Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Alter und neuer Mensch nach Martin Luther

Dienstag 27. November 2018 von Dr. Joachim Cochlovius


Dr. Joachim Cochlovius

1.) Die ErbsĂŒnde und der alte Mensch

Wenn er vom Menschen vor Gott (lat. coram deo) spricht, weist Luther immer wieder zunĂ€chst auf die ErbsĂŒnde hin. In den Schmalkaldischen Artikeln von 1537 fĂŒhrt er im Anschluss an Röm 5,12 aus: „Die FrĂŒchte der ErbsĂŒnde sind die bösen Werke, die in den Zehn Geboten verboten sind wie Unglaube, Abgötterei, ohne Gottesfurcht sein, Vermessenheit, Verzweiflung, Blindheit, in summa: Gott nicht kennen oder Gottes Wort nicht achten, den Eltern ungehorsam sein, morden, Unkeuschheit, stehlen, trĂŒgen usw.“[1]

In der theologischen Deutung der ErbsĂŒnde geht Luther dabei weit ĂŒber die Scholastik hinaus. Dort galt die ErbsĂŒnde als ein angeborener Defekt, als eine SchwĂ€che und Disposition zum Bösen, die erst durch eine Reizung von außen zur TatsĂŒnde wird. FĂŒr Luther ist die ErbsĂŒnde kein Mangel, kein Defekt, sondern böse Leidenschaft. Er sagt dazu passio, und er meint damit das dunkle GefĂ€lle im Menschen, das ihn zum Bösen hintreibt. Die ErbsĂŒnde des natĂŒrlichen Menschen Ă€ußert sich in verschiedenen gottlosen Grundhaltungen. Ich möchte hier drei der wichtigsten nennen: Undankbarkeit, Hochmut und Begierde. Was meint Luther mit diesen Begriffen?

Die Undankbarkeit ist diejenige Haltung, in welcher der Mensch die GĂŒter seines Lebens, die er tĂ€glich von Gott empfĂ€ngt, selbstverstĂ€ndlich gebraucht, ohne an Gott zu denken. „Wir gehen damit um, als hĂ€tten wir es selbst und nicht Gott geschafft. Der Mensch lebt so, als wĂ€re er selbst Gott und Herr auf Erden.“[2] In der Römerbriefvorlesung sieht Luther in der Undankbarkeit des natĂŒrlichen Menschen den Anfang einer verhĂ€ngnisvollen Kette, die bis hin zum praktischen Atheismus und Götzendienst fĂŒhrt.

„Der erste Schritt besteht in der Undankbarkeit. Das bewirkt das Wohlgefallen an sich selbst, wo man sich nicht ĂŒber das Empfangene freut, als wĂ€re es nicht empfangen. Die zweite Stufe ist die Eitelkeit. Man weidet sich an sich selbst und an der Kreatur und genießt, was einem nĂŒtzlich ist. So wird man eitel in Gedanken, PlĂ€nen und Bestrebungen. Man sucht in ihnen nur sich selbst, seinen eigenen Ruhm, seine Befriedigung, seinen Vorteil. Die dritte Stufe ist die Verblendung. Man wird in seinem ganzen Herzen, in all seinem Denken blind, weil man sich völlig von Gott abgewendet hat. So kommt es zum Abirren von Gott. Und das ist das Schlimmste. Die vierte Stufe fĂŒhrt zur Abgötterei.“[3]

Damit sind wir schon bei der zweiten gottlosen Grundhaltung, dem Hochmut bzw. der Hoffart oder SelbstgefÀlligkeit (lat. superbia). Luther beschreibt in immer neuen Wendungen, wie unheimlich gefÀhrlich der Hochmut ist, besonders auch im frommen Gewand. Gerade auch der religiöse und fromme Mensch versucht immer wieder, seine eigene Gerechtigkeit aufzurichten. Im tiefsten Herzen bildet er sich etwas auf sein frommes Tun ein. Er will etwas gelten vor Gott. Er will Gott etwas bringen. Er ist im tiefsten mit sich zufrieden.

