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Leben im Kraftfeld des Heiligen Geistes

Mittwoch 6. Juni 2007 von Dr. Dieter MĂŒller


Dr. Dieter MĂŒller

Leben im Kraftfeld des Heiligen Geistes
Eine Handvoll Theologie fĂŒr Christen und andere Neugierige

Wirkungen: Der Heilige Geist Gentleman und Brandstifter

Den Heiligen Geist erfahren Menschen in seinen Wirkungen. Er ist das vollkommene Gegenteil von Narzißmus, der sich selbst bespiegelt und genießt, was er ist. Heiliger Geist ist die Kraft, mit der Gott fĂ€hig ist, sich an die Menschen zu verschenken. Hingegeben schafft Gott Leben. Im Geist wirkt die kraftvoll bergende, warmherzig Raum gebende SensibilitĂ€t des Vaters, der Liebe in Person ist. Im Geist trifft der Mensch aber auch auf die heilige Allmacht Gottes, die Grenzen zieht und dem SĂŒnder am Ende keinen Lebensraum jenseits des Kreuzes lĂ€ĂŸt: Ananias und Sapphira mußten dran glauben, weil sie nicht wahrnahmen, daß Gottes Geist heilig ist (1). „Wer mir nahe ist, der ist dem Feuer nahe“, heißt es in einem Jesuswort, das zwar nicht in die biblischen Evangelien aufgenommen wurde, aber vielleicht doch aus dem Munde Jesu kommt. (2)

Geist-Szene 1: König Saul – von Gott verworfen – haßerfĂŒllt – angstbesessen – auf der mörderischen Jagd nach seinem designierten Nachfolger. (3) Unterwegs legt ihn der Heilige Geist souverĂ€n lahm. FĂŒr 24 Stunden zieht er ihn aus dem Verkehr, legt ihn buchstĂ€blich auf den RĂŒcken und verschafft ihm damit Zeit zur Besinnung. Dreierlei ist bemerkenswert:

Gottes Geist wirkt unwiderstehlich mÀchtig. Wenn er will, hÀlt er den Menschen in der Allmacht Gottes gefangen.

Gottes Geist nimmt keine RĂŒcksicht auf Imageverluste: Der gefĂŒrchtete König wird nackt in den Staub gelegt und dem Spott preisgegeben: „Ist Saul auch unter den Propheten?“

Gottes Geist verwandelt Menschen nicht in Marionetten: Nach der Besinnungspause kann Saul dem Haß weiter Raum geben oder umkehren.

Diese Geisterfahrung – unwiderstehlich, fast gewalttĂ€tig – ist oft solchen Menschen unheimlich, die in westlichen Bildungstraditionen leben. Sie paßt nicht zum gewohnten bĂŒrgerlich-geistlichen Ambiente. Dort hat alles seine Ordnung, und vieles scheint kalkulierbar. Ein bekannter Neutestamentler nannte die urchristliche Geisterfahrung „Hochspannungsreligion“. Kranke werden gegen alle medizinische Wahrscheinlichkeit gesund. DĂ€monischer Geist weicht, und es stinkt und lĂ€rmt zum Erbarmen. Menschen haben Visionen und Worte, die mit unheimlicher PrĂ€zision vernebelte Situationen durchleuchten. Das hier geforderte Gottvertrauen und der Verzicht, Gottes Geist menschlicher Kontrolle zu unterwerfen, sind zweifellos mit erheblichen Risiken verbunden. Der Mensch gerĂ€t aus dem Tritt und verliert sich aus dem Griff. Sich dieser Art Geisterfahrung ausliefern, erscheint wie ein Sprung vom 10-Meter-Turm ohne Garantie, daß im Schwimmbassin Wasser ist: Wo komme ich hin? DarĂŒber hinaus: Wo Gottes Geist die Regie ergreift, versucht auch dĂ€monischer Geist seine Shows zu etablieren. Da werden schließlich auch Imitate in Massen auf den spirituellen Markt geworfen. Menschen produzieren sie in ihrer religiösen LeistungsfĂ€higkeit. Wie will man unterscheiden? Nicht einmal die Geistliche Gemeinde-Erneuerung kann in jedem Fall charismatische Unbedenklichkeits-Zertifikate ausstellen. Eines allerdings ist sicher: Der Heilige Geist wirkt nie im Widerspruch zum biblischen Wort Gottes, das der dreieinige Gott gesprochen hat. Diesem Maßstab ist jeder Charismatiker unterworfen.

