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Lebensfreude und Zuversicht in Coronazeiten

Dienstag 5. Oktober 2021 von Dr. Joachim Cochlovius


Dr. Joachim Cochlovius

Wenn in einer christlichen Familie die ungeimpften Schwiegereltern nicht mehr ihre Enkelkinder besuchen dĂŒrfen, wenn christliche Veranstalter jemand an der TĂŒr abweisen, der nicht geimpft und nicht getestet ist, wenn Kirchengemeinden beschließen, dass nur noch Gemeindeglieder zum Gottesdienst zugelassen werden, die sich an die staatliche 3-G-Regel halten, dann geschehen unter uns Spaltungen, die das christliche Zeugnis beeintrĂ€chtigen und die ĂŒberwunden werden mĂŒssen. Mit Schmerz mĂŒssen wir feststellen: Ein kleines Virus schafft es auch unter Christen, Familien zu entzweien, Hauskreise zu halbieren, Jugendkreise aufzulösen, alte Menschen vereinsamen zu lassen und das Interesse vieler Gemeinden vom Wort Gottes abzulenken.

Wir erleben viele kleine und große menschliche Tragödien, deren Folgen noch gar nicht absehbar sind. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man feststellt: Wir sind in der Christenheit in einen geistlichen Notstand hineingeraten, der an die Folgen von Kriegen, politischen UmwĂ€lzungen und großen Wirtschaftskrisen erinnert.

Obwohl wir als Christen von Gott nicht den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit bekommen haben (2 Tim 1,7), greift die Angst auch unter uns um sich. Man hört bange Fragen. Was wird Corona noch mit unserer Welt machen? Werde ich meine Gesundheit und meinen Arbeitsplatz behalten? Was wird aus unserer Gemeinde werden? Gelingt es uns in unseren Familien und Gemeinden, trotz unterschiedlicher Auffassungen etwa in der Impffrage zusammenzubleiben und GrĂ€ben wieder zuzuschĂŒtten? Manch einer stellt sich auch die Frage, was Gott der Menschheit mit dieser weltweiten Plage sagen will. Anderen drĂŒckt die Lage so schwer aufs GemĂŒt, dass sie ihre Lebensfreude und ihre Glaubenszuversicht verlieren.

Wie bekommen wir selber die Angst unter die FĂŒĂŸe? Wie können wir die Spannungen und Spaltungen in unseren Familien und Gemeinden aufhalten und ĂŒberwinden? Wie trösten wir angefochtene Christen? Was sagen wir resignierenden und verzweifelten Weltmenschen? Bloße gutgemeinte Appelle tun es nicht. Um in dieser Krise zu bestehen, brauchen wir ganz neu diese Kraft, diese Liebe und diese Besonnenheit, von der Paulus im 2. Timotheusbrief schreibt. Gottes Wort, der Glaube und das Gebet helfen, diese SchĂ€tze neu zu heben. Betrachten wir im Einzelnen diese drei Gaben des Heiligen Geistes Kraft, Liebe, Besonnenheit. Inwiefern helfen sie uns, die Coronalage zu meistern?

1.) Die Kraft

NatĂŒrlich ist in 2 Tim 1,7 nicht die Muskelkraft gemeint, sondern die Glaubenskraft und die Widerstandskraft gegen die SĂŒnde. Wenn diese KrĂ€fte bei Christen erlahmen, brauchen sie vor allem neue Freude am Herrn, denn „die Freude am Herrn ist eure StĂ€rke.“ Das hat Nehemia zu den RĂŒckkehrern aus der babylonischen Gefangenschaft gesagt (Neh 8,10), und das ist auch heute noch der SchlĂŒssel zu neuer Glaubenskraft. Martin Luther hat 1533 eine Predigt ĂŒber die Bedrohung durch die Pest gehalten, die eine große Freude an Christus widerspiegelt. Zwar war die Pest damals gefĂ€hrlicher als das Coronavirus, aber die Freude und Glaubenskraft dieser Predigt brauchen wir auch heute.

„Wenn ich die Pest gleich tausend Mal an meinem Leibe hĂ€tte, will ich mich deswegen nicht zu Tode fĂŒrchten; denn ich habe Christus. Ist es sein Wille, so soll mir die Pest weniger schaden als ein Floh unter meinem Arm; der frisst und sticht wohl ein wenig, er kann mir aber das Leben nicht nehmen. Aber weil wir nicht glauben und solche geistliche Augen nicht haben, kommt es, dass wir uns so fĂŒrchten und verzagen, und in so nĂ€rrische Gedanken geraten. Alles UnglĂŒck, wie groß es vor deinen Augen ist, ist vor unserem Herrn Christus weniger denn nichts. Darum, so du SĂŒnde, Krankheit, Armut oder anderes an dir siehst, sollst du nicht erschrecken; tue die fleischlichen Augen zu und die geistlichen auf, und sprich: Ich bin ein Christ und habe einen Herrn, der mit einem Wort diesem ganzen Unrat wehren kann. Was will ich mich darum so sehr bekĂŒmmern? Darum sollen wir doch glauben, vor Gott habe es ein ganz anderes Ansehen, und fröhlich sagen: obgleich Armut, Pest und Tod da sind, so weiß ich doch, als ein Christ, von keiner Armut, Tod noch Pest; denn vor meinem Herrn Christus ist es lauter Reichtum, Gesundheit, Heiligkeit und Leben. Gott gebe uns solche geistlichen Augen um Christi willen, dass wir durch den Heiligen Geist das UnglĂŒck anders denn die Welt ansehen, und solchen Trost behalten, und endlich mögen selig werden. Amen.“

