Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Values Exploration: Für die Zukunft zurück in die Ewigkeit

Mittwoch 28. Juni 2006 von Pastor Peer-Detlev Schladebusch


Pastor Peer-Detlev Schladebusch

Values Exploration: Für die Zukunft zurück in die Ewigkeit

1. Ey, haste mal ´ne Zukunft?
Oder: Welche Zukunft hätten Sie denn gern?

Wie sehen Sie die Zukunft? Welche Erwartungen verknüpfen Sie mit ihr? Ist Ihre private Zukunft gleichzusetzen mit der Ihres Unternehmens? Ey, haste mal´ne Zukunft? Vielleicht kommen Sie mit einer ähnlichen Frage zum 2. Mittelstandstag Niedersachsen. Da stehen Probleme mit Rating- und Finanzierungsfragen, internationale Herausforderungen, steuerliche, juristische und publizistische Aspekte oder Fragen des Risikomanagements und Transaktions- und Nachfolgefragen auf dem Programm.

Vielleicht leiten Sie eines der 70.000 Klein- und Mittelständischen Unternehmen, das in diesem Jahr vor der akuten Frage der Unternehmensnachfolge steht. Wie soll es da weitergehen? Wahrscheinlich ist es Ihnen bewußt: Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Unternehmens liegt in Europa bei 12,5 Jahren, die eines Fortune 500- Unternehmens immerhin bei 45 Jahren. Da ist nach der Zeiteinteilung eines Menschenalters schon vor der Pubertät bzw. spätestens in der Midlife-Crisis der Exitus erreicht. Und um damit schon mal eines vorwegzunehmen: Jedes Unternehmen ist endlich. Es hat eine deutlich geringere Lebenserwartung als Sie selbst. Es gibt kein Unternehmen für die Ewigkeit! Auch wenn staatliche Subventionen bisweilen das Siechtum eines Unternehmens verlängern können: Irgendwann geht auch ein goldener Stern unter. Jedes Unternehmen hat seine Berechtigung nur, solange es Nutzen schafft; solange, wie eine Wert-Schöpfung realisiert wird, wie auch immer man diese definieren mag. Ansonsten ist es schlichtweg Liebhaberei, die mehr unterläßt als sie unternimmt: Eine Wert-Erschöpfung oder Wert-Vernichtung. Die Zukunft Ihres Unternehmens: Wie sehen Sie sie?

Da gibt es viele verschiedene Perspektiven: Fehlt Ihnen die Puste und sagen Sie sich wie Dean Acheson: „Das beste an der Zukunft ist vielleicht der Umstand, daß immer nur ein Tag auf einmal kommt“? Oder halten Sie es wie Niels Bohr und sagen: „Vorhersagen sind immer schwierig – vor allem über die Zukunft“? Sind Sie ein sarkastisch-utopiekritischer Typ und sinnieren wie Ambrose Bierce: „Zukunft, jene Zeit, in der unsere Geschäfte gut gehen, unsere Freunde treu sind und unser Glück gesichert ist“? Vielleicht schließen Sie sich auch Eleanor Roosevelt an, die in blumiger Vorausahnung behauptet: „Die Zukunft gehört denen, die an die Wahrhaftigkeit ihrer Träume glauben.“ Oder ermahnen Sie sich und andere wie Harold Pinter? Der meint: „Die Zukunft ist die Ausrede all jener, die in der Gegenwart nichts tun wollen.“ Es mag sein, daß Sie eher zu den langfristig planenden Menschen gehören wie Werner von Siemens, der seiner Überzeugung folgte: „Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht.“ Vielleicht folgen Sie auch der pragmatischen Einstellung von Konrad Adenauer: „Ein Blick in die Vergangenheit hat nur Sinn, wenn er der Zukunft dient.“ Manche mögen es auch lieber ganz kausal wie Albert Schweitzer: „Keine Zukunft vermag gutzumachen, was du in der Vergangenheit versäumst.“ Oder gehören Sie zu den geschichtsbewußten Menschen wie André Malraux: „Wer in der Zukunft lesen will, muß in der Vergangenheit blättern“? Wagen Sie vielleicht schon einmal einen Blick über den Horizont hinaus wie der Verfasser des Hebräerbriefs am Ende des Neuen Testaments (Hebräer 13,14): „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“? Oder motivieren Sie sich selbst und andere mit einer Einstellung wie der von Antoine de Saint-Exupéry: „Man kann nicht in die Zukunft schauen, aber man kann den Grund für etwas zukünftiges legen, denn Zukunft kann man bauen“?