Ein dritter Wesenszug des natĂŒrlichen Menschen ist die Begierde (lat. concupiscentia). Luthers Deutung und Wertung der Begierde geht ebenfalls viel weiter als in der Scholastik, wo sie im Wesentlichen auf sexuelle Triebe und AugenlĂŒste bezogen wurde. Die Begierde sitzt unheimlich tief. Sie kommt darin zum Ausdruck, dass der Mensch in all seinem Tun letztlich nur das Seine sucht. In der Römerbriefvorlesung heißt es:

„Der Mensch ist so sehr in sich verkrĂŒmmt (lat. incurvatus in se), dass er nicht nur die leiblichen, sondern auch die geistlichen GĂŒter sich selbst zudreht und sich in allem sucht. Die menschliche Natur sieht sich allein, sie erstrebt sich in allen Dingen und geht ĂŒber alles, was dazwischen liegt, auch ĂŒber Gott selbst hinweg, als ob sie es gar nicht sĂ€he, und richtet sich rein auf sich selbst. Sie setzt sich selbst an die Stelle Gottes. Sie ist sich selber der vornehmste und wichtigste Abgott.“[4]

Die Begierde im frommen Gewand ist die schlimmste. Luther sagt, ebenfalls in der Römerbriefvorlesung, dass es auch fĂŒr den Christen sehr schwer ist, in seinem geistlichen Leben immer zu erkennen, ob er wirklich Gott oder nicht vielmehr sich selbst sucht. In allen geistlichen Dingen, so sagt er, wie Erkenntnis, Keuschheit und Frömmigkeit, kommt es hĂ€ufig vor, dass wir sie nicht deswegen ĂŒben, weil sie Gott gefallen, sondern weil sie uns befriedigen und unserem Herzen Ruhe geben oder weil wir von Menschen gelobt werden. Wir sind also letztlich nicht um Gottes Willen, sondern um unseretwillen fromm. PrĂŒfstein fĂŒr die Echtheit des geistlichen Lebens ist nach Luther die Anfechtung. Wenn wir keine angenehmen Empfindungen im geistlichen Leben haben oder kein Lob fĂŒr geistliche Werke empfangen und dann deswegen darin trĂ€ge werden, so ist dies ein Beweis dafĂŒr, dass unser geistliches Leben letztlich doch nur um uns selbst kreist und kein echter Gottesdienst ist.

Undankbarkeit, Hochmut und Begierde sind also die Hauptkennzeichen des gefallenen Menschen. Sie sind Ausdruck der ErbsĂŒnde. Wohl keiner hat die SĂŒnde in ihrer wirklichen gottfeindlichen SĂŒndhaftigkeit so tief erfasst wie Luther. Seine theologische Sicht lĂ€sst alle bloß moralischen Deutungen der SĂŒnde weit hinter sich und entlarvt sie als das von Satan inspirierte Streben im Menschen, selbst Gott zu sein und den lebendigen Gott vom Thron zu stĂŒrzen. Alles Reden von einem natĂŒrlichen Streben nach Gott ist seit Luther nicht mehr möglich.

NatĂŒrlich ist Luthers Einsicht nur eine Wiederentdeckung der biblischen Sicht des Menschen. Man kann auch ohne Luther, etwa durch das Studium des Römerbriefes, zu dieser Sichtweise kommen. Hauptsache ist es, dass wir auch in unserer VerkĂŒndigung und Seelsorge die SĂŒnde des Menschen in ihrer ganzen SchĂ€rfe und Tiefe richtig erfassen. Nur wenn dem Menschen die SĂŒnde wirklich sĂŒndig wird, wenn er sich als ein zu Recht Angeklagter und zum Tode Verurteilter erfasst, kann es bei ihm zu der alles entscheidenden Frage kommen: Was muss ich tun, um errettet zu werden? In diesem Sinn sind Luthers Definitionen des alten Menschen von grĂ¶ĂŸter Wichtigkeit fĂŒr eine wirklich erweckliche VerkĂŒndigung.