Geist-Szene 2: Elia am Horeb – eben noch triumphierender Sieger ĂŒber alle Gottlosigkeit, fast unmittelbar darauf am Ende seiner geistlichen Kraft depressiv klagend auf der Flucht – und Gott begegnet ihm nicht in der ĂŒberwĂ€ltigenden Macht des Geistes, sondern im „stillen sanften Sausen“ (Luther), „in der Stimme verschwebenden Schweigens“ (Buber) (4). Gott gestattet ihm die erholsame Regression in den Mutterleib des Geistes, bevor er ihn mit der HĂ€rte neuer AuftrĂ€ge progressiv und frisch in den Dienst schickt.

Den Heiligen Geist können wir auch einen Gentleman nennen. Das ist die zweite typische Gestalt der Geisterfahrung: Gottes Geist geht mit den Menschen höflich und diszipliniert um. Er ist sensibel und manipuliert oder vergewaltigt nicht. Verletzen wir ihn, so zieht er sich vornehm zurĂŒck. (5) In dieser Gestalt der Geisterfahrung verlieren Menschen sich kaum spektakulĂ€r aus der Hand. Sie sind es, die den Raum des Geistes ausmessen und einrĂ€umen: Menschen verĂ€ndern sich in fast unmerklichen geistlichen Wachstumsprozessen. Sie gewinnen an Kraft und Ausstrahlung. Hier ist der Mensch hinsichtlich der Risikoabsicherung nicht auf Gedeih und Verderb dem Geist ausgeliefert, sondern kann das Geistrisiko minimieren, dies dann freilich hĂ€ufig um den Preis zunehmender Geistlosigkeit.

Auch im Raum dieser Geisterfahrung lebt der Christ nicht gefahrlos:

Hat er eine harte Hornhaut auf seinen geistlichen Wahrnehmungsorganen, dann merkt er kaum noch, wie geistlos er lebt – vor allem, wenn er sein Leben im Schweiße seines Angesichts so einigermaßen im Griff hat.

Menschen – Christen und Nichtchristen – haben den Heiligen Geist in Europa so lange durch die Brille griechischer und westeuropĂ€ischer Philosophen gesehen, daß sie die geistgewirkten Äußerungen prallen, sinnlichen Lebens in Angst und Schrecken versetzen. Aber gerade auch in diesen zeigt sich Heiliger Geist lustvoll unter begeisterten, jubelnden Menschen, denn Gottes Geist, wie er in der Heiligen Schrift wirkt, ist kein auf deutschen UniversitĂ€ten normierter Intellektueller, kein auf Sicherheit bedachter orthodoxer KleinbĂŒrger. Abwehr, Festungsbau oder Spott sind die Folge der Angst. Und wieder zeigt sich, wie selektiv auch Liebhaber der Heiligen Schrift Gottes Wort lesen.

Der Heilige Geist wirkt also in der Regel in den zwei typischen Grundmustern: als „Brandstifter“ und als „Gentleman“. Jesus verwendet das Brandstifter-Bild ausdrĂŒcklich: „Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzĂŒnden auf Erden; was wollte ich lieber, als daß es schon brennte!“ (Lk 12,49).

Die Erfahrungs-Geschichte mĂŒden, gelĂ€hmten, vertrockneten Glaubens selbst unter denen, die „mit Ernst Christen sein wollen“, zeigt unĂŒbersehbar, wie dringend wir den neugierigen Mut zu verantwortbaren Abenteuern „im Geist“ brauchen. Die ersten Christen hatten ihn, und durch ihr Fleisch und Blut eroberte der Heilige Geist weite Teile des römischen Reiches fĂŒr die rettende, heilende und befreiende Liebe Jesu.

„Als der Herr die Gefangenen Zions befreite, da waren wir wie die TrĂ€umenden; da war unser Mund voll Lachen und unsere Zunge voll Lobpreis“ (6)

Die ursprĂŒnglichen Geisterfahrungen des Gottesvolkes sind erlebte Befreiungen; Rettung aus der Not. Der Heilige Geist macht Befreiungsgeschichte (7), und die ist immer auch politische Geschichte und Sozialgeschichte. Befreiungsgeschichte ist aber auch Heilungs- und Exorzismusgeschichte. Hier bereichert der Geist Gottes die Christenheit zur Zeit durch die weltweiten charismatischen AufbrĂŒche.