2. Values Exploration – für die Zukunft zurück in die Ewigkeit

Vielleicht ist es auch eine Mischung aus vielen verschiedenen Zukunftserwartungen, die Sie bewegt. Ich bin mir jedoch sicher, daß Sie nicht jemand sind, der fatalistisch die Hände in den Schoß legt und alles einfach so auf sich zukommen läßt. Sonst wären Sie heute nicht hier. Ich lade Sie deshalb dazu ein, sich mit mir auf eine kleine Entdeckungsreise zu begeben und Werte zu erschließen, die zur erfolgreichen Gestaltung der Zukunft eminent wichtig sind. Values Exploration habe ich das deshalb genannt, nicht zuletzt, weil ich seit 2 Jahren in Celle lebe, dem Exploration Valley Europas.

Hier sind seit jeher die klassischen Explorationsunternehmen der Erdöl- und Erdgasindustrie angesiedelt. Nach einem ersten Ansturm von zuletzt 40 Ölgesellschaften im Jahre 1881 auf Ölheim bei Peine rückten in den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die nach heutigen Maßstäben bescheidenen Ölfelder rund um Celle in den Mittelpunkt des nationalen und internationalen Interesses. Damit wuchsen die geologischen Erkenntnisse, daß Öl- und Gasvorkommen aus Muttergesteinen in größeren Tiefen kommen müsse. Moderne geophysikalische Verfahren wie die 3D-Seismik dienen heute zur Erkundung des Untergrundaufbaus bis in Tiefen von 6.000 m. Die reflektierten Schallwellen kleiner Sprengungen lassen Rückschlüsse auf den Verlauf von Gesteinsschichten zu. So läßt sich der Erfolg der anschließenden Bohrung wesentlich steigern, die bei einer Tiefe von 5.000 m mit 7 bis 12 Mio. € Kosten zu veranschlagen ist. Spezielle Techniken wie das Horizontalbohren erlauben es, ein Feld mit einer geringen Anzahl von Bohrungen zu erschließen. Zusätzlich kann die Ausbeute eines Gasfeldes durch das Multi-Frac-Verfahren erheblich gesteigert werden. Dabei werden durch hohen Druck Risse im ansonsten sehr dichten Gestein erzeugt und mit einem Stützmittel gefüllt. So wird es möglich, das heutzutage immer wertvollere Erdgas, das sich seit Urzeiten tief in der Erde gebildet hat, wirtschaftlich zu gewinnen. Angesichts steigender Energiepreise erlebt der Explorationssektor fast schon einen Boom, weil die Erkundung und Erschließung bisher unrentabler Lagerstätten immer interessanter wird.

Warum erzähle ich Ihnen das alles? Sicherlich nicht, um einen Fachvortrag beim Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung e.V. zu halten. Das können deren Mitarbeiter selbst besser. Auch nicht, weil Niedersachsen mit 89 % der bundesweit größte Erdgasproduzent ist und entsprechend viele KMUs hier involviert sind. Nein, vielmehr macht mir selbst diese technische und wirtschaftliche Entwicklung im meiner Umgebung bewußt, daß es sich für jede Generation immer wieder lohnt, Werte zu erschließen. Values Exploration bedeutet für mich in diesem Sinne auch: Werte liegen nicht einfach auf der Straße herum oder fallen mir in den Schoß. Wenn ich sie gewinnen, wenn ich aus ihnen etwas schöpfen will – also Wert-Schöpfung beabsichtige – muß ich etwas dafür tun. Das erfordert Know-How und verlangt Anstrengungen in vielerlei Hinsicht. Ich brauche dazu oft auch einen langen Atem und viel Geduld, manchmal auch so etwas wie Opferbereitschaft. Ich setze etwas auf´s Spiel, z.B. Lebenszeit, Gesundheit, Sicherheit oder Kapital. Da muß ich mir wie jeder andere Mensch – egal ob er wirtschaftlich selbständig ist oder nicht – die Frage gefallen lassen, ob ich in meinem Leben Unternehmer oder Unterlasser ist.

