Glaubenszeugnis: Graf von der Pahlen
Dienstag 13. Mai 2025 von Pfr. Detlev Graf von der Pahlen

Unser Herr Jesus Christus, der gute Hirte, hat mich und meine Familie schon in Zeiten des Dritten Reiches gefĂŒhrt und in meinem recht bewegtem Leben vielfach oft bewahrt â âohnâ mein Verdienst und WĂŒrdigkeitâ. ER wollte mein Leben trotz meiner vielen SchwĂ€chen, so manchem Versagen und mancher Schuld. Darum will ich mich meines Herrn rĂŒhmen; denn ER hat es sehr gut mit mir und meiner Familie gemeint. ER hat mir immer wieder neu Vertrauen, Glauben geschenkt, auch dann, wenn ich es nicht fĂŒr möglich hielt. Was in meinem Leben gut und segensreich war, hat ER mir geschenkt. Es ist deswegen nicht zufĂ€llig, dass ich nicht nur am Ende meines hauptamtlichen Dienstes bekannt habe: âAus Gottes Gnade bin ich, was ich binâ (1. Kor 15, 10) â nicht mehr und nichts anderes. Dieses Wort des heiligen Paulus ist mir im Leben oft eingefallen. Ich freue mich darĂŒber und lobe den Dreieinigen Gott und hoffe, es auch in der letzten Phase meines irdischen Lebens weiterhin zu tun, auch dann, wenn nicht nur meines Geistes KrĂ€fte abnehmen.
Mit kaum drei Monaten wurde ich am 6.1.1944 in Allenstein / OstpreuĂen von einem Pastor der Bekennenden Kirche getauft â kriegsbedingt in meinem Elternhaus. Angesichts des Krieges bekam ich vier Paten. Dank der Gnade unseres Herrn Jesus Christus ĂŒberlebten meine Eltern, meine Geschwister und auch meine Paten den Zweiten Weltkrieg.
Von 1948 bis 1957 lebte meine Familie in Argentinien. In meiner Kinderzeit betete meine Mutter abends mit mir und erzĂ€hlte mir biblische Geschichten. Meine frĂ€nkische GroĂmutter sandte mir 1950 das âGottbĂŒchleinâ (E. Veit, 4. Aufl. 1949 â 221-260.000; das einzige ErinnerungsstĂŒck, das ich von ihr besitze) nach Argentinien. Zum Gottesdienst konnten wir sonntags nicht âgehenâ; denn es gab weit und breit keine evangelische Gemeinde.
1952/3 nahm mich meine 17 Jahre Ă€ltere Schwester fĂŒr ein halbes Jahr zu sich nach Buenos Aires. Dort konnte ich in die Schule gehen und sonntags zum Gottesdienst in die Dt.-evang. Kirche in Martinez, wo ich gerne am Kindergottesdient teilnahm. Nach unserer RĂŒckkehr aus Argentinien (April 1957), lebten meine Mutter und ich drei Monate in Hausen / Oberaula. Dort nahm ich gerne an Gottesdiensten teil und wurde auch immer wieder zum GlockenlĂ€uten herangezogen. Geistlich auch mich stĂ€rker prĂ€gend war in Wunstorf Pastor Walter Henze, die fröhliche und ernsthafte Jugendarbeit des EC und der CP-Pfadfinder (1958â1963). Sie veranlassten mich, bewusst mein Leben Jesus Christus anzuvertrauen und mich ganz in seinen Dienst zu stellen. Ein Besuch im Missionsseminar Hermannsburg und eine Silvesterfreizeit festigten in mir die Entscheidung, in Hermannsburg zu studieren und danach in den Dienst nach SĂŒdamerika zu gehen. In Hermannsburg angekommen, sagte mir Pastor Dr. Olav Hanssen kurz und bĂŒndig, als ich ihm meine PlĂ€ne offenbarte: âSie studieren Theologieâ. Das war fĂŒr mich wie die Stimme unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus und so ĂŒberzeugend, dass ich sofort mit dem Studium des HebrĂ€ischen begann â Griechisch und Latein hatte ich ja schon auf den humanistischen Gymnasien in Hannover und in Hammelburg gelernt. Ferner stand auf dem Lehrplan das Studium der Geschichte Israels und der Bibelkunde Alten und Neuen Testamentes. Das erfolgreiche Studium dieser FĂ€cher war Voraussetzung fĂŒr den Beginn des Studiums in Hermannsburg, um Missionar zu werden bzw. Auslandspastor in SĂŒdamerika.
