Buchbesprechung: Matthias Becker – Ehe, Familie und Agamie.
Dienstag 22. Juli 2025 von Administrator
Matthias Becker, Ehe, Familie und Agamie. Die Begründung von Lebensformen angesichts gesellschaftlicher Pluralität im Neuen Testament und heute, Tübingen: Mohr Siebeck, 2024 (x + 239 Seiten).
Das kleine Buch des Heidelberger Neutestamentlers hat schon vor seinem Erscheinen für einige Aufregung gesorgt, weil hier einer der ›zünftigen‹ Universitätstheologen in Sachen Ehe und Familie alle auf Synoden und Pfarrkonventen bis zum Überdruss wiederholten Argumente zugunsten eines fortschrittlicheren Eheverständnisses als historisch und exegetisch unbegründet aufweist. Becker stellt die Sachverhalte in einer Weise dar, die allen Behauptungen, Paulus bzw. die neutestamentlichen Autoren würden mit ihrer Argumentation hinter den gegenwärtigen Differenzierungen sexueller Vielfalt und ihrer prägenden Kraft zurückbleiben, den Boden entziehen. Aber er bleibt dabei nicht stehen, sondern skizziert „als Christ und Theologe“, was das für die Gestalt von Ehe, Sexualität und Familie für Christenmenschen bedeuten kann (bzw. sollte), sofern für sie – wozu sich der Vf. selbst ausdrücklich bekennt – „Respekt vor dem Neuen Testament und seiner kanonischen Autorität als Heilige Schrift die argumentative Grundlage“ (VI) bildet.
Das im Taschenbuchformat gedruckte Buch enthält drei unterschiedlich lange Kapitel: Das erste, „Lebensformen im Kontext“, ist hauptsächlich eine Beschreibung der Ehe- und Sexualitätsverständnisse, die im römischen Reich im 1. Jahrhundert geläufig waren. Was als „holzschnittartige[r] Überblick“ angekündigt wird (5), ist ein quellenbasiertes Panoptikum, das keine Wünsche offen lässt: Vom Lob der Ehe und der Bereitschaft zu Kindern samt Verzicht auf außereheliche sexuelle Betätigungen bei stoischen und platonischen Philosophen über die Ablehnung der Institution Ehe und einem Plädoyer für „offene Beziehungen, … konsequente Promiskuität“ und „die Kollektivierung von Elternschaft und Kindererziehung“ bis hin zu „Päderastie, Bisexualität, käufliche Liebe und Inzest“ (17) ist alles enthalten. Schon zur Zeit des Augustus, selbst nicht gerade ein Vorbild sexueller Sittlichkeit, wurde darüber diskutiert, inwieweit es einen Zusammenhang zwischen „sexuelle[r] Freizügigkeit einer Gesellschaft und deren kulturellem Niedergang“ bzw. zwischen „Sexualitätsregulierung durch Monogamie und dem kulturellen Aufstieg einer Gesellschaft“ gibt (19). Dass Monogamie und ein entsprechendes Familienleben sich nicht per Gesetz dekretieren lassen, musste allerdings auch Augustus erkennen. Die einschlägigen Texte jener Zeit machen deutlich, dass die medial gehypten und politisch so stark als ›neue‹ – und implizit bessere, weil offenere, freiheitliche, diverse, selbstbestimmte – Familienmodelle alles andere als neu sind, weil auch die römische Welt, und damit das potentielle Zielpublikum der neutestamentlichen Sexualitäts- und Ehegebote eine Vielzahl von „Lebensformen und Beziehungstypen jenseits von Ehe und Familie“ kannte, und damit eben auch „eine Pluralität unterschiedlicher sexueller Ausrichtungen, Sexualpraktiken, Geschlechternormen und Geschlechtswahrnehmungen“ (24). Dass ausführlich über Bi- und Homosexualität diskutiert wurde, ist ebenso deutlich wie die Hinweise darauf, dass es auch damals gleichgeschlechtliche Beziehungen gab, die als „liebevolle Freundschaftsbeziehung und Partnerschaft auf Augenhöhe“ angelegt waren (27). Auch veranlagte Homosexualität wurde bereits in der Antike sowohl in medizinischen, astrologischen, philosophischen und literarischen Texten dargestellt und diskutiert (30).[1] Allerdings galt sexuelle Vielfalt und Freiheit nicht allen antiken Autoren als anzustrebendes Ideal. Das hat zur Folge, dass es auch Texte gibt, die mit Abwehr, scharfer Kritik und beißendem Spott auf diese Verhaltensweisen reagierten – ohne gleich mit strafrechtlichen Konsequenzen bedroht zu sein. Die Antike steht demnach zwar der Gegenwart in sexueller Freiheit in nichts nach, sehr wohl aber in puncto Diskursfreiheit. Der römische Satiriker Juvenal kann etwa über Abtreibung (für ihn ein Vergehen, das sich besonders bei den Reichen und Schönen seiner Zeit findet) sagen, dass sie „einem Mord gleichkommt“ (39). Man stelle sich vor, einer der heutigen gebührenfinanzierten TV-Satiriker würde sich in dieser Weise äußern.
