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„Das Handy ist wie Kokain in der Tasche“

Montag 9. Dezember 2019 von Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.


Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.

Die Diskussion lĂ€uft schon seit Monaten, Leitmedien wie Spiegel, SĂŒddeutsche Ă€ußern sich besorgt: Immer mehr Kinder und Jugendliche konsumieren wie selbstverstĂ€ndlich pornographisches Material auf ihren Smartphones. Auch die Politik wacht langsam auf, seit Ende Oktober ein Ring von 12 – bis 25jĂ€hrigen aufgedeckt wurde, der solches Material geschĂ€ftsmĂ€ĂŸig vertrieb. Niemand, kein Kind ist davor gefeit, weil es ĂŒber Smartphone und Internet eben einfach geworden ist wie ein Kinderspiel. Denn seit 2012, dem Jahr, in dem das Smartphone technisch so weit war, daß es im Konsumverhalten den Computer ablöste und weltweit zum „handlichen Artikel“, also auch in Kinder-und Jugendhand wurde, erlebt die Porno-Industrie einen nahezu unkontrollierten Aufschwung.

Die erste Welle war mit dem Aufkommen des Internet schon Anfang der neunziger Jahre spĂŒrbar, aber mit dem internetfĂ€higen Handy, so erklĂ€ren Experten (sie wollen wegen der Skrupellosigkeit dieser Mafia lieber unerwĂ€hnt bleiben), „erfolgte ein Quantensprung. Heute haben 85 Prozent der Jungen und 71 Prozent der MĂ€dchen zwischen 14 und 16 Jahren bereits pornografisches Material gesehen“. Das Einstiegsalter liege bei 12 Jahren, unabhĂ€ngig von Familiensituation und Schulform. Das Datenvolumen, das hier weltweit bewegt werde, sei vergleichbar mit dem von Google, schon weil es viele Fotos und Filme umfasse. Die sich explosionsartig vergrĂ¶ĂŸernde Industrie reiche in Deutschland mit ihren UmsĂ€tzen an die Autoindustrie heran. Man könne durchaus von einer drohenden Suchtepidemie sprechen. Allerdings werde Pornografie-AbhĂ€ngigkeit offiziell nicht als Sucht anerkannt, „obwohl sie sĂ€mtliche Kriterien psychischer Krankheiten erfĂŒllt“. Es sei wegen der raschen Zunahme der SĂŒchtigenzahl auch durchaus Thema bei internationalen Kongressen und Veranstaltungen gewesen, ob man Porno-Sucht im Internationalen Kompendium fĂŒr Krankheiten (ICD) auffĂŒhre, das alle sechs Jahre aktualisiert werde. „Aber man wollte nicht, obwohl die Kriterien 1:1 zu anderen SĂŒchten passten. Das betrifft sowohl die neurologischen Prozesse als auch die Dosis-Steigerung wie bei stoffgebundenen Drogen, es gilt fĂŒr die Symptome wie sozialer RĂŒckzug bis hin zum Zerfall der Persönlichkeit“. Die derzeitigen Trends der Psychotherapie haben derzeit ein anderes VerstĂ€ndnis von Krankheit. Man fragt: Was will der Kranke? Und nicht: Was heilt?

In diesem Sinn wird Pornografie verharmlost, auch Kinderpornographie, und der PĂ€dophilie wieder eine TĂŒr geöffnet. Es kommt darauf an, wie man Pornografie definiert. Die noch gĂ€ngige Definition lautet: Bei Pornografie handelt es sich um Material ĂŒber sexuelle Handlungen, das darauf abzielt, sexuell zu stimulieren. In der Stimulierung liegt die Gefahr. Sie verlangt bei anhaltendem und dauerhaftem Konsum eine immer höhere Dosierung und endet in der Ausschaltung des freien Willens, eben in der Sucht. Warum Porno-Konsum ĂŒberhaupt attraktiv ist, wird in Expertenkreisen erklĂ€rt mit drei A’s: accessibility affordability, anonymity – leichter Zugang, man kann es sich leisten, man bleibt anonym. Ein Bestreben, den reinen Lustaspekt von SexualitĂ€t (neben den Aspekten Beziehung und Fruchtbarkeit) zu erleben, hat es schon immer gegeben, zum Beispiel in Form von Prostitution. Dieses Bestreben ist aber noch nie so einfach (accessibility) und kostengĂŒnstig (affordabilty) und zu so geringen sozialen Risiken (anonymity) zu befriedigen gewesen wie durch Pornografie auf einem mobilen EndgerĂ€t.

Porno-Sucht hat selbstverstĂ€ndlich Auswirkungen auf die Beziehungswelt des SĂŒchtigen. Sie verringert die Bindungs-und EmpathiefĂ€higkeit, erhöht den sexuellen Leistungsdruck und fĂŒhrt auf Dauer zu aggressivem Verhalten, vor allem von MĂ€nnern gegenĂŒber Frauen. Die Langzeit-Nutzung von Pornografie lasse MĂ€nner Vergewaltigungen als weniger schwere Verbrechen sehen, was auch durch die #Metoo-Bewegung nicht signifikant beeintrĂ€chtigt wurde. Zugute kommt der Porno-Industrie, daß dieser Bereich gesellschaftlich stark tabuisiert ist, man redet kaum noch ĂŒber Werte, SchamgefĂŒhl und sexuelle Grenzen. Hier ist ein Bereich, wo Familien und Schulen, die den Anspruch haben, Werte, Moral und menschliches Verhalten zu vermitteln, prĂ€ventiv wirken können. PrĂ€vention ist besser als Abschottung. Es ist besser, das Problem zu kennen und mit ihm umzugehen. Die Sprachlosigkeit in diesem Bereich sei in christlichen Familien nach der Erfahrung von Experten „leider immer noch weit verbreitet. Über SexualitĂ€t redet man nicht, ĂŒber Pornografie schon gar nicht“. Das sei im Zeitalter vor dem Internet noch machbar gewesen. „Vor 1990 musste man sich fĂŒr Pornografie entscheiden, wenn man sie konsumieren wollte. Heute ist sie omniprĂ€sent. Heute muss man sich dagegen entscheiden, wie bei jeder Sucht“. Zwar gibt es technische Möglichkeiten wie Kindersicherungen. Aber die könnten junge Leute heute leicht umgehen oder einfach beim Klassenkameraden auf den Schirm schauen. „Das Handy ist wie Kokain in der Tasche“.

AufklĂ€ren ist das Gebot der Stunde. Das kann in der Familie geschehen, das kann auch systematisch in der Schule gehandhabt werden. Es gibt Vereine und Initiativen, die den Schulen entsprechende Programme anbieten, auch nach Geschlechtern getrennt, auch fĂŒr Eltern. Diese Programme seien modern und altersgerecht, das Personal gut ausgebildet und deutschlandweit einsatzbereit. Zu erwĂ€hnen wĂ€re hier beispielsweise die „return gemeinnĂŒtzige GmbH“ (www.return-to-reality.de). Es geht darum, das Bewußtsein fĂŒr diese Gefahr zu schĂ€rfen. Immerhin steht die Bindungs-und LiebesfĂ€higkeit junger Generationen auf dem Spiel. Das betrifft auch junge Menschen, die selber nicht Pornografie konsumieren. Denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß sie einen Freund oder Partnerin kennenlernen, der/die bereits konsumiert hat (85 Prozent der Jungen, 71 Prozent der MĂ€dchen bis 16 Jahren).

In anderen europĂ€ischen LĂ€ndern ist der PrĂ€ventionskampf bereits im Gange. In Frankreich finden Tagungen zu diesem Thema statt und formieren sich Gruppen zum Kampf gegen die Porno-Gefahren. In Spanien meldet sich auch die Kirche zu Wort. Der Bischof von San Sebastian, Jose Ignacio Munilla, ergreift jede Gelegenheit, um vor der „Invasion in unsere Kultur“ zu warnen“. Selbst linksliberale Medien wie die Tageszeitungen „El Pais“ wĂŒrden von den Suchtgefahren sprechen, „der Westen sei von der freien Liebe der 68er in der Sklaverei des 21.Jahrhunderts gelandet“. Msgr. Munilla nennt sieben GrĂŒnde, weshalb man den Kampf aufnehmen mĂŒsse: Es gehe um den Menschen als Person; Pornografie töte die Liebe der Ehepaare (25 Prozent der Scheidungen erfolgten wegen Porno-Sucht); Porno zerstöre die wahre SexualitĂ€t, verzerre die Sicht von Mann und Frau fĂŒreinander, mache egoistisch und raube die FĂ€higkeit zur Freude; Pornografie „versklave und verhindere, daß der Geist Gottes Wohnung im Herzen der Menschen nehmen könne“. Munilla bietet eine Reihe von praktischen Maßnahmen und Verhaltensregeln an, wie etwa das Schlafzimmer frei zu halten von Bildschirmen, denn die seien eine Versuchung. Von deutschen Bischöfen wird man zu dem Thema vermutlich kaum etwas hören. Die anhaltende Mißbrauchsdebatte hat ihre GlauwĂŒrdigkeit in diesem Bereich stark beschĂ€digt.

In der Tat gehört die Kontrolle ĂŒber den Bildschirm zu den besten Methoden der PrĂ€vention. Das geht allein schon aus den Daten zum Medienkonsum hervor. Die 12- bis 19jĂ€hrigen in Deutschland sind tĂ€glich drei Stunden und 20 Minuten online. Vor zehn Jahren war es mit 99 Minuten nicht mal die HĂ€lfte. Insgesamt verbringen die Jugendlichen mit der Nutzung von Massenmedien, also Radio, Fernsehen, Zeitungen plus Smartphone knapp acht Stunden pro Tag. 1970 waren es drei Stunden und 27 Minuten. Das sind Ergebnisse der sogenannten Jim-Studie aus dem Jahr 2016. Nach einer in diesem Jahr veröffentlichten Studie der DAK und des Hamburger Uni-Klinikums verbringen die 12- bis 17jĂ€hrigen im Schnitt fĂŒnf Stunden mit WhatsApp, Facebook, Instagram und anderen sogenannten sozialen Medien. Die Nutzungszeiten fĂŒr Computerspiele kommen noch hinzu. Weitere Studien bestĂ€tigen den steigenden Konsum des Internets.

Die Folgen sind dramatisch. Junge Menschen treffen weniger Freunde und verlassen seltener das Haus. Sie stehen im Dauerkontakt mit gleichaltrigen Online-Freunden. Man nennt sie POPC, permanently online – permanently connected. Mittlerweile sind nach der Hamburger Studie 2,6 Prozent der POPC-Jugendlichen von den sozialen Medien abhĂ€ngig. Jugendpsychologen und -psychiater bestĂ€tigen, daß die Internetsucht heute die hĂ€ufigste Krankheit ist, mit der sie in ihren Praxen zu tun haben. HĂ€ufig geht sie mit anderen Krankheiten einher, man spricht vom ISO-Syndrom. I steht fĂŒr Internetsucht, S fĂŒr SchulschwĂ€nzen, O fĂŒr Obesitas, krankhaftes Übergewicht. Die Betroffenen haben ein Symptom und die beiden anderen kommen dann dazu, meist steht am Anfang die Internetsucht. Sie zeigt sich auch in der Nomophobie, der Angst ohne Handy zu sein. An dieser Angst leiden nach einer PISA-Studie 41 Prozent der Digital Natives, also jene Generation, die mit Online-GerĂ€ten aufgewachsen ist.

Auch ohne Sucht sind die Folgen gravierend. Die „Kultur des gesenkten Blicks“ fĂŒhrt zu KonzentrationsmĂ€ngeln und zu einer geringen Aufmerksamkeitsspanne. 95 Prozent der Jugendlichen haben ein Smartphone und schauen alle sieben Minuten drauf. Nicht nur Schulleistungen leiden darunter, auch ganz elementare FĂ€higkeiten wie das Lesen. Jeder fĂŒnfte ViertklĂ€ssler verfehlt die Mindeststandards im Bereich Lesen. Das betrifft, so das Institut fĂŒr QualitĂ€tsentwicklung im Bildungswesen (IQB), vor allem Jugendliche in GroßstĂ€dten, ĂŒberproportional ist der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Entscheidend ist aber nicht die Herkunft, sondern das soziale Setting (Milieu, Medienkonsum in der Familie, Stellenwert von BĂŒchern, Haltung gegenĂŒber Bildung und Bildungssystem). Vietnamesische SchĂŒler zum Beispiel lernen schneller und besser lesen als deutsche, islamisch geprĂ€gte SchĂŒler haben hier deutliche Nachteile.

Diese Daten sind kein deutsches PhĂ€nomen. Weltweit hat sich die „screen-time“, die Zeit, in der Jugendliche auf einen großen oder kleinen Bildschirm schauen, in den letzten zwanzig Jahren dramatisch erhöht. Die screen-time ist das Einfallstor auch fĂŒr Pornographie. Sie zu begrenzen und den Schirm zu kontrollieren ist wie das „Kokain in der Tasche“ wegzuwerfen. Eine Studie der amerikanischen San Diego State University mit mehr als einer Million Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren konnte einen engen Zusammenhang erkennen zwischen Medienkonsum und Wohlbefinden. Mit anderen Worten: Die Laune sinkt proportional zur Dauer des Medienkonsums, wer lange glotzt wird ĂŒbellaunig und aggressiv. Das ist zwar nicht neu, Eltern stellen das bei ihren Kindern immer wieder fest. Aber der wissenschaftliche Nachweis dient als Argument, um den Medienkonsum einzuschrĂ€nken – ĂŒbrigens nicht nur bei Kindern.

Bei deutlichen Krankheitssymptomen (Nomophobie) wie dem Starren auf das Handy alle drei, vier Minuten, sollten Eltern sich ernsthaft Gedanken machen, ob sie nicht psychologische Hilfe suchen. Viele PĂ€dagogen, Psychologen und Verhaltensforscher empfehlen die EinschrĂ€nkung des Medienkonsums, zum Beispiel eine „screen-time“ von weniger als zwei Stunden pro Tag, so die Psychologie-Professorin J.M. Twenge, die die Studie der San Diego-University leitete. Zu erhöhen sei dagegen die Zeit fĂŒr Sport und fĂŒr Treffen mit Freunden ohne Handy oder Computerspiel. Schon frĂŒher hat eine Freiburger Gruppe von Verhaltensforschern empfohlen, daß Kinder und Jugendliche mindestens eine Stunde vor dem Zubettgehen kein Fernsehen sehen sollten. Bewegte Bilder gehen im Kopf nach und beeintrĂ€chtigen den Schlaf. Das gilt freilich auch fĂŒr das Smartphone, dessen Licht allein schon das Hirn fesselt. Was aber tun in dieser Zeit? Die Antwort heißt: Lesen. Auf Papier lesen, nicht auf dem Bildschirm. Das Gehirn verarbeitet anders, memorisiert anders. Ideal ist, vor allem bei kleinen Kindern, das Vorlesen.

Die Antwort kann auch, je nach Alter der Kinder, lauten: Gemeinsam spielen. Gesellschaftsspiele prĂ€gen emotional und intellektuell. Sie können Erlebnisse werden, an die man sich sehr viel lĂ€nger und intensiver erinnert als an einen Film. Sie vermitteln, anders als die Medien, echte und reale GlĂŒcksmomente. Und sie fördern, so ganz nebenbei, eine Tugend, die in der Hektik der Welt immer stĂ€rker gesucht wird: Ausdauer. Der Autor hat einmal in einem Doppelinterview den Kopf der Pisa-Studien, Andreas Schleicher, und den NobelpreistrĂ€ger Gary Becker, der seinen Preis dafĂŒr bekam, weil er den Begriff des Humanvermögens in die Wirtschaftswissenschaften eingefĂŒhrt hatte, gefragt, welche Eigenschaft man in der Familie lerne, die Gesellschaft und Wirtschaft nicht vermitteln könnten, aber dringend brĂ€uchten. Beide antworteten wie aus der Pistole geschossen: Ausdauer. Ausdauer ist wie jede Tugend auch eine Frage des Willens und der Übung. ÜbermĂ€ssiger Online-Konsum aber ist dieser FĂ€higkeit abtrĂ€glich, er fesselt die Aufmerksamkeit, schwĂ€cht die Willenskraft und öffnet das Tor zu SĂŒchten – und zum Mißbrauch.

Der nordrhein-westfĂ€lische Innenminister Herbert Reul bezeichnet die Szene mit Kinderpornografie im Internet als „ungeheuerlich“. Es werde zu wenig dagegen getan, schon auf der Seite der Legislative. Kinderpornografie und Kindesmißbrauch sei ein „grenzĂŒberschreitendes MassenphĂ€nomen“, sagte er im Deutschlandfunk. Je intensiver man hier ermittle umso umfassender wĂŒrden die Erkenntnisse. Das Netz biete den Verbrechern immense Möglichkeiten. „Es ist ungeheuer, was da los ist“. Umso dringender ist die PrĂ€vention – gerade in den Netzmedien und ihren Empfangsmöglichkeiten.

JĂŒrgen Liminski, IDAF-Aufsatz 4 / 2019

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 9. Dezember 2019 um 9:31 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik, Sexualethik.