in dem zur Zeit die Gewaltpolitikeinen neuen Rechtfertigungsschub erfĂ€hrt – bisweilen sogar „in Gottes Namen“ -, ist es notwendigerweise an ihnen, erste Schritte in eine neue, bisher ernsthaft nie erprobte Richtung zu versuchen und andere dazu zu ermutigen. Auch ohne Aussicht auf schnelle und durchschlagende Erfolge, und auch gegen die bekannten Hindernisse und gegen die in der Theologie und den Institutionen traditionell gepflegten Bedenken. Die grĂ¶ĂŸte Schwierigkeit ist ein ĂŒberzeugender und tragfĂ€higer Anfang. Auf den ersten Blick sind weder einzelne Kirchen noch einzelne Konfessionen dieser Aufgabe gewachsen. (Und die meisten machen nicht den Eindruck, als plagte sie dabei ein schlechtes Gewissen). Zu tief sitzt allenthalben die Erinnerung an die nur begrenzten Erfolge weltweiter ökumenischer BemĂŒhungen. Zwar hatte die Ökumenische Bewegung der 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts das Bewußtsein fĂŒr die Weltverantwortung der Christen geschĂ€rft und beispielhaft umzusetzen begonnen. Gegen mancherlei Bedenken gewann damals eine Einsicht immer mehr an Bedeutung, die der Theologe und Publizist Heinz Zahrnt in dem Satz zusammengefaßt hat: „Die Welt ist immer dabei, wenn von Gott die Rede ist, oder es ist eben nicht von Gott die Rede, wenigstens nicht von dem Gott, den Jesus Christus erfahren, geglaubt und verkĂŒndigt hat.“ („AufklĂ€rung durch Religion“, S. 121). Auch provokante ökumenische Thesen wie: „Die Tagesordnung der Kirche schreibt die Welt“ sorgten seinerzeit fĂŒr intensive theologische Diskussionen. Aber solches Nachdenken war nur von kurzer Dauer. Als mit dem Ende des Ost-West-Konflikts die Menschheit drohender Selbstvernichtung glĂŒcklich entronnen schien, wurde die kirchliche Tagesordnung bald wieder von den innerkirchlichen, den scheinbar eigentlichen Fragen dominiert. Die BemĂŒhungen um „Einheit“ und „Auftrag“ gerieten wieder unter die RĂ€der konfessioneller GegensĂ€tze und Querelen; der politische Impetus wurde als Abweichung vom rechten Glauben diskreditiert, und die AktionsfĂ€higkeit des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) fiel nicht zuletzt aus Mangel an finanzieller UnterstĂŒtzung durch die Mitgliedskirchen auf kaum noch wahrnehmbare Reste in sich zusammen. Erhebliche Teile der weltweiten Christenheit halten inzwischen, so scheint es, das „ökumenische Experiment“ fĂŒr gescheitert.