Becker weist zwar darauf hin, dass literarische Texte nicht einfach als Eins-zu-eins-Beschreibungen der damaligen Lebenswirklichkeit gelesen werden können. Dennoch sind sie „Zeitzeugnisse jener paganen Mehrheitsgesellschaft“, in der sich die neutestamentlichen Autoren zu Wort meldeten. Die von ihnen durchgängig geforderte Beschränkung sexueller Praxis von Männern und Frauen aller Stände exklusiv auf die monogame Ehe von Mann und Frau stellte in diesem Kontext relativer sexueller Libertät nichts weniger als eine unzumutbare Zumutung dar, die in ihrer Unzeitigkeit und Unattraktivität in nichts hinter heutigen Befindlichkeiten zurückbleibt. Bedenkt man ferner die gleichzeitige Hochschätzung von Ehelosigkeit und damit verbunden einer asexuellen Existenz in den Evangelien und bei Paulus (nach Becker sind es erst die Deuteropaulinen, insbesondere der Kolosser- und Epheserbrief, die ein positives Ehe- und Familienbild vermitteln), dann wird deutlich, dass die neutestamentliche Sexualethik nicht von menschlichen Bedürfnissen geprägt ist (geschweige denn menschlichem Wollen und Begehren), sondern einzig von der Ausrichtung auf Gottes Willen. Die Ehe wird so zu einer „Anti-Lebensform“ nicht nur bezüglich „sexueller Zügellosigkeit“ (45), sondern im Grunde auch bezüglich einer positiv gewendeten sexuellen Erfüllung in der Ehe, die im Neuen Testament bestenfalls am Rande anklingt.
Das und noch viel mehr wird im zweiten und längsten Kapitel dargestellt. Es bietet einen chronologisch geordneten Durchgang durch die Ehe und Sexualität betreffenden neutestamentlichen Hauptschriften, angefangen bei Paulus (insbesondere 1Thess und die Korintherbriefe), über die Evangelien (wobei das JohEv „kaum normative Jesuslehren zu Ehe und Familie enthält“ [84]), Deuteropaulinen (wo Paulus als „Ordner frühchristlicher Familien“ begegnet), Pastoralbriefe, Hebräer und 1Petr bis zur Offenbarung. Auffällig ist das Fehlen des Römerbriefs (dessen einschlägige Stellen durchaus vorkommen), was daran liegt, dass es Becker nicht primär um die Frage der Homosexualität geht, sondern insgesamt um Ehe und Familie, wozu der Römerbrief deutlich weniger beiträgt als etwa die Korintherbriefe. Im Hinblick auf Familie ist wichtig, dass Kinder in Familienkontexten zwar im LkEv eine gewisse Rolle spielen und sich bei Jesus Worte der Wertschätzung von Kindern und über Kinderschutz finden (88). Daneben steht ein Ehepaar wie Priska und Aquila, von denen Becker annimmt, dass sie kinderlos waren. Ihre relativ breite Darstellung kann darum „als werbendes Beispiel einer ehelichen Lebensform gelesen werden, die nicht in der Familiengründung, sondern in der religiösen Berufung ihre Bestimmung und Erfüllung findet“ (85 Anm. 104). Becker ist allerdings sehr darum bemüht, den „Vermehrungsauftrag“ aus Gen 1,28 auch im NT zu finden, obwohl er zu Recht darauf hinweist, dass Jesus sich „in keinem Evangelium“ darauf beruft (95 Anm. 123). Auch bei den Abschnitten zu den Haustafeln im Kolosser- und Epheserbrief ist Becker äußerst engagiert, ein positives christliches Ehe- und Familienbild zu zeigen, in dem das Patriarchat durch „das Christusarchat“ ersetzt ist, und sich beide Ehepartner als „Glieder des Leibes Christi“ wissen, die sich „komplementär ergänzen, weil sie in der Ehe zu einem Fleisch werden“ (111). Wer diese Texte, die in Trauagenden noch immer vorkommen, aber oft schamhaft verschwiegen werden, weil ihr Inhalt scheinbar nicht mehr zumutbar ist, noch einmal neu als positive und mutmachende Botschaft für sich entdecken will (mit durchaus predigttauglichen Formulierungen), dem seien diese Abschnitte ausdrücklich ans Herz gelegt. Hier wird über die eheliche Sexualität eine „Aura von Heiligkeit“ gelegt (113), die einen wichtigen Gegenpol zu den anti-familialen Aussagen darstellen, die im NT eher im Vordergrund stehen und in der kirchlichen Wirkungsgeschichte häufig dazu geführt haben, Sexualität insgesamt dem Bereich der Sünde zuzuweisen. Beckers sorgfältige Unterscheidung der Texte und ihrer jeweiligen Kontexte vermeidet jede Einseitigkeit. Stattdessen beschreibt er ein dialektisches Feld zwischen bejahenden und verneinenden Aussagen, das es schwer macht, den eigenen Beziehungsstatus nun allzu einfach als das neutestamentliche Ehe- oder Familienmodell zu propagieren. Am Ende des neutestamentlichen Teils werden die jeweiligen Begründungen für Ehe und Familie bzw. für Ehelosigkeit (und damit einhergehend ein asexueller Lebensstil) noch einmal thesenartig zusammengefasst.