Ich unterwarf mich den relativ strengen Regeln des Missionsseminars mit seinem ausgeprĂ€gten geistlichen gemeinsamen Leben der damals etwa 100 Seminaristen, unserer Dozenten und jĂ€hrlich 10-15 MitarbeiterschĂŒlern. Unser Alltag begann mit freiwilligem FrĂŒhsport, an dem um 6 Uhr morgens etwa 15-20 Studenten teilnahmen, ab 7 Uhr war fĂŒr alle Stille Zeit, um 7.30 Uhr feierten wir im Speisesaal und spĂ€ter in der Hauskapelle das liturgische Morgengebet (Mette). Wenn jemand Geburtstag hatte, legte ihm unser Hausvater oder ein anderer Dozent einen Vers aus den Losungen aus. Nach dem FrĂŒhstĂŒck begann das Studium, das bis 12 Uhr dauerte. Es folgte das Mittagsgebet, das Mittagessen und dann die persönliche Studienzeit. Um 18 Uhr folgte das Abendgebet (Vesper) mit Auslegung eines Bibelverses / einer Perikope durch einen unserer theologischen Lehrer. Nach dem Abendbrot hielten die Kurse Gebetsgemeinschaft und besprachen Probleme. Zweimal in der Woche wurde abends die Sauna angeheizt, wo sich schĂ€tzungsweise die HĂ€lfte aller Studenten und Dozenten, die auch an unseren Andachten teilnahmen, im Laufe des Abends trafen. Oft wurden dort die GesprĂ€che aus den Vorlesungen und Seminaren fortgesetzt und diskutiert.
Nach dem ersten Theol. Examen hatte ich ab Sep. 1971 im exponierten Vikariat der Friedenskirche in Dachau sonntĂ€glich zwei Gottesdienste zu feiern. ZustĂ€ndig war ich fĂŒr etwa 60 qkm mit ĂŒber 2000 Gemeindegliedern und fĂŒnf Predigtstellen. Religionsunterricht erteilte ich in der Hauptsache am Gymnasium in Dachau in den Klassen 7, 10 und 11. Bereits nach fĂŒnf Monaten Dienst wurde ich am 30.1.1972 von Oberkirchenrat Georg Lanzenstiel ordiniert. Solch ein Dienst war nur mit Gottes Hilfe, der Gnade Christi und der Kraft des Heiligen Geistes sinnvoll anzugehen! Dass es gelang, verdanke ich dem Dreieinigen Gott!
Nach bestandenem Examen im Juni 1971 haben Freunde mit mir eine Freizeit in Finnland durchgefĂŒhrt. Auf dieser dreiwöchigen Freizeit nahm auch Gerris von Boetticher teil. Wir verstanden uns gut und besprachen viele geistliche Fragen. Am Ende der Freizeit fragte ich sie, ob sie sich vorstellen könnte, mich zu heiraten und mit mir zum Dienst nach Argentinien auszuwandern. Sie bejahte meine Doppelfrage. Wir verlobten uns nach dem Besuch bei unseren Eltern und heirateten am 20. Mai 1972. Da mein Vater immer pflegebedĂŒrftiger wurde, bat ich kurzfristig um Versetzung nach Unterfranken. Wir kamen nach Michelrieth und meine Frau konnte immer wieder fĂŒr lĂ€ngere Zeit zu meinen Eltern, um dort meine Mutter bei der Pflege meines Vaters zu unterstĂŒtzen, wofĂŒr ich ihr noch heute dankbar bin. Der Herr hat es möglich gemacht. Er sei gelobt in Ewigkeit! Nach dem 2. Theol. Examen 1973 und dem Tod meines Vaters im Februar 1974, machten wir unser Versprechen wahr und stellten uns dem Kirchlichen AuĂenamt zum Dienst in der Evangelischen Kirche am Rio de la Plata zur VerfĂŒgung und reisten im Juli von Genua aus mit dem Schiff nach Argentinien, wo wir elf Jahre dem Herrn und seinen Gemeinden missionarisch dienten.
Am 27. Juli 1974 begann die Reise zum Dienst In der Evang. Kirche am Rio de la Plata in Argentinien: ZunĂ€chst ging es mit dem Nachtzug von Frankfurt nach Genau, es folgten 21 Tage auf dem Schiff. An Bord hielten wir mehrmals ökumenisch und mehrsprachlich Gottesdienste, lobten Gott mit unseren Liedern, lasen sein Wort auf Deutsch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch und Englisch und freuten uns an unserem Herrn und an der herzlichen Gemeinschaft. Kurz vor dem Ziel, zwischen Montevideo und Buenos Aires lief unser Schiff nachts am 17. August auf Grund â der KapitĂ€n hatte wohl nicht aufgepasst und wohl zu viel gefeiert. Es dauerte etliche Stunden bis wir erfolgreich abgeschleppt wurden. Im Hafen von Buenos Aires hielten wir vom Schiff aus Ausschau nach dem Pastor, der uns abholen sollte, es dauerte Stunden bis der Pastor uns abholen kam. Eigentlich, so erfuhren wir, rechnete man noch nicht mit unserer Ankunft; denn der Spanisch-Kurs, an dem meine Frau auch teilnehmen sollte, begann anders als angekĂŒndigt erst Anfang Oktober â viele Fehlinformationen. In Deutschland hatte es in den Wochen vor der Abreise noch ziemlich heftigen Stress gegeben; denn nachdem der argentinische StaatsprĂ€sident Juan Domingo PerĂłn am 1. Juli 1974 verstorben war, blieb das Konsulat in MĂŒnchen eine ganze Woche geschlossen. Erst im letzten Moment bekamen wir unsere Visa.