(6)   Neue und alte AnknĂŒpfungspunkte

In jĂŒngster Zeit mehren sich jedoch die Anzeichen dafĂŒr, daß es dabei nicht bleiben muß. Die in den letzten Jahren gewĂ€hlten ReprĂ€sentanten des ÖRK, der Konferenz EuropĂ€ischer Kirchen (KEK), des Lutherischen und Reformierten Weltbundes und auch der deutschen Methodisten haben wiederholt eine bewußtere Wahrnehmung christlicher Weltverantwortung angemahnt, mit deutlichen Hinweisen auf die Notwendigkeit des interreligiösen Dialogs. Eine Umsetzung solcher neu erwachten Einsichten ist allerdings noch nicht erkennbar. Um das zu erreichen, mĂŒĂŸten Kirchen oder kirchliche Gruppierungen sich aufraffen, diese Fragen nicht nur auf ihre Agenda zu setzen, sondern ihnen – konsequent und öffentlichwahrnehmbar – das nötige Gewicht zu verleihen. Nur solche InitialzĂŒndungen könnten allmĂ€hlich wieder eine Breitenwirkung entfachen, vergleichbar dem „Konziliaren Prozeß fĂŒr Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“, der in den vergangenen 80er und90er Jahren imstande war, viele Menschen aufzurĂŒtteln und auf ein gemeinsames Ziel hinzu aktivieren. Damals kamen die AnstĂ¶ĂŸe von kleinen Gruppen und charismatischen Einzelpersönlichkeiten. Mit Engagement und Überzeugungskraft konnten sie weltweit viele Kirchenmotivieren und ĂŒber ihre eigenen Kreise hinaus Aufmerksamkeit und Zustimmung auslösen. Heute sind die Anschlußprojekte des ÖRK, die ökumenische „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ und die von den WeltbĂŒnden mitgetragene Initiative „Wirtschaften im Dienst des Lebens“, zur AnknĂŒpfung ebenso geeignet wie etwa die „Freisinger Agenda“, in der die„Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland“ (ACK) zusammen mit ökumenischen Basisgruppen und Initiativen eine Reihe konkreter Maßnahmen fĂŒr die zweite HĂ€lfte der ÖRK-Dekade gegen Gewalt entwickelt hat, wobei der interreligiöse Dialog eine wichtige Rolle spielt (s. „Stimmen“). Die vielfachen FriedensbemĂŒhungen Papst Johannes Pauls II. und die Anerkennung, die Benedikt XVI. gegenĂŒber dem „Weltethos“-Projekt des unbequemen Katholiken Hans KĂŒng erkennen ließ, könnten darĂŒber hinaus helfen, christliche Mitverantwortung in den Dingen dieser Welt auch ĂŒber konfessionelle Unterschiede hinweg wahrzunehmen.

(7)   Was bedeutet das fĂŒr die Evangelische Kirche in Deutschland ?

Die EKD hat viele Voraussetzungen, die geforderte InitialzĂŒndung auszulösen. In der Mitte des „alten Europa“ gelegen und als Kernland des Protestantismus auch ĂŒber die eigenen Grenzen hinaus theologisch von Gewicht, in regem Austausch mit dem Katholizismus und mit guten Kontakten zu den Institutionen der Ökumene, kann sie sich diesem Auftrag, genau betrachtet, gar nicht entziehen. Um so mehr, als ein Teil der global auftretenden Probleme auch im eigenen Land fĂŒr Handlungsbedarf sorgen. Hier vor Ort hĂ€tten die Kirchen viele Möglichkeiten, den ratlosen Politikern ĂŒber Forderungen und Appelle hinaus auch konkrete Beispiele verĂ€nderten Denkens und Verhaltens vorzuleben. Voraussetzungen sind freilich auch hier der Wille und die Kraft, mit den nötigen VerĂ€nderungen des theologischen Denkens und praktischen Verhaltens in den eigenen Reihen zu beginnen. Denn ohne neue Akzente in der Theologie und entsprechend verĂ€nderte Schwerpunkte in der VerkĂŒndigung ist weder ein neues Bewußtsein in den Gemeinden zu wecken, noch Überzeugungskraft in der Sache und ĂŒber die eigenen Grenzen hinaus. Die Ökumenische Bewegung ist nicht zuletzt deshalb beargwöhnt worden (und deshalb wohl auch verkĂŒmmert), weil die Verantwortung in der Welt nicht ĂŒberzeugend genug als Glaubensgehorsam verdeutlicht, gepredigt und öffentlich vertreten worden ist. Hier gibt es fĂŒr die gegenwĂ€rtige Theologie erheblichen Nachholbedarf. Nur wenn die Kirchen mit theologischen Argumenten schlĂŒssig nachweisen, daß die gesellschaftspolitischen Konsequenzen des Glaubens mehr sind als beliebige Zugaben zum „Eigentlichen“, lassen sich GleichgĂŒltigkeit, Skepsis und die hartnĂ€ckigen EinwĂ€nde gegen angebliche „Politisierung des Evangeliums“ ĂŒberwinden. Und nur mit klarer theologischer BegrĂŒndung werden die Christen auch jenseits der eigenen Mauern die Forderung nach einem neuen Denken glaubwĂŒrdig vertreten können.