Der Heilige Geist setzt die Gebundenen frei, erfrischt die MĂŒden, heilt die Kranken, und dies innen und außen, sozial und individuell. Er gestaltet ganzheitliche Therapien. Die Wiederentdeckung der Heilungscharismen und ihr im sozialen GefĂŒge der Gemeinde verantwortetes transrationales Wirken sind ein unverdientes, aber wunderbares Geschenk des Heiligen Geistes an die Christenheit. Zwar kann vor dem JĂŒngsten Tag Krankheit durchaus der Notnagel sein, an dem Gott das Rettungsseil fĂŒr Menschen festknĂŒpft, damit sie in ihrer Gottlosigkeit den Halt nicht ganz verlieren. Es ist zweifellos möglich, daß Krankheit das Schleifmaterial ist, mit dem Gott Christi Ebenbild aus der Rohgestalt des Menschen herauspoliert. Es ist sicher hĂ€ufig ein ungeklĂ€rtes RĂ€tsel, warum Menschen, auf die wir um unseret- und des Reiches Gottes willen nicht verzichten wollen, an ungeheilter Krankheit sterben. Aber seit Jesus den Heilungsauftrag im Zuge der hereinbrechenden Herrschaft der Liebe Gottes aufnahm und ihn an seine JĂŒnger weiter gab, ist Glaube ohne Kampf gegen Krankheit und vorzeitigen Tod nicht auf der Höhe Jesu. Und stĂŒrmen Christen nicht exorzistisch die Zucht- und FreudenhĂ€user Satans, in denen Menschen um die Freiheit und die Freude Jesu Christi gebracht werden, so entlarvt dies die illusionĂ€re Wirklichkeitssicht ebenso wie die Vollmachts- und Geistlosigkeit.

ZĂ€h-sozial – unwiderstehlich-befreiend:
Wirkungen des Heiligen Geistes

Nach der Lehr-Überlieferung der Kirche ist Heiliger Geist in Person die Liebe, die den Vater mit dem Sohn verbindet. Sich schöpferisch mitzuteilen, entspricht Gottes Wesen. Darum hat Gott den Menschen auch in soziale Beziehungen hineingestellt. Diese sind zweifellos seit jener „Apfelgeschichte“ in paradiesischen Zeiten grĂŒndlich beschĂ€digt. Seit Pfingsten schafft der Heilige Geist die neue Gemeinschaft, die im Neuen Testament Familie Gottes oder noch intimer Leib Christi genannt wird.

Kellner-Schule fĂŒr Geistbegabte

Erneuert der Heilige Geist Menschen, so prĂ€pariert er sie nie fĂŒr den Showdown, in dem Menschen als Rivalen um den wĂ€rmeren oder helleren oder glĂ€nzenderen Platz an der Sonne des Lebens kĂ€mpfen. Er zieht Christen heraus aus der Wirklichkeit, die den Menschen zum Wolf des Menschen macht. Er nimmt Menschen das steinerne Herz und transplantiert ihnen Herzen aus Fleisch. Erst nach dieser Transplantation vermögen Menschen die satanisch deformierte Wirklichkeit im Geist Jesu konstruktiv und hilfreich zu heilen und zu erneuern. Nie verwandelt der Heilige Geist Menschen in spirituelle MachttrĂ€ger, Gurus oder Magier, die imstande wĂ€ren, sich selbst – koste es, was es wolle – durchzusetzen und auszustechen. Immer heilt er Menschen, um sie einzufĂŒgen in das Geflecht der in Christus liebevoll Verbundenen. Hier ist der GrĂ¶ĂŸte nicht der Herrscher, sondern der Diener. Charismatisch soll einer dem anderen Kellnerdienste leisten. Dem dienen die Gnadengaben. Die Reinigung der WCs in der Kraft des Heiligen Geistes könnte im Himmel mehr Freude auslösen als die PrĂ€zision, mit der ein charismatischer Prophet den Weg Gottes beschreibt (8). Der Christ ist nicht der verwöhnte Gast im Haus seiner BrĂŒder und Schwestern, sondern der Kellner (9), der im Gasthaus des Heiligen Geistes den anderen – Christen und Nichtchristen – die Freude der Liebe, die Kraft der Versöhnung und die Macht des Friedens schenkt, weil ihn die Liebe des Heiligen Geistes durchströmt und den schier unersĂ€ttlichen Hunger nach Liebe gestillt hat.

