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Das Hohelied der Liebe – neu gehört

Montag 11. März 2024 von Dr. Joachim Cochlovius


Dr. Joachim Cochlovius

Es gibt wohl kaum eine schönere Liebeserklärung an die Liebe als das vom Völkerapostel Paulus gedichtete und im 1. Brief an die Korinther (Kapitel 13) überlieferte Liebeslied. Es ist unerreicht in seiner Intensität und Originalität, und es reizt immer wieder zum Lesen und Staunen. Ganz unterschiedliche Auslegungen zeigen, dass es gar nicht so leicht ist, herauszufinden, was Paulus wirklich gemeint hat. Im Folgenden gibt es einen neuen Versuch. Unstrittig ist, dass es dem Apostel nicht um die erotische und auch nicht um die sympathische Liebe geht (im Griechischen eros und philia), sondern um die agape, um die göttliche Liebe. Kein Mensch hat sie in sich, aber jeder kann sie empfangen. Der Heilige Geist, so Paulus, transportiert sie in das Herz eines jeden, der in eine Herzensverbindung mit Jesus Christus eintritt. So sagt er es im Brief an die Römer im 5. Kapitel. Dass dies kein frommes Wolkenkuckucksheim ist, weiß jeder, der in seinem Leben Menschen begegnet ist, die diese besondere Liebe verkörpern und ausstrahlen. Ich hoffe, dass diese kurze Betrachtung bei allen Lesern eine neue Sehnsucht nach der Agape, nach der göttlichen Liebe weckt.

Das 13. Kapitel des 1. Korintherbriefs lässt sich gut in drei Teile gliedern. 1.) Der Wert und die Wichtigkeit der göttlichen Liebe (V. 1-3); 2.) Das Wesen und die Eigenschaften der göttlichen Liebe (V. 4-7) und 3.) Der Zweck und die Dauer der göttlichen Liebe (V. 8-13). Paulus bringt in meisterhafter Kürze und poetischer Vollkommenheit alle diese gewichtigen Inhalte auf den Punkt.

1.) Der erste Abschnitt ist sehr ernüchternd. Wer in diesem Hymnus auf die göttliche Liebe Romantik und süße Gefühle sucht, geht leer aus. Stattdessen werden wesentliche Aktivitäten der Christen auf ihren bleibenden Wert hin untersucht. Auf einen kurzen Nenner gebracht, stellt der Apostel alles Reden und Handeln der Christen in Frage, wenn keine göttliche Liebe dabei ist. Den Korinthern war eine besondere neuartige Gebetsform wichtig, das sog. Beten mit neuer Zunge. Dabei handelte es sich um ein vom Heiligen Geist gewirktes Lobgebet in einer unbekannten himmlischen Sprache, so wie es die erste Gemeinde beim Pfingstfest erlebt hatte. Wenn dieses Beten nicht aus der göttlichen Liebe heraus praktiziert wird, ist es in Gottes Ohren nur ein unschöner Lärm. Manche Christen können beeindruckend predigen (Paulus nennt es „prophetischen reden“), aber ohne die Agape als inneren Motor bleibt die ausgefeilteste und emotionalste Predigt bloße Schaumschlägerei. Ähnlich liegt die Sache bei denen, die über besondere Einblicke in verborgene Geheimnisse und entsprechende Erkenntnisse und über einen starken Glauben verfügen. Ohne die wahre göttliche Liebe ist das alles nichts wert. Zweifellos denkt der Apostel hier an einzelne Christen in der korinthischen Gemeinde, die sich auf ihre geistlichen Erkenntnisse viel einbildeten. Noch ernüchternder werden die Aussagen, gerade in unserer Zeit, die sich so viel soziales Engagement zugutehält, wenn es dann um die Finanzen, um Bekennermut und die Bereitschaft zum Martyrium geht. Man kann bedeutende Summen für die Unterstützung der Armen spenden oder sogar sein Leben aufs Spiel setzen um des christlichen Glaubens willen, wenn das Motiv dafür nicht in der göttlichen Liebe liegt, sind auch diese Anstrengungen in Gottes Augen nichts wert.

Man wird ganz still, wenn man diese Analyse des christlichen Handelns hört. Ohne die geschenkte Liebe Gottes hat alles keinen bleibenden Wert. Heinrich Kemner hat in seinen Predigten öfters den Satz geprägt „Nur das Geschenkte hat Ewigkeitswert“. Damit ist der erste Abschnitt des Hohenliedes gut zusammengefasst.

2.) Beim Leser und Hörer wächst die Spannung. Was ist das für eine Liebe, die so unendlich wichtig und wertvoll ist? Was kann ich beitragen und tun, dass sie auch in meinem Tun der bestimmende Motor wird? Gleich im Anschluss an das Hohelied steht die Aufforderung „Jagt der Liebe nach!“ Mit anderen Worten: lasst sie in eurem Leben wirksam werden. Ähnliche Hinweise lesen wir auch woanders in den apostolischen Briefen. Ich nenne einige Stellen. „Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich“ (Röm 12,10). „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“ (1 Kor 16,14). „Lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat“ (Eph 5,2). „Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit“ (Kol 3,14). „Vor allen Dingen habt untereinander beständige Liebe“ (1 Petr 4,8). „Bleibt fest in der brüderlichen Liebe“ (Hebr 13,1).

