Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Papas beste Freunde?

Donnerstag 29. November 2018 von Holger Lahayne


Holger Lahayne

Der Martin Luther der 95 Thesen von 1517 hatte noch kein Problem mit dem Amt des Papstes in Rom. Der Mönch und Professor aus Wittenberg hoffte anfangs ja sogar, dass der Papst selbst die MißstĂ€nde im Ablasswesen beseitigen wĂŒrde. Die ablehnende Haltung seiner Kirche brachte Luther aber bald zum Umdenken. Schon 1519 zielte der Reformator auch auf den Kern der römischen Kirche, nĂ€mlich auf die Überzeugung, der Apostel Petrus und seine Nachfolger, die PĂ€pste, seien der Fels, auf dem die Kirche Christi stehe. „Der Glaube nĂ€mlich ist der Fels, von dem Petrus seinen Namen hat“, so Luther in den ErlĂ€uterungen zu seiner 13. These ĂŒber die Gewalt des Papstes.

Der feste Grund ist nicht „Jurisdiktion und Gewalt des Petrus und des römischen Bischofs“. „Standen etwa nicht alle Apostel auf dem festen Grund, auf dem Petrus stand?“ Da alle Apostel und alle VerkĂŒndiger des Evangeliums nach ihnen „einerlei Botschaft bringen, kann keiner von Amtes wegen ĂŒber den anderen sein“, so Luther ein Jahr spĂ€ter  in „Vom Papsttum zu Rom wider den hochberĂŒhmten Romartisten zu Leipzig“.

Der Rauswurf Luthers aus der Kirche im Jahr 1521 ließ den Ton auf beiden Seiten weiter verschĂ€rfen. In seiner Antwort auf das Buch des Ambrosius Catharinus aus dem Jahr der Exkommunikation nennt Luther die Dekrete des Papstes „ruchlose Dogmen des Antichristen“. „Nun endlich, da der Schleier eurer Vollkommenheit gelĂŒftet ist, können wir in einen Abgrund von LĂŒge, Irrtum, Hinterlist, krummen Machenschaften  und ĂŒberhaupt aller Verbrechen blicken, die ihr unter dem dĂŒnnen Blatt dieses eitlen Papsttums versteckt habt.“ Auch hier betont Luther, dass der Felsen aus Mt 16 Christus bzw. „der Glaube an Christus im Geiste“ sei. „Niemals kann der ‚Fels‘ fĂŒr den Papst als solchen stehen. Was gibt es da noch zu klĂ€ffen, du elender Thomist [gemeint ist Ambrosius]?“ Und ganz evangelisch: „Nur Liebe kennt die Kirche und Dienst, nicht Macht und Tyrannei. Deshalb: Wer das Evangelium lehrt, der ist Papst und Nachfolger des Petrus; wer es nicht lehrt, der ist Judas und verrĂ€t Christus.“

Schon 1521 hatte Luther also seine Position zum Papsttum gefunden, die er im Grunde bis zu seinem Lebensende nicht mehr Ă€nderte. In den vom Reformator verfassten Schmalkaldischen Artikeln von 1537 fand sie wieder Niederschlag. In dem Text, der in lutherischen Kirchen bis heute Bekenntnisrang hat, ist ebenfalls vom Papst als einem „Antichristen“ die Rede; Luther verwirft darin die Herrschaft der PĂ€pste in scharfen Worten.

Jahrhunderte spĂ€ter hat sich der Ton zwischen den christlichen Konfessionen gewandelt. Inzwischen redet man auf allen Seiten mit Respekt im Hinblick auf den Glauben der anderen Kirchen. In der Sache gab es jedoch kaum Fortschritte. So betont Kardinal Gerhard Ludwig MĂŒller in „Der Papst: Sendung und Auftrag“ (2017) erneut, das Bischofsamt sei „eine göttliche Institution“ und der Primat des Petrus „sicherlich göttlichen Rechts“. Der ehemalige ‚Cheftheologe‘ des Vatikans ist ĂŒberzeugt, „dass es nur in der Gemeinschaft mit dem römischen Papst und niemals ohne und gar gegen ihn die Verwirklichung der Einheit und Gemeinschaft aller Kirchen in der einzigen katholischen Kirche geben kann.“ FĂŒr die sichtbare Kirche seien ein sichtbares Haupt und ein „universales Hirtenamt“ unbedingt notwendig.