Charismen sind soziale Gaben fĂŒr den Dienst, nicht Startkapital fĂŒr den Aufbau einer spirituellen Privatexistenz; sie kommen aus der Kraft des Heiligen Geistes, der nie verfĂŒgbar wird. Daher ist ein charismatischer Lebensstil immer Abenteuer, Risiko, nie abgesichert durch eine der vielfĂ€ltigen Versicherungen, die religiöse Routine bietet. Das gilt indirekt auch fĂŒr das glossolalische Beten, das „Zungenreden“ oder Sprachengebet. Vornehmlich dient es der Regression, der erholsamen IntimitĂ€t mit Gott, der seinen Kindern erlaubt, zu ihm Abba zu sagen. Hier erlebt der Christ sinnlich expressiv und wahrnehmbar die warmherzige Zuwendung Gottes, der einen tröstet, wie einen seine Mutter tröstet. Jesu zĂ€rtliche Anrede Gottes „Abba“ schafft Raum, naiv wie ein Kind Gott in der geistlichen Kindersprache anzubeten oder zu klagen. In Sprachen betend und singend darf der sozial geformte, auf Leistung gedrillte Erwachsene Kind sein, und Kindern gehört das Himmelreich. (10)

Geist ohne Grenzen – nicht geistliche Stammtische,
nicht fromme Kirchturmspolitik

Das vornehmste Werk des Geistes ist der Bau von Gemeinschaften in Christus. Aber Heiliger Geist treibt keine Kirchturmspolitik, sondern er denkt und wirkt grenzĂŒberschreitend universal. Er fĂŒhlt sich nur wohl, wo Menschen sich mitnehmen lassen auf diesen Weg, auf dem lĂ€nder- und kulturĂŒbergreifend im Horizont der Gottesherrschaft Menschen gerettet und geheilt, erweckt und erneuert werden. Er flĂŒchtet, wo an spirituellen Stammtischen BrĂŒder und Schwestern – in geistlicher Routine erstarrt und im Gewohnten und Bekannten versteinert – sich ihrer theologischen Richtigkeiten versichern und der guten alten Zeiten gedenken oder sich nicht weniger geistlos in infantile charismatische Wolkenkukuksheime retten, die der Geist selbst niemals bauen will. Der Heilige Geist fĂŒhlt grundsĂ€tzlich multikulturell, aber niemals multireligiös. Gottes Geist kann unendlich weitrĂ€umig und weltlĂ€ufig sein, weil er mit Ă€ußerster PrĂ€zision auf Jesus Christus konzentriert lebt und wirkt. Er sucht die Wirklichkeit, und die heißt in der Bibel oft Fleisch, und dies sucht er ĂŒberall und jederzeit, weil er es fĂŒr Jesus Christus retten und auferwecken will.

Unglaublich: Der Geist sucht Fleisch

Der Geist Gottes hat eine vitale Leidenschaft: Er schafft Leben. Er erweckt das Tote, er nimmt sich des VergĂ€nglichen und Sterblichen an. Sein Wirkraum ist nicht nur die – wie es vielen Menschen scheint – „vornehme“ Vernunft, sondern vor allem das verwesliche Fleisch, also der hilflose Mensch in seiner VergĂ€nglichkeit. Der Geist Gottes wird ausgegossen ĂŒber alles Fleisch (11) – nicht nur das fromme. Aber er macht es fromm. Dabei ist er originell und kreativ. Wo er richtig loslegt, bĂŒrstet er hĂ€ufig gegen den Strich, und das bereitet Schmerzen. Denn er zerbricht die vertrauten Bilder von SpiritualitĂ€t – hĂŒben und drĂŒben: Die „Pfingstler“ in Jerusalem aus der Apostelgeschichte wirkten unter den prĂŒfenden von verfĂŒgbaren Frömmigkeitsmustern geprĂ€gten Blicken der PharisĂ€er nicht gerade fromm diszipliniert und wohlanstĂ€ndig, sondern wie alkoholisiert. (12) Andererseits: Wo sich der Geist Gottes freakiger, ausgeflippter Spontis bemĂ€chtigt, geraten diese „Typen“ in seine disziplinierende Zucht. Er will durchaus schöpferische Selbstbeherrschung z.B. in Alkoholikern oder Workoholiks oder Karrieregeilen wachsen lassen (Gal 5,23) und kann Sauflust oder Habgier ebenso wie genital gelebte HomosexualitĂ€t als Ausschlußbedingung fĂŒr das Himmelreich nennen (1Kor 6,9f.), und er erspart ihnen nicht, Ordnung zu schaffen, innen und außen. Wo charismatische Christen sich nach den leuchtenden Gaben der Prophetie oder der Heilung sehnen, da bittet er sie vielleicht, sich der Reinigungsaufgaben oder der KassenfĂŒhrung anzunehmen. Der Heilige Geist hat seine eigenen Strategien, Ziele und PrĂ€ferenzen. Er wirkt, schafft und gestaltet wo, wie und wann er will. Sein Ziel ist nicht erwĂŒrgende Ordnung, sondern KreativitĂ€t freisetzender Friede (13), aber der gedeiht nicht im Chaos.