Der „alte“ Mensch ist, fĂŒr sich betrachtet, ein verlorener Mensch. Von Gott total entfremdet, in seinem innersten Wesen nur auf sich selbst bezogen, geht der Mensch verloren, wenn Gottes Erbarmen nicht in sein Leben hineinspricht. Diesen Ruf Gottes an den verlorenen Menschen in Gesetz und Evangelium und das Annehmen der in Christus dargebotenen Gnade durch den Menschen nennt Luther das Geschehen der Rechtfertigung des SĂŒnders. Dies ist unser zweiter Abschnitt.

2.) Die Rechtfertigung und der neue Mensch

Das geistliche Geschehen, das wir heute mit den Worten Erweckung, Bekehrung und Erneuerung beschreiben, hat Luther Rechtfertigung genannt. Das rechtfertigende Handeln Gottes – im ganzen Geschehen der Rechtfertigung ist fĂŒr Luther immer Gott der eigentlich Handelnde – beginnt damit, dass Gott den Menschen in Verzweiflung fĂŒhrt. Er benutzt dazu das Gesetz. Das Gesetz Gottes ist das einzige Mittel, um den Menschen zur SĂŒnden- und Selbsterkenntnis zu fĂŒhren. Luther spricht einmal von der „verruchten Sicherheit, die so tief in allen Menschen drinsitzt, dass sie nichts erschĂŒttern kann als Gottes Gesetz“ (Zweite Disputation gegen die Antinomer 1538).[5] Obwohl es das eigentliche Ziel des Gesetzes ist, den Menschen zum Leben zu fĂŒhren, vermag es wegen der menschlichen Natur nicht mehr als dies, ihn zur Verzweiflung zu fĂŒhren. Dies ist ein geistlicher, ein gottgeschenkter Vorgang. „Die evangelische Verzweiflung, zu der das Gesetz hintreiben soll, ist nicht böse und bleibt nicht fĂŒr immer, sondern sie macht gleichsam Bahn fĂŒr den Empfang des Christusglaubens, wie geschrieben steht: Den Armen wird das Evangelium verkĂŒndigt.“ (Zweite Disputation gegen die Antinomer 1538)[6]

Luther wird nicht mĂŒde zu betonen, dass der Mensch erst wirkliche SĂŒndenerkenntnis braucht, ehe er das Evangelium im Glauben ergreifen kann. Dabei ist es fĂŒr Luther wichtig, dass echte SĂŒndenerkenntnis nicht nur im Unterscheidungsvermögen zwischen Gut und Böse besteht, sondern dass die SĂŒnde in ihrem tiefsten Wesen als Auflehnung gegen den lebendigen Gott, als Unglaube, also als grundsĂ€tzliche Antihaltung gegen das erste Gebot begriffen wird. So groß und schwer ist die SĂŒnde, dass Luther einmal formulieren kann: „Wenn ein Mensch die GrĂ¶ĂŸe der SĂŒnde fĂŒhlte, so wĂŒrde er nicht einen Augenblick mehr leben. Solche Gewalt hat die SĂŒnde.“[7] Nur wer die SĂŒnde in ihrer Furchtbarkeit aufzuzeigen vermag, kann nach Luther Evangelist, also Gnadenbote sein.

Das Mittel, das Gott benutzt, um den Menschen zur SĂŒndenerkenntnis zu fĂŒhren, ist also das Gesetz. Hier entwickelt nun Luther die fĂŒr ihn typische Lehre vom Gesetz. „Aber das vornehmste Amt oder Kraft des Gesetzes ist es, dass es die ErbsĂŒnde mit ihren FrĂŒchten und allem offenbare und dem Menschen zeige, wie tief seine Natur gefallen und grundlos verderbt ist, und es ihm sagen muss, dass er keinen Gott habe noch achte, dass er vielmehr fremde Götter anbete, was er zuvor ohne das Gesetz niemals geglaubt hĂ€tte. Damit wird er erschreckt, gedemĂŒtigt, verzagt, verzweifelt, wollte gern, dass ihm geholfen wĂŒrde, und weiß nicht wie und wo“ (Schmalkaldische Artikel).[8]