Im Gebet und aus Gottes Wort können wir neue Christusfreude und damit neue KrĂ€fte bekommen. Dann freuen wir uns, dass Christus die Weltregie in der Hand hĂ€lt und auch ĂŒber das Coronavirus regiert. Dann stimmen wir von Herzen das wunderbare Freudenspender-Lied „In dir ist Freude“ an, das der thĂŒringische Pfarrer Cyriakus Schneegass 1598 gedichtet hat. Dann wird klar, dass Christus inmitten von Ängsten, trĂŒben Zukunftsaussichten, Spaltungen und Zwistigkeiten, ja selbst bei Erkrankungen und beim Sterben geistliche Freude schenken kann. „In dir ist Freude in allem Leide, o du sĂŒĂŸer Jesu Christ! Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist.“

Wenn wir selber neue Freude und neue Glaubenskraft bekommen haben, dann können wir auch angefochtene Christen in unserem Umfeld trösten. Wie machen wir das? Indem wir zum Vertrauen zu Jesus Christus auffordern. Echter Trost, das kann man bei Jesus lernen, ermuntert immer zum Glauben. Und wenn dann der andere aus seiner Angst und Depression heraus einen neuen Glaubensschritt geht, dann kann es geschehen, dass er wirklich loskommt von seinen Ängsten und Sorgen.

2.) Die Liebe

Wir mĂŒssen nicht um Liebe bitten. Wir haben sie lĂ€ngst bekommen, als wir an Jesus Christus glĂ€ubig wurden (Röm 5,5). Wir mĂŒssen sie nur ĂŒben. Notzeiten bringen immer die Gefahr mit sich, dass jeder nur an sich denkt. Da ist es doppelt nötig, dass wir in der Liebe bleiben. Mitten in einer Pestzeit in Wittenberg schrieb Luther in einem Brief 1527: „Wenn mein NĂ€chster mich braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und ihm helfen.“ Sehen wir uns einmal an, was die Liebe in Coronazeiten bedeutet.

Das Erste ist, dass wir uns der dauerhaften starken Liebe Gottes zu dieser Welt und zu uns vergewissern. Auf keinen Fall dĂŒrfen wir in lĂ€sterliche Gedanken fallen, dass Gott seine Liebe von der Welt oder von uns abgezogen haben könnte. Vielleicht geht es jemand so, dass er hinter seinen persönlichen Problemen oder angesichts des Durcheinanders der coronapolitischen Maßnahmen Gottes Liebe nicht mehr erkennt. Wenn man an die familiĂ€ren Belastungen, an die psychologischen Coronafolgen gerade fĂŒr Alte und Kinder und an die weltweiten wirtschaftlichen RĂŒckschlĂ€ge denkt, kann man verstehen, dass auch unter Christen resignative Stimmungen aufkommen bis hin zu einer Anklagehaltung gegen Gott. Aber diese GefĂŒhle dĂŒrfen wir nicht fĂŒttern. Gottes Liebe zu dieser Welt steht unwandelbar fest, denn er hat sie auf ewig dadurch besiegelt, dass er seinen Sohn geschickt hat. Auch wenn Gott Menschen schlĂ€gt, sind es immer LiebesschlĂ€ge, die ein gutes Ziel verfolgen, nĂ€mlich ihre Errettung.

Das Zweite ist unsere Liebe zu Gott. Wer sich von Gott geliebt weiß, kann gar nicht anders, als auch ihn zu lieben. Daniel war von Gott geliebt (Dan 9,23). Seine Liebe zu Gott drĂŒckte er darin aus, dass er angesichts der Not seines Volkes stellvertretend um Gottes Barmherzigkeit bat (Dan 9,18). Das ist auch unsere Aufgabe. Wir sollten nicht warten, bis sich unser Volk von der Gottlosigkeit abwendet, sondern stellvertretend um Vergebung bitten. Gott wartet sehnsĂŒchtig darauf, dort, wo er geschlagen hat, zu verbinden (Hosea 6,1) und statt zornig nun wieder gnĂ€dig zu sein (Jesaja 30,18).

