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Wird der schmale Weg verbreitert?

Freitag 4. September 2009 von Pfr. Wilhelm Busch (1897-1966)


Pfr. Wilhelm Busch (1897-1966)

Wird der ÔÇ×Schmale WegÔÇť verbreitert?
Ein Wort zur evangelischen Jugendarbeit (1958)

Schmerzerf├╝llt schrieb einst der Apostel Paulus von einem seiner bisherigen Mitarbeiter: „Demas hat mich verlassen und die Welt lieb gewonnen.“ Wenn dieser Demas heute lebte, dann h├Ątte er es nicht n├Âtig, die christliche Gemeinde zu verlassen. Er w├╝rde bleiben, weil er in der Jugendarbeit der Christenheit ein gro├čartiges Bet├Ątigungsfeld f├Ąnde. Ja, er w├╝rde bald zu hohen Ehren aufsteigen. Und dann w├╝rde er in irgendeinem Jugendblatt einen Aufsatz schreiben, in welchem er dem Apostel Paulus nachweisen w├╝rde, da├č er eine „pietistische“ oder gar „introvertierte“ Theologie h├Ątte und da├č er, der Paulus, schuldig sei an dem gesetzlichen Wesen in der bisherigen Gemeindearbeit. In einem zweiten Aufsatz w├╝rde er den Aposteln sagen: Es geht nicht an, da├č ihr solch einen Trennungsstrich zieht zwischen Gemeinde und Welt, wie es der Johannes tut in dem Satz: „Habt nicht lieb die Welt!“ So darf man nicht sagen und tun! Denn- so w├╝rde Demas ausf├╝hren – „das Salz geh├Ârt in die Suppe und nicht neben den Suppentopf!“ Ich sehe die Artikelserie des Demas vor mir. Darin w├╝rde er etwa schreiben: Es geht nicht an, da├č ihr zu den G├Âtzenfesten der Heiden einfach „Nein!“ sagt. Ihr m├╝├čt mitfeiern und daf├╝r sorgen, da├č es h├╝bsche, nette und anst├Ąndige G├Âtzenfeste werden! So etwa w├╝rde Demas heute schreiben.

Die Lage

Vor mir liegt ein Bl├Ąttchen, darin hei├čt es: „Wir m├Âchten gern am kommenden Samstag ein kleines fest feiern, ein sommerfest.┬áwir w├╝rden uns freuen, wenn auch du, liebes M├Ądel, und du, lieber Junge, und ihr, liebe Eltern und liebe Gemeindev├Ąter an unsrer Freude teilhaben k├Ânntet. – f├╝r den Magen und die Kehle ist eine Kleinigkeit vorbereitet. es soll euch nicht viel kosten. Wir wollen nat├╝rlich nicht nur essen und trinken, sondern auch tanzen und spielen. (Wem f├Ąllt da nicht der Satz aus 1. Korinther 10, 7 ein: ÔÇ×Werdet nicht Abg├Âttische, gleichwie jener etliche wurden, wie geschrieben steht: Das Volk setzte sich nieder, zu essen und zu trinken, und stand auf, zu spielen.ÔÇť Die Schriftleitung.) auch die ├Ąlteren unter uns sollen dabei zu ihrem recht kommen. also dann bis zum Samstag, den 22. 9., um 20 Uhr in unsrer Lutherkirche.

es ladet herzlichst ein die jugend luther-s├╝d. programmfolge: polonaise / tanzserie f├╝r alle / totozettel / tanzserie f├╝r anf├Ąnger / fu├čballspiel/volkstanz / gemeinschaftstanz / der widerspenstige besen / tanzserie f├╝r die halbw├╝chsigen / heute gehn wir bummeln / volkstanz / gemeinschaftstanz.“