In Buenos Aires wurde uns fĂŒr die nĂ€chsten Monate eine Ăbergangswohnung zugewiesen. Dort angekommen, erwartete uns der Verwalter der Gesamt-gemeinde Buenos Aires: Rodolfo Joski. Er hatte fĂŒr uns dankenswerterweise die nötigsten Lebensmittel eingekauft. Nach unserer Ankunft kniete er sich im âWohnzimmerâ vor einem Gasofen hin. Nach mehreren Versuchen gelang es ihm, dem Ofen eine kleine Flamme zu entlocken, die unsere Wohnung erwĂ€rmen sollte. In den kalten Tagen heizen viele in der Millionenstadt, so dass das Gas im Leitungsnetz meist nicht ausreicht, um alle Wohnungen zu wĂ€rmen. Das war im Winter immer so. Daran mussten wir uns gleich gewöhnen â dem Herrn vertrauend, dass es auch wieder wĂ€rmer werden wĂŒrde. Es waren gerade recht kalt-feuchte Tage im sĂŒdamerikanischen Winter â wenige Grade ĂŒber Null. Wir froren und gingen bald zu Bett. Der nĂ€chste Morgen war Sonntag. Die Sonne schien prĂ€chtig, es war aber recht frisch. An einen Gottesdienst war leider nicht zu denken. Stille Zeit war der einzige Möglichkeit, um uns unserem Herrn geistig entgegenzustrecken. Die nĂ€chste evangelische Kirche war nur wenige Kilometer von uns entfernt, aber wir wussten nicht genau wo. Unsere Tochter Christiane (1 œ jĂ€hrig), wurde gut eingepackt und spielte im kleinen Hof unseres Hauses. Gegen Mittag trieb uns dann die Neugierde und der Hunger in den nĂ€chsten Supermarkt, der trotz Sonntag offen war. Am Nachmittag unternahmen wir einen lĂ€ngeren Spaziergang um die Residenz der argentinischen PrĂ€sidenten. Ihre unmittelbare NĂ€he sorgte dafĂŒr, dass wir uns um unsere Sicherheit keine Sorgen machen mussten; sie war militĂ€risch gut gesichert. Deswegen lieĂen Nachbarn ihre Wohnungen unabgeschlossen, was sonst nicht gerade zu empfehlen war.
Nicht weit entfernt von uns gab es fast tĂ€glich EntfĂŒhrungen und SchieĂereien; wir waren nach dem Tod PerĂłns in ein Land gekommen, in dem quasirevolutionĂ€re VerhĂ€ltnisse herrschten â doch wir waren fĂŒr die verschiedenen rivalisierenden bewaffneten Gruppen als Christen nicht von Interesse, höchstens als Deutsche, aber wir outeten uns nicht als solche, sondern eher als Argentinier. Dazu gehörte, dass ich meist eine argentinische Tageszeitung bei mir trug und in den öffentlichen Verkehrsmitteln las. Das tat ich aber auch, um möglichst schnell Spanisch zu lernen. Als Kind hatte ich zwar Spanisch gelernt, aber nur ein Kinderspanisch, nun aber sollte ich sprachlich innerhalb von drei Monaten âpredigtfĂ€higâ gemacht werden. Meine Frau wurde bald in einen Sprachkurs fĂŒr AnfĂ€nger integriert â jeden Morgen vier Stunden. Ich bekam wöchentlich zwei Stunden Privatunterricht bei der methodistischen, sehr temperamentvollen Sprachlehrerin Adelina Cantarella. Einmal in der Woche fuhr ich per Zug und Untergrundbahn zu ihr ins Zentrum von Buenos Aires (knapp 90 Minuten), um am Abend zwischen 20 und 22 Uhr von ihr unterrichtet zu werden. Sie wusste als praktizierende Christin genau, was so ein Pastor alles können musste. Ich bekam jede Woche die Aufgabe, entweder eine Predigt oder eine Tauf- oder Beerdigungsansprache auf Spanisch zu verfassen. Meine âWerkeâ ging sie dann sprachlich kritisch mit mir durch.