(8)   Aufgaben in Theologie und Kirche

Um die Theologie und die evangelischen Kirchen in Deutschland auf das hier skizzierte Ziel hin arbeitsfĂ€higer zu machen, mĂŒssen wichtige Grundsatzthemen verbindlicher als bisher diskutiert und auch entschieden werden. Beispielsweise der Zusammenhang von Dogmatik und Ethik, speziell von Rechtfertigungslehre und Handlungsmodellen, der Stellenwert der Bergpredigt, die Zehn Gebote u.a.m. Generell ist zu sagen, daß fast alle biblischen Texte ethische Implikationen haben. Dazu muß man allerdings Abstand gewinnen von einigen allzu lange kontrovers gefĂŒhrten Debatten und sich einlassen beispielsweise auf eine Unterscheidung zwischen „bleibend Wichtigem“ und „jetzt Dringlichem“, wie sie Dietrich Ritschl vorgeschlagen hat. („Issues of Lasting Importance“ und „Issues of Momentary Urgency“). „Zugang zum ersten“ – sagt Ritschl – „haben wir durch Konfrontation mit dem zweiten, und das zweite verstehen wir letztlich nur aus der Vision des ersten. Über ‚bleibend Wichtiges’ meditieren, beten und diskutieren wir in Ruhe, fĂŒr ‚jetzt Dringliches’ kĂ€mpfen wir, weil wir daran meist schonschuldig geworden und in unserem Kampf schon zu spĂ€t sind. Die Kirche, die sich nur dem‚bleibend Wichtigen’ widmet, verliert die Gegenwart und den Mitmenschen; wer sich nur dem ‚jetzt Dringlichen’ zuwendet, verliert die Frage nach Gott und nach der LegitimitĂ€t seines Tuns.“ Die ethischen Positionen der Ökumene sind in weiten Bereichen gerade deutscher Theologie und Kirche vielfach zu ausschließlich als dem „jetzt Dringlichen“ verpflichtet wahrgenommen worden, wĂ€hrend die Ökumenekritiker allzu sehr am „bleibend Wichtigen“ orientiert schienen. Eine verbindliche KlĂ€rung könnte diese Kontroversen wesentlich entschĂ€rfen. Daß sowohl die grundlegenden biblischen Texte als auch wesentliche kirchliche Dokumente diese Fragen thematisieren und bearbeiten – z. B. Luthers und der Heidelberger Katechismus oder die Theologische ErklĂ€rung von Barmen-, dĂŒrfte eine solche KlĂ€rung nicht allzu schwierig sein. Damit könnten dann zu „jetzt dringlichen“ Themen wie Gewalt in der Völkergemeinschaft, Menschenrechte, EU – Verfassung, Kompetenzerweiterung der UNO, Bundeswehraufgaben und Grundgesetz, Friedensdienste, Terrorismus, neoliberale Globalisierung, Entwicklungszusammenarbeit u.a. verbindliche Aussagen gemacht werden. Diese Arbeit muß nicht am Nullpunkt beginnen, sondern kann viele vorliegende Erfahrungen aufnehmen, beispielsweise das Modell der „Ost-Denkschrift“ der EKD von 1965. Auch hier darf freilich nicht verschwiegen werden, daß(nach Ritschl) fĂŒr die Umsetzung des „jetzt Dringlichen“ entschlossen gekĂ€mpft werden muß. Wirksam werden alle Anstrengungen nur, wenn sie ĂŒber den – wichtigen – reinen Wortwechsel hinausgelangen.