Ja, hier kann sich Demas wohl f├╝hlen. Wahrscheinlich f├╝hrt er die Polonaise an. Es meine nur niemand, das sei eine einzelne Entgleisung. Nein! Das soll offenbar immer mehr der Kurs in der evangelischen Jugendarbeit werden. Und wer nicht mitmachen will, der ist „hoffnungslos r├╝ckst├Ąndig“. Da schreibt mir ein Pfarrer einen notvollen Brief. Er schildert, wie sein bl├╝hender Jugendkreis allm├Ąhlich in die Br├╝che geht. Denn der Synodal-Jugendpfarrer holt an jedem Samstag die Jugend zusammen zu Tanzkreisen. Damit ist ein Geist in seinen Jugendkreis eingekehrt, der dem Heiligen Geist stracks zuwider ist. „Ich kann in den Bibelstunden kaum noch ein Lied ansagenÔÇť, schreibt er, „ohne da├č noch ein paar sich schnell die Erlebnisse des letzten Samstag zufl├╝stern.ÔÇť Am meisten hat mich in seinem Brief die Bemerkung ersch├╝ttert, da├č die ernsten, suchenden Seelen dem Kreis fernbleiben. Wohin gehen sie? Wenn’s gut geht, in die Freikirchen! Da sitze ich in einer Gro├čstadt nach einer Bibelstunde noch ein wenig zusammen mit dem Sekret├Ąr des CVJM und zwei Vorstandsmitgliedern. Sie berichten von einer Jugendwoche, die ein Landesjugendpfarrer in ihrer Stadt inszeniert hat. Man hatte sich Leute verschrieben, die gar nicht in der evangelischen Jugendarbeit stehen, die aber Volkst├Ąnze und Gesellschaftst├Ąnze lehren k├Ânnen. Man hat Diskussionen veranstaltet, in denen in h├Âchst unverbindlicher Weise ├╝ber dies und jenes geschw├Ątzt wurde. Es wurde unentwegt von ÔÇ×neuen WegenÔÇť geredet. ÔÇ×Sehen Sie“, sagt der Jugendsekret├Ąr, „ich bin durch Ihren Bruder zum Glauben gekommen. Damals habe ich mich entschlossen, mein Leben in den Dienst des Herrn Jesus zu stellen. Fr├╝her war ich in der Hitler-Jugend. Es ist also in meinem Leben durch eine klare Entscheidung gegangen. Wenn nun dieser neue Kurs in der evangelischen Jugendarbeit gesteuert werden soll, dann kann ich nicht mehr mitmachen. Meine Kreise jedenfalls werde ich von diesem Treiben fernhalten.“ Ich sp├╝re seinen Worten an, wie unendlich einsam er geworden ist. Fast ist es, als fragte er mich: ÔÇ×War ich denn ein Narr, als ich mich zum Herrn bekehrte?ÔÇť Vor einiger Zeit fand ein Treffen von deutschen und holl├Ąndischen Jugendarbeitern und Mitarbeiterinnen statt. Bei diesem Treffen wurde es offen ausgesprochen: „Wir k├Ânnen doch nicht mit der Bibel zu den jungen Menschen von heute gehen! Wir k├Ânnen doch nicht mit der T├╝r ins Haus fallen. Wir m├╝ssen mit ihnen tanzen und ins Kino gehen. Vielleicht ergibt sich dann die M├Âglichkeit, auch gelegentlich das Evangelium anzubringen.“ Und fast alle stimmten dem zu. Im letzten Jahr erschien in der Tageszeitung einer Gro├čstadt ein halbseitiger Bericht ├╝ber die Karneval-Veranstaltung des CVJM – – – Das ist die Lage: Demas ├╝bernimmt die F├╝hrung der evangelischen Jugendarbeit.

