Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Die Karriere eines Irrtums

Montag 9. September 2019 von Holger Lahayne


Holger Lahayne

2009 erschien das Buch „Darwin. Das Abenteuer des Lebens“ aus der Feder des Journalisten und Autors J├╝rgen Neffe – p├╝nktlich im gro├čen Darwin-Jahr, das den 200. Geburtstag des Forschers feierte. Der studierte Biologe verfasste auch Biographien ├╝ber gro├če Denker wie Marx und Einstein. Sein Buch ├╝ber den Mitbegr├╝nder der modernen Evolutionstheorie ist eigentlich ein Reisebericht auf den Spuren der Weltumsegelung Darwins auf der Beagle (1831-36). Zwischen Neffes Eindr├╝cken von den s├╝dlichen L├Ąndern finden sich mitunter lange Einsch├╝be mit biografischen Ausf├╝hrungen sowie aktuelle Bez├╝ge.

In Kapitel 18 geht Neffe ausf├╝hrlich auf Darwins Beziehung zu Christentum und Kirche ein, behandelt das Thema Religion und Evolution und widmet sich dabei auch der Kritik des Kreationismus. „Kreationisten haben in einem Buch ├╝ber Darwin eigentlich so wenig verloren wie Astrologen in einer Abhandlung ├╝ber Astronomie“, so Neffe jedoch streng.

Dennoch will es sich der Autor nicht nehmen lassen, Evolutionsskeptiker heftig abzuwatschen: „Heute zweifelt kein ernst zu nehmender Wissenschaftler die Richtigkeit von Darwins Lehre an, ob gl├Ąubig oder nicht. Im Gegenteil: die Beweislast der Fossilien ist seit seiner Zeit erdr├╝ckend geworden. Evolution l├Ąsst sich im Reagenzglas wie im Freiland beobachten, und seit sich in Gen-Analysen der Stammbaum alles Lebendigen immer exakter widerspiegelt, d├╝rfte es zumindest ├╝ber die Frage der gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen keine Debatte mehr geben. Es sei denn man lehnt den Rationalismus von vornherein ab. Da tun Ultra-Kreationisten, die der Wissenschaft ihre Bibel entgegenstrecken wie dem Teufel das Kreuz. Auf dieser Ebene treten zwei Systeme gegeneinander an, die nicht kompatibel sind. Wer die biblische Sechstagewoche ernst nimmt, wer noch heute mit sechstausend Jahren Erdalter argumentiert oder die Entstehung der Frau aus einer Rippe des Mannes f├╝r bare M├╝nze h├Ąlt, der lehnt im Grunde nicht nur Darwin ab, sondern die ganze wissenschaftliche Methode als Basis moderner Zivilisation.“

Neffe ist zwar Biologe und sollte als Wissenschaftler sachlich bleiben, doch hier schl├Ągt er ├╝ber die Strenge, so dass die Wahrheit auch schon mal auf der Strecke bleibt: Sicherlich sind Adaptionen und Mutationen zu beobachten, aber keineswegs die Evolution, ist damit doch gemeinhin die Entstehung neuer Arten gemeint. Neffe argumentiert in diesen S├Ątzen nicht, sondern versucht einzusch├╝chtern, ja mundtot zu machen.

Auf dem Kieker hat er nat├╝rlich auch „Intelligent Design“, das „durch die Hintert├╝r der Wissenschaft als Gegenmodell zur Evolutionstheorie“ aufgebaut werden solle. Die Anh├Ąnger dieses Forschungsprogramms streben einen konkurrierenden Ansatz zur vorherrschenden Evolutionstheorie an, so dass als Ziel wenigstens „Theorie gegen Theorie“ steht.

Doch auch dies gef├Ąllt Neffe nicht, was schon das Wort „Hintert├╝r“ deutlich macht. Die Evolutionstheorie ist n├Ąmlich keine blo├če Theorie neben anderen. Sie ist Normalwissenschaft (wie Thomas S. Kuhn sagte), das neue wissenschaftliche Leitparadigma, das keine ernstzunehmenden Konkurrenten mehr hat – und duldet. „Kein Wissenschaftler behauptet, dass die Evolutionstheorie alle Fragen beantworten kann“, so Neffe g├Ânnerhaft. „Jeder Wissenschaftler w├╝rde auch unterschreiben, dass Darwins Theorie ’nur‘ eine Theorie ist, die sich widerlegen – falsifizieren – oder durch eine bessere ersetzen lie├če. Aber bis heute ist weder der Ansatz einer alternativen Theorie noch die geringste Spur eines Gegenbeweises aufgetaucht, auch wenn die Neokreationisten genau das unterstellen“. Die Ans├Ątze alternativer Theorien werden ignoriert, weil ihre Vertreter angeblich einen „pseudowissenschaftlichen Kreuzzug“ f├╝hrte, au├čerdem ging es ihnen vor allem um „Macht und Einfluss“.