Values Exploration – Für die Zukunft zurück in die Ewigkeit: Abgesehen von den ersten Erdölförderungen wie z.B. aus den Teerkuhlen bei Wietze steht die Explorationsindustrie seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts vor der Herausforderung, in tiefliegende Erdschichten vorzustoßen, die nachmenschlichem Zeitempfinden vor einer Ewigkeit entstanden sind. Verhält es sich nicht mit einer Reihe von Werten in ganz ähnlicher Weise? Es gibt vielleicht so etwas wie ein numinoses Wissen oder Ahnen über Werte in den verschiedensten Kulturen und Religionen. In vergleichbarer Weise lassen sich ja manche gemeinsamen Überlieferungen wie z.B. über eine große Flut, über die auch im Alten Testament in der Erzählung von Noah und seiner Archeberichtet wird, anführen. Andererseits gerät manches auch wieder in Vergessenheit. So besteht mittlerweile im sogenannten christlichen Abendland eine große Unkenntnis über wesentliche Grundlagen wie die Zehn Gebote oder die Bedeutung großer christlicher Feiertage. Auch in der Kirche können wir nur noch wenig an Grundwissen voraussetzen. Da kommt es schon einmal vor, daß ein Konfirmand bei einer Kirchenbesichtigung fragt: „Wer ist dieser Mann da im Bademantel?“ und dabei auf ein Bild vom segnenden Christus zeigt.

An vielen Stellen unseres Lebens sind Quellen verschüttet, die es wieder zu entdecken und freizulegen gilt. Das ist kein neues Phänomen. Schon in der klassischen Philosophie wird der Ruf „ad fontes!“ immer wieder laut: Zurück zu den Quellen, aus denen vergangene Generationen Wert-volles geschöpft haben. In einer Überflußgesellschaft wie der unsrigen sind die Menschen fast zwangsläufig einer Informationsflut an Belanglosigkeiten ausgesetzt, die manche wichtigen Quellen verschüttet. Gleichzeitig gehen wertvolle Kenntnisse und handwerkliche Fähigkeiten vergangener Jahrhunderte verloren. Außerdem nimmt die Halbwertszeit unseres Wissens ständig ab. Dann macht man manchmal auch die Erfahrung, daß Werte sich erschöpfen können, so wie ein großes Erdgasfeld irgendwann einmal nicht mehr genug hergibt.

Oder der Zugang zu lange tradierten Werten kann durch wertloses Material verschüttet sein. Deshalb muß ständig neu in die Exploration von Werten investiert werden. Auch das läßt sich wiederum am Beispiel der Mineralölindustrie verdeutlichen: So dürften nach Schätzungen die Gewinne der international führenden Anbieter in diesem Jahr 106 Mrd. Euro betragen. Verwunderlich ist es, daß viele Produzenten da nur zögerlich ihre Budgets für die Erschließung neuer Öl- und Gasfelder aufstocken und so stärker in die Zukunft investieren. Stattdessen geben sie einen hohen Anteil ihrer Barmittel an Anleger und Investoren zurück: „Selbst Marktführer Exxon schafft nur ein „Reserve Replacement Ratio“ von 83 Prozent. Die branchenrelevante Kennziffer weist das Verhältnis von erneuerten Reserven zur Produktion aus: Ein Wert von unter 100 Prozent bedeutet, daß mehr Öl gefördert und verkauft wird, als neue Vorkommen gefunden oder erschlossen werden“ (FAZ 27.05.06).