In dieser Auffassung vom Gesetz ist Luther eindeutig schriftgebunden. Genauso beschreibt Paulus die geistliche Funktion des Gesetzes, dass es nĂ€mlich die SĂŒnde in ihrer Gottesfeindschaft erst richtig aufdeckt (Röm 5,20 und 7,7). Paul Althaus beschreibt in seiner „Theologie Martin Luthers“ die Wirkung des Gesetzes auf den Menschen wie folgt: „Der Mensch spĂŒrt, was es um Gottes heilige Forderung ist. Sie wĂ€chst ihm ins Riesenhafte. Er fĂŒhlt, dass er mit ihr nicht fertig wird. Er verzweifelt an Gott, an Gottes Barmherzigkeit und am eigenen Heil.“[9]

Als Beispiel fĂŒr diese Erfahrung fĂŒge ich hier ein Zeugnis von Erich Schnepel an, dem bekannten Evangelisten. Er war als junger Mann in der Nordsee von einem friesischen Fischer vor dem Ertrinken gerettet worden. Und dort – noch gezeichnet von Todesangst – hatte er die Stimme des lebendigen Gottes im Gewissen gehört. „Da war kein Pastor und keine Kirche, aber die Wirklichkeit Gottes war mir unaussprechlich gewiss. Zum ersten Mal in meinem Leben wusste ich aus unmittelbarer Erfahrung um ihn selbst. Es ist nicht gemĂŒtlich, dem lebendigen Gott zu begegnen. Es beginnt die große Auseinandersetzung mit ihm. Was er mir zu sagen hatte, war klipp und klar die Frage: Was wĂ€re aus dir geworden, wenn du aus den Wellen der Nordsee nicht wiedergekommen wĂ€rst? Die Antwort brauchte mir kein Mensch zu sagen, die wusste ich selber. Ich wusste, es wĂ€re schrecklich gewesen, in die HĂ€nde des lebendigen Gottes zu fallen. Ich wusste, dass ich vor Gott verloren gewesen wĂ€re. Dabei war nach ĂŒblichen Begriffen alles tipptopp in meinem Leben. Primus des Gymnasiums, dem keiner etwas nachsagen konnte, im Begriff, bald auf die UniversitĂ€t zu gehen, um alte Sprachen und Geschichte zu studieren, was wollte man noch mehr! Aber es ist etwas völlig anderes, wenn wir mit Gott selbst zusammengetroffen sind. Dann erfolgt eine Umwertung aller Werte. Wir bekommen einen völlig neuen Blick fĂŒr uns. Es werden uns Dinge erschlossen, die wir bis dahin gar nicht beachtet haben. Es braucht einem kein Mensch mehr zu erklĂ€ren, was SĂŒnde ist.“[10]

FĂŒr eine recht verstandene Gesetzespredigt ist dieser sog. zweite Gebrauch des Gesetzes („SĂŒnden mehren“) unverzichtbar. Wenn es nicht mehr gelingt, durch die VerkĂŒndigung des Gesetzes den Menschen dahin zu bringen, dass er sich als ein zu Recht angeklagte und verlorenes UnglĂŒckswesen erfasst, wenn er nicht mehr dahin gefĂŒhrt wird, die Frage aller Fragen zu stellen, die in jeder echten Erweckung aufbricht: Was muss ich tun, um gerettet zu werden?, wird die VerkĂŒndigung des Evangeliums wenig Frucht bringen können.

Was muss ich tun? Das war die Frage der beiden großen Erweckungsbewegungen, von denen das Neue Testament berichtet, in der TĂ€uferbewegung und zu Pfingsten. Luk 3,10: Das Volk fragt Johannes: Was sollen wird denn tun? Apg 2,37: Als sie das hörten, ging es ihnen durchs Herz und sie sprachen zu Petrus und zu den anderen Aposteln: Ihr MĂ€nner, liebe BrĂŒder, was sollen wir tun?

