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Disputation ├╝ber den Menschen 1536

Donnerstag 7. Juni 2007 von Martin Luther (1483-1546)


Martin Luther (1483-1546)

Disputation ├╝ber den Menschen 1536

1. Die Philosophie, die menschliche Weisheit, definiert den Menschen als vernunftbegabtes, mit Sinnen und K├Ârperlichkeit ausgestattetes Lebewesen.

2. Nun bedarf es jetzt nicht der Er├Ârterung, ob der Mensch im eigentlichen oder uneigentlichen Sinne als ┬╗Tier┬ź bezeichnet wird.

3. Aber man mu├č wissen: Diese Definition bestimmt nur den sterblichen und irdischen Menschen.

4. Und in der Tat ist es wahr, da├č die Vernunft die Hauptsache von allem ist, das Beste im Vergleich mit den ├╝brigen Dingen dieses Lebens und geradezu etwas G├Âttliches.

5. Sie ist Erfinderin und Lenkerin aller freien K├╝nste der medizinischen Wissenschaft, der Jurisprudenz und all dessen, was in diesem Leben an Weisheit, Macht, T├╝chtigkeit und Herrlichkeit von Menschen besessen wird.

6. So mu├č sie mit Recht als Wesensunterschied bezeichnet werden, durch den der Mensch als Mensch bestimmt wird in Unterscheidung von den Tieren und den sonstigen Dingen.

7. Auch die heilige Schrift hat sie zu solcher Herrin ├╝ber die Erde, ├╝ber V├Âgel, Fische und Vieh eingesetzt mit dem Gebot: ┬╗Herrschet!┬ź usw. (1.Mos. 1,28).

8. Das hei├čt, sie soll eine Sonne und eine Art g├Âttlicher Macht sein, in diesem Leben dazu eingesetzt, all diese Dinge zu verwalten.

9. Und selbst nach Adams Fall hat Gott der Vernunft diese Hoheit nicht genommen, sondern vielmehr best├Ątigt.

10. Gleichwohl, da├č sie solche Majest├Ąt sei, wei├č eben diese Vernunft nicht auf Grund von deren Ursache, sondern nur durch R├╝ckschlu├č aus den Wirkungen.

11. Vergleicht man deshalb die Philosophie oder die Vernunft selbst mit der Theologie, so wird sich zeigen, da├č wir ├╝ber den Menschen nahezu nichts wissen.

12. Scheinen wir doch kaum seine stoffliche Ursache hinreichend wahrzunehmen.

13. Kennt doch die Philosophie ohne Zweifel nicht die wirkende Ursache und entsprechend auch nicht die Zweckursache des Menschen.

14. Als Zweckursache setzt sie n├Ąmlich nichts anderes als irdische Wohlfahrt; und sie wei├č nicht, da├č die wirkende Ursache Gott der Sch├Âpfer ist.

15. ├ťber die gestaltende Ursache aber, als welche sie die Seele bezeichnen, wurde nie und wird nie unter Philosophen Einigkeit erzielt.

16. Denn damit, da├č Aristoteles sie als erste Wirklichkeit eines K├Ârpers, der das Verm├Âgen zu leben hat, definiert, wollte er ja Dozenten und Studenten zum Besten haben.

17. Es besteht auch keine Aussicht, da├č der Mensch vornehmlich in diesem Teil sich seinem Wesen nach erkennen k├Ânne, bis er sich endlich in der Quelle selbst, welche Gott ist, wahrgenommen haben wird.

18. Und was j├Ąmmerlich ist: Nicht einmal ├╝ber ihren Entschlu├č oder ihre Gedanken hat die Vernunft volle und zuverl├Ąssige Gewalt, sondern ist darin dem Zufall und der Nichtigkeit unterworfen.

19. Jedoch, welcher Art dieses Leben ist, so beschaffen ist ebenfalls sowohl die Definition als auch die Erkenntnis des Menschen, n├Ąmlich d├╝rftig, schl├╝pfrig und allzusehr an der Stofflichkeit orientiert.