(9)   GesprÀche vor allem mit dem Islam

Aktueller Schwerpunkt dieser BemĂŒhungen muß der Versuch sein, die GesprĂ€che mit dem Islam ĂŒber das „bleibend Wichtige“ und das „jetzt Dringliche“ voranzutreiben mit dem Ziel, bei Anerkennung der theologischen Unterschiede und bei unmißverstĂ€ndlichem Verzicht auf AlleinvertretungsansprĂŒche und Missionierungsversuche die gemeinsamen Vorstellungen fĂŒr ein friedliches, gleichberechtigtes Zusammenleben zu intensivieren und nach innen und außen zu vertreten. Dazu gehört die ausdrĂŒckliche Bereitschaft, sich von extrem fundamentalistischen Gruppen und Bewegungen in den eigenen Reihen ebenso wie anderswo zu distanzieren und jede Art gewaltsamer Durchsetzung je eigener Positionen zuĂ€chten. Noch einmal: Die Probleme, die solchen VerĂ€nderungen des Denkens und Verhaltens entgegenstehen, sind riesengroß; die Hindernisse erscheinen unĂŒbersteigbar. Kennzeichnungen wie „utopisch“ „illusionĂ€r“ oder „unrealistisch“ drĂ€ngen sich geradezu auf und erzeugen skeptische ZurĂŒckhaltung auch bei Vielen, die die Notwendigkeit solchen Umdenkens lĂ€ngsterkannt haben. In Jahrhunderten verfestigte Traditionen und Strukturen, Dogmatismus, Auslegungs-und Richtungsstreitigkeiten, Unduldsamkeit und aggressive AbsolutheitsansprĂŒche bestimmen den Islam und Teile der Christenheit noch immer stĂ€rker als die Bereitschaft zu friedlichem Nebeneinander oder gar zu hilfreichem Miteinander. Und was in den eigenen Reihen nicht gelingt, erscheint in der wechselseitigen Begegnung erst recht unerreichbar. So verstĂ€ndlich also die verbreitete Skepsis ist, so unausweichlich stellt sich in der gegenwĂ€rtigen Weltsituation die Frage, ob die Religionen weiterhin in ihren eigenen Begrenztheiten verharren und vor der „normativen Kraft des Faktischen“ kapitulieren dĂŒrfen. Ob nicht Mahnungen endlich ernstgenommen werden mĂŒssen, wie sie Carl Friedrich von WeizsĂ€cker schon 1963 in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels unmißverstĂ€ndlich ausgesprochen hat: Der Weltfriede, sagte er damals, ist die „Lebensbedingung des technischen Zeitalters“. DafĂŒr ist „eine außerordentliche moralische Anstrengung notwendig.…Etwas Beispielloses ist von uns verlangt“. – 1986 heißt es in WeizsĂ€ckers Buch „Die Zeit drĂ€ngt“: „Eine Theologie des Friedens, die in der Kirche und in der Welt wirksam werden soll, setzt voraus, daß die Theologen den Frieden untereinander suchen…- Die Begegnung der Weltreligionen ist vielleicht das wichtigste Ereignis unserer Zeit. Es wird gerade durch die gemeinsame Erfahrung der heutigen LebensgefĂ€hrdung der Menschheit vorangetrieben.“ (S. 95/6). Und in einem Interview zu seinem 90. GeburtstagbekrĂ€ftigte von WeizsĂ€cker (2003): “Heute bin ich der Meinung, daß die Weltreligionen gemeinsam diese Forderung nach Überwindung des Krieges stellen mĂŒĂŸten“. Die in diesen ZusammenhĂ€ngen naheliegende und verstĂ€ndliche Sorge um den Verlust der eigenen Wahrheit hat namhafte Theologen schon seit Jahrzehnten beschĂ€ftigt und lĂ€ngst zu Einsichten gefĂŒhrt, die heute hilfreich sein können. So hat etwa Heinz Zahrnt bereits 1980zum „Dialog zwischen den Weltreligionen“ aus neuen ZusammenhĂ€ngen neue SchlĂŒsse gezogen. Angesichts der entstehenden einen Welt, des Zusammenwachsens der Völker zur einen Menschheit, verlangt er (im Piper-BĂ€ndchen: „AufklĂ€rung durch Religion“) „von allen Weltreligionen, auch vom Christentum die Bewahrheitung ihrer Botschaft im Hinblick aufeine kĂŒnftige Weltgesellschaft. (Hervorhebungen vom Autor). Daher geht die Christenheit unserer Tage .auf eine grĂ¶ĂŸere Ökumene als bisher zu: auf die Ökumene