Darauf folgt als drittes und letztes Kapitel „Hermeneutische Impulse“ für „Theologie, Kirche und Lebensformen heute“. Hier wird den gegenwärtigen Bestrebungen, sich ethisch an „den Gegebenheiten der pluralen Gesellschaft“ zu orientieren eine klare Absage erteilt, weil damit die „Schriftbindung“ (177) zu Lasten einer Gegenwartsorientierung aufgegeben wird, verbunden mit der Preisgabe „von christlichen Begründungspropria“ (174). Becker macht Mut und mahnt zugleich, „die neutestamentlichen Texte“ wieder „als Gegenstimmen im ehe-, familien- und sexualethischen Diskurs ihrer Zeit“ zu entdecken (175). Denn das waren sie von Anfang an. Die Kirche hat der Gesellschaft nichts zu bieten, wenn sie sich nur anbiedert und ihr Proprium verleugnet. Ihre Position war zur Zeit des Paulus eine Zumutung und ist es heute wieder. Dennoch haben sich viele Menschen im römischen Reich ganz ohne Zwang auf Gottes Weisungen und ihre „schriftbezogene[n] Begründungen“ (178) eingelassen. Deren Herausforderung bestand und besteht darin, dass Ehe, Familie und Sexualität „für gottesfürchtige Christen“ (!) – wann hat man diese Binnendifferenz zuletzt auf einem theologischen Katheder gehört – auf den Glauben an Gott „als den Erschaffer des menschlichen Körpers, an Gott als den Schöpfer der biologischen Geschlechterdifferenz und Zweigeschlechtlichkeit sowie an Gott als den Urheber der lebensstiftenden Vereinigung des Männlichen und Weiblichen, aus der nach Gottes Schöpfungsordnung (potentiell) Kinder hervorgehen“, gegründet und normativ begrenzt sind (189). Damit ist eigentlich alles gesagt.
Das Buch schlieĂźt mit einem ausfĂĽhrlichen Verzeichnis der antiken Quellen und der verwendeten Forschungsliteratur, dazu kommen Stellen-, Namen- und Sachregister, die ein schnelles Nachschlagen erlauben.
Inzwischen (2025) ist eine 2., durchgesehene und ergänzte Auflage erschienen. In ihr wurden besonders zusätzliche Stellen (aus der Bibel und der antiken Literatur) nachgetragen, was sich am deutlichsten daran zeigt, dass das ursprüngliche Stellenregister von etwas über 10 Seiten auf knapp 19 Seiten angewachsen ist, und das Buch von 238 auf 269 Seiten. Inhaltlich ist ein Abschnitt im 3. Teil neu dazugekommen (III.3 Schriftbindung). Dabei handelt es sich um die Zusammenfassung von Beckers Aufsatz: Zeugnis und Medium des göttlichen Redens – Überlegungen zu Bibelphilologie und Schriftbindung, ThBeitr 24.3 (2024), 175–195.
Roland Deines
[1] Vgl. dazu auch Armin D. Baum, Das Konzept der sexuellen Orientierung in der griechisch-römischen Umwelt des Neuen Testaments. Philosophische, medizinische, astrologische und andere Quellentexte in deutscher Übersetzung, Ephemerides Theologicae Louvanienses 99 (2023), 609–637 (doi: 10.2143/ETL.99.4.3292520).
Biogramm: Deines, Roland
Studium der Evang. Theologie in Basel und Tübingen; Promotion und Habilitation im Fach Neues Testament in Tübingen; verschiedene akademische Positionen in Tübingen, Jena, Beer-Sheva (Israel) und von 2006–2016 in Nottingham; seit 2017 Professor für Biblische Theologie u. Antikes Judentum u. seit 2022 Prorektor an der Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL); stellv. Vorsitzender des Arbeitskreises für evangelikale Theologie (AfeT); er gehört zum Leitungsteam des Corpus Judaeo-Hellenisticum Novi Testamenti (https://www.saw-leipzig.de/de/projekte/corpus-judaeo-hellenisticum-novi-testamenti-digital) und arbeitet an einem Kommentar zum Matthäusevangelium.
Quelle:Â
Deines, Roland: Ehe, Familie und Ehelosigkeit in der Antike und heute. Zu einer Neuerscheinung von Matthias Becker, in: Theologische Beiträge 56, 2/2025, S. 108–111.
Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 22. Juli 2025 um 8:20 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gender, Gesellschaft / Politik, Seelsorge / Lebenshilfe, Sexualethik, Theologie.