Umsturzgefahr: Die revolutionÀre Kraft des Heiligen Geistes

Der Heilige Geist verĂ€ndert alle hierarchischen Strukturen. Er ist der konsequente Gleichmacher, der alle auf eine Ebene, nĂ€mlich zum Kreuz, bringt, um dann vom Nullpunkt aus in der Auferweckungskraft christliche Originale zu schaffen. Er ĂŒberströmt MĂ€nner und Frauen, Alte und Junge, Sklaven und Freie, Arme und Reiche, glĂ€nzende Intellektuelle und minderbegabte Debile. Dies verheißt der Prophet Joel, mit dem Petrus sofort in der ersten Pfingstpredigt die ĂŒberwĂ€ltigende Geisterfahrung deutet. (14) Der Apostel Paulus beschreibt in seinen Briefen zweimal die geistgewirkten Folgen von Taufe und Bekehrung auf der Linie dieser Bibel-Überlieferung. (15) Im Kraftfeld des Heiligen Geistes werden die kreatĂŒrlichen und sozialen Unterschiede außer Kraft gesetzt: MĂ€nner und Frauen, Arme und Reiche, Begabte und weniger Begabte – im Kraftfeld des Heiligen Geistes sind sie gleichwertig und gleichbedeutend. Der Geist Gottes schafft nicht charismatische Eliten. Jeder hat seinen Platz, seine Gabe, seinen Auftrag, und weil der Wert des Menschen nicht mehr von seiner LeistungsfĂ€higkeit, sondern von der geschenkten Gnadenkraft des Heiligen Geistes her bestimmt wird, hat der Machtkampf um die ersten PlĂ€tze ein Ende, entsteht die Familie Gottes als Leib Christi.

Himmlisches Grundgesetz: Geben ist seliger als nehmen (16)

Im Kraftfeld des Heiligen Geistes leben Menschen auf allen Ebenen – auch der spirituellen – nicht mehr habsĂŒchtig besitzbezogen, sondern hingegeben bedĂŒrfnisorientiert. Das zeigen die nach wie vor exemplarischen Szenen aus der Apostelgeschichte, die den urchristlichen „Liebeskommunismus“ im Kraftfeld des Heiligen Geistes beschreiben. (17) Jesus hat die Armen selig gepriesen, vielleicht sogar die charismatisch Armen. (18) Die Bibel bezeugt durchweg, daß Gott den Schwachen gegen den Starken schĂŒtzt, dem Armen gegen den Reichen hilft. Gott ist sozial nicht nur in seiner sensibel sprechenden und wirkenden FĂ€higkeit, unser Leben verlĂ€ĂŸlich zu teilen, er ist es auch im Raum harter sozialer Tatsachen: indem er fĂŒr den Schwachen Partei ergreift, die Christen zum Teilen lockt, Lebensformen schafft, in denen die Menschen nicht mehr Besitz und Wohlstandsmaximierung in Kopf und Herz haben. In Gottes Gesellschaft nehmen Menschen Maß an der Apostelgeschichte, und das nicht nur, was die Taufe im Heiligen Geist angeht, oder das glossolalische Beten, sondern auch hinsichtlich der Umgestaltung sozialer Wirklichkeit.

Geisterfahrung multikulturell, aber nicht multireligiös

Pfingsten öffnet der Geist die Grenzlinien der Anbetung zwischen Gottes Volk und den Völkern. Er lĂ€ĂŸt proklamieren, daß alle Völker eingeladen sind, die Herrlichkeit Gottes anzubeten. Sie sollen teilhaben an der jubelnden Freude der Erlösten, deren Fundament das Kreuz Jesu ist und deren Macht und Weite die Auferweckung Jesu entfaltet. Anbetung ist seitdem nicht mehr das Privileg einer auserwĂ€hlten Minderheit, jetzt wird jeder Mensch zum Fest geladen. Und die getauften Anbeter werden Söhne und Töchter Gottes. (19) Auch hier öffnete die Joel-Verheißung zu Pfingsten den weiten Raum hinein in eine dynamische, die Welt fĂŒr Gottes Liebe erobernde Evangelisationsoffensive: „Wer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.“ Gemeinde ist der BrĂŒckenkopf der Herrschaft Gottes, von der aus der Heilige Geist den Eroberungsfeldzug der Liebe fĂŒhrt, die den Namen Jesus trĂ€gt und ihre unĂŒberholbare Sprache in 1Kor 13 gefunden hat.