Was immer schon war

Es ist keine Frage, da├č zu evangelischer Jugendarbeit nicht nur Bibelstunden geh├Âren. Es werden Fahrten unternommen. Es wird auch gespielt, Sport getrieben, es werden Filme gezeigt. Das ist seit Anfang aller Jugendarbeit schon so gewesen. Die evangelische Jugendarbeit ist aus der Erweckung entstanden. Darum wu├čte sie klar, da├č sie eine einzige Aufgabe hat: junge Menschen zu Jesus zu f├╝hren. Darum stand allezeit das Wort der Bibel im Mittelpunkt. An diesem Wort aber entsteht Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft will sich bet├Ątigen. Darum kam man schon in der ersten Christenheit zusammen zu „Liebesmahlen“. In Frauenvereinen bet├Ątigt sich die Gemeinschaft in Kaffeefesten, in der Jugendarbeit in Fahrten, Sport und Lager. Habe ich es deutlich ausgedr├╝ckt? Es darf in der evangelischen Jugendarbeit solche Dinge nur geben als Bet├Ątigung der Gemeinschaft, die am Worte Gottes entsteht. Die Nationalsozialisten haben ganz genau gewu├čt, was sie taten, als sie der evangelischen Jugend alle „weltliche“ Bet├Ątigung wie Spiel und Wanderungen verboten. Sie wollten uns die M├Âglichkeit nehmen, die am Worte Gottes entstandene Gemeinschaft zu bet├Ątigen. Wenn man wirklich das Wort der Bibel in den Mittelpunkt stellt und die „weltlichen Dinge“ als Bet├Ątigung der Gemeinschaft versteht, dann wird ohne weiteres klar, da├č dabei gewisse Grenzen gesetzt sind. Es ist doch sehr interessant, da├č unsere Sportleute in der „Eichenkreuz-Bewegung“ immer sehr mi├čtrauisch waren gegen den Fu├čball. Pastor Weigle, der ja wirklich etwas von Jugendarbeit verstand, pflegte zu sagen: „Der Fu├čball erweckt seltsamerweise Leidenschaften, die der Handball und andre Spiele nicht kennen. Also verzichten wir auf ihn!“ Dasselbe gilt vom Tanzen. Hier mu├č eine Anmerkung gemacht werden, damit keine Mi├čverst├Ąndnisse entstehen: Selbstverst├Ąndlich haben wir in unserer Jugendarbeit allezeit junge Menschen, die von ihren Eltern aus die Tanzstunde besuchen m├╝ssen. Davon ist jetzt nicht die Rede. Es ist eine seelsorgerliche Frage, wie wir den jungen Menschen hier raten. Und wir m├╝ssen uns dabei vor einer ├ťberforderung und vor Gesetzlichkeit h├╝ten. In unserem Aufsatz geht es um die Frage: Was ist der Auftrag der evangelischen Jugendarbeit? Und das ist sicher: Tanzen und Kino und m├╝├čige Diskussionen und all das, was uns unter dem Stichwort „Neue Wege“ angepriesen wird, geh├Âren nicht dazu.

Die „neuen Wege“

Nun schreit man heute lauthals immerzu nach „neuen Wegen“. Diese neuen Wege bestehen samt und sonders darin, da├č man den Geist der „Welt“ (die Bibel sagt: das Schema der Welt) unsre Jugendkreise bestimmen l├Ą├čt. Hierf├╝r hat man drei Gr├╝nde:

1. Man erkl├Ąrt: „Wir m├╝ssen zuerst mit der Jugend Kontakt suchen, ehe wir das Evangelium sagen k├Ânnen.“ Ich finde, da├č diese Erkl├Ąrung ein erb├Ąrmliches Armutszeugnis ist. Ich habe alte Christen kennengelernt, die einen ungeheuren seelsorgerlichen Einflu├č auf junge Menschen aus├╝bten, nicht etwa dadurch, da├č sie „Kontakt suchten“, sondern dadurch, da├č sie eine gro├če Liebe hatten und eine gro├če Vollmacht. Der Mann, der den Berliner CVJM in der Wilhelmstra├če gepr├Ągt hat, Forstmeister von Rothkirch, konnte sich neben einen jungen Menschen setzen, der zum erstenmal kam. Und nach f├╝nf Minuten sprach er mit ihm von Jesus. Ich habe solche Leute sp├Ąter gesprochen. Und sie berichteten ├╝bereinstimmend, wie ihnen bei von Rothkirch eine ganz gro├če Liebe und menschliche W├Ąrme entgegengekommen sei, die sofort jeden Alters- und Standesunterschied ├╝berbr├╝ckt habe. Ja, wenn wir „Pfarrherren“ sind, dann m├╝ssen wir erst Kontakt suchen. Doch ich f├╝rchte, wir werden den Kontakt nicht dadurch finden, da├č wir auf das k├╝mmerliche Niveau unserer Zeit hinabsteigen. Ich habe einmal erlebt, wie mein Bruder Johannes einem wildfremden jungen Burschen auf die Schulter schlug und „Hallo!“ sagte. Von dem Moment ab war „Kontakt“ da.