20. Die Theologie hingegen definiert aus der F├╝lle ihrer Weisheit den ganzen und vollkommenen Menschen.

21. N├Ąmlich: Der Mensch ist Gottes Gesch├Âpf, aus Fleisch und lebendiger Seele bestehend, von Anbeginn zum Bilde Gottes gemacht ohne S├╝nde, mit der Bestimmung, Nachkommenschaft zu zeugen und ├╝ber die Dinge zu herrschen und niemals zu sterben;

22. das aber nach Adams Fall der Macht des Teufels unterworfen ist, n├Ąmlich der S├╝nde und dem Tode – beides ├ťbel, die durch seine Kr├Ąfte nicht zu ├╝berwinden und ewig sind;

23. und das nur durch den Sohn Gottes Christus Jesus zu befreien ist (sofern es an ihn glaubt) und mit der Ewigkeit des Lebens zu beschenken.

24. Unter diesen Umst├Ąnden befindet sich jene allersch├Ânste und allerherrlichste Sache, welche in voller Gr├Â├če die Vernunft auch nach dem S├╝ndenfall geblieben ist, dennoch – so ergibt sich schl├╝ssig – unter der Macht des Teufels.

25. Folglich ist und bleibt der Mensch ganz und ausnahmslos – er sei K├Ânig, Herr, Knecht, weise, gerecht und durch welche G├╝ter dieses Lebens auch immer er sich hervortun kann – dennoch der S├╝nde und dem Tod verhaftet, weil unterdr├╝ckt unter dem Teufel.

26. Wer darum sagt, die nat├╝rlichen Kr├Ąfte des Menschen seien nach dem Fall unversehrt geblieben, philosophiert gottlos wider die Theologie.

27. Ebenso wer sagt, der Mensch k├Ânne sich dadurch, da├č er tut, was in seinen Kr├Ąften ist, Gottes Gnade und das Leben verdienen.

28. Desgleichen wer Aristoteles (der vom Menschen in theologischer Hinsicht keine Ahnung hat) anf├╝hrt, n├Ąmlich da├č die Vernunft ihr Sehnen auf das Beste richte.

29. Desgleichen da├č im Menschen ┬╗das ├╝ber uns als Pr├Ągezeichen gesetzte Licht von Gottes Angesicht┬ź (PS. 4,7) sei, das hei├čt, freies Entscheidungsverm├Âgen zur Hervorbringung der rechten Vorschrift und des guten Willens.

30. Desgleichen da├č es in der Verf├╝gung des Menschen stehe, zwischen Gut und B├Âse oder Leben und Tod usw. zu w├Ąhlen.

31. Alle, die solches behaupten, verstehen nicht, was der Mensch ist, noch wissen sie, wovon sie reden.

32. Paulus fa├čt in R├Âm. 3,28: ┬╗Wir erachten, da├č der Mensch durch Glauben unter Absehen von den Werken gerechtfertigt wird┬ź in K├╝rze die Definition des Menschen dahin zusammen, da├č der Mensch durch Glauben gerechtfertigt werde.

33. Wer vom Menschen sagt, er m├╝sse gerechtfertigt werden, der behauptet gewi├č, da├č er S├╝nder und Ungerechter und deshalb vor Gott schuldig, jedoch durch Gnade zu retten sei.

34. Und dabei versteht Paulus ┬╗Mensch┬ź unbegrenzt, das hei├čt, allgemein, um die ganze Welt, oder was immer Mensch hei├čt, unter der S├╝nde zusammenzufassen.

35. So ist denn der Mensch dieses Lebens Gottes blo├čer Stoff zu dem Leben seiner k├╝nftigen Gestalt

36. Wie auch die Kreatur ├╝berhaupt, die jetzt der Nichtigkeit unterworfen ist, f├╝r Gott der Stoff zu ihrer herrlichen k├╝nftigen Gestalt ist.

37. Und wie sich Erde und Himmel im Anfang zu der nach sechs Tagen vollendeten Gestalt verhielt, n├Ąmlich als deren Stoff,

38. so verh├Ąlt sich der Mensch in diesem Leben zu seiner zuk├╝nftigen Gestalt, bis dann das Ebenbild Gottes wiederhergestellt und vollendet sein wird.

39. Bis dahin befindet sich der Mensch in S├╝nden und wird tagt├Ąglich zunehmend gerechtfertigt oder verunstaltet.

40. Deshalb h├Ąlt Paulus diese Reiche der Vernunft nicht einmal f├╝r wert, sie ┬╗Welt┬ź zu nennen, sondern bezeichnet sie lieber als ┬╗Schemen der Welt┬ź (1.Kor. 7,31).

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 7. Juni 2007 um 15:11 und abgelegt unter Theologie.