Das Dritte ist die Liebe zu unserem Guten Hirten Jesus Christus, der die Seinen mit seinem Wort und Sakrament stĂ€rken will. In Ps 84,12 heißt es „Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.“ Die Beter dieses Psalms wussten, dass sie das Gute im Tempel empfangen konnten. „Ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend“ (Ps 84,11). Nichts brauchen wir als Christen jetzt dringender als gute, glaubensstĂ€rkende Predigten und das Mahl des Herrn. Unser Guter Hirte steht bereit und ruft: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mĂŒhselig und beladen seid“ (Mt 11,28). Aus Liebe zu ihm sollten wir uns unbedingt regelmĂ€ĂŸig in den Gottesdiensten versammeln. Eventuellen staatlichen EinschrĂ€nkungen (2-G-Regel oder 3-G-Regel) oder Verboten dĂŒrfen wir unter Berufung auf Apg 5,29 widerstehen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Das Vierte ist die praktische NĂ€chstenliebe. Viele alte und sterbende Menschen haben wegen der staatlichen Coronamaßnahmen unter Vereinsamung gelitten und leiden immer noch. Wen können und sollten wir besuchen? Kinder mussten große EinschrĂ€nkungen ihrer Kontakte hinnehmen. Mit wem können wir als kleinen Ersatz ein Wochenende verbringen? Viele Jugendliche sind wegen Corona internetabhĂ€ngig geworden und kaum noch zu bewegen, in einen Jugendkreis zu kommen. Sie brauchen kreative Angebote, um sie aus ihrer Isolation herauszufĂŒhren. Die Liebe ist dazu in der Lage. Es gibt Ă€ngstliche Christen, die sich nicht mehr in den Hauskreis oder zum Gottesdienst getrauen. Die Liebe vermag, auch zu ihnen Wege zu finden, damit sie wieder eine christliche Gemeinschaft bekommen.

3.) Die Besonnenheit

Unsere Zeit ist von manchen Alarmrufen durchzogen. Da werden weltweite klimatisch bedingte Katastrophen beschworen. Es werden Crashs der FinanzmÀrkte und eine Hyperinflation an die Wand gemalt. Vor einer weltweiten Expansion Chinas wird ebenso gewarnt wie vor einem Neuerstarken des militanten Islam. Seit Februar 2020 sind die Nachrichten voll von Corona-Schreckensmeldungen und -visionen. Es fÀllt schwer, sich von diesen Meldungen nicht anstecken zu lassen.

Wie wertvoll ist angesichts dieser Katastrophenszenarien die Gabe der Besonnenheit! Die Besonnenheit gehörte schon zu den vier Kardinaltugenden Platos. Im Zusammenhang des Neuen Testaments meint der Begriff die geistliche NĂŒchternheit, die dazu befĂ€higt, sich nicht „von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben“ zu lassen (Eph 4,14). Besonnenheit haben wir gerade im Blick auf die Coronameldungen nötig. Besonnene Urteile und Haltungen sind gefragt.

Die drei eingangs genannten Konfliktherde lassen sich durch Besonnenheit entschĂ€rfen. Wenn es innerhalb der Familie zu Zwistigkeiten in der Impffrage kommt, nĂŒtzen Argumente wenig. FĂŒr beide Ansichten gibt es respektable GrĂŒnde. Da hilft nur eine ĂŒbergeordnete Instanz, und das kann nur das an Gott gebundene Gewissen sein. Der eine ist gewissensmĂ€ĂŸig skeptisch gegenĂŒber eventuellen Nebenwirkungen und Langzeitfolgen und vertraut mehr auf die FĂ€higkeiten des Immunsystems oder auf therapeutische Mittel im Fall einer Erkrankung, der andere vertraut gewissensmĂ€ĂŸig mehr den staatlichen Informationen und Anordnungen. Mit Besonnenheit kann Streit ĂŒberwunden werden. Ähnliches gilt fĂŒr christliche Veranstalter und Gemeinden. Die Anwendung der staatlichen 2-G oder 3-G-Regel hat eine spalterische Gefahr. Jesus hat niemals Menschen den Zutritt zu sich verweigert. Wer sind wir, dass wir den MĂŒhseligen und Beladenen den Zugang zu Wort und Sakrament verweigern dĂŒrften? Besonnene Lösungen sind nötig, die das Gewissen aller Beteiligten achten.

Als Christen sind wir zur Freiheit befreit (Gal 5,1). Der Heilige Geist schenkt uns Glaubenskraft, Liebe und Besonnenheit. Damit haben wir die Voraussetzungen fĂŒr Lebensfreude und Zuversicht auch in dieser Zeit. Wir sollten uns diese Freiheit von nichts und niemand nehmen lassen.

Vorabdruck mit Genehmigung des Schwengeler Verlags aus factum Heft 6/21 (Nov/Dez); www.factum-magazin.ch

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 5. Oktober 2021 um 19:19 und abgelegt unter Corona, Gemeinde, Gesellschaft / Politik, Seelsorge / Lebenshilfe.