An dieser Stelle, wo der Mensch an sich und seinen Möglichkeiten verzweifelt, kommt es nach Luther zu einer entscheidenden Weichenstellung. Entweder verstockt sich hier der Mensch gegen Gott, dann ist er verloren, oder es kommt zum EingestĂ€ndnis seiner SĂŒnde in der Buße. Die Buße, also das Eingestehen der eigenen Gottlosigkeit und Selbstverliebtheit, ist ebenso wie die Verzweiflung ein Werk Gottes am Menschen. Luthers eigentlicher Einwand gegen die römisch-katholische Bußpraxis hat hier seine BegrĂŒndung. Buße ist keine religiöse Leistung, sondern Werk Gottes an uns. Der römisch-katholischen Bußtheologie, die einen Dreierschritt lehrte: contritio cordis, die Reue des Herzens, confessio oris, das Bekenntnis mit dem Mund, und satisfactio operis, die Genugtuung mit der Tat, war damit die Basis entzogen.

Wichtig ist nun, dass Luther unter Hinweis auf das Neue Testament Buß- und Evangeliumspredigt immer koppelt. „Tut Buße und glaubt an das Evangelium“ (Mark 1,15), das ist der doppelte Inhalt evangelischer Predigt. Beides gehört zusammen. Beides bedingt einander. Bußpredigt ohne Evangelium ist grausam und verkennt Gottes Liebesabsicht mit dem SĂŒnder. Evangeliumspredigt ohne Bußpredigt verschleudert das Evangelium und erreicht keine geistliche Frucht. In jeder Gesetzespredigt muss das Evangelium hervorleuchten, ja, sie muss vom Evangelium getragen sein. Erst das Evangelium, so könnte man sagen, bewirkt die Bekehrung. Ludwig Hofacker hat es einmal so ausgedrĂŒckt: „Glaub es mir, Lieber: Eine wahre Herzenszerknirschung, ein wahres ArmsĂŒndersein kann nur durch das Evangelium uns gegeben werden. Nur durch Anerkennung der Liebe, die uns zuerst geliebt hat, kann Satans Werk in uns zerschlagen und ausgefegt werden. Das Gesetz kann auch zerschlagen, aber es ist, wie wenn du ein StĂŒck Gummi mit dem Hammer zerschlagen wolltest. Solange der Hammer darauf liegt, bleibt es breit. Tut man aber den Hammer weg, so geht es wieder zusammen. Da muss man mit Feuer, und zwar mit Liebesfeuer kommen und die Materie zergehen und zerfließen lassen – das hilft und das hilft allein.“[11]

Damit sind wir beim entscheidenden Geschehen in der Rechtfertigung. Im Evangelium wird Christus als der Heiland verkĂŒndigt, der von SĂŒnde, Tod und Teufel befreit. Es kommt nun alles darauf an, dass sich der verzweifelte und bußfertige Mensch Christus aneignet. Diese Aneignung geschieht durch den Glauben. Deswegen nennt Luther den wahren Heilsglauben eine fides apprehensiva, einen Christus ergreifenden Glauben.[12]

Immer wieder ist es zu MissverstĂ€ndnissen der Rechtfertigungstheologie Luthers gekommen, weil man das Wesen des Heilsglaubens nicht verstanden hat. Wenn die Rechtfertigung z.B. so verstanden wird, dass der Mensch nur den Freispruch von der SĂŒnde zu akzeptieren hat, dann ist sie grĂŒndlich missverstanden. Von Rechtfertigung kann man im Sinne Luthers erst dann sprechen, wenn der Mensch in einer Grenzerfahrung seines Lebens sich als verlorenen SĂŒnder vor Gott begreift und den lebendigen Christus als persönlichen Heiland ergreift. Ein bloßes Notiznehmen, ein bloßes Sich-zusprechen-lassen des Freispruchs (das wĂ€re die sog. fides historica[13]) ist noch keine Rechtfertigung.

