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Predigt über Psalm 27,1-4: „…zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn“

Samstag 30. März 2019 von Pfr. Ulrich Hauck


Pfr. Ulrich Hauck

Von David. Der HERR ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen? Wenn die Übeltäter an mich wollen, mich zu verschlingen, meine Widersacher und Feinde, müssen sie selber straucheln und fallen. Wenn sich auch ein Heer wider mich lagert, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht; wenn sich Krieg wider mich erhebt, so verlasse ich mich auf ihn. Eines bitte ich vom HERRN, das hätte ich gerne: dass ich im Hause des HERRN bleiben könne mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des HERRN und seinen Tempel zu betrachten. (Psalm 27, 1-4:)

Liebe Gemeinde, dreiteilig ist diese Predigt aufgebaut:

1. Liturgie lebt aus Gottes Licht und Liebe

Was ist überhaupt Gottesdienst und Liturgie? Das griechische Wort „Leitourgia“ hat Martin Luther übersetzt als ‚Gottes Dienst‘. Dabei ist ganz wichtig zu erfassen, dass Gottesdienst zuerst und vor allem „Gottes“ Dienen an seiner Gemeinde und den Menschen ist. Und erst darauf, quasi als Antwort, ist es ein Dienst des Menschen.

David singt: „Der HErr ist mein Licht und mein Heil(Ps. 27, 1).
Jesus spricht: „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8, 12).
Der Apostel Paulus schreibt (Kol 1, 12): „Sagt Dank dem Vater, der euch tüchtig gemacht hat zu dem Erbteil der Heiligen im Licht.“

Und in 1. Joh. 4 heißt es: „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. …Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“

Gottesdienst ist Handeln Gottes. Gott dient uns und ist aktiv. In seinem Licht und seiner Liebe begegnet er uns. Er rettet, verändert und erfüllt unser Leben. Er erfüllt es mit seinem Heil und mit Glauben. Das ist zu 100 Prozent Handeln und Geschenk Gottes, wie in Eph 2, 8f geschrieben steht: „Denn aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme.“

Es ist allein Gnade Gottes, sein Geschenk an dich, da ist kein Platz für irgendein Zutun des Menschen. Alle Werkgerechtigkeit und Menschenwerk sind ausgeschlossen. Das ist biblisch-reformatorische Rechtfertigungslehre. Wer das verstanden hat, der weiß, dass solcher Dienst Gottes geradezu heilsnotwendig ist. Wer davon erfüllt ist, will keinen Sonntag ohne Gottesdienst haben, weil Gott selbst mit seiner Gnade an dir handelt. Mein Lehrer in praktischer Theologie, Prof. Möller, drückt das so aus: „Es kommt darauf an, sich von Gott dienen zu lassen und seinen Dienst zu empfangen, und zwar so hingebungsvoll, dass ich dann gar nicht mehr anders kann, als mich von IHM der Gemeinde als dem Leib Christi einfügen zu lassen und hier ein tätiges Glied an seinem Leib zu werden.“ (Christian Möller, Examensreader 1990, S. 79)

Ein solcher Gottesdienst schließt römisch-katholischen Messopferdienst des Menschen aus. Ebenso ausgeschlossen sind andere menschliche Darbietungen und sogenannte Eventgottesdienste, wie dies verstärkt in evangelischen Landes- und Freikirchen praktiziert wird. Solches wird u.a. daran erkennbar, dass beim Gottesdienst Menschen von vorne andere Menschen als Gäste begrüßen, dass der Gottesdienst moderiert wird und ein wechselndes Programm hat. Mitunter nutzt man eine Bühne für die Darbietungen wie in einem Theater. Es stellt sich die Frage, wer ist hier Hausherr – Gott oder der Mensch? Wer ist hier der Handelnde – Gott oder der Mensch? Ist Gottesdienst die Versammlung der Heiligen oder gibt es Gäste und Publikum? Geschieht alles zum Lob Gottes oder wird Menschen Beifall geklatscht? Ist Gottesdienst Gottes Dienst an Menschen oder des Menschen Dienst für Gott?