Das Wunderbare an all diesen Aufforderungen ist ja, dass sie mit Gottes Hilfe tatsächlich eingelöst werden können. An der schon erwähnten Stelle im 5. Kapitel des Römerbriefs heißt es, dass die Agape in das Herz der Christen ausgegossen ist, wenn sie denn mit Jesus Christus leben und den Heiligen Geist haben (V. 5). Man muss also nicht andauernd um die Liebe bitten. Nein: Christen haben sie. Sie müssen sie nur anwenden, in kleinen und großen Schritten.

Es gibt eine berühmte Geschichte von dem italienischen Evangelisten Enrico (Erino) Dapozzo, der von 1907 bis 1974 lebte. Er hat außerordentliche Dinge erlebt, u.a. in deutscher Kriegsgefangenschaft während des Zweiten Weltkriegs. In einem deutschen Konzentrationslager wurde er einmal zu Weihnachten völlig ausgehungert vom Lagerkommandanten in dessen Büro geholt. Dort waren die schönsten Leckerbissen ausgebreitet. Der Kommandant holte ein Paket hervor und sagte zu Dapozzo genüsslich, dass es von Dapozzos Frau sei. Und dann öffnete er es und verzehrte den Inhalt. Dapozzo schrieb später in seinen Erinnerungen, dass es ihm sehr hart ankam, weil er vor allem an seine Frau denken musste, die das alles zusammengespart hatte. Und er fügte hinzu, wie er das Hohnlachen des Teufels hörte und wie ein unbändiger Hass auf den Kommandanten in ihm aufsteigen wollte. Doch er gab diesen Gefühlen keinen Raum, betete und erlebte das Wunder, dass er in diesem Augenblick seinen Peiniger lieben konnte. Später, nach Kriegsende, beschloss er, den Mann zu suchen und aufzusuchen, was ihm tatsächlich gelang. Als der die Tür öffnete, erschrak er und sagte: „Du kommst, um dich zu rächen“. Doch Dapozzo erwiderte: „Nein, um dir die Liebe Gottes zu bringen“. Dann packte er den mitgebrachten Kuchen aus und konnte erleben, dass sich dieser ehemalige Nationalsozialist später noch zu Jesus Christus bekehrte.

Die göttliche Liebe hat eine unvorstellbare Kraft. Es ist schwer, die 15fache Beschreibung dieser Liebe im 2. Teil ohne innere Berührung zu lesen. Sie klingt wie eine Botschaft aus einer anderen Welt. Die 15 Wesenszüge sind:

1.) Die Agape-Liebe hält Kränkungen aus,
2.) bleibt freundlich,
3.) ist nicht eifersüchtig,
4.) brüstet sich nicht vor anderen,
5.) bildet sich auf nichts etwas ein,
6.) meidet alles Unschickliche,
7.) sucht, was dem anderen nützt,
8.) lässt sich nicht erbittern,
9.) zahlt Böses nicht mit Bösem heim,
10.) ist nicht schadensfroh,
11.) freut sich, wenn die Wahrheit siegt.
12.) Sie erträgt alles,
13.) sie glaubt alles (d.h. sie bleibt vertrauensvoll),
14.) sie hofft alles (d.h. sie erhofft immer Gutes für andere),
15.) hält allem stand.

Wer den ersten Korintherbrief etwas kennt, merkt sofort, dass Paulus diese Beschreibung der göttlichen Liebe auf dem Hintergrund seiner Erlebnisse und Erfahrungen in der korinthischen Gemeinde formuliert hat. Wenn er z.B. schreibt, dass sich die Liebe nicht vor anderen brüstet, dann muss man an die Parteien in Korinth denken, wo sich die Gemeinde hinter Paulus, Petrus und Apollos scharte und die drei gegeneinander ausspielte. Auch andere Anklänge sind schnell zu finden. „Die Liebe bildet sich auf nichts etwas ein“ – in Korinth bildete man sich viel ein auf geistliche Erkenntnisse. „Die Liebe meidet alles Unschickliche“ – in Korinth tolerierte man die wilde Ehe eines Gemeindeglieds mit seiner Stiefmutter. „Die Liebe sucht, was dem anderen nützt“ – in Korinth gaben die Begüterten den Armen beim gemeinsamen Liebesmahl nichts ab. „Die Liebe ist nicht eifersüchtig“ – in Korinth prozessierte man gegeneinander vor weltlichen Gerichten.

Wer den zweiten Teil des paulinischen Liebeslieds auf sich wirken lässt, wird demütig. Angesichts dieser wunderbaren Liebeseigenschaften spürt man die eigenen Liebesdefizite deutlich und überdeutlich. Aber gleichzeitig freut man sich, dass diese Liebe keine Unmöglichkeit ist. Sie ist allen geschenkt, mit denen Jesus Christus eine Glaubensgemeinschaft begründet hat. Sie wartet darauf, ausprobiert zu werden.

3.) Die korinthische Gemeinde gründete ihr geistliches Leben auf die „prophetischen Reden“ ihrer Verkündiger, auf die „Sprachen“ (Reden in einer fremden, himmlischen Sprache) und auf die so erwarteten tieferen „Erkenntnisse“. Nun hören sie von ihrem Apostel, dass die prophetischen Reden (also die geistlichen Ansprachen) und die durch sie vermittelte Erkenntnis vorläufig sind und dass die Fähigkeit, in einer neuen, himmlischen Sprache Gott zu loben, aufhören wird. Die prophetische Rede (heute: die Predigten) und unsere daraus gewonnene Gotteserkenntnis zeigen nur Teilaspekte bzw. die Anfangsgründe der Wirklichkeit und der Wahrheit Gottes (Luther: „Stückwerk“). Die wahre Gotteserkenntnis ist nur durch die Liebe zugänglich.

Wir kommen nun zu der schwierigen Aussage in 1 Kor 13,10. „Wenn die Vollkommenheit kommt, verschwindet die vorläufige Gotteserkenntnis“. Was meint Paulus hier mit dem Begriff to teleion, der meist mit „das Vollkommene“ übersetzt wird? Die Lösungsvorschläge „Vollendungswelt“ oder „kompletter Schriftkanon“ können nicht überzeugen. Nirgends sonst bezeichnet Paulus die Neuschöpfung von Himmel und Erde als „das Vollkommene“. Ebenso wenig nennt er den kompletten biblischen Kanon „das Vollkommene“. Näher liegt es, das Wort teleion („vollkommen“) im biblischen Zusammenhang zu untersuchen. Jesus fordert in der Bergpredigt von seinen Nachfolgern (Mt 5,48): „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (und zwar durch die Feindesliebe). Paulus will, dass die Christen „vollkommen“ werden (Kol 1,28; 2 Tim 3,17). Damit meint er ein von Glauben und Liebe geprägtes Leben. Auch der Vergleich mit dem Kind, das allmählich erwachsen wird, soll erklären, dass der Christ vom geistlichen Unmündigsein zum geistlichen Mannsein heranwachsen soll (vgl. auch Eph 4,13). Im Hebräerbrief bedauert der Verfasser, dass er den Adressaten des Briefs geistliche „Milchspeise“ bringen muss, wo er doch viel lieber „feste Speise“ geben will, wie sie die „Vollkommenen“ brauchen.

Wir sehen an diesen Beispielen, dass der Begriff der Vollkommenheit bzw. die Vollkommenen im Neuen Testament den geistlichen Reifezustand meinen, zu dem die Christen hinwachsen sollen. An die Korinther gewendet, will Paulus sagen: Jetzt sucht ihr aus den geistlichen Ansprachen und aus den neuartigen Lobgebeten in der Himmelssprache eure Gotteserkenntnisse zu gewinnen. Aber eure Erkenntnis wird nicht wachsen, solange noch euer Tun so lieblos ist. Erst wenn ihr die Agape-Liebe zum Motiv und zur Richtschnur eures Lebens macht, werdet ihr zu völliger Gottes- und Christuserkenntnis finden.

In V. 12 versetzt sich Paulus in die Lage eines geistlich noch unmündigen bzw. unreifen Christen. „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild“. D.h. unsere Gotteserkenntnis und Christuserkenntnis sind zunächst unvollkommen und getrübt. Erst wenn Christen im Glauben und in der Liebe wachsen, erschließt sich ihnen das Wesen des Dreieinigen Gottes immer mehr. Dann beginnen sie, Gottes Charakter, Gottes Wesen, Gottes Pläne und Gottes väterliche Liebe immer besser zu verstehen. „Dann werde ich erkennen, wie ich erkannt bin“. Das Verhältnis zu Gott wird innig und liebevoll. Das Angesicht Gottes bleibt nicht mehr fremd, sondern bekommt väterliche Züge.

In V. 13 setzt Paulus die Agape-Liebe in Verbindung mit Glaube und Hoffnung. Christen haben mit diesen drei vom Heiligen Geist vermittelten Lebenswirklichkeiten eine stabile Ausstattung für ihr Leben in dieser Welt. Darüber hinaus gibt Paulus hier die Zusicherung, dass der Heilige Geist den Glauben, die Hoffnung und die Liebe allezeit während unseres irdischen Lebensweges geben und erhalten wird. Gemessen an ihrem großartigen inneren Wert, also mit Gottes Blick angesehen, ist die Liebe das Allerwichtigste. Sie ist Gottes ureigenes Wesen: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1 Joh 4,16).

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 11. März 2024 um 23:50 und abgelegt unter Gemeinde, Predigten / Andachten, Theologie.