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Die kupferne Schlange (Predigt über 4 Mose 21,6-9)

Samstag 2. Oktober 2021 von Gottfried Daniel Krummacher (1774-1837)


Gottfried Daniel Krummacher (1774-1837)

„Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, das viel Volk in Israel starb. Da kamen sie zu Mose und sprachen: ‚Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben, bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme.‘ Mose bat für das Volk. Da sprach der Herr zu Mose: ‚Mache dir eine eherne Schlange und richte sie zum Zeichen auf; wer gebissen ist, und sieht sie an, der soll leben.‘ Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie auf zum Zeichen; und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.“

Christus wird uns im alten Testamente unter verschiedenen Vorbildern abgemalt. In dem 1. Buche Mosis ist insbesondere Isaak ein Vorbild Christi, besonders in seiner bereitwilligen Hingabe in den Tod, sowie in seiner Auferstehung, ja auch in seinem Namen, wovon seine Mutter sagte: „Gott hat mir ein Lachen zubereitet.“ (1 Mose 21,6)

Im 2. Buch ist es das Osterlamm, wovon Paulus sagt: „Wir haben auch ein Osterlamm, welches ist Christus, für uns geschlachtet.“ Bei denselben ist insbesondere dessen rettendes Blut zu bemerken, und an Christo haben wir die Erlösung durch sein Blut.

Im 3. Buch ist es hauptsächlich der Bock, durch dessen Schlachtung die Versöhnung des Volkes bewirkt wurde. Nirgends häufen sich die Vorbilder Christo so, als während der Reise der Kinder Israel. Die Wolken- und Feuersäule, Moses, Aaron, die Stiftshütte, die Speise, welche sie nährte, das Wasser, was sie tranken, der Fels, der’s ihnen gab, waren nebst vielen anderen Dingen Vorbilder Christi.

Im 4. Buche Mosis ist es insbesondere die eherne Schlange.

1.)

Gott kann alle Kreaturen gegen die Übertreter seiner Gebote waffnen. Gegen die murrenden Hebräer müssen scheußliche Schlangen die Werkzeuge seiner Gerechtigkeit und die fürchterliche Geißeln sein, womit diese widerspenstigen Knechte gepeitscht werden. Diese abscheulichen Tiere heißen Seraphim, feurig, ein Name, welcher auch den heiligen Engeln beigelegt wird, welche Jesajas sah, und die deswegen so genannt wurden, weil sie gleichsam von Eifer für die Verherrlichung Gottes glühten und brannten und darum ihr: „Heilig, heilig, heilig“ mit so starker Stimme ausriefen, dass des Tempels Pfosten davon erbebten. Die Schlangen aber hießen so, weil sie nicht nur wie Feuerkohlen aussahen, vor Zorn glühten, sich wie blaue und rote Flammen mit schrecklicher Schnelligkeit im Lager umherbewegten und ehe man sich’s versah, die Menschen anfielen und bissen, sondern auch ein Gift mit sich führten, das, durch diesen Biss dem menschlichen Körper beigebracht, wie Feuer brannte und in kurzer Zeit unfehlbar tötete.

Diese scheußlichen Tiere nun krochen im Lager umher, schnell wie Blitze, verletzend wie Flammen. Ehe sich’s jemand versah, war er gebissen und musste eines schrecklichen Todes sterben. Was war nun für Rat, was war zu tun? Sollten sie flüchten? wohin? Sollten sie sich über die Schlangen hermachen und sie totschlagen? Wie Pfeile schossen sie auf sie zu und hatten ihnen eine tödliche Wunde beigebracht, ehe sie noch eine Hand zu ihrer Verteidigung aufgehoben. Dazu war kein natürliches Mittel wider die Wirkungen eines giftigen Schlangenbisses. Alle Wege waren gesperrt, alle Zuflucht abgeschnitten, an keine Rettung zu denken. Wohin sich jemand verkriechen mochte, die Schlangen fanden leicht Zugang.