der Religionen. Endlich können die Christen ehrlich sein und ihren so lange mit Gewalt, Kattun und Gelehrsamkeit verteidigten Anspruch auf die Alleinvertretung Gottes aufgeben und sich in die Gemeinschaft der Weltreligionen einreihen…Diese in Aussicht stehende grĂ¶ĂŸere Ökumene der Religionen bedeutet keine ‚religiöse Internationale’…. Sie ist auch kein religiöses Kollektiv, in das jede einzelne Religion die ihr anvertraute Wahrheit einbringt, um sie darin aufgehen zu lassen…Es handelt sich…um eine Gemeinschaft, in der ‚in Gottes Namen’ Jude, Christ, Moslem, Hindu und Buddhist miteinander denken, reden und handeln – nicht in mĂŒder Toleranz, sondern im gemeinsamen Wettstreit um die Wahrheit und im vereinten Kampf gegen alle menschen-mordenden Götter…. Wird der neue Dialog mit den Weltreligionen von den Christen ehrlich und ernst gefĂŒhrt, dann bedeutet er auch fĂŒr sie Geben und Nehmen, nicht mehr nur die Verteilung christlicher Liebesgaben und GlaubensschĂ€tze an die ĂŒbrige Welt, sondern auch das Bedenken des eigenen Standpunkts und eine Bereicherung durch die anderen. Das Christentum darf nicht nur reden – es muß auch mit sich reden lassen! Wer ohne Angst ist, kann sich Toleranz leisten. Er ist nicht auf Eroberung und Ausschluß, sondern auf Austausch und Gemeinschaft bedacht. Es verhĂ€lt sich mit dem Dialog zwischen dem Christentum und den Weltreligionen nicht anders als mit einem Dialog sonst: Man verliert durch ihn nicht seine IdentitĂ€t, aber man geht verĂ€ndert, sowohl verwundet als auch bereichert, auf jeden Fall mit einem klareren Profil aus ihm hervor.“ (AufklĂ€rung durch Religion; S. 94/95) Ebenso könnten Erfahrungen aus dem (innerchristlichen) ökumenischen Zusammenleben fĂŒr das Miteinanderleben der Weltreligionen fruchtbar gemacht werden: Der Begriff „Konvivenz“ bedeutet ökumenisch mehr als Begegnung oder Dialog, er umfaßt auch mehr als die intellektuelle Bearbeitung der Differenzen und Gemeinsamkeiten. „Konvivenz“ drĂŒckt sich (von seinen lateinamerikanischen Kontexten her) in drei Elementen aus: Sie ist Hilfsgemeinschaft, wechselseitige Lerngemeinschaft und Festgemeinschaft (Theo Sundermeier).Das Element der Lerngemeinschaft ist bisher am ehesten ausgebildet in dem von Hans KĂŒng angestoßenen Welt-Ethos-Projekt. Ein ebenso wichtiger Beitrag ist es, wenn sich vor Ortchristliche und islamische Gemeinden gegenseitig zu ihren Festen einladen und gemeinsam feiern. Und schließlich gehören viele der islamischen LĂ€nder zu den Armen auf der Erde, fĂŒr die das Element der Hilfsgemeinschaft eine hohe Bedeutung hat. Es wĂ€re lohnend, die EmpfĂ€ngerlisten von Brot-fĂŒr-die-Welt daraufhin zu ĂŒberprĂŒfen. Schließlich ist in diesem Zusammenhang die Gestalt des den drei abrahamischen Weltreligionengemeinsamen Vaters Abraham von Bedeutung. Abraham lebt mit Menschen anderer Religionen zusammen ohne ihren Glauben anzugreifen; er hilft, wenn andere in Not sind(Gen 14); er lernt von anderen etwas ĂŒber seinen Gott und feiert mit Menschen anderen Glaubens (Melchisedek Gen 14). Und schließlich: In Abraham sollen gesegnet sein “ alleGeschlechter der Erde“ (Gen 12; Kuschel, Klappert, Marquardt).Aus diesen Beispielen und Hinweisen wird deutlich, daß der Dialog mit dem Islam (und den anderen Weltreligionen) ohne bewußte und ernsthafte RĂŒckfragen der Christen (und der anderen Religionen) an ihr eigenes SelbstverstĂ€ndnis nicht zu haben ist. Das wĂ€re der erste – wenn auch schwierigste – Schritt, dem auf allen Seiten viel guter Wille, viel Geduld und viele weitere Schritte folgen mĂŒssen, um die wichtigsten Ziele nach und nach zu erreichen.