So stellt sich für mich im übertragenen Sinne immer wieder die Frage: Wie gehe ich mit meinen Ressourcen an Zeit, Gesundheit, Geld etc. im Hinblick auf die Zukunft um? Welche Maximen habe ich und welche Perspektivenergeben sich daraus? Bei inhabergeführten Unternehmen oder auch solchen, bei denen noch etwas vom Geist einer großen Gründergestalt zu spüren ist, stelle ich immer wieder fest, daß dort Werte im zwischenmenschlichen Umgang der Stakeholder eine große Bedeutung haben. Wer Werte vorlebt, sie erlebbar macht, lädt zum Ausprobieren und eigenen Erkunden ein. Das ist schon so in der kleinsten Wirtschaftseinheit, der Familie. Hier sehe ich ein großes Potential der KMUs besonders hervorleuchten. Gelebte Werte zielen bewußt oder unbewußt auf langfristigen und nachhaltigen Erfolg, nicht auf ein kurzes Aufflackern und schnelles Erlöschen. Werte sind immer positiv in ihrer Wirkung. Das englische Wort value weist darauf hin. Es stammt vom lateinischen valere, was einfach übersetzt heißt: gesund sein, stark sein, kräftig sein, vermögen. Wie kaum ein anderer hat der 1945 im Dritten Reich hingerichtete Theologe Dietrich Bonhoeffer den Zusammenhang von gelebten Werten und zukunftsorientiert verantwortlichem Handeln treffend ausgedrückt mit dem Satz: „Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll.“ (Bilder bei Google zum Suchbegriff „kommende Generation“ sind bezeichnenderweise überwiegend: Technische Produkte wie Autos, Computer etc, aber kaum Menschen)

3. Values Exploration – mit Werten von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!

Am Ende des weltweit bekanntesten Gebets der Christenheit, dem Vaterunser, sprechen Menschen seit 2000 Jahren: „Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen“ (Matthäus 6,13). Die darin enthaltene Perspektive weist weit über alles menschlich Verstehbare hinaus. Sie bringt gleichzeitig eine Glaubensaussage und ein Lob Gottes zum Ausdruck. Doch es steckt auch eine gute Erfahrung aus der Vergangenheit darin. Es ist die Gewißheit, daß Gott als allmächtiger Schöpfer seinen Geschöpfen die Treue hält. Die Bekräftigungsformel Amen am Ende dieses und anderer Gebete stammt vom hebräischen Wort Ämunah und bedeutet in seiner Übersetzung: Treue. Treue ist übrigens die prägnanteste Eigenschaft Gottes. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Bibel hindurch. Sie allein ermöglicht Vertrauen. Treue begründet auch Glauben = lat. credere = cor dare = jemandem das Herz geben. Treue veranlaßt dazu, jemandem Glauben zu schenken, ihm Kredit zu geben. Vielleicht ist es diese Sehnsucht von uns Menschen nach Treue und Vertrauen, die der Verfasser des alttestamentlichen Buches Prediger meint, wenn erschreibt: „Gott hat die Ewigkeit in das Herz der Menschen gelegt; nur daß der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende“(Prediger 3,11).

Diese Sehnsucht nach Verläßlichkeit sprach Bundespräsident Köhler auf dem Arbeitgeberforum „Wirtschaft und Gesellschaft“ am 15. März 2005 in Berlin an, indem er sagte: „Der Schlüssel zum Vertrauen der Bürger sind Wahrhaftigkeit und Stetigkeit, Stimmigkeit und Berechenbarkeit der Politik. Ohne Verläßlichkeit kein Vertrauen. Ohne Vertrauen kein Aufschwung.“ So ist es ja in allen Bereichen des Lebens. Wo es an Vertrauen mangelt, sichert man sich durch juristisch spitzfindige Verträge ab. Da gestalten sich die Beziehungen nicht so zügig wie unter Leuten, auf die man sich verlassen kann. Wer schließt heute noch Vereinbarungen mit Handschlag ab? Es ist also immer wieder eine Frage der Treue und des Vertrauens.