In Argentinien muss man auch im Gemeindeleben improvisieren können; denn Beerdigungen sind z.B. innerhalb von 24 Stunden nach dem Eintritt des Todes einer Person zu halten. Bis ich vom Tod eines Gemeindegliedes erfuhr, vergingen aber oft schon einige Stunden. Danach wurde der oder die Verstorbene in unserer Kirche aufgebahrt, dort fand auch der Trauergottesdienst statt. Die beiden Kirchengemeinden, in denen ich nacheinander in Mendoza und in CĂłrdoba eingesetzt war, haben zu meiner Zeit diese Möglichkeit geschaffen; auf den Friedhöfen konnte man meist nur zwischen anderen Friedhofsbesuchern eine kurze Andacht halten â oft unterbrochen und gestört. Zur Vorbereitung der Trauerfeiern und Bestattungen hatte ich meist nur ganz wenig Zeit. Die Toten wurden nach der Trauerfeier meist in einen Zinksarg eingeschweiĂt und in eine Nische geschoben, die am FuĂende mit einer Platte geschlossen wurde. Urnenbestattungen habe ich in den elf Jahren nie gehalten, Erdbestattungen ganz selten. Die Trauerfeiern in unseren verhĂ€ltnismĂ€Ăig kleinen Kirchen boten oft die einzige Gelegenheit, um ĂŒber die frohe Botschaft von unserer Erlösung durch Jesus Christus und von der Auferstehung in der Ăffentlichkeit zu predigen â in freier Rede zu verkĂŒndigen. Dabei habe ich so manches Mal Menschen fĂŒr das Evangelium und fĂŒr das Gemeindeleben gewinnen können. Mission gehört ja zu jedem christlichen Leben. Trauerfeiern habe ich nicht nur fĂŒr Gemeindeglieder, sondern auch fĂŒr deren Verwandte gehalten. Sie hatten erlebt, wie meine Frau und ich mich auch um Kranke und Arme kĂŒmmerten, und wandten sich mit den verschiedensten Anliegen an uns. Die Feiern waren eine wunderbare Gelegenheit fĂŒr unkonventionelle Kontaktaufnahmen, Mission und Seelsorge. â Alle Christen in Deutschland werden sich hoffentlich in Zukunft auch diese Gelegenheiten zur öffentlichen VerkĂŒndigung der Botschaft von Jesus Christus zu eigen machen.
Nach Beendigung des Spanischkurses fuhren wir (meine Frau, unsere Tochter Christiane und ich und unser gesamtes UmzugsgepĂ€ck wohl knapp fĂŒnf m3 â es bestand im Wesentlichen aus unserer WĂ€sche, KĂŒchenutensilien und BĂŒcher) â wenige Tage vor Weihnachten 1974 mit dem Zug nach Mendoza (1100 km). Die Schienen waren in recht schlechtem Zustand, so dauerte die Fahrt etwa 20 Stunden. In Mendoza zogen wir ins groĂe Gastzimmer des Pastorates, wo sich unser VorgĂ€nger Pastor Dieter Thews mit seiner schwangeren Frau und zwei Kindern auf ihren Auszug vorbereiteten, der nach den Weihnachtstagen stattfand. Wir verstanden uns gut, so dass es keine gröĂeren Probleme gab. Wir nahmen aufeinander RĂŒcksicht und halfen einander. Da Pastor Thews nicht genĂŒgend Umzugskisten besaĂ, befĂŒllte er so manches Leergut, das meine Frau oder ich gerade ausgepackt hatten. Jahre spĂ€ter erhielten wir unsere Kisten zurĂŒck. Aus Deutschland hatten wir keine Möbel mitgebracht â das war nicht vorgesehen â, so machten wir uns in dem vorhandenen, schon recht abgewohnte Gemeindemobiliar, gemĂŒtlich. Unseren ersten Gottesdienst feierten wir am Jahresschluss in der kleinen Kirche in Mendoza, die fĂŒr die etwa 300 Gemeindeglieder, die in der Provinzhauptstadt lebten, ausreichte. Insgesamt hatte die Gemeinde in drei Provinzen etwa 600 Mitglieder, die ich mit dem Gemeindeauto â ein 2 CV (Citroen) â möglichst bald aufsuchte und mit denen ich monatlich an verschiedenen Orten Gottesdienste feierte.
Pfr. Detlev Graf von der Pahlen, WĂŒrzburg
Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 13. Mai 2025 um 8:29 und abgelegt unter Gemeinde, Kirche, Mission, Seelsorge / Lebenshilfe.