Es ist MĂŒller hoch anzurechnen, dass er die Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten nicht wegbĂŒgelt, im Gegenteil. Sehr richtig schreibt er, „dass reformatorisch gedacht die Einheit der Kirche sich eigentlich in der Gemeinschaft der Heiligen aufgrund des rechtfertigenden Glaubens vollzieht.“ Evangelische verstehen christliche Einheit in erster Linie als Einheit des Glaubens. Daher gibt es bei uns „das Modell der Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft bei bleibender Getrenntheit im Bekenntnis und in der Kirchenverfassung.“ Rom betont dagegen weiterhin, dass „die Einheit eigentlich in der pilgernden Kirche sichtbar verwirklicht sein muss“; daher  „kann die Einheit der Christen sich nur als communio ecclesiarum [kirchliche Gemeinschaft] im Bekenntnis des einen Glaubens, der Sakramente und der kirchlichen Leitung und Gemeinschaft vollziehen.“ Einheit muss in den Augen Roms immer noch Einheit in und mit der einen Kirche sein. Daher gilt weiter: „FĂŒr alle, die um die katholische Kirche und ihre von Gott durch Christus gestiftete Heilsnotwendigkeit wissen, ist es fĂŒr ihre Rettung unumgĂ€nglich, dass sie dem sichtbaren Verband mit Christus angehören, der durch den Papst und die Bischöfe geleitet wird.“ Einfacher gesagt: Wer als Katholik getauft ist, muss in der Kirche Roms bleiben, um gerettet werden zu können.

Franziskus im Land Mariens

Man ist sich also zumindest in Rom sehr klar darĂŒber, dass das jeweilige KirchenverstĂ€ndnis von Katholiken und Evangelischen ein wesentlich anderes ist. Auch AnnĂ€herungen in manch anderen Fragen können darĂŒber nicht hinwegtĂ€uschen. In der Öffentlichkeit gewinnt man allerdings oft einen anderen Eindruck. In Deutschland tun die Kirchenoberen mitunter so, als ob die Konfessionen im Grunde nichts Wesentliches mehr trennt. Und in Litauen ĂŒben sich manche Evangelische eifrig in Selbstverleugnung. Anlass dazu bot der jĂŒngste Besuch des „Stellvertreters Christi“ im Baltikum.

Am 22. September kam Papst Franziskus fĂŒr zwei Tage nach Litauen (anschließend bereiste er noch Lettland und Estland). Dies war erst die zweite Visite eines Oberhauptes der römischen Kirche im Land. Anfang September 1993 war Johannes Paul II sogar eine knappe Woche in Litauen. Dieses Mal beehrte der Papst nur Vilnius und Kaunas und absolvierte ein sehr strammes Programm. Das ganze Land stand Kopf.

Auch unser Generalsuperintendent Tomas Sernas war in einem Brief der beiden Erzbischöfe Litauens persönlich eingeladen worden – zur Teilnahme an der großen Messfeier unter freiem Himmel in Kaunas. Wohlgemerkt: zur Messe, nicht zu einem ’neutralen‘ Treffen mit Kirchenvertretern und auch nicht zu einem ökumenischen Gottesdienst o.Ă€. Das Konsistorium der ev.-reformierten Kirche hat diese Einladung jedoch einhellig abgelehnt, denn einer Messteilnahme können wir nicht zustimmen. Der Heidelberger Katechismus setzt mit Fr. 80 zur römischen Messe gerade den Reformierten eine recht klare Grenze. Die reformierte Kirchenleitung zeigte Flagge und bewies in dieser Frage Mut, denn auf allzu viel VerstĂ€ndnis in der katholischen Kirche und auch der Öffentlichkeit stĂ¶ĂŸt so eine Ablehnung sicher nicht.