Doch nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft: Die gemeinsame Studie „Wirtschaftskriminalität 2005“ von Pricewaterhouse Coopers (PwC) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg kommt zu dem Ergebnis, daß in den vergangenen zwei Jahren 46 Prozent aller deutschen Unternehmen Opfer wirtschaftskrimineller Handlungen geworden sind. Die häufigsten Delikte waren Unterschlagung (29%), Betrug (23%), Industriespionage oder Produktpiraterie (13%). In den Unternehmen entstand dadurch durchschnittlich (!) ein Schaden in Höhe von 3,4 Mio. Euro. Ganz zu schweigen von den schwer bezifferbaren Verlusten durch Imageschäden, Schwächung der Mitarbeitermotivation oder Beeinträchtigung der Beziehungen zu Geschäftspartnern. Diese Folgeschäden treten fast zwangsläufig auf. Und natürlich steigen im Nachhinein die Kosten des erzeugten Mißtrauens: Innovationsbremsen durch Einengung der produktiven Freiheiten der Akteure, vermehrte Kontrollen, aufgeblähte Bürokratie etc.

Interessant sind für mich hierbei die Ursachen dieser Wirtschaftskriminalität: Bei zwei Dritteln der Delinquenten herrschte ein mangelndes Unrechtsbewußtsein und das restliche Drittel führte einen zu aufwendigen Lebensstil. Ist es da ein Zufall, daß auch die Privatinsolvenzen – in gegenläufiger Entwicklung zu den Unternehmensinsolvenzen – in unserem Land immer mehr zunehmen? Wie ist es zu erklären, daß es einerseits eine neue Sehnsucht nach gelebten Werten gibt, andererseits jedoch eine weitverbreitete Absenz von Werten erkennbar ist? Wenn Werte nicht erkundet, vorgelebt und von klein auf eingeübt werden oder nur ein kümmerliches Dasein fristen, werden sie natürlich auch nicht gelebt. Wer kennt heute noch die vier Kardinaltugenden aus der antiken Philosophie (Platon, ca. 360 v.Chr.): Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit, aus denen viele Jahrhunderte hindurch alle weiteren Tugenden abgeleitet wurden? Wer lebt nach den drei göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe, wie sie Paulus im Hohen Lied der Liebe beschreibt (1. Korinther 13)?

Und doch ist eine Sehnsucht nach ihnen da. Vielleicht auch, weil manche Überzeugungen der 68er-Generation sich heute als Trugschluß erweisen. Schon der dänische Theologe Sören Kierkegaard warnte vor 150 Jahren: „Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, findet sich schnell als Witwer vor“. „Abtauchen in die Vergangenheit und heute etwas von ewigen Werten spüren“, so beschreiben viele Führungskräfte ihre Erfahrungen in den ehemaligen Zisterzienserklöstern Loccum und Amelungsborn. Bei den Seminaren und Trainings für Firmen und Privatpersonen, die ich dort zusammen mit meinem Kollegen Ralf Reuter veranstalte, geraten viele darüber ins Grübeln, was diese besonderen Gebäude wohl über 800 Jahre hindurch geprägt und erhalten hat. Kein Unternehmen kann dieses Alter vorweisen. Es sind Orte, an denen Menschen unterschiedlichster Prägung seit Gründung dieser Klöster, auch nachdem sie in evangelische Hände gelangten, bis heute an jedem Tag ihre Andachten gehalten und ihre Gebete für die Bewahrung der Menschen und den Fortbestand dieser Erde gesprochen haben. Es wird etwas spürbar von Werten, die tragfähig sind. Ähnliches gilt für die Pilgertouren, die ich entlang der Klöster des neu erschlossenen Pilgerwegs Loccum-Volkenroda führe. Sie versinnbildlichen ein Stück weit den Weg des Lebens mit seinen Höhen und Tiefen, den Durststrecken und Oasen.