Brandgefahr: Liebe als charismatische Feuerversicherung

Zweifellos kann sich der Christ im Umgang mit dem Geist die Finger und mehr verbrennen. Ohne Frage gilt es Heiligen Geist und dĂ€monischen Geist zu unterscheiden. Wohl ist es nicht weniger wichtig, Imitationen, die der spirituellen Produktivkraft menschlicher ReligiositĂ€t entstammen, von Geisterfahrungen zu unterscheiden. Paulus weist den Weg, der Maß nimmt an Jesus: Es ist radikale Liebe, die Jesus entspricht. Paulus stellt in die Mitte seiner Charismenkapitel das Hohe Lied der Liebe. (20) Damit schließt er – bis zum JĂŒngsten Tag – Geisterfahrung und Jesu Kreuz zusammen. Niemand kann in der Kraft des Heiligen Geistes leben, der nicht jeden Tag neu willig ist, in Jesu Leib hinein zu sterben. Es ist das Wesensmerkmal des Heiligen Geistes, das Tote lebendig zu machen. SpĂ€testens seit Jesu Kreuz und Auferstehung sind die natĂŒrlichen Talente nicht mehr die TrĂ€ger des Heiligen Geistes, es sei denn sie wĂ€ren in Jesus hineingestorben, denn Heiliger Geist ist der Geist Jesu und damit der Geist der hingegebenen Liebe. Wiedergeburt ist die notwendige Voraussetzung fĂŒr Leben im Geist. Geist- erfahrung lebt immer in der Konzentration auf Jesus, den Gekreuzigten. Das trennt sie radikal von Esoterik oder Schamanismus.

Weil der Teufel bekanntlich mit Vorliebe im Detail sitzt, ist der Heilige Geist detailversessen. Hier nimmt er umsichtig und prĂ€zis den Machtkampf mit dĂ€monischem Geist auf. Hier erneuert er sorgfĂ€ltig und gewissenhaft die Schöpfung, die unter den destruktiven Folgen des SĂŒndenfalls Ă€chzt. Er erscheint zwar im Symbol der Taube, aber er ist kein Überflieger. Darum sind Sorgfalt und PrĂ€zision charismatische QualitĂ€tsmerkmale, und ohne die Treue im Kleinen (21) verkommt auch Leben im Heiligen Geist schnell „zu viel LĂ€rm um nichts“.

Anmerkungen1   Apg. 5, 1-11
2 Jeremias, Joachim, Unbekannte Jesusworte. UnverĂ€nderter Nachdruck der dritten unter Mitwirkung von Otfried Hofius völlig neu bearbeiteten Auflage 1963, GĂŒtersloh, 1965, S. 64-71.
3 1Sam 19,22-24; den Hinweis auf diese Stelle fand ich bei Ortwin Schweitzer.
4 1Kön 19,11-13
5 Eph 4,30
6 Ps 126,1f
7 Vgl. die Geschichte der Rettung aus der Sklaverei Ägyptens, die fĂŒr Israel vergleichbar grundlegend ist wie fĂŒr uns Christen Jesu Auferweckung (2Mose 1ff.). Aber auch die Rettungsgeschichten im Richterbuch.
8 Vgl. 1Kor 12,22f
9 Jesus bezeichnet sich selbst mit dem Bild des „Kellners“, der bei Tisch dient, also Kellnerdienste leistet (Mt 20,26-28)
10 Mt 18,3 u.a
11 Apg 2,17
12 Apg 2,13
13 1Kor 14,33
14 Apg 2,17-21; Joel 3,1-5
15 Gal 3,26-28; leicht verÀndert Kol 3,10f
16 Apg 20,35
17 Vgl. Apg 2,42-47; 4,32-35
18 Lk 6,20; Mt 5,3
19 Gal 3,26 sinngemĂ€ĂŸ wiedergegeben
20 1Kor 13
21 Lk 16,10

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 6. Juni 2007 um 19:40 und abgelegt unter Theologie.