Das sind keine nebensächlichen oder kleinkarierten Fragestellungen, sondern hierbei geht es um das Eigentliche. Hier geht es um das Sein oder Nicht-Sein von Gottesdienst. Und deshalb ist der Beginn des Gottesdienstes mit dem Votum auch so unverzichtbar wichtig. Gottesdienst beginnt und geschieht „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ – oder es ist nicht Gottesdienst.

Durch dieses Votum wird deutlich gemacht, dass nicht menschliche Begabungen oder gleiche Interessen die Versammlung zusammengebracht haben, sondern der Dreieinige Gott selbst seine Heiligen zusammenruft. Das ist die Bedeutung von Ecclesia, der Kirche Jesu Christi.

Und dieses Votum ist keine Bitte, sondern die Verheißung und Zusage des lebendigen Gottes selbst. Der dreieinige Gott ist gegenwärtig mitten in seiner Gemeinde, er wirkt durch seinen Heiligen Geist. Das können und müssen wir Menschen nicht erst machen und erbitten, sondern darauf hin glauben und feiern wir. Deshalb müssen auch Kirchen oder Gottesdienstorte vorher nicht von bösen Dämonen freigebetet werden. Man braucht auch keine Wünschelrutengänger, um spirituell störende Wasseradern aufzuspüren. Es müssen auch keine Öle vergraben werden, um negative Energien und Gerüche aus Kirchen hinauszutreiben. Alles schon erlebt! All dieser esoterische Spiritismus zeugt nur davon, dass die Beziehung und das Vertrauen zum lebendigen Gott verloren gegangen ist. Zurück bleiben Wüste und Tod.

„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ steht gegen alle menschlichen Programme und Konzepte und sonstige Werkerei, die mit dafür verantwortlich sind, dass viele Gemeinden so müde und resigniert sind und ihre Kirchenbänke so leer. Es steht aber auch gegen alle Show-Elemente und Darbietungen, um Menschen anzulocken.

„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ hat eine ganze andere Blickrichtung. Es schaut nicht auf die leeren oder vollen Kirchenbänke, sondern es ist ein Schauen auf den Reichtum Seiner Gnade. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ (Joh 1, 14)

In der Gegenwart und im Namen des Dreieinigen Gottes feiert IHR als Zugehörige des Leibes Christi Gottesdienst. Ihr seid die Gemeinschaft der Heiligen, und der HErr mitten unter Euch. Und Ihr seid zusammen, „zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn“ (Ps 27, 4).

2. Liturgie spiegelt Gottes Herrlichkeit und Ordnung

Wenn nun klar ist, dass Gottesdienst in erster Linie und vor allem Gottes Dienen ist, dann geht es dabei um IHN, um seinen Glanz und seine Herrlichkeit. Und es geht um sein Handeln und all das, was er für uns getan hat.

Und wir haben ja keinen Chaos-Gott, der je nach Tageslaune regiert und Gebote aufstellt oder abschafft. Nein, wir haben einen Schöpfergott, der von Anfang an alles wohl geordnet und aufeinander zu geschaffen hat. Das gilt für das Weltall ebenso wie für die Lebenwesen. Wenn die einzelnen Bestandteile und Beziehungen nicht genau aufeinander abgestimmt wären, würde das im Super-Gau enden, und Leben wäre überhaupt nicht möglich. Und weil dies alles so wunderbar geordnet ist, deshalb schreibt auch der Apostel Paulus im Bezug auf den Gottesdienst und die Gemeindeversammlung: „Lasst aber alles ehrbar und ordentlich zugehen“ (1. Kor. 14, 40).