Erschreckliche, grauenvolle Not! Da lagen Haufen von Leichen, deren entstelltes Aussehen bewies, welch eines unnatürlichen Todes sie gestorben waren. Da war eine Menge Gebissener, welche an dem Feuer, das durch ihre Adern rann, an der immer zunehmenden Angst und Beklemmung, an dem unaussprechlichen Durst merkten, wie nahe ihnen ein gleiches Ende sei. Da lagen andere schon an der Erde und rangen auf eine schreckliche Weise mit dem Tode. Und diejenigen, welche noch nicht verletzt waren, befanden sich doch in Todesängsten als keinen Augenblick sicher und gar nicht sicherungsfähig. Schrecklichere Not hat’s wohl nie gegeben als damals im israelitischen Lager.

Aber lasst uns wohl einprägen, dass ihnen dies, wie der Apostel sagt, zum Vorbilde geschah. Lasst uns bedenken und uns wohl einprägen, dass wir, ja wir die Gebissenen, von noch viel ärgern Schlangen Gebissene sind. Denn jene erschreckliche, alte Schlange, der Teufel, hat uns sein Sündengift der Empörung wider Gott beizubringen wissen, ein Gift, das von Natur in unser aller Adern rinnt, die schlimmsten Wirkungen hervorbringt und zuletzt den ewigen Tod nach sich zieht. Ist jemand geneigt, sich in dieser Beziehung für wenig und unbedeutend verwundet zu achten, so wisse und bedenke er wohl, dass ein geringer Schlangenbiss, einer kleinen Schramme von einer Nadel gleich, ebenso tödlich ist, als derjenige, wodurch eine klaffende Wunde verursacht wird, er wisse und bedenke wohl, dass diese Schramme oder Wunde durch Geringschätzung wohl verschlimmert, nicht aber gebessert wird.

Seht die geängsteten Kinder Israel an. Wie bestürzt sehen sie aus, wie unruhig, wie angstvoll sind sie, wie eilen sie umher, wagen es wieder nicht zu gehen, wagen es nicht stehen zu bleiben, sind wie Verzweifelnde, seufzen, weinen, schreien. Seht da ein Bild, wie es im Anfang der Buße zu gehen pflegt, wenn der Mensch zur Erkenntnis und zum Gefühl seines Sündenelends gelangt. Wie ist sein Geist so geängstigt, wie ist sein Herz so zerschlagen, wie ist sein Mut so klein, wie ratlos ist er und irrt, wie am Rande des Abgrunds der Verzweiflung umher. Ein rauschend Blatt jagt ihn. Er fürchtet sehr, wenn auch für andere, so sei doch für ihn kein Rat, weder bei ihm selbst, noch bei Menschen, noch bei Gott selber. Er fürchtet sich wohl, seinen Verstand zu verlieren und plötzlich hinweggerafft zu werden. Seht einen Kerkermeister, seht einen Paulus so zittern und zagen. Mag’s auch nicht immer so gehen, mag’s auch nicht als für jeden notwendig betrachtet werden können, so ist dies doch der gewöhnliche Weg. Wer sich leicht über seine Sünden hinwegmachen kann, der meine nur nicht, dass er auf richtigem Wege wandle.

Wohl aber dem, dem hier bei Leibesleben seine Sünde als eine schwere Last zu schwer wird, jedoch nicht, wie sie’s einem Judas, sondern wie sie’s einem David wurde. Wehe aber dem, welchem der Herr seine Sünde behält, um sie dann über ihn herfallen zu lassen, wie wütende Schlangen, wenn der Tod eine unübersteigliche Kluft zwischen ihm und der Gnade befestigt hat. Trübsal und Angst, Ungnade und Zorn über alle Seelen, die da Böses tun; Preis und Ehre, unvergängliches Wesen aber, die mit Geduld in guten Werken trachten nach dem ewigen Leben.

2.)

Was war denn in dieser Not zu tun, die Schlangen abzuwehren? Was sollte zu tun gewesen sein? Die Schrecken ihrer Lage wurden dadurch vollendet, dass ihnen gar kein Rettungsmittel übrig blieb, und sie sahen alle mit einander nichts vor sich, als den gewissen Tod innerhalb kurzer Zeit. Unsere geistliche Lage in Beziehung auf die Sünde und ihre Strafe ist ebenso verzweifelt. Bei uns selbst ist ebenso kein Rettungsmittel gegen das eine so wenig, als gegen das andere. „Was soll der Mensch geben, dass er seine Seele wieder löse? Es kostet zu viel, dass er es muss anstehen lassen ewiglich.“ Dem Gesetz ist es unmöglich, ja es predigt uns die Verdammnis, richtet nur Zorn an, tötet nur. Wohin denn? Zu Gott? Er ist ein verzehrend Feuer.

Ach! was wäre denn doch aus den Kindern Israel geworden, hätten sie keinen Moses gehabt, was würde aus uns werden, hätten wir keinen Jesus. Beide sind Mittler, Mittelspersonen zwischen Gott und den Menschen, jener als Bild, dieser als Wesen, jener für eine Zeit lang, dieser für immer. Wie ernstlich waren sie jetzt, den Moses zu suchen, welchen sie bisher und noch soeben misshandelt hatten. Wie köstlich kann der Jesus noch Leuten werden, die jetzt noch meinen, vieles wider seinen Namen tun zu müssen und die noch glauben, seiner gar nicht zu bedürfen. Möchte es bald und bei vielen geschehen. Sie eilen zu Mose. Sie bekennen ihre Sünde wider Gott und Moses. Sie ersuchen ihn um seine Fürbitte, die er ihnen sonst so oft ungebeten hatte angedeihen lassen. Und Moses schilt sie nicht, weist sie nicht zurück. Er bittet für sie und ward, wie immer, so auch jetzt erhört, aber auf welche seltsame Weise! Gott konnte auf mehr als eine Weise retten. Er konnte den Schlangen einen Trieb geben, sich aus dem Lager wegzumachen und sich wieder irgend in Sumpf zu begeben, wo sie gewöhnlich hausten; er konnte ihnen ihr Gift oder den Trieb zum Beißen nehmen, oder ihre Bisse unschädlich machen, oder die Kinder Israel ein anderes Lager nehmen lassen, oder wie ehemals die Wachteln, so konnte ja jetzt eine Schar von Störchen – dieser natürlichen Feinde der Schlangen, wogegen Moses sich derselben in seinen jüngeren Jahren in einem Kriege gegen die Mohren bedient haben soll, wie der jüdische Geschichtsschreiber Josephus berichtet – ins Lager kommen, und die Schlangen, die sie scheuen, vertreiben mögen. Aber nichts dergleichen. Wie wir jetzt durch eine törichte Predigt selig werden, so wir daran glauben, so wurden jene durch ein sehr törichtes Mittel errettet.

Moses bekam den Befehl, eine Schlange von Kupfer zu verfertigen und sie auf einer hohen Stange aufzurichten, mit beigefügter Verheißung, wer gebissen ist und siehet sie an, der soll leben. Moses tat also. Wenn nun jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb wirklich am Leben. Merkwürdiges Mittel! Eine tote Schlange von Kupfer heilt, wenn sie angeblickt wird, den tödlichen Biss lebendiger Schlangen? Wie mag solches zugehen? Was ist hier für ein Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung? Keiner. Liegt vielleicht im Kupfer eine Kraft wider den Biss giftiger Tiere? Gerade das Gegenteil. Er soll dadurch nur schlimmer werden. Und warum gerade ein so abscheuliches, giftiges, verfluchtes Tier wie eine Schlange? Wäre es noch ein Lamm, eine Taube, oder dergleichen gewesen! Man wurde ja eher abgeschreckt sie anzusehen, als dazu gereizt. Die Ähnlichkeit zwischen der kupfernen und den wirklichen Schlangen war fast allzu groß. Jene erinnerte fast allzu sehr an diese, dass Heilmittel an die Krankheit, und der Blick konnte ja fast kaum anders als mit einem heftigen Schauder geschehen. Es ist dies alles wahr. Aber wer sich das alles nicht hindern ließ, sie dennoch anzusehen, der blieb leben, wer dies aber aus diesen oder andern Ursachen unterließ, weil ihm das Heilmittel missfiel, oder weil er seine Gefahr entweder für zu klein oder für zu groß hielt, oder weil er erst begreifen wollte, wie das Ansehen einer kupfernen Schlange den Biss einer lebendigen heilen könne, die alle kamen um, wenn sie auch nur eben von einem Schlangenzahn geritzt worden waren, wogegen auch die erhalten wurden, welche sie ansahen, mochten sie auch aufs gräulichste zugerichtet, mochten sie auch beinahe tot sein, mochte das Gift auch schon seine volle Wirkung zeigen, mochten sie auch immer aufs neue gebissen werden und vor Schwachheit auch nur einen matten Blick hinwerfen können, sie bleiben leben.

Wie wird’s da im israelitischen Lager ausgesehen haben. Am gefährlichsten sah es um diejenigen aus, welche so unmerklich von einer Schlange gebissen waren, dass sie glaubten, sie seien gar nicht verletzt und bedürften also auch des Heilmittels nicht, da doch nicht nur ein tiefer Biss, sondern selbst die leichteste Schramme unfehlbar den Tod nach sich zog. Viele waren schon tot, mehrere waren es beinahe und konnten nur noch mit halb gebrochenen Augen zur Schlange aufschauen, etliche hatten kaum hingesehen, so nötigte sie ein neuer Schlangenbiss es abermals zu tun, etliche blickten mit aller Freudigkeit auf die erhöhte Schlange und mit einer gewissen Geringschätzung auf das umherkriechende Giftgewürme, andere taten es mit Ängstlichkeit und suchten sich zu hüten, keiner aber ließ sich aus Mutwillen beißen.

Die kupferne Schlange tat’s freilich nicht, sondern Gott durch dieselbe. Sie wurde lange Zeit, nämlich 700 Jahre aufbewahrt, wie sie’s wohl verdiente. Als aber die Kinder Israel Abgötterei damit trieben, ward sie vom Könige Hiskia zerbrochen. Wie geneigt sind doch die Menschen, alles zu verkehren und Gott seine Ehre zu rauben, um sie sich selbst oder den Kreaturen anzueignen.

So wurde denn auch dieser großen Not durch Gott abgeholfen. Ist’s denn das nun alle, oder will diese Geschichte noch etwas anderes lehren? Gewiss will sie auch was anderes lehren. Schon der Name dieser Lagerstätte deutet darauf hin, denn Zalmona heißt e i n  B i l d , d a s  b e w e g t  wi r d . Es ist ein Bild. Bewegen wir es, tragen wir’s auf etwas anders über, so finden wir das eigentliche. So ist’s mit dem Manna, mit dem Wasser gebenden Felsen, so auch mit der kupfernen Schlange.

3.)

Wir brauchen aber nicht lange zu suchen und nachzudenken, noch unsern eigenen Witz anzustrengen, um dasjenige ausfindig zu machen, was die Geschichte abbildet. Lesen wir das Evangelium Johannis, so finden wir, dass Jesus selbst im 14. und 15. Verse des 3. Kapitels sagt: „Gleich wie Moses in der Wüste eine Schlange erhöht hat, also muss des Menschensohn erhöhet werden, auf dass alle die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Hier sagt uns der Herr, er müsse so erhöhet werden, wie jene Schlange von Mose erhöhet worden, zu dem Ende, dass ein jeglicher, der an ihn glaubt, nicht wegen des Sündengifts, was ihm die Schlange beigebracht, verderbe, sondern das ewige Leben habe. Um dieses zu bewirken, musste jenes geschehen. Um zu bewirken, dass wir nicht alle verloren würden, musste Christus erhöht werden, und zwar auf eine ähnliche Art wie die Schlange, nämlich ans Kreuz. Und in dieser Beziehung gibt es kein passenderes Bild des am Fluchholz hängenden Christus, als eben die Schlange, diese verfluchte Kreatur.

Lasst uns aber Bild und Original ein wenig mit einander vergleichen. Sehen wir auf die Schlange  ü b e r h a u p t, so finden sich hauptsächlich zwei Vergleichungsumstände zwischen derselben und Christo. Erstlich ist die Schlange, wie wir aus 1. Mose 3,14 sehen, ihrer ursprünglichen Herrlichkeit beraubt und aus einer sehr vortrefflichen ein sehr abscheuliches Geschöpf geworden. Christus war während seines ganzen Wandels auf Erden der ursprünglichen Herrlichkeit beraubt, welche er bei seinem Vater hatte, ehe denn der Welt Grund gelegt war, nie aber in einem so hohen Grade aller Herrlichkeit beraubt, als da er am Kreuze hing. Nicht der mindeste Schimmer von Herrlichkeit war an ihm sichtbar. Er war ein Wurm und kein Mensch, so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg, ja vor ihm ausspie. Er war ein Spott der Leute und Verachtung des Volks.

Der zweite Vergleichungspunkt ist dieser: die Schlange ist verflucht und – es lautet hart – Christus hing als ein Verfluchter am Kreuz, wie geschrieben steht: Verflucht sei, wer am Holz hängt. Ja, er ward ein Fluch für uns, damit er uns vom Fluch erlöste und uns den verheißenen Segen erwürbe. Zwischen der ehernen Schlange und Christo finden sich unter andern folgende Ähnlichkeiten:

1.) Jene s a h aus wie die verderbliche Schlange und heißt auch so. Christus war nicht nur in der Gestalt des sündlichen Fleisches, sondern von Gott zur Sünde gemacht. Unser alter Mensch wurde in und mit ihm erhöhet ans Kreuz.

2.) Jene eherne Schlange hat nichts von dem G i f t der lebenden. Christus war ohne alles Sündengift und kein Betrug in seinem Munde, so wenig wie ein Giftzahn in dem Munde der erhöhten Schlange.

3.) Sie war von K u p f e r. Aus diesem Metall war das Waschfass und andere heilige Geräte des Tempels und ist ein Bild der Heiligkeit Christi, wodurch er sich selbst für uns geheiligt hat, auf dass auch wir geheiligt seien in der Wahrheit. Die feurige Gestalt dieses Erzes ist ein Bild des feurigen Eifers um das Haus Gottes, der ihn gefressen hat, seiner Liebe, die ihn in den Tod trieb.

4.) Sie war t o t und stellt uns den um unserer Sünde willen getöteten Christus vor, dessen Tod unser Leben, der gestorben ist, vieler Sünden wegzunehmen, gestorben ist, damit wir auf ihn hinweisend fragen mögen: „Wer will verdammen?“ gestorben ist und wir mit ihm, auf dass der sündliche Leib in uns aufhöre und wir hinfort der Sünde nicht mehr dienen.

5.) Sie wurde e r h ö h t . Christus wurde erhöht ans Kreuz und sodann auf den Thron und wird noch stets erhöht durch das Wort vom Kreuze, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit. Gott hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung, erhöht von den Danksagungen der Gläubigen, welche inne werden, dass nicht zu Schanden werden an ihm, die sein harren. Die U r s a c h e d e r E r h ö h u n g beider war die Sünde und deren bittere Folgen, die Absicht , ein Rettungsmittel darzustellen, welches seinem Zwecke vollkommen entsprach, jedoch nicht der Vernunft, sondern dem Glauben vorgehalten wurde.

Die Gebissenen brauchten bloß die kupferne Schlange anzusehen, so blieben sie am Leben. Wurden sie aufs neue gebissen, so hatten und bedurften sie kein anderes Heilmittel und kein anderes Verfahren als das Ansehen. Übte man das, so blieb man am Leben, mochte man noch so gräulich von den Schlangen gebissen sein, sowie derjenige sterben musste, der’s aus irgend einem Beweggrunde zu tun unterließ.

Dies alles nun bildet sowohl das Werk des Heils durch Christi Kreuzestod als die Art und Weise ab, des durch den gekreuzigten Christus erworbenen Heils teilhaftig zu werden. „Auf dass, wer an mich glaubt, nicht verloren werde, sondern das ewige Leben habe,“ sagt Jesus. Wie die eherne Schlange Christum, so bildete das Ansehen derselben den Glauben ab. Wie durch jenes Ansehen die verderblichen Wirkungen des Giftes abgewendet wurden, so wird durch den Glauben verhütet, dass jemand nicht verloren gehe und wie jene durch das Anschauen ihr leibliches Leben behielten, so erlangt jeder durch den Glauben das ewige Leben. Wer also zu glauben versteht, ist geborgen, wer nicht glauben kann, muss nach Leib und Seele verderben.

Hatte d a s  A n s e h e n der kupfernen Schlange durch ihre stillschweigende Erinnerung an die giftigen, lebenden etwas Schauderhaftes, so können wir nicht auf das Kreuz Christi blicken, ohne an die ungeheure Tiefe unseres Elends und an die Größe unserer Schuld erinnert zu werden, welche nur durch ein so außerordentliches Mittel gehoben werden konnte. Indem dieser Blick uns erhöht, demütigt er uns zugleich aufs tiefste. Von dieser kupfernen erhöhten Schlange ging alles Heil aus. Sie hatten und brauchten kein anderes. Alle sonstige Mittel wurden dadurch ebenso unnütz als unnötig und sträflich. Und ist’s so nicht mit dem Gekreuzigten? Außer ihm kein Heil. Alle Gebissenen konnten geheilt werden. Und wir sind ermächtigt zu verkündigen, dass alle Sünder selig werden können, von welcher Abscheulichkeit, Größe, Mannigfaltigkeit und Menge ihre Sünden auch sein mögen, zu verkündigen, dass niemand deswegen zu verzweifeln braucht, als wäre seine Rettung unmöglich. Nur eine einzige Sünde kann nicht vergeben werden, und das ist eine Sünde, deren Begehung vielleicht jetzt unmöglich ist.

Welch eine erfreuliche Botschaft! Keiner wurde wirklich geheilt, als der sich für gebissen hielt, glaubte, dass dies sein Tod sei und deswegen die erhöhte Schlange ansah. Nur wer sein Sündenelend erkennt, nur wer sich für verloren achtet, nur wer zu Jesu seine Zuflucht nimmt, und an ihn glaubt, wird gerecht, heilig und selig, und ein jeglicher, wer dies nicht übt und ist, geht rettungslos verloren. Ist jemand unbußfertig, dass er von seinen Sünden nicht abstehen, ist jemand selbstgerecht, dass er sie nicht erkennen, ist stark, dass er sich selbst helfen will, ist jemand ungläubig, dass er sich zu Jesu nicht wendet, der wird verdammt und wäre er ein solcher, der da sagte: „Dies alles habe ich gehalten von meiner Jugend an.“

Jenes Ansehen geschah auf u n t e r s c h i e d l i c h e Weise . Ist gleich der Glaube in seinem Wesen eine gewisse Zuversicht, welche nicht zweifelt, so äußert er sich doch nicht zu allen Zeiten und bei allen Gläubigen stets in derselben Weise. Die Schrift selbst nennt ihn nicht nur essen und trinken, sondern auch hungern und dursten, nicht nur vertrauen, sondern auch Zuflucht nehmen, er wird nicht nur einem Eichenbaum, sondern auch dem Gras verglichen. Sah einer zu der ehernen Schlange hin mit freudiger Zuversicht, so tat’s ein anderer mit bangem Zagen, fasste dieser sie fest ins Auge, weil sie ihm nahe genug war, um sie deutlich zu sehen, so konnte ein anderer bange Zweifel hegen, ob sein Aufschauen auch wohl rechter Art sei, da er wegen weiter Entfernung nicht deutlich sehen und nicht wissen konnte, ob sein Blick geradezu die Schlange treffe oder vorbeigehe, und skrupullierende Personen konnten Bedenken daraus schöpfen, dass es hieß, wenn jemand e i n e Schlange biss und bei dem Wörtlein e i n e stehen bleiben und nicht wissen, ob’s ihnen auch gelte, da sie von mehreren verwundet waren, denn wie viele Bedenklichkeiten erheben sich nicht gegen den einfältigen Glauben an Jesus. Jenes Anschauen geschah mit Abwendung seines Blicks von allem andern, und der Glaube sucht alles Heil nur in Jesu, mit Ausdauer, bis zur völligen Genesung, mit Anerkennung der höchsten Notwendigkeit, mit inniger Dankbarkeit und Freude.

So haltet denn dafür, liebe Brüder, dass wir auch in dieser Welt zu Zalmona, unter giftigen, tödlichen Schlangen wohnen; haltet euch dafür, dass wir alle mit einem Drachengift angesteckt sind, das den ewigen Tod unfehlbar herbeiführt. Seid ferner fest überzeugt, dass in uns selbst gar kein Rettungsmittel anzutreffen ist, möchten wir auch alles aufbieten, was in unsern Kräften ist. Lasst euch eure Not nicht weniger ernstlich zu Herzen gehen, als den Kindern Israel das Grauenvolle ihre Lage einleuchtete und sucht nicht weniger ernstlich Rettung wie sie, ehe es zu spät ist. Steht es so um euch, tragt ihr Leid, grämet, ängstigt euch das, so erinnert euch alsdann auch daran, dass, wie die Schlange, so der Sohn Gottes erhöht worden ist, und das Wort vom Kreuz noch immer ertönt, auf dass ein jeglicher, der an ihn glaubt, nicht verloren werde, sondern das ewige Leben habe. Lernet Glauben üben. Lasst euch durch euer Elend nicht davon abhalten, sondern vielmehr dazu antreiben, und flüchtet euch desto ernstlicher zu ihm, je elender ihr euch fühlt, denn er kann und will erretten, all die zu ihm treten. Sodann aber beharret hierin bis zu eurer völligen Genesung. Lasset keinen Zweifel in euch übrig bleiben, sondern geht aus Glauben in Glauben, also dass ihr nicht mehr zweifelt. Lasst keinen Stachel in euerm Gewissen und keine sündliche Lust oder Begierde in euerm Herzen, sowie keine Unregelmäßigkeit in euerm Wandel übrig, sondern widersteht diesem allen und bestreitet es durch den Glauben, bis derselbe zum Schauen gelangt und der Kampf in Ruhe sich auflöst. Tut so allen euern Fleiß daran, euern Beruf und Erwartung fest zu machen. Denn, wo ihr solches tut, werdet ihr nicht straucheln und also wird euch reichlich dargereicht werden der Eingang zu dem ewigen Reich unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi.

Amen

Quelle: Gottfried Daniel Krummacher, Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan. In Beziehung auf die inneren Führungen der Gläubigen beleuchtet in einer Reihe von 91 Predigten (1900). Neu bearbeitet und herausgegeben von Thomas Karker, Bremen (2020)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 2. Oktober 2021 um 23:15 und abgelegt unter Predigten / Andachten.