2. Die zweite Begr├╝ndung, die man f├╝r das Demas-Wesen der evangelischen Jugendarbeit h├Ąufig h├Ârt, lautet: „Die Kirche hat fr├╝her den Menschen gesagt, wie sie selig sterben k├Ânnen. Heute m├╝ssen wir ihnen sagen, wie sie richtig leben k├Ânnen.“ Nun will man ihnen also praktische Lebenshilfe bieten, indem man mit ihnen ins Kino geht und ihnen erkl├Ąrt, was schlecht und was gut ist; indem man mit ihnen tanzt, um einen „anst├Ąndigen Karneval“ zu demonstrieren. Die Folge ist, da├č man nicht mehr den Frieden mit Gott predigt, sondern Lebensfragen bespricht. Wissen wir, wohin das f├╝hrt? Damit stehen wir wieder bei der „Aufkl├Ąrung“. Das war eine geistige Bewegung, die um das Jahr 1800 die Kirche verw├╝stete, weil man nicht mehr Vergebung der S├╝nden predigen wollte, sondern „Lebenshilfe“. Klaus Harms hielt in jener Zeit eine Predigt ├╝ber das Thema: „├ľffne dein Herz der Geselligkeit, aber halte dich auch zum Abschied bereit.“ Sehen Sie, das waren praktische Predigten mit „Lebenshilfe“. Und es ist ja bekannt, da├č ein Bauernpfarrer in der Weihnachtspredigt ├╝ber den „Nutzen der Stallf├╝tterung“ predigte, weil ihm eine Predigt ├╝ber das Kind in der Krippe nicht „lebensnah“ genug erschien. Ulkig ist ├╝brigens folgendes: Die „Aufkl├Ąrung“ l├Âste das Zeitalter der Orthodoxie ab. Weil wir heute in schnellerem Tempo leben, machen wir Aufkl├Ąrung und Orthodoxie auf einmal ab. Darum sieht ein modernes Programm f├╝r Jugendarbeit etwa so aus: Morgens eine orthodoxe Barth’sche Predigt mit Abendmahl, abends Tanzvergn├╝gen.

3. Die dritte Begr├╝ndung, die uns f├╝r das Demas-Wesen in der evangelischen Jugendarbeit genannt wird, ist die k├╝mmerlichste. Ich habe sie oft genug, namentlich in S├╝ddeutschland, geh├Ârt: „Wir m├╝ssen doch beweisen, da├č wir in die Welt hineinpassen.“ Ach du liebe Zeit! Dahinein passen wir (abgesehen von einigen komischen Typen) nur allzu gut! Die Frage ist vielmehr, ob wir in das Reich Gottes hineinpassen und ob an uns die Fr├╝chte des Heiligen Geistes, die in Galater 5, 22 genannt sind, sichtbar werden. Die moderne Jugend fragt uns nicht, ob wir in die Welt hineinpassen, sondern sie fragt uns, ob wir eine g├Âttliche Botschaft f├╝r sie haben, die wirklich dem Menschen im tiefsten Grunde hilft. Darauf kommen wir noch zu sprechen. Wie sehen bei solchen Voraussetzungen die Jugendstunden der „neuen Wege“ aus? Ein Pfarrer sagte mir: „Mensch! Bedenken Sie, da├č die jungen Leute den ganzen Tag gearbeitet haben. Da k├Ânnen wir ihnen doch nicht am Abend noch mit der Bibel kommen!“ –┬á„Nun“, bat ich ihn, „erz├Ąhlen Sie nur einmal, was Sie mit Ihrer Jugend in der letzten Stunde gemach haben.“ –┬á„Oh, das war sehr nett“, berichtete er. „Da sind zwei, die auch noch zu den Naturfreunden geh├Âren. Die waren an diesem Abend auf einem Maskenfest der Naturfreunde. Zwischendurch kamen sie zu uns und erz├Ąhlten von ihrem Ball. Das wurde sehr lustig. Dann zogen sie wieder los, und wir anderen haben noch ein wenig Erinnerungen ausgetauscht an ├Ąhnliche Erlebnisse.“ Evangelische Jugendarbeit?! Neue Wege sollen das sein? Das sind die uralten Wege des Rationalismus. Es sind die uralten Wege des Demas, der die Welt liebgewann. Es sind die uralten Wege der alttestamentlichen Gemeinde, die vom Herrn abfiel, die G├Âtzen anbetete und „dem Fleische“ diente. Da entw├╝rdigen nun Pfarrer ihr kirchliches „Amt, das die Vers├Âhnung predigt“ (2. Kor. 5,18) und machen sich endlich selbst zum „maitre de plaisir“, zum Vergn├╝gungsmeister. Da registrieren sie mit Begeisterung, wieviel Jugend sie „erreicht“ haben und bedenken gar nicht, da├č es nicht ums „erreichen“ geht, sondern um einen heiligen Auftrag: „Ihr sollt meine Zeugen sein.“ Da werden Geld und Kraft verschwendet f├╝r Torheit und Allotria. Und die wirkliche Gemeinde seufzt und ist betr├╝bt. Die ernsten jungen Menschen aber wenden sich schaudernd ab von einer Christenheit, die selbst kein Vertrauen mehr zu ihrer Botschaft hat.