Und das ist ja so etwas von entlastend, wenn die Gemeinde den Gottesdienst in einer himmlischen Ordnung feiern darf. Das bewahrt die Gemeinde vom eigenen Tun und Werkeln, damit der Gottesdienst besser und attraktiver würde. Das würde er aber dadurch nicht, im Gegenteil. Das erzeugt nur Stress, weil eine Gemeinde dann, wenn sie ein gewisses Level erreicht hat, ja künftig noch mehr tun muss, um nicht am eigenen Maßstab zu scheitern. Und erschwerend kommt dann noch das Vergleichen mit anderen Gemeinden hinzu. Man will ja schließlich mithalten können. Das wäre dann nicht anders als bei TV-Shows, die um Einschaltquoten kämpfen. Aber mal ehrlich, wohin soll das führen? Du wirst immer eine Gemeinde finden, die noch mehr macht, die noch perfekter ihren „Gottesdienst“ stylt, die noch mehr Geld hat, die sich noch mehr in der Öffentlichkeit in einem strahlenden Glanz darzustellen vermag.

Aber kann man in gestressten Gemeinden, die immer mehr wollen oder mit anderen in einem Wettkampf liegen, kann man in solchen Gemeinden zur Ruhe kommen? Kann man in solchen Gemeinden aufatmen? Hat nicht der Alltag schon genug Rennerei, Zeitnot, Druck und Stress? Und hat uns Gott diesen einen Tag in der Woche nicht als Ruhetag gegeben?

Wie viel befreiender ist es hingegen, wenn der Gottesdienst eine klare und feste Ordnung hat. Eine Ordnung, die man kennt, in der man zur Ruhe kommen kann, in der Gott einem dienen kann, in der man beheimatet ist. Und eine Ordnung, die nicht in jeder Gemeinde oder Konfession komplett anders aussieht, so dass ich auch an anderen Gottesdienstorten einen Wiedererkennungseffekt habe.

Leitourgia ist also Ordnung. Aber nicht als formalgesetzliche Erfüllung kultischer Vorschriften. Denn Gottesdienste ohne rechten Glauben an den einen, wahren, lebendigen Gott, die sind Gott ein Gräuel.

Liturgie als Gottes Dienst ist daher auch kein Herunterleiern alter Texte, sondern lebt aus der Vertrauensbeziehung zu Gott und wird von ihm her immer wieder neu mit Leben erfüllt. Wir sind Empfangende und Beschenkte. So lebt die Liturgie aus einer reichen biblischen Tradition heraus. In der ersten Zeit nach Pfingsten haben die Apostel und die junge Gemeinde noch selbstverständlich den Synagogengottesdienst mitgefeiert und sich zusätzlich in den Häusern getroffen, um miteinander zu beten und das Mahl zu feiern. Erst nach dem Bruch mit der jüdischen Gemeinde hat sich der christliche Gemeindegottesdienst entwickelt. Dabei hat man Grundelemente des jüdischen Synagogen-Gottesdienstes übernommen. Und so wie die Apostel und Evangelisten nach der Auferstehung Jesu das Alte Testament von Jesus Christus her und auf Jesus Christus hin gelesen haben, ebenso haben sie allen Gottesdienstelementen einen christusgemäßen Sinn gegeben. Jesus selbst hat das ja vorgegeben, indem er im Rahmen des jüdischen Passahmahles das Heilige Abendmahl eingesetzt hat. Nur in Christus wird das Heilshandeln Gottes vom alten Bund zum neuen Bund verständlich. Der tief ergreifende Sinn des Abendmahles ist ohne das Passahfest nicht zu erfassen.

So finden sich bereits im Neuen Testament selbst die entscheidenen Bestandteile des christlichen Gottesdienstes: Mahlfeier, Wort, Gesang, Gebete mit Vaterunser, Bekenntnisformeln, Doxologien, Segen.

Die älteste, vollständige, uns bekannte Liturgie ist die Jakobus-Liturgie. Sie stammt aus der Zeit zwischen Urgemeinde und 4. Jahrhundert. Ein solcher Gottesdienst dauerte etwa sechs Stunden.

