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Als Christ in Ă„gypten leben

Mittwoch 25. Juli 2018 von Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten


Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten

Derzeit leben etwa 96 Millionen Menschen in Ägypten. Das Land am Nil ist ein arabisch-islamischer Staat und gehört als solcher der Arabischen Liga mit Sitz in Kairo an. Unbestätigte Schätzungen gehen davon aus, dass ca. 10% alle Ägypter zu einer der christlichen Kirchen des Landes gehören. Die große Mehrheit der ägyptischen Christen weiß sich der Koptisch-Orthodoxen Kirche zugehörig, die etwa 90% der christlichen Bevölkerung des Landes ausmacht. Insgesamt stellt damit das ägyptische Christentum zahlenmäßig die stärkste christliche Präsenz in der Arabischen Welt dar. Inmitten eines seit Jahrhunderten vom Islam bestimmten Kulturraums lebt und überlebt die christliche Kirche. In der folgenden Darstellung geht es darum, wie sich Leben als Christ heute in Ägypten gestaltet.

Islamisierung Ă„gyptens

Seit der islamischen Eroberung Ägyptens 641/42 n. Chr. setzte die systematische Islamisierung des Lands ein. Zahlenmäßig Als „Leute des Buches“ durften die Christen ihrer Religion treu bleiben, wurden aber mit einer sogenannten „Kopfsteuer“ für Nicht-Muslime belegt und damit einem erheblichen wirtschaftlichen Druck ausgesetzt. Dieser Minderheitenstatus wurde begleitet von sich abwechselnden diskriminierenden Maßnahmen. Es kam zu zahlreichen Konversionen zum Islam. Im 8. Jahrhundert wurde die koptische Sprache durch die arabische Sprache als offizielle Sprache abgelöst. Die Verschiebung der religiösen Verhältnisse entwickelte sich bereits im 9. Jahrhundert zugunsten des Islam. Ägypten war faktisch ein islamischer Staat geworden. Durch die Präsenz der westlichen Kolonialmacht England seit 1882 genossen die christlichen Kirchen und Organisationen im Land gewisse Freiräume und Entfaltungsmöglichkeiten. Durch das von den Osmanen eingeführte Mille-System war es den Christen möglich, durch ihre Vertreter ihre Anliegen vor dem Staat zu artikulieren.

Christsein im 21. Jahrhundert

Was bedeutet es, im 21. Jahrhundert in Ă„gypten Christ zu sein bzw. Christ zu werden? Das Spektrum der Antwort bewegt sich je nach Definition zwischen relativer Toleranz, Diskriminierung und Verfolgung.

Begrenzte Freiheit

So ist es erstaunlich, dass Christen sich in den dafür vorgesehenen und registrierten Grundstücken und Gebäuden relativ frei aktiv entfalten können. Die Voraussetzung dafür ist die staatliche Registration oder ein Gewohnheitsrecht, das sich über viele Jahrzehnte entwickelt hat. Wir können hier mit Berechtigung von einer „begrenzten Freiheit“ sprechen. So können sich Hunderte und Tausende zu Bibelstunden, Gottesdiensten, Evangelisationen, Lehrveranstaltungen, Konzerten und Gebetskonferenzen treffen.

Latente Diskriminierung

Obwohl gesellschaftlich phasenweise und geographisch bedingt vielerorts von einer friedlichen Koexistenz zwischen Muslimen und Christen gesprochen werden darf, besteht kein Zweifel an einer staatlich gelenkten Diskriminierung, die unterschiedliche Ausformungen annehmen kann. So ist es weiterhin äußerst schwierig und langwierig, die Registrierung zum Bau einer neuen Kirche zu erhalten. Es ist weiterhin eine Ausnahme, dass Christen mit ausgezeichneten Universitätsabschlüssen in den universitären Lehrkörper aufgenommen werden. In der ägyptischen Armee, Polizei und anderen Sicherheitsbehörden können keine Christen in strategisch sensitive Positionen aufsteigen. Im Parlament oder Ministerien sind die Christen des Landes deutlich unterrepräsentiert. So führt auch die erforderte Nennung der Religionszugehörigkeit auf der ID-Karte oder im Reisepass gelegentlich zu Diskriminierungen. Auch bei Abschlussexamina oder Einstellungsgesprächen spielt nicht selten die Religionszugehörigkeit eine maßgebliche Rolle bei dem Ergebnis.

Offene Verfolgung

Die Kirche Ägyptens ist eine leiderprobte Kirche, das gilt auch für die Gegenwart. Abhängig von der jeweiligen politischen Machtkonstellation und der geographisch unterschiedlichen Sicherheitspolitik der Behörden kommt es immer wieder zu massiven Leidenssituationen für Christen. Dazu gehören Zwangskonversionen zum Islam, die häufig durch eine bewusst initiierte Liebesbeziehung oder die Ausnutzung einer wirtschaftlichen Notlage ihren Anfang nehmen. Junge christliche Frauen werden entführt und zwangskonvertiert. Christliche Geschäftsbesitzer werden von radikalen Muslimen entführt und nur unter horrenden Lösegeldzahlungen wieder freigesetzt. In manchen muslimischen Dörfern werden Christen gezwungen, ihre Gebäude und Ländereien aufzugeben, das Dorf zu verlassen und eine neue Existenz aufzubauen. Nicht selten werden christliche Geschäftsinhaber Ziel zerstörerischer Gewaltaktionen durch radikale Muslime.

In diesem Jahr hat sich die Revolution vom 25. Januar 2011 zum siebten Mal gejährt. Die anfänglichen Träume des arabischen Frühlings sind der Wirklichkeit eines politischen Herbstes gewichen. Der jetzige ägyptische Präsident al-Siisi erfuhr nach der Absetzung der Muslimbrüder im Sommer 2013 die unmittelbare Unterstützung der Mehrheit der ägyptischen Christen. Papst Tawadrus II zeigte sich früh loyal auf der Seite der Militärs. Der Präsident belohnte dies mit seiner persönlichen Teilnahme an der koptischen Weihnachtsmesse. Doch führte die kirchliche Parteinahme auch dazu, dass radikal islamische Kräfte und besonders ISIS die koptischen Christen des Landes stärker ins Visier genommen haben. Den zahlenreichen Zerstörungen und Verbrennungen koptischer Kirchen in Mittelägypten folgten brutale Angriffe und Tötungen von koptischen Gottesdienstbesuchern. Im Februar 2015 wurden 21 koptische Christen von ISIS Truppen in Libyen brutal getötet. Im Dezember 2016 kam es zu einem schrecklichen Bombenattentat mit vielen Todesopfern und Verletzten in der St. Peter & St Paul Kirche in Kairo. Damit wurden im zeitlichen Zusammenhang mit hohen christlichen Feiertagen wiederholt koptische Kirchen zu Anschlagszielen. Ab 22.02. 2017 wurden wegen islamistischer Bedrohung etwa 200 koptische Familien von el-Arish nach Ismaelia umgesiedelt. ISIS erklärte den Nord-Sinai zur „christenfreien“ Zone. Am Palmsonntag, am 9. April 2017, wurden zwei Anschläge auf die koptischen Kirchen in den Städten Tanta, ca. 80 km nördlich von Kairo, und Alexandrien verübt. Es waren mindestens 44 Tote und 100 Verletzte zu beklagen. Das führte zur Verhängung eines landesweiten Ausnahmezustands. Am 26. Mai 2017 erfolgte ein ISIS Angriff auf einen mit koptischen Christen besetzten Bus auf dem Weg zum