4. Values Exploration – mit Werten Krisen überwinden

Aus der biblischen und kirchengeschichtlichen Tradition des Christentums ist bekannt, daß Krisen zum Leben dazugehören, ja sogar notwendig sind. Die Bibel berichtet schonungslos darüber, daß keine ihrer Führungspersönlichkeiten nicht durch Krisen hindurchgegangen ist. Gleichzeitig gibt die biblische Zeitvorstellung, daß die Zeit in der Ewigkeit Gottes eingebettet ist, die Gelassenheit und den Mut, Veränderungsprozesse zu beobachten aber auch aktiv zu gestalten. Der Apostel Paulus kennt sogar so etwas wie die Gleichzeitigkeit von Krise und Erfolg, wenn er an die Gemeinde in Rom schreibt (Römer 7,24f): „Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn!“ Ich begegne immer wieder Unternehmern, die mitten in einer wirtschaftlichen Krise stecken. Dabei ist es für mich besonders beeindruckend, wie sie damit umgehen. In sehr vielen Fällen sind damit ja persönliche Schicksale verbunden, manchmal geht dabei auch die Ehe in die Brüche oder Freundschaften erweisen sich als ehemalige Zweckgemeinschaften. Da wird deutlich, was wirklich trägt.

Ganz zu Beginn des Christentums haben Menschen erstaunlicherweise diese Krisen in ihrem Leben auf künstliche Weise erzeugt. Sie haben Familie, Freunde, Besitz und Sicherheiten hinter sich gelassen und sind in die Wüste gegangen. Das war Askese, was übersetzt nichts anderes als Übung bedeutet. Sie suchten die Unmittelbarkeit zu Gott, indem Sie sich von seiner Hilfe abhängig machten. Es ist für mich eine große Bereicherung, Menschen kennengelernt zu haben, die alles verloren oder bewußt auf materielle Dinge verzichtet haben und denen trotz dieser Krise ihre christlichen Werte Glaube, Hoffnung und Liebe nicht abhanden gekommen sind. Und es freut mich um so mehr, daß diejenigen, die dabei in Insolvenz geraten sind, in den meisten Fällen mit der Geschäftsführung eines anderen Unternehmens betraut worden sind, weil sie glaubwürdige Personen sind und man von ihnen erwartet, daß sie aus ihrer Erfahrung heraus die Warnlampen besser kennen und beachten als die scheinbar makellosen Erfolgstypen.

Das Gegenteil beobachte ich natürlich leider auch um mich herum: Wirtschaftlicher Reichtum bei gleichzeitiger innere Leere. Was wiegt am Ende schwerer, was ist bedrückender: Wirtschaftliche Insolvenz oder spirituelle Insolvenz? Ich behaupte: Wer im Leben einen archimedischen Punkt hat, wer Werte aus Überzeugung lebt, der kann Krisen leichter überwinden. Mit Werten in Führung zu gehen, bedeutet auch, nachhaltig wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen. Eine gemeinsame Studie von Gregor Schönborn (Deep-White) und der Universität St. Gallen aus dem Jahre 2004 kommt zu dem Schluß, daß gelebte Werte sogar mehr als ein Viertel des wirtschaftlichen Erfolgs verursachen! Ethische Kompetenz erweist sich damit als ein besonderer Produktivitätsfaktor. Es liegt mir fern, hiermit ein Wohlstandsevangelium auf der Basis von ethical correctness zu verkündigen. Damit wären die vier antiken Kardinaltugenden oder die drei christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe für mich sofort wieder konterkariert, weil sie zur Verdinglichung mißbraucht würden. Es war heute einzig und allein mein Anliegen, Ihnen Mut zu machen, Werte zu entdecken und diese auch ins Leben zu ziehen. Wenn Ihnen das gelingt, dann können Sie als glaubwürdige Führungskraft gelassener und mit größerer Freiheit die Zukunft Ihres Unternehmens gestalten: Wer aus der Ewigkeit schöpft, braucht die Zukunft nicht zu scheuen! Ich schließe deshalb in diesem Sinne mit zwei Zitaten, die Mut machen, die Zukunft in der Ewigkeit zu suchen: „Erwarte nichts vom Menschen, wenn er für seinen Lebensunterhalt arbeitet und nicht für seine Ewigkeit“ (Antoine den Saint Exupéry, Die Stadt in der Wüste). „Klein ist der Mensch, der Vergängliches sucht, groß aber, wer das Ewige im Sinn hat.“ (Antonius von Padua, Predigten).

Vortrag auf dem 2. Mittelstandstag Niedersachsen, 28. Juni 2006

Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 28. Juni 2006 um 15:43 und abgelegt unter Seelsorge / Lebenshilfe, Theologie.