(10)           Zusammenarbeit auf allen Ebenen

Das Zusammenspiel aller kirchlichen Ebenen und Arbeitsbereiche ist dafĂŒr unabdingbar. Wobei die Theologie den Grundakkord anschlagen muß, der alles weitere trĂ€gt und begleitet. Nur wenn Weltverantwortung wieder selbstverstĂ€ndlich als unverzichtbarer Teilchristlichen Glaubensgehorsams begriffen wird, kann es gelingen, unser Verhalten darauf auszurichten und andere davon zu ĂŒberzeugen. Innerkirchlich bedarf es dazu einer Reihe gezielter praktischer Schritte. Sie mĂŒssen in der Sonntagspredigt ebenso erkennbar werden wie beim Arbeitsmaterial fĂŒr Gemeindeveranstaltungen oder in der Konkretisierung kirchlicher Stellungnahmen zu gesellschaftspolitischen und sozialethischen Fragen. Zu den unverzichtbaren Voraussetzungen gehört auch die gezielte Bewußtseinsbildung in den Gemeinden und auf allen kirchlichen Leitungsebenen. Eine Arbeitsgruppe könnte Ideen sammeln, Anregungen und Richtlinien formulieren und die verschiedenen AktivitĂ€ten koordinieren. Sie kann sinnvoll freilich nur arbeiten bei hoher Kompetenz und (institutioneller) UnabhĂ€ngigkeit ihrer Mitglieder. Nach außen gibt es inzwischen wieder AnknĂŒpfungsmöglichkeiten bei zahlreichen ReprĂ€sentantenkirchlicher Gruppen und ökumenischer Organisationen sowie bei den vielfĂ€ltigenörtlichen, regionalen und weltweiten AktivitĂ€ten, die sich zu vergleichbaren Themen schonlange entwickelt haben (s. „Stimmen“). Die dort erkennbaren und kompetenten AbsichtserklĂ€rungen und Anstrengungen sind zu stĂ€rken, zu bĂŒndeln und zu intensivieren, beispielsweise die schon erwĂ€hnte ökumenische „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ und die„Freisinger Agenda“. Ein wichtiger Ansatzpunkt könnte ein Schwerpunktthema in der EKD-Synodesein; aufgenommen womöglich vom nĂ€chsten Kirchentag als verstĂ€rkendes Signal an die Gemeinden. Dort muß dann die Überzeugung wachsen, daß eine außergewöhnliche Situation außergewöhnliche Anstrengungen auch dann rechtfertigt, wenn das vorgegebene Ziel aller Erfahrung nach nur mĂŒhsam und nie vollstĂ€ndig erreicht werden kann.