Gehen wir in die Tiefe neutestamentlicher Liturgie zurück, so erreichen wir die Wurzeln des christlichen Gottesdienstes. In der Liturgie begegnen wir dem Geheimis Gottes, welches er uns offenbart hat. Hier erleben wir Begegnung mit Gott selbst, seine Menschwerdung in Jesus Christus, für uns gestorben und auferstanden, das durch ihn erworbene Heil unseres Lebens. Von ihm kommt die Kraft der Erneuerung durch den Heiligen Geist. Das dürfen wir erleben und feiern mitten in der Unordnung dieser heillosen Welt. All die Übeltäter, Widersacher und Feinde müssen scheitern an Gott und seinem Heil für uns, wie es Psalm 27 ausdrückt. Liturgie ist daher ein Vorgeschmack auf die vollkommene Herrlichkeit in Gottes ewigem Reich.

Das Entscheidende der Liturgie ist also der Dienst Gottes und nicht irgendwelche menschlichen Darbietungen oder Vorführungen. Wer meint, den Gottesdienst durch Anpassungen an den aktuellen Zeitgeist oder die gerade hippen Lebensgewohnheiten der Menschen attraktiv zu machen, der wird schnell enttäuscht feststellen, wieviel heiße Luft er erzeugt, die schnell wieder abkühlt. Trends verschwinden meist so schnell, wie sie gekommen sind. Wer beispielsweise alles stets am aktuellen Musikgeschmack ausrichtet, verliert sich in der Oberflächlichkeit. Tiefe Glaubensfundamente gehen ihm ebenso verloren, wie Nachhaltigkeit in Gemeindeaufbau und Mission. Und Fast-Food-Gottesdienste tragen ebenso wenig zur Heilung bei, wie McDonalds zur Gesundheit.

In den letzten 50 Jahren sind vermutlich mehr Gottesdienstkonzepte, verschiedene Stile und Programme ausprobiert worden als in fast 2000 Jahren zuvor. So leer sind aber auch die Kirchenbänke geworden oder so voll manche Veranstaltungsräume. Den wunderbaren Schatz der Liturgie als Geschenk Gottes hat man verachtet, stattdessen sollte der Gottesdienst „menschlich“ werden. Mit Dialogpredigten, Kurzpredigten, Büttenreden, Tanzshows, Filmvorführungen und vielem anderen mehr, wollte man eine Ungezwungenheit hineinbringen. Dadurch hat man aber nur einen Veranstaltungs- und Eventcharakter der „Gottesdienste“ erreicht.

Das passt zwar vielleicht zum modernen Menschen, der einerseits gerne ein aktiver Macher ist, andererseits gerne dasitzt und anderen zuschaut. Beides aber passt nicht zum Gottesdienst. Das Geheimnis Gottes ging dadurch verloren. Dieses Geheimnis kann ich nämlich nicht machen, sondern nur empfangen. Und dieses Geheimnis kann ich auch nicht als Zuschauer erleben, sondern nur, wenn ich von Gottes Geist ergriffen bin und mitfeiere.

Und dazu ist Ruhe und Stille hilfreich, eine Atmosphäre der Sammlung und Konzentration, des intensiven Betens. Ein solches Schweigen ist eben kein sinnloses Verstummen, sondern ein sich Öffnen für Gottes Reden und Handeln, es ist Hingabe an Gott. Ein solches Schweigen ist Ehrfurcht vor dem lebendigen und allmächtigen Gott. Nur aus einer solchen Stille finden wir zur wahren Anbetung und zum Lobpreis des ewigen Vaters.

Leitourgia ist daher voller reichen geistlichen Lebens. Dazu gehört auch das Kirchenjahr mit seinen wechselnden Bußzeiten und Freudenzeiten: Advent – Weihnachten – Passion – Ostern – Himmelfahrt – Pfingsten – die Trinitatiszeit – Erntedank – Ewigkeitssonntag.

Gott hat in seine Schöpfung einen Reichtum von Farben, Düften und Formen hineingelegt, alles das dürfen wir auch in der Liturgie erleben.