„Die vordringlichste Aufgabe der Menschheit“

Die Wissenschaft ist nat├╝rlich auf Darwins, auf unserer Seite – so gibt Neffe im ganzen Buch zu verstehen. Fast schon im Ton eines Richards Dawkins unterstellt er den Kreationisten die b├Âsesten Motive. Dummerweise steht der Autor selbst mit der Wirklichkeit auf Kriegsfu├č und zeigt an einigen Stellen eine geradezu frappante Unkenntnis wichtiger Sachverhalte und Erkenntnisse. Neffe erweist sich n├Ąmlich als unverbesserlicher Anh├Ąnger von Thomas Robert Malthus, der zwar ein guter Analytiker war, dessen Prophezeiungen sich jedoch als haltlos erwiesen haben.

In Kapitel 10 des Buches f├╝hrt Neffe aus: „Im Augenblick verhalten wir Menschen uns auf unserem Planeten noch wie Karnickel auf einer Insel, die sich immer weiter vermehren und ihren Lebensraum kahl fressen. Die Folgen sind bekannt. Kaninchen verenden im massenhaften Hungertod, wenn ihre Ressourcen aufgebraucht sind. Die Konsequenzen f├╝r die Menschheit sind die gleichen. Irgendwann werden wir uns nicht mehr alle durchf├╝ttern k├Ânnen. Darwinistisch gesehen werden die (technisch) T├╝chtigsten ├╝berleben und die Schw├Ąchsten unvermeidlich untergehen.“

Und weiter: „Wenn sich die Kindersterblichkeit verringert (was jedermann w├╝nscht) und alle satt zu essen haben sollen (was auch jeder bef├╝rwortet), dann muss ├╝ber kurz oder lang unsere Vermehrung weltweit zum Erliegen kommen und unsere Zahl sogar wieder schrumpfen. Das ist pure, brutale Biologie, der wir nur dadurch begegnen k├Ânnen, dass wir es nicht erst zum Kampf ums ├ťberleben kommen lassen. Die Erde w├Ąre uns f├╝r jede Milliarde weniger dankbar. Ob wir das durch Verzicht oder Vernichten erreichen, ist ihr egal. Wie auch immer wir es anstellen: Irgendwann m├╝ssen wir die Bev├Âlkerungspyramide der Menschheit in einen Zylinder mit konstanter Menschenzahl verwandeln oder sogar auf den Kopf stellen“. Europa sei dabei „auf dem einzig richtigen Weg“. Der „Pillenknick“ Ende der 60er Jahre k├Ânne daher „f├╝r eine der wichtigsten Erfindungen in der Menschheitsgeschichte stehen“.

In diesem Duktus f├Ąhrt Neffe im 14. Kapitel fort: Es drohe „zweihundert Jahre nach Darwins Geburt eine malthusische Hungerkrise ungekannten Ausma├čes. Erstmals werden Nahrungsmittel im globalen Ma├čstab knapp. Gut m├Âglich, dass die Menschheit diesmal davonkommen und die Produktion noch einmal kr├Ąftig steigern kann. Doch mit dem puren ├ťberleben ist das Problem l├Ąngst nicht gel├Âst, Das Ziel kann es nicht sein, Milliarden gerade so durchzubringen.“ Es w├Ąchst nicht nur die Bev├Âlkerung, die Menschheit produziert ja „auch noch ├Âkonomisches Wachstum und Kaufkraft. Das aber bedeutet., dass jeder im Schnitt mehr verbraucht. Wenn aber nur die H├Ąlfe der Weltbev├Âlkerung den Wohlstand der untersten Mittelklasse in Europa erreichen soll (was k├Ânnten wir dagegen haben?), dann w├Ąre die Erde beim heutigen Stand von Landwirtschaft und Technik schon mit vier Milliarden ├╝berbev├Âlkert.“ Neffes Fazit, und hier nennt er wieder den Vater dieser Denke, jenen Thomas Robert Malthus: „Jeder Schritt zu breiterem Wohlstand versch├Ąrft die Spannung zwischen ├ľkonomie und ├ľkologie und damit die malthusische Krise.“