Luther Ă€ußert sich öfters sehr kritisch gegen einen solchen verdĂŒnnten, nur zur Kenntnis nehmenden Glauben. Das sei „ein bloßer, lediger, fauler und schlĂ€friger Gedanke von Christo, dass er sei von der Jungfrau geboren, gelitten, gekreuzigt, auferstanden, gen Himmel gefahren.“[14] Ein anderes Zitat: „Sie heißen das Glauben, dass sie von Christo gehört haben und halten, es sei alles wahr. Wie denn die Teufel auch glauben und werden dennoch nicht fromm dadurch! Aber das ist nicht ein christlicher Glaube, ja es ist mehr ein Wahn. Solchen GlĂ€ubigen ist Christus nicht nĂ€her, auch nichts mehr nĂŒtze als den Teufeln und Verdammten selbst.“ (Promotionsthesen de fide, These 7, 1535).[15]

Auch in der hermeneutischen Debatte ist zu unterscheiden zwischen fides historica und fides apprehensiva. Ein bloßes Eintreten und KĂ€mpfen um die FaktizitĂ€t der biblischen Berichte ist zu wenig. Das ist noch nicht automatisch der lebendige Christusglaube, der die biblischen Berichte als wahr akzeptiert. Es kommt immer darauf an, Christus im Glauben zu ergreifen!

Echter Heilsglaube ist niemals nur ein bloßes, kaltes Zur-Kenntnisnehmen der Heilstaten Gottes, sondern ein die ganze Persönlichkeit des Menschen ergreifendes existentielles Erfassen des auferstandenen und gegenwĂ€rtigen Christus. Nirgends hat Luther das Wesen des Glaubens besser beschrieben als in seiner berĂŒhmten Vorrede zum Römerbrief. Hier heißt es: „Aber Glaube ist ein göttliches Werk in uns, das uns wandelt und neu gebiert aus Gott (Joh 1) und den alten Adam tötet und uns zu ganz anderen Menschen macht von Herzen, Mut, Sinn und allen KrĂ€ften, und den Heiligen Geist mit sich bringt. Oh, es ist ein lebendig, geschĂ€ftig, tĂ€tig, mĂ€chtig Ding um den Glauben, dass es unmöglich ist, dass er nicht ohne Unterlass sollte Gutes wirken. Er fragt auch nicht, ob gute Werke zu tun sind, sondern ehe man ihn fragt, hat er sie getan und ist immerdar im Tun. Wer aber nicht solche Werke tut, der ist ein glaubensloser Mensch, tappt und sieht um sich nach dem Glauben und guten Werken und weiß weder, was Glaube oder gute Werke sind, er wĂ€scht und schwĂ€tzt doch viele Worte vom Glauben und guten Werken. Glaube ist eine lebendige verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er tausendmal darĂŒber stĂŒrbe. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen, welches der Heilige Geist tut im Glauben. Daher wird er ohne Zwang willig und lustig, jedermann Gutes zu tun, jedermann zu dienen, allerlei zu leiden, Gott zu Liebe und Lob, der ihm solche Gnade erzeigt hat, also dass es unmöglich ist, Werke vom Glauben zu scheiden, unmöglich, wie brennen und leuchten vom Feuer geschieden werden können. Darum sieh dich vor vor deinen eigenen falschen Gedanken und unnĂŒtzen SchwĂ€tzern, die vom Glauben und guten Werken klug sein wollen zu urteilen und doch die grĂ¶ĂŸten Narren sind. Bitte Gott, dass er Glaube in dir wirke, sonst bleibst du wohl ewiglich ohne Glauben, dichtest und tust was du willst oder kannst.“[16]

Rechtfertigung geschieht also, wenn der von Gottes Gesetz zur Verzweiflung und Buße gefĂŒhrte Mensch Christus als seinen persönlichen Heiland erkennt und im Glauben ergreift. So kann Luther 1535 in der 1. Disputation ĂŒber Röm 3,28 (de fide) die These aufstellen: „Die Rechtfertigung ist in Wahrheit eine Wiedergeburt zu neuem Leben, so wie es Johannes sagt: die an seinen Namen glauben und von Gott geboren sind (1. Joh 5,1 und 13).“[17]