Nun, wir haben gegen diese sogenannten „neuen Wege“ einiges einzuwenden. Nicht nur, weil wir hoffnungslos r├╝ckst├Ąndig sind. (Es ist uns allerdings auch kein wichtiges Anliegen, als modern zu gelten.) Wir glauben vielmehr, etwas von Jugendarbeit zu verstehen und sind schlie├člich auch Kinder unserer Zeit. (Wenn ich „wir“ sage, meine ich die ganze gro├če Schar derer, denen dieses Treiben innerhalb der kirchlichen Jugendarbeit allm├Ąhlich zuviel wird,┬ázuviel, weil es ungeistlich und t├Âricht ist. Und je ungeistlicher und t├Ârichter, desto lauter ist es!) Was wir einzuwenden haben gegen die „neuen Wege“: Man verkennt v├Âllig die geistige Lage der heutigen Jugend. Da tun diese Leute, die ihre Jugendarbeit mit Tanz, Diskussionen und Kino bestreiten wollen, als wenn sie wunder wie modern seien. Und dabei ahnen sie gar nicht, da├č sie v├Âllig unmodern sind und keine Ahnung haben von der geistigen Lage der heutigen jungen Generation. Wie sieht es denn da aus? Die gr├Â├čte Not der heutigen Jugend ist, da├č sie nichts mehr ernst nehmen kann. Ohne da├č sie es sich klarmacht, leidet sie darunter. Diese geistige Situation ruft nach nichts anderem als nach der klaren Verk├╝ndigung des Evangeliums. Alle Werte und Lebensinhalte sind dieser Jugend zerbrochen. Nichts kann ihr Herz mehr richtig gefangennehmen. Und da stehen wir Christen da mit einer Botschaft, die man einfach ernst nehmen mu├č: da├č Gott in Jesus ein gro├čes Heil geschenkt hat, und da├č dieser Jesus zur Nachfolge aufruft, und da├č ein ewiges Reich unter uns angebrochen ist.

Vor einem Jahr sprach ich ├╝ber die geistige Lage der Jugend vor norwegischen Pfarrern in Oslo. (Hier ist zu bemerken, da├č viele norwegische Theologen, ehe sie ins Pfarramt gehen, erst einige Jahre sich in der Jugendarbeit bet├Ątigen.) Ich sagte ihnen das, was ich hier ausgef├╝hrt habe: Die Jugend hat nichts, was sie ernst nehmen kann. Damit sind die T├╝ren offen f├╝r die Botschaft des Evangeliums, die Tiefgang hat und das Leben in sich tr├Ągt. Darauf stand sehr ├Ąrgerlich ein ├Ąlterer Pfarrer auf und erkl├Ąrte: ÔÇ×Was Sie eben erz├Ąhlt haben, mag f├╝r die deutsche Jugend zutreffen. Die norwegische Jugend kennt noch Werte, die ihre Begeisterung erwecken.ÔÇť Ich bat ihn, mir solche Werte zu nennen. Darauf sagte er: ÔÇ×Unsere Monarchie.ÔÇť Es stimmt allerdings, da├č der K├Ânig von Norwegen, der vor kurzem verstorben ist, die Liebe seines Volkes hatte, weil er sich w├Ąhrend der deutschen Besatzung heldenhaft benommen hat. Aber ich mu├čte dem Pfarrer erwidern: ÔÇ×Bitte, nehmen Sie es mir nicht ├╝bel, da├č ich als Deutscher Ihnen jetzt ein Erlebnis erz├Ąhlen mu├č, das ich heute morgen hatte. Ich war zum Schlo├č hin├╝bergegangen, wo eine kleine milit├Ąrische Zeremonie stattfinden sollte, weil der K├Ânig ausfuhr, um das norwegische Parlament zu schlie├čen. Allerlei junges Volk zwischen 16 und 20 Jahren hatte sich angesammelt. Wir sahen neugierig zu, wie das Milit├Ąr aufmarschierte, wie eine Musikkapelle heranzog – und dann, in diesem Augenblick, rannte auf einmal all das junge Volk weg nach der Stra├če, die auf die Schlo├čterrasse hinauff├╝hrt. Ich ging hinterher und sah, da├č im Mittelpunkt des Gew├╝hls eine Dame stand mit leuchtend roten Lippen und violett untermalten Augen, in einem Pelzmantel von ungeheurem Wert. Mit m├╝der Hand gab diese junge Dame einige Autogramme und lie├č dann den F├╝ller einfach auf den Boden fallen. Ich fragte: ÔÇ×Wer ist denn das?ÔÇť und bekam die Antwort: ÔÇ×Das ist Sophia Loren.ÔÇť Den Namen dieser Filmschauspielerin hatte ich schon geh├Ârt, obwohl ich nicht ins Kino gehe… Inzwischen war der K├Ânig weggefahren – unbeachtet von der Jugend. Ihr galt eine Filmschauspielerin soviel wie ihr K├Ânig. Und ich f├╝rchte, da├č die vaterl├Ąndischen Werte, die uns Alte noch begeistert haben, dieser Jugend nicht mehr allzuviel bedeuten. Nein, ich bleibe dabei: Sie ist im Grunde ihres Herzens nihilistisch.ÔÇť Da sprangen die jungen Pfarrer auf und gaben mir leidenschaftlich recht. Und sie begriffen meine Forderung, dieser Jugend jetzt nichts anderes als die volle biblische Botschaft zu sagen. Sie hungert ja f├Ârmlich danach! Wir Christen sind die einzigen, die ihr noch etwas Wertbest├Ąndiges anzubieten haben.