Und damit das geht, hat uns der Schöpfer fünf Sinne gegeben. Den Evangelischen wird manchmal zu Recht vorgeworfen, sie seien zu kopflastig und zu wortlastig. Aber „das Wort ward Fleisch … und wir sahen seine Herrlichkeit“. Martin Luther ging es bei der Reformation nicht um die Abschaffung der schönen, sinnenhaften und festlichen Gottesdienste, sondern um die Wiedergewinnung der evangelischen Predigt von der Gnade Gottes für den bußfertigen Sünder. Auch deswegen ist es angemessen, dass die Pastoren die Albe mit Stola tragen, nämlich das weiße Taufkleid und das Joch Christi. Liturgie ist ein Geschehen mit allen Sinnen, deshalb sind auch Gesten und Symbole so wichtig.

In einer solchen reichhaltigen Liturgie geschieht Gottes Dienst. Durch seine Gnade darf ich Gottes Kind sein und als sein geliebtes Kind leben und feiern. Gott hat aber keine Einzelkinder, wir sind Brüder und Schwestern im HErrn. Daher können wir nur in der Gemeinschaft Gottesdienst feiern. Der moderne Individualismus und Egoismus gefährdet die Liturgie. Nur wer bereit ist, sich auf andere einzulassen, kann Teil des Leibes Christi sein.

3. Bleiben im Hause des Herrn

Es ist das große Sehnsuchtsziel von König David: „Bleiben im Hause des HERRN. Zu schauen die schönen Gottesdienste des HERRN. Seinen Tempel zu betrachten.“

Manchmal versuchen wir einen schönen Lebensmoment auf einem Foto festzuhalten. Für ein Kind Gottes ist es das Schönste, an Jesus Christus festzuhalten, an ihm zu bleiben. So hat Jesus zu seinen Jüngern gesagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ (Joh 15, 5)

Und deshalb ist Glaube keine verstaubte Erinnerung an alte Zeiten, sondern ein Bleiben und Leben mit Christus im Hier und Jetzt. Glaube ist kein Betrachten eines alten Fotoalbums, sondern Jesus ist unter uns heute ebenso real anwesend, wie damals bei den Jüngern. Bereits die Israeliten feiern das Passafest jährlich bis heute so, als seien sie selbst beim Auszug aus Ägypten dabei gewesen (2. Mose 13, 8). Gottesdienst ist daher viel mehr als ein Erinnern an frühere Taten Gottes. Gottesdienst ist ein Geschehen, ein Feiern und Erleben des lebendigen HErrn, der mitten unter uns ist. „Liturgie ist keine Erinnerung an vergangene Ereignisse, sondern die Vergegenwärtigung unsichtbarer Wirklichkeiten, die im Leben eines Jeden wirken.“ So hat es Papst Leo der Große im 5. Jahrhundert einmal ausgedrückt.

Und dieses Sein und Bleiben in Jesus Christus reicht noch viel weiter. Es gilt über unseren Tod hinaus. Deshalb ist jeder Gottesdienst auch Vorfreude auf die Ewigkeit, auf ein himmlisches Leben voll strahlender Herrlichkeit.

Als erlöste Kinder Gottes leben wir jeden Augenblick unseres Lebens aus Gottes Wort und auf seine Verheißung hin. Das ist Liturgie, Gottes Dienst an uns. Weil Gottesdienst Gottes Dienst an uns ist, erfahren wir im Gottesdienst Heil und Leben. Die orthodoxe Kirche hat dies in besonderer Weise bewahrt und feiert Gottesdienst als Vergegenwärtigung des Heilsgeschehens.

In einem wunderbaren Lobpreislied heißt es:

Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten
und in Ehrfurcht vor ihn treten.
Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige
und sich innigst vor ihm beuge.

Diese Begegnung mit dem lebendigen Gott braucht unsere äußerliche und innerliche Vorbereitung. Das fängt schon zuhause an, indem ich mich auf den Gottesdienst freue und mir bewusst die Zeit dafür nehme. Ich bin zur Feier des lebendigen Gottes geladen, dementsprechend kleide ich mich auch. – Auf der Einhaltung des Ruhetages als eines besonderen Tages für Gott liegt sein Segen für Geist, Leib und Seele.