Der Bischof der ev.-lutherischen Kirche, Mindaugas Sabutis, nahm hingegen wie selbstverstĂ€ndlich an der Messe teil. Mit Familie traf er den Papst auch vor dem Tor der Morgenröte in Vilnius, einem der wichtigsten Marienschreine in ganz Europa. Mit Frau und Kindern nahm er den Segen des Papstes sowie eine Gedenkmedaille seines Besuchs im Baltikum entgegen. Darauf wird Litauen in lateinischer Sprache „Land Mariens“ genannt.

Bei einer Radiosendung des christlichen Senders XFM mit Vertretern verschiedener Konfessionen bestĂ€tigte der Bischof, dass der Papst ReprĂ€sentant der westlichen Christenheit und damit auch der Lutheraner sei. Dass und warum Lutheraner den Papst bis heute nicht als Oberhaupt anerkennen, wurde mit keinem Wort deutlich. Der junge Vertreter der orthodoxen Kirche fand dagegen im Ton nĂŒchterne, aber klare Worte.

Sabutis Frau Vilma, auch studierte Theologin, Ă€ußerte sich im Interview mit dem katholischen Radioprogramm „Mazoji studija“ ebenfalls nur positiv ĂŒber den Papst. Angesprochen auf die konfessionellen Unterschiede hieß es aus ihrem Munde nur lapidar: Bekenntnisse Ă€ndern sich nicht, doch Zeiten und Praktiken sind nun andere. Wie das zusammenpassen soll und wie diese PapstnĂ€he zum ausgesprochen konservativen Bild der Kirche von sich selbst passt, bleibt rĂ€tselhaft.

„Mazoji studija“ interviewte auch Nerija Putinaite, die Leiterin des Kirchenvorstandes der lutherischen Gemeinde Vilnius. Putinaite ist eine bekannte Philosophin, Buchautorin und ehemalige Vizeministerin fĂŒr Bildung und Wissenschaft. Wieder musste der Zuhörer den Eindruck gewinnen, dass Lutheraner nichts, aber auch gar nichts am Papst und dessen Amt auszusetzen haben. Sind die Lutheraner wirklich Papas (papa – lat. u. ital. fĂŒr den Papst) beste Freunde? Was wĂŒrde Luther wohl dazu sagen, der seit einem Jahr im Hof der lutherischen Kirche von Vilnius in Bronze gegossen steht?

Katholische Journalisten und aktive Christen in Litauen diskutieren den aktuellen Papst und seine Rolle z.B. in den weltweiten Mißbrauchsskandalen durchaus kritisch. Dies ist tatsĂ€chlich vor allem ihre Aufgabe, die der Katholiken. Evangelische haben aber auch etwas zu sagen: dies ist nicht unser Papst, denn wir brauchen keinerlei Stellvertreter Christi. Die grundlegenden theologischen und im Kern exegetischen Argumente Luthers wie auch der anderen Reformatoren haben nĂ€mlich bis heute nichts von ihrer GĂŒltigkeit verloren. Theologen und Verantwortliche in der Kirchenleitung mĂŒssen die Schlachten von damals nicht erneut fĂŒhren. Aber wenn Pastoren, also Hirten, ihren Mitgliedern nicht sagen und erklĂ€ren, warum der Bischof von Rom fĂŒr Evangelische keinerlei besondere Bedeutung hat und uns eben nicht reprĂ€sentiert, dann ist dies nichts anderes als eine Preisgabe des reformatorischen Erbes.

Holger Lahayne, 26.11.2018, www.lahayne.lt

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 29. November 2018 um 9:10 und abgelegt unter Kirche, Theologie.