Lassen Sie mich noch ein Beispiel sagen: Der „SpiegelÔÇť 11/48 berichtet ├╝ber den jungen, erfolgreichen englischen B├╝hnenschriftsteller John Osborne. Ein junger Mann zwischen 20 und 30 Jahren! In seinem St├╝ck „Blick zur├╝ck im ZornÔÇť, das ebenso in Moskau wie in London gespielt wird und die Jugend anlockt, zeigt er einen jungen Mann, der alles, aber auch alles verneint, l├Ąstert und beschimpft. Ein entsetzlicher Nihilismus! Nur an einer Stelle ist ein anderer Klang zu h├Âren: „Wie sehne ich mich nach etwas Enthusiasmus, ganz gew├Âhnlichem menschlichem Enthusiasmus! Einmal eine warme, begeisterte Stimme ,Halleluja!‘ in die Welt hinausschreien h├ÂrenÔÇŽ!ÔÇť Das hei├čt doch: Wo ist ein Mensch, der mit ganzer Gewi├čheit eine ernstzunehmende Botschaft sagen kann? „Er spricht f├╝r unsere Generation“, sagen die jungen Menschen.

Hier sind nun doch die Christen gerufen; denn wir sind nun die einzigen, die noch eine wirkliche Botschaft haben. Sie hei├čt: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, da├č er seinen eingeborenen Sohn gab, auf da├č alle, die sich dem anvertrauen, nicht verlorengehen, sondern das ewige Leben haben.“ Diese junge Generation fragt uns nicht, ob wir „weltoffen“ sind. Das Elend aller Weltoffenheit kennt sie ja zur Gen├╝ge. Sie fragt uns, ob wir eine wichtige Botschaft haben. Sie fragt uns nicht, ob wir mit ihr ins Kino gehen wollen. Das kann sie ohne uns. Sie fragt uns auch nicht, ob wir mit ihr tanzen wollen. Das kann sie sogar besser ohne uns. Nein! Sie fragt uns, ob wir unserer Botschaft ganz gewi├č sind. Das fragt sie. Und hier scheint mir die eigentliche Not zu liegen. Bibelkritik und theologische Spitzfindigkeiten entlassen den Pfarrer in seine Gemeinde so, da├č er keine gewisse Botschaft mehr hat. Aber nach unserer Gewi├čheit fragt eben die junge Generation. Und wenn sie die bei uns findet, horcht sie auf. Im November 1957 wurde in N├╝rnberg ein k├╝hner Vorsto├č gemacht. Man veranstaltete eine „Jugendwoche“, bei der nichts weiter geschah, als da├č an f├╝nf Abenden in der Messehalle das Evangelium verk├╝ndigt wurde. Man fing mit 2500 St├╝hlen an. Am n├Ąchsten Abend wurden 1000 St├╝hle dazugestellt, am dritten Abend noch einmal. Der vierte Abend hatte das Thema „Unser Recht auf Liebe“. Da kamen etwa 5500 junge Menschen. Die Alten wurden in eine nahegelegene Kirche verwiesen, wohin eine ├ťbertragung stattfand. Es kamen solche Scharen von „Halbstarken“, da├č man f├╝rchtete, die Sache k├Ânne den Veranstaltern aus der Hand gleiten. Aber vom ersten Wort an war atemlose Aufmerksamkeit. Der letzte Abend hatte das Thema: „Kann man ohne Jesus leben?“ Jeder erwartete bei diesem Thema ein Abflauen des Besuchs. Aber wieder kamen 5000 bis 6000 junge Menschen. Das ist die Lage! Die heutige Jugend fragt uns:

1. Habt Ihr eine ernst zu nehmende Botschaft?

2. Seid Ihr Eurer Botschaft gewi├č?

Seit Jahrhunderten war nicht eine solche geistige Situation. Aber statt da├č man diese von Gott gegebene Lage erkennt, glaubt man „modern“ zu sein, wenn man diesem jungen Volk von Seiten der Kirche Tanz und Kino und Diskussionen bietet. Man wei├č wirklich nicht, ob man dar├╝ber lachen oder weinen soll. So lassen die „modernen“ (!) Vertreter der „neuen Wege“ eine suchende Jugend verschmachten. Sie bieten ihnen Steine statt Brot und r├╝hmen sich dessen sogar noch. Sie gehen an der eigentlichen Problematik der Jugend vorbei und finden sich enorm zeitgem├Ą├č. Wen will man mit diesen Methoden erreichen? Ich will offen bekennen, da├č ich vor meiner Bekehrung zum Herrn Jesus gern getanzt habe. Als ich aber ernst machte mit der Nachfolge, war es damit zu Ende. Ich m├Âchte niemand richten, der als Christ tanzt. Es geht in diesem Aufsatz auch nicht um die Frage, ob ein Christ tanzen darf, sondern es geht um die Aufgaben der evangelischen Jugendarbeit.

Der Essener Erweckungsprediger Julius Dammann wurde einmal gefragt: „Kann man als Christ tanzen?“ Er antwortete: „Als ich ein kleiner Junge war, sah ich Seilt├Ąnzer, die auf einem ganz d├╝nnen Seil tanzten. Ich kann das nicht. Genauso geht es mir mit allen Tanzvergn├╝gungen. Es mag Menschen geben, die auf dem schmalen Weg zum ewigen Leben tanzen k├Ânnen. Ich kann es nicht.“ Nun stelle ich mir vor, es h├Ątte mir nach meiner Bekehrung jemand den Vorschlag gemacht: ich k├Ânnte ja unter der Aufsicht eines Jugendpfarrers oder Sekret├Ąrs weitertanzen. Ach, da h├Ątte ich laut gelacht und gedacht: „Was m├╝ssen das f├╝r komische Tanzklubs sein, die weder den Mut zum S├╝ndigen, noch den Mut zum Ernstmachen haben!“