Im letzten Kapitel bezeichnet Neffe das Ausbreiten der Menschheit als den „gr├Â├čten biologisch-kulturellen Erfolg“. Dieser gef├Ąhrde nun aber „Weiterleben und Fortschritt. Die Weisung der Bibel – ’seid fruchtbar und mehret euch‘ – ist an ihre biologischen Grenzen gesto├čen.“ Immer mehr neugeborene Kinder ├╝berleben dank verbesserter Medizin, das Prinzip des Survival of the fittest, so Neffe, wird also zur Seite geschoben. Daher gilt f├╝r ihn: Umso „unverzichtbarer wird Geburtenkontrolle“. Er kommt zu folgendem dramatischen Schluss: „Mehr als alles andere hat meine Reise mich in der Ansicht best├Ąrkt, dass ein Ende unseres Wachstums die vordringlichste Aufgabe der Menschheit ist. S├Ąmtlich globalen Krisen. h├Ąngen davon ab.“

Das „gro├če Gesetz der Natur“?

Kaum etwas von diesen S├Ątzen ist wahr. Neffe selbst liefert hier Pseudowissenschaft. Es ist alles ganz anders, und die Beweislast der historischen Fakten ist erdr├╝ckend geworden. Wachstum ist und bleibt die vordringlichste Aufgabe der Menschheit, denn nur so kann breiterer Wohlstand geschaffen werden. Neffe spricht es nicht deutlich aus, aber im Grunde gibt er zu verstehen: Ihr in den immer noch ├Ąrmeren L├Ąndern strebt gef├Ąlligst nicht unseren westlichen Wohlstand an und bleibt ├Ąrmer – bis sich die Erde dies leisten kann; au├čerdem habt ihr eure Bev├Âlkerung in Schach zu halten. Schlie├člich wollen wir in Europa – und wir sind ja auf dem richtigen Weg! – unseren Wohlstand weiter genie├čen. Wir haben eben Gl├╝ck gehabt und dieses Wohlstandniveau dank Fortschritt, Technologie und Wachstum zuerst erreicht. Pech gehabt! Nun ist die Erde aber endg├╝ltig zu voll!

Zu diesem puren Zynismus l├Ąsst sich Neffe nat├╝rlich nicht hinrei├čen, aber er steckt implizit in seinen Zeilen. Neffe ist dabei so stolz auf den Darwinismus, dass er den fatalen Zusammenhang mit der Theorie des Thomas Robert Malthus verkennt bzw. diese Denkweise ├╝bernimmt.

Die Abhandlung ├╝ber das Bev├Âlkerungsgesetz (An Essay on the Principle of Population) von 1798 hatte eine gro├če Bedeutung f├╝r Darwins Denken. Der anglikanische Pfarrer Malthus war davon ├╝berzeugt, dass sich die Bev├Âlkerung immer st├Ąrker vermehrt als parallel dazu die Nahrungsmittelproduktion anw├Ąchst.

Malthus stellte die These auf, dass die Bev├Âlkerungszahl exponentiell wachse (also nach der Reihe 2, 4, 8, 16 usw.), die Nahrungsmittelproduktion aber nur linear (2, 4, 6, 8, 10 usw.). Das habe zur Folge, dass Nahrungsmittelangebot und -nachfrage sich auseinanderentwickelten. Gleich im ersten Kapitel nennt er dies das „gro├če Gesetz unserer Natur“. Daher wird oder muss sich die Bev├Âlkerung in ihrem Wachstum begrenzen – auf brutale oder zivilisierte Art. In fr├╝heren Zeiten haben Hungersn├Âte, Kriege und Seuchen das Problem der ├ťberbev├Âlkerung ‚gel├Âst‘. Malthus hatte als Christ nat├╝rlich moralische Vorbehalte gegen das massenhafte Sterbenlassen von Menschen. Er bef├╝rwortete deshalb effektive Hemmnisse in der Bev├Âlkerungsentwicklung. Ein Entkommen aus dieser Situation sah Malthus als unm├Âglich an.