(11)      Aufruf

Die Autoren sind sich der Zumutung bewußt, die ihre Überlegungen fĂŒr viele Glieder und Verantwortliche unserer Kirche bedeuten mĂŒssen. Sie wissen, daß ihr Papier kaum einen Gedanken enthĂ€lt, der nicht schon hundertfach anderswo bedacht worden ist, und kaum eine Forderung, die den Anspruch erheben könnte, neu zu sein. Der Versuch, diese Überlegungen in möglichst breiter Öffentlichkeit zur Debatte zu stellen, ist also keine prophetische Anmaßung, sondern das Ergebnis von Sorge und Ungeduld. In hohem Maße besorgt macht uns die offensichtliche Hilflosigkeit und die unbelehrbare Fixierung auf Macht und Gewalt, mit der die Menschheit – ihre VerantwortungstrĂ€ger voran – auf Bedrohungen reagiert, die der Gefahratomarer Selbstvernichtung des aus-gehenden 20. Jahrhunderts durchaus vergleichbar sind. Und ungeduldig sind wir angesichts von Kirchen und Christen, die in dieser Situation weiter hin vorwiegend mit sich selbst beschĂ€ftigt sind, statt auftragsgemĂ€ĂŸ mit aller Kraft zur Besinnung zu rufen und zur Umkehr, und bei sich selber damit zu beginnen. Hier mischt sich die Ungeduld mit der Sorge, daß auf diese Weise die Kirchen und auch ihre Botschaft immer mehr an GlaubwĂŒrdigkeit und Überzeugungskraft verlieren. Dem entgegenwirken kann der Glaube an die großen Verheißungen Gottes, an die Verheißung des Friedens, der Gerechtigkeit und der Treue zu seiner Schöpfung. Die Hoffnung daraufbewahrt uns vor Resignation. Wir sind auf Widerspruch gefaßt, nicht nur mit Hinweis auf vieles, was seit langem schon auch von Kirchen und Christen im Zusammenhang mit den hier angeschnittenen Fragen geschieht. Wir wissen auch, daß unsere Überlegungen breiter UnterstĂŒtzung bedĂŒrfen, um Resonanz auslösen zu können. Deshalb haben wir eine Reihe namhafter Persönlichkeiten aus Kirche und Politik gebeten, die Grundgedanken dieses Textes zu prĂŒfen und wenn möglich zu unterstĂŒtzen; ggf. durch Kommentare, ErgĂ€nzungen oder (auch kritische) Anmerkungen zu vertiefen. Allen, die dieser Bitte entsprechen können, und auch denen, die sich spĂ€ter damit identifizieren wollen, danken wir schon an dieser Stelle herzlich. Zum Schluß bitten wir die in EKD und Landeskirchen zustĂ€ndigen Instanzen und alle Christen innerhalb und außerhalb unserer Gemeinden, unsere AnstĂ¶ĂŸe zu bedenken, zu beraten und womöglich an ihrer Umsetzung mitzuarbeiten.

QUELLENNACHWEISE

Auf folgende Texte beziehen wir uns direkt:

Leo Baeck, Judentum Christentum und Islam (1956), in Leo Baeck-Werkausgabe Bd. V:„Nach der Schoa – Warum sind Juden in der Welt ?“, hg. von A.H. FriedlĂ€nder u. B.Klappert; GĂŒtersloh 2002, S. 472ff. Berthold Klappert, „Geheiligt werde Dein NAME! Dein Wille werde getan!“, Vortrag aufder Rheinischen Synode 2005; Manuskript. Ders: „Abraham eint und unterscheidet“, Vortrag vom 2. 12. 1992; Manuskript Wolfgang Lienemann, Gottesrecht-Menschenrechte. GefĂ€hrden die Religionen den Frieden? Vortrag und Manuskript vom Januar 2004; unveröffentlicht Dietrich Ritschl, „Zur Logik der Theologie“; MĂŒnchen 1988, 2. Auflage. Theo Sundermeier, „Konvivenz als Grundstruktur ökumenischer Existenz heute“; in: Ökumenische Existenz heute, Band 1, MĂŒnchen 1986, S. 49ff. Carl Friedrich von WeizsĂ€cker, „Die Zeit drĂ€ngt. Eine Weltversammlung der Christen fĂŒr Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“MĂŒnchen 1986, 2. Auflage; S. 95 / 6. Heinz Zahrnt, „AufklĂ€rung durch Religion. Der Dritte Weg“. Serie Piper, MĂŒnchen 1980; S. 121 und 94 / 5.

Juni 2006

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 5. Juli 2006 um 19:25 und abgelegt unter Kirche, Texte ohne Zustimmung des GNW.