Ich bin froh, da├č auch die Bibel gegen diese Halbheit Stellung nimmt. Der erh├Âhte Herr sagt: ,,O da├č du kalt oder warm w├Ąrest!“ Was mu├č das f├╝r eine Jugend sein, die man mit Halbheiten gewinnen will! Ja, was soll das f├╝r eine Jugend sein?! „Wir k├Ânnen doch nicht mit der T├╝r ins Haus fallen!“, erkl├Ąrt man mir weise. Man sucht also zuerst Kontakt mit dieser Jugend, indem man sich auf ihre Ebene begibt. Und dann, so klammheimlich, kommt man allm├Ąhlich damit heraus, was man wirklich will. Ich vermute, da├č jeder junge Mensch, wenn er einigerma├čen normal reagiert, sagen wird: „Ihr habt wohl selber nicht viel Vertrauen zu Eurer Sache, da├č Ihr so heimlich damit herauskommt!“ Ja, mir scheint in der ganzen Sache ein Widerspruch in sich selbst zu liegen: man begibt sich auf die „neuen Wege“, um das Vertrauen der Jugend zu gewinnen. Durch nichts aber verliert man das Vertrauen junger Menschen mehr, als wenn man nicht von vornherein offen sagt, wo man eigentlich hinaus will. Ein junger Mensch kann nur dann Vertrauen zu mir haben, wenn ich ihm von Anfang an offen sage: „Ich m├Âchte Dich gewinnen f├╝r den Herrn Jesus Christus.“ Wenn ich diese Absicht verberge, mu├č das doch bei jedem normal reagierenden jungen Menschen h├Âchstes Mi├čtrauen erwecken. Und auf dem Wege will man sein Vertrauen gewinnen? Was soll das f├╝r eine Jugend sein, die man so zu „erreichen“ hofft? Eines ist sicher: die hungrigen Seelen und die suchenden Herzen und die Verzweifelten und die M├╝hseligen und Beladenen wird man so nie finden. Und gerade f├╝r die ist doch das Evangelium da.

Haben wir nicht einen Auftrag auszurichten?

Unser Herr hat seiner Kirche befohlen: „Ihr sollt meine Zeugen sein.“ Das ist ein klarer Auftrag. Nun ist es doch einfach ungehorsam, wenn die Christen erkl├Ąren: „Herr, f├╝r unsere Zeit pa├čt das nicht mehr so ganz. Wir k├Ânnen nicht immer nur von Dir reden, denn wir m├╝ssen den jungen Leuten heute helfen, richtig in das Leben hineinzufinden. Oder wir m├╝ssen zumindest zuerst ziemliche Anmarschwege machen, ehe wir Dir, Herr, gehorchen k├Ânnen.“ In meiner Bibel steht: „Predige zur Zeit und zur Unzeit!“ Da haben wir die klare Anweisung, nicht nach dem Erfolg zu fragen, sondern unseren Auftrag auszurichten. Der Herr wird mich an jenem Tage nicht fragen, ob ich ungeschickt war, wenn ich mit der T├╝r ins Haus fiel und einem jungen Menschen sagte: „Du brauchst Jesus!“ Aber Er wird mich richten, wenn ich in fleischlicher Klugheit meinen Auftrag zur├╝ckstellte. Doch nun ist ja heute gar nicht „Unzeit“. Die T├╝ren sind offen f├╝r das Evangelium! Im ├╝brigen: Gottes Wort kennt schon diese falschen Propheten der „neuen Wege“. Es sagt in Jeremia 6,16: „Tretet auf die Wege und schauet und fraget nach den vorigen Wegen, welches der gute Weg sei, und wandelt darin, so werdet ihr Ruhe finden f├╝r eure Seelen! Aber sie sprechen: Wir wollen’s nicht tun.“

Die gro├če Not

Die eigentliche Not, die in dieser ganzen Sache offenbar wird, ist doch die, da├č man kein Vertrauen mehr hat in die „efficacia verbi divini“, das hei├čt in die Wirklichkeit des Wortes Gottes. Man traut dem Evangelium nicht mehr zu, da├č eine Jugend im Zeitalter der Technik und der Sputniks diese alte Botschaft h├Âren k├Ânnte. Da kann man nur sagen: Arme Boten, die kein Vertrauen zu ihrer Botschaft haben! Arme Kirche! Gott hat ihr einen starken „Freudenwein“ anvertraut – und sie macht eine d├╝nne Limonade daraus. Arme Christenheit! Gott hat ihr das „Dynamit“ des Evangeliums anvertraut – und sie legt es beiseite und sucht die Steine mit einem H├Ąmmerchen loszubrechen. Aber nun m├Âchte ich sehr laut rufen im Namen all derer, die noch etwas wissen von der Macht des Evangeliums – im Namen all derer, die heute seufzen ├╝ber all diese Allotria -: „Macht Schlu├č damit, da├č der Demas unsere Jugendarbeit f├╝hrt und pr├Ągt! Wir wollen, da├č diese Arbeit gef├╝hrt werde von dem Herrn der Kirche und gepr├Ągt werde von Seinem herrlichen Wort.“

Pastor Wilhelm Busch (1897-1966)
Quelle: „Verk├╝ndigung im Angriff“ (1958)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 4. September 2009 um 12:40 und abgelegt unter Kirche.