Nicht nur der Pfarrer, Kirchendiener, Organist sollten frühzeitig im Gotteshaus sein, sondern auch die Presbyter der Gemeinde sollen sich frühzeitig in der Sakristei versammeln, um für die Gottesbegegnung und die Gemeinde zu beten.

Die Glocken fangen eine Stunde vorher an, zum Gottesdienst zu rufen. Beim dritten Geläut, die letzten 10 Minuten vor dem Gottesdienst, ist es wohltuend für die Gläubigen, wenn sie bereits in der Kirche sind, in Ehrfurcht vor Gott treten, bevor man sich setzt, ein Gebet sprechen. Alles in uns schweige … So bereiten wir uns auf den Gottesdienst vor.

Die Orgel fängt an zu spielen, Presbyter und Pfarrer ziehen gemeinsam in die Kirche ein, die Gemeinde steht dazu auf. Aber nicht zur Ehre der Menschen, sondern weil das Wort Gottes – die Altarbibel – hereingetragen wird.

Nach dem Eingangslied folgt das Votum „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Es gilt seine Verheißung, dass er mitten unter uns gegenwärtig ist. Wie bereits erläutert, lädt ER ein zum Gottesdienst und ER ist der Hausherr. Deshalb ist das Votum wie ein Heroldsruf, es braucht keine Ausschmückungen und keine Verschlimmbesserungen und schon gar nicht die Einleitung „Wir feiern …“, sondern schlicht und klar „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Das Zeichen des Kreuzes verstärkt sinnhaft das gesprochene Wort.

Alle Begrüßungen zum Gottesdienst sind daher überflüssig und weisen in die falsche Richtung. Die Gemeinde spricht laut auf das Votum das bestätigende Amen. Die Gottesdienstfeier setzt sich fort, und eine geistlich reife Gemeinde kennt die Liturgie. Nichts ist der Schönheit und Dynamik der Liturgie abträglicher als ein Moderator, der der Gemeinde sagen muss, was sie zu tun hat.

Und noch ein Wort zur Gemeinde. Wir haben vorhin bereits gehört, dass Gott keine Einzelkinder hat, wir sind Brüder und Schwestern im HErrn. Bilden wir das ab mit unserem Sitzen? Welchen Eindruck hätte ein Außenstehender, wenn er hier hereinkommt? Ist die Gemeinschaft der Heiligen auch mit den Augen zu erkennen oder leben wir eher die Vereinzelung und den Individualismus? Seid ihr mitten drin oder nur dabei?

Wir merken, wir haben auch noch manches zu lernen und einzuüben. Und wir haben noch ein Stück weit den Nachteil, dass wir nur eine Netzwerkgemeinde sind, wir kommen aus unterschiedlichen Richtungen, noch ohne feste Struktur. Aber wir versammeln uns unter dem einen HERRN als seine Gemeinde. Wir sind versammelt, um mit König David einzustimmen:

„Eines bitte ich vom HERRN, das hätte ich gerne: dass ich im Hause des HERRN bleiben könne mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des HERRN und seinen Tempel zu betrachten.“

Und der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Ephesus (2, 19ff) und auch an uns:

„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.“

Amen.

Pfr. Ulrich J. Hauck, NbC/GHB-Gottesdienst Landau-Mörzheim, 24.03.2019

Diese Predigt steht am Beginn einer Predigtreihe mit dem Thema „7 Predigten in Liebe zur Liturgiegegen die Banalisierung des Gottesdienstes“. In der ersten Predigt geht es um Grundsätzliches zur Liturgie und dem Anfang des Gottesdienstes, es folgen später Anrufung und Lobpreis, Sündenbekenntnis und Gnadenzusage, Verkündigung und Bekenntnis, Heiliges Abendmahl und Segen.

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Samstag 30. März 2019 um 18:18 und abgelegt unter Kirche, Predigten / Andachten, Theologie.