Luthers Rechtfertigungslehre hat eine objektive und eine subjektive Seite. Die objektive Seite beschreibt die Heilstat und das Heilsangebot Gottes in Christus. Die subjektive Seite beschreibt die existentielle Aneignung der Person Christi durch den Menschen. Wer nur die objektive Seite betont, kann Luther nicht gerecht werden. Wir mĂŒssen also die objektiv klingenden Äußerungen Luthers ĂŒber die Rechtfertigung stets gleichzeitig auch subjektiv verstehen. Das gleiche gilt auch von Art. 4 der Augsburger Konfession von 1530. Dort heißt es, ĂŒbersetzt nach dem lateinischen Text: „Die Menschen können vor Gott nicht gerechtfertigt werden durch eigene KrĂ€fte, Verdienste oder Werke, sondern sie werden ohne ihr Zutun gerechtfertigt um Christi Willen durch den Glauben, wenn sie glauben, dass sie in Gnade aufgenommen und ihre SĂŒnden vergeben werden um Christi willen, der durch seinen Tod fĂŒr unsere SĂŒnden Genugtuung geleistet hat.“[18]

Bei solchen Formulierungen muss man wie gesagt aufpassen, dass man den richtigen Begriff vom Glauben durchhĂ€lt, nĂ€mlich die fides apprehensiva. Das ist noch kein Heilsglaube, der es nur fĂŒr wahrscheinlich oder fĂŒr wahr hĂ€lt, dass Christus fĂŒr unsere SĂŒnden gestorben ist. Echter Heilsglaube ist erst dort, wo der Mensch die Botschaft fĂŒr sich ganz persönlich erfasst und glaubt. Hier hat das berĂŒhmte „pro me“ Luthers seinen Platz. Damit meint Luther letztlich das gleiche wie die Erweckungsprediger: Der Mensch muss Christus als seinen persönlichen Heiland erkennen und ergreifen. Insofern ist Luthers Rechtfertigungslehre nur in der erwecklichen Dimension voll zu verstehen.

Luther meint in seinen AusfĂŒhrungen zum alten und neuen Menschen im Grunde das gleiche wie der genuine Pietismus, nur in anderer Terminologie: dass Gott den Menschen sucht durch die VerkĂŒndigung von Gesetz und Evangelium und dass der Mensch dann Christus, den das Wort Gottes ihm vor die Augen malt, im Glauben ergreifen muss.

Pastor Dr. Joachim Cochlovius, Walsrode

Quelle: Aufbruch – Informationen des Gemeindehilfsbundes, Oktober 2018

[1]     BSLK 434,1

[2]     Vgl. WA 1,225,1; 20,230,28; 24,117,22; 29,600,30; 30/II,555,18; 51,394,14

[3]     WA 56, 178,24 (zu Röm 1,21)

[4]     WA 56,304,25

[5]     WA 39/I,349,9; 426,2; 464,17

[6]     WA 39/I, 430,9

[7]     Oft bei Luther, z.B. WA 40/III,552f.; 603,19

[8]     BSLK 436,5

[9]     Paul Althaus, Die Theologie Martin Luthers. 2. Aufl. GĂŒtersloh 1963, S.156

[10]   Zitat aus M. Haug, Er ist unser Leben. Stuttgart 1962, S. 398

[11]   Zitat teilweise aus A. Ringwald, Menschen vor Gott Band I. Stuttgart 1957, S. 246f.

[12]   Z.B. WA 39/I,45,21; 53,20; 57,27

[13]   Z.B. WA 39/I,44,5; 54,1.26.34ff.; 55,1ff.; 58,

[14]   Crucigers Sommerpostille 1544, Predigt zum Pfingstmontag ĂŒber Joh 3,16: WA 21,488,11

[15]   WA 39/I,45,9; 55,1

[16]   Luthers Vorreden zur Bibel, hg.v. H.Bornkamm, it 677, 1983, 182f.

[17]   WA 39/I,48,14

[18]   BSLK 56,1-8

Drucke diesen Beitrag Drucke diesen Beitrag Artikel empfehlen Artikel empfehlen

Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 27. November 2018 um 9:53 und abgelegt unter Seelsorge / Lebenshilfe, Theologie.