Es war genau dieses „Naturgesetz“, dass Darwin nach der Lekt├╝re der Abhandlung Ende der 1830er Jahre den Ansto├č zur Evolutionstheorie gab. In der Entstehung der Arten meint er daher, ein „Kampf ums Dasein“ m├╝sse stattfinden – mit naturgesetzlicher Notwendigkeit. „Das ist die Lehre von Malthus mit verst├Ąrkter Kraft auf das ganze Tier- und Pflanzenreich angewendet“. ├ähnlich dann auch in der Abstammung des Menschen: Mensch und Tier seien beherrscht von den „gleichen Gesetzen der Vererbung“, und ganz im Sinne von Malthus beschreibt er dies Gesetz wie folgt: „Der Mensch vermehrt sich in einem st├Ąrkeren Ma├č als seine Existenzmittel; infolgedessen ist er gelegentlich einem harten Kampf um die Existenz ausgesetzt.“

Malthus hat seine Umwelt gut beobachtet und die Zusammenh├Ąnge der Vergangenheit und noch seiner Gegenwart treffend beschrieben. Die Bedingungen unserer Existenz sah er im richtigen Licht, denn das vorindustrielle Wirtschaften konnte seine Theorie recht gut erkl├Ąren. Aber er untersch├Ątzte, zu welchen Leistungen der Mensch f├Ąhig ist; er untersch├Ątzte die Dynamik, die das Zusammenwirken von Knappheit und Kreativit├Ąt ausl├Âsen kann. Dies beeintr├Ąchtigte seinen Blick in die Zukunft.

Jenseits seiner Vorstellungskraft lag die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts, die vor allem in der Landwirtschaft die Produktivit├Ąt erheblich erh├Âhte. Neue Technologien lie├čen die Weltwirtschaft seit 1800 um das sage und schreibe 70-fache wachsen, die Erdbev├Âlkerung hingegen hat sich im selben Zeitraum ’nur‘ versiebenfacht. Dies war nur m├Âglich, weil die Menschheit der Ressourcenknappheit an kultiviertem Land entgehen konnte. Noch Adam Smith und andere Denker des 18. Jahrhunderts hielten diese f├╝r eine un├╝berwindliche Wachstumsschranke, denn die Menge der landwirtschaftlich nutzbaren Fl├Ąche auf der Erde ist tats├Ąchlich relativ eng begrenzt.

Inzwischen wissen wir, dass die Menschheit in den letzten beiden Jahrhunderten aus der sog. „malthusischen Falle“ durchaus entkommen konnte – vor allem dank Innovationen, technischem Fortschritt und Industrialisierung. Nahrungsmittelproduktion und Bev├Âlkerung wuchsen seitdem parallel in f├╝r Malthus v├Âllig unbegreiflichem Ausma├č. Die Knappheit an materiellen Ressourcen bleibt weiter bestehen, doch der entscheidende Ressourcenmangel wurde derjenige an guten und neuen Ideen. Deren Unbegrenztheit sprengte den malthusischen K├Ąfig.

Die Geschichte zeigte somit eindeutig, dass Malthus mit seiner recht pessimistischen Sicht der Zukunft falsch lag und dass es sein „gro├čes Gesetz der Natur“ ├╝berhaupt nicht gibt. Der harte Kampf gegeneinander ums ├ťberleben findet gar nicht mit naturgesetzlicher Notwendigkeit statt. Dies sah schon Friedrich Nietzsche: „Der Kampf um’s Dasein ist nur eine Ausnahme“ .Er erkannte auch klar den Zusammenhang zwischen Malthus und Darwin: „Um den ganzen englischen Darwinismus herum haucht etwas wie englische ├ťberbev├Âlkerungs-Stickluft, wie Kleiner-Leute-Geruch von Not und Enge.“ (Die fr├Âhliche Wissenschaft)

Kollektive Panik

Malthus stand um 1800 an einer Epochenwende, wohl sogar an der s├Ąkularen Epochenwende der Menschheit. Bis dahin hielt sich alles in der Waage – auf niedrigem Niveau. Die Weltbev├Âlkerung stagnierte f├╝r Jahrtausende im Bereich von einigen Hundert Millionen; zu Malthus Lebzeiten ├╝berschritt sie die Marke von einer Milliarde. Langsam, ganz langsam ging es voran, aber der einfache deutsche Bauer zu Zeiten Luthers lebte nicht viel besser als der einfache ├ägypter zur Zeit der Pharaonen.

Die Industrialisierung ├Ąnderte alles. Sie f├╝hrte letztlich aus der malthusischen Falle heraus. Doch wie so viele Journalisten, Politiker, Intellektuelle und Theologen will auch Neffe offensichtlich nicht wahr haben, was sich seit 1800 ver├Ąndert hat. Kommen wir noch einmal zur├╝ck zu seinen ├äu├čerungen ├╝ber das, was uns angeblich bald droht.

„Irgendwann werden wir uns nicht mehr alle durchf├╝ttern k├Ânnen“, so Neffe in seinem Vergleich mit den Kaninchen. Menschen sind aber keine Kaninchen. Die Menschheit wird noch einige Jahrzehnte wachsen, vor allem in Afrika, das tats├Ąchlich seine Bev├Âlkerung verdoppeln wird und damit vor gro├čen Herausforderungen steht. Doch viele Milliarden werden schon jetzt sehr gut durchgef├╝ttert. Etwa eine Milliarde ist noch mangelern├Ąhrt, lebensbedrohlich hungern immer noch zu viele, aber wir befinden uns hier im Prozentbereich der Weltbev├Âlkerung. Es ist daher genau anders herum: Irgendwann werden wir so gut wie alle gut durchf├╝ttern k├Ânnen. Und in der Vergangenheit, als nur Hunderte Millionen die Erde bev├Âlkerten, wurde die Masse der Menschen gerade eben so satt (heute w├╝rden sie ganz ├╝berwiegend unter die Mangelern├Ąhrten oder Hungernden eingeordnet werden!).

„Die Erde w├Ąre uns f├╝r jede Milliarde weniger dankbar.“ Dies klingt eing├Ąngig, doch Neffe w├Ąre zu fragen: War die Erde mit einer Milliarde wie zu Malthus Zeiten also viel besser dran? Sollen wir nun etwa einen R├╝ckgang der Weltbev├Âlkerung anstreben? Wo ist aber nun die Grenze anzusetzen, damit die Erde wenigstens halbwegs zufrieden ist? Muss bei sieben endg├╝ltig Schluss sein? Oder bei zehn? Oder doch zur├╝ck zu vier?

Europa sei dabei „auf dem einzig richtigen Weg“. Die Weltbev├Âlkerung wird noch in diesem Jahrhundert ihre Wachstumskurve deutlich abflachen, wahrscheinlich kommt es sowieso zu dem von Neffe ersehnten Zylinder, also weg von der Pyramide. Doch Europas Geburtenzahlen sind schon eine Weile schlecht, sehr schlecht; einzig Zuwanderung l├Ąsst Europa nicht heute schon deutlich schrumpfen. Soll das etwa der richtige Weg sein? Sei es zu begr├╝├čen, dass eine Frau im Schnitt deutlich unter 2,1 Geburten bleibt, so dass ein Erhalt der Bev├Âlkerung nicht mehr stattfindet?

Neffe setzt noch einen drauf: Der „Pillenknick“ Ende der 60er Jahre k├Ânne daher „f├╝r eine der wichtigsten Erfindungen in der Menschheitsgeschichte stehen“. Nein, die Pille ist nat├╝rlich nicht diese Erfindung. Menschen sind keine Kaninchen, die sich ganz unbegrenzt vermehren; schon Malthus unterstellte unserer Rasse einen geradezu nicht kontrollierbaren Vermehrungsdrang. Menschen sind jedoch intelligent genug, dass sie ihre Familiengr├Â├če planen k├Ânnen, und sie tun dies meist auch – mit oder ohne Pille. Auf der Linie von Neffes Denkweise liegt dann ein noch viel zynischerer Gedanke: die Erde m├╝sste den Staaten dankbar sein (hier ist gerade an die kommunistischen L├Ąnder zu denken), die im 20. Jahrhundert Hunderte Millionen Abtreibungen als notwendige Schrumpfungsma├čnahme haben durchf├╝hren lassen.

„Erstmals werden Nahrungsmittel im globalen Ma├čstab knapp“, so Neffe. „Gut m├Âglich, dass die Menschheit diesmal davonkommen und die Produktion noch einmal kr├Ąftig steigern kann. Doch mit dem puren ├ťberleben ist das Problem l├Ąngst nicht gel├Âst, Das Ziel kann es nicht sein, Milliarden gerade so durchzubringen.“ Nahrungsmittel waren schon immer knapp und werden es nat├╝rlich bleiben. Dank globalem Handel k├Ânnen wir nun tats├Ąchlich vom globalen Ma├čstab reden. Verhungerten fr├╝her Millionen in Indien oder China, bekam in Europa niemand etwas davon mit. ├ťber Jahrtausende sind viele Menschen in vielen L├Ąndern massenhaft den Hungertod gestorben; der Hunger war der st├Ąndige Begleiter oder die st├Ąndige Bedrohung der allermeisten lebenden Menschen. „Die Menschheit“ hat in der Vergangenheit gerade so ├╝berlebt und hat sich erst seit 1800 vom Niveau des „puren ├ťberlebens“ zu einem bisher nicht gesehenen Wohlstand emporgehoben. Auch in China, Vietnam, Kambodscha, Brasilien und Kolumbien – um nur einige zu nennen – wird die Masse der Einwohner nicht „gerade so“ durchgebracht. Der Hunger ist erstmals in der Menschheitsgeschichte aus vielen L├Ąndern ganz verschwunden, und das nicht nur aus Europa.

Neffe hofft, dass die Produktion von Nahrungsmitteln noch einmal kr├Ąftig gesteigert werden kann. Ja, das ist zu hoffen und wird sicher auch passieren. Die letzten zweihundert Jahre geben genug Anlass zu dieser Erwartung. Allerdings meint Neffe daneben, dass „ein Ende unseres Wachstums die vordringlichste Aufgabe“ sei. Dies halte ich nun f├╝r v├Âllig falsch. Wie soll das gehen – kr├Ąftige Steigerung der Nahrungsmittelproduktion und wirtschaftlicher Stillstand oder gar Schrumpfung? Wie, um alles in der Welt? Sollen wir nun etwa alle in kollektive Panik verfallen wie sich Greta Thunberg das ja w├╝nscht? Politiker, macht endlich was, erl├Âst uns endlich!? Dies wird die Probleme jedoch bestimmt nicht l├Âsen. Gute, neue Ideen braucht das Land, die Welt, und diese werden in vielen F├Ąllen zu neuen Technologien und Produktionsweisen und damit auch zu Wachstum f├╝hren. Dieses Wachstum wird auch die Ressourcennutzung ver├Ąndern.

Hat Thanos recht?

Darwin ├╝bernahm den Begriff des Kampfes ums Dasein („struggle for existence“) von Malthus, er wurde zu einem Eckstein in der Evolutionstheorie. In einem ganz allgemeinen Sinn k├Ąmpft jeder Mensch t├Ąglich ums ├ťberleben, ringt um sein Dasein, denn wir m├╝ssen arbeiten, essen usw., um nicht zu sterben. Aber dies ist nicht, was Malthus und Darwin meinten. Sie glaubten, dass das „t├Âdlichste Ringen“ (Darwin, Notebook E, 1839) zwischen ganzen Menschengruppen stattfinden muss.

Malthus Vorhersagen erwiesen sich allerdings als falsch. Das t├Âdlichste Ringen ist nicht notwendig. Durch Austausch, Handel und weltweite Kooperation hat es die Menschheit zu nie gesehenem Wohlstand gebracht und unglaubliches Bev├Âlkerungswachstum erlebt. Malthus m├╝sste also als allgemein widerlegt gelten, doch Neffes Beispiel zeigt nur zu deutlich, wie gro├č sein Einfluss auf Denker im 19. und 20. Jahrhundert war und bis heute ist. Malthus Irrtum machte eine phantastische Karriere, und all der Hype um die „Fridays for Future“-Demos kann wohl nur als ein Festhalten am malthusischen Rahmen erkl├Ąrt werden.

Die demonstrierenden Sch├╝ler sollten sich „Avengers: Infinity War“ ansehen, den dritten Film aus der „Avengers“-Reihe (Ende April startete in Deutschland Teil 4: „Avengers: Endgame“). „Das Universum ist begrenzt, seine Ressourcen sind begrenzt; wenn das Leben unkontrolliert gelassen wird, wird das Leben aufh├Âren zu existieren“. Dies sagt im Film Thanos, der B├Âsewicht. Er versucht, die halbe Bev├Âlkerung des Universums mit Hilfe der sechs Infinity-Steine auszul├Âschen, um das Universum ins Gleichgewicht zu bringen und vor ├ťberbev├Âlkerung zu sch├╝tzen. Sollte er alle sechs Steine in seinen Handschuh einsetzen k├Ânnen, br├Ąuchte Thanos nur mit den Fingern zu schnipsen, und sein Plan w├╝rde Realit├Ąt werden. Dem Universum muss geholfen werden, „und ich bin der einzige, der dies wei├č. Oder zumindest bin ich der einzige mit dem Willen zu handeln“, so Thanos. Er ist nicht nur b├Âse, er hat auch unrecht. Und Anh├Ąnger dieser falschen Idee gibt es immer noch genug.

Holger Lahayne, www.lahayne.lt

Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 9. September 2019 um 14:43 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Sch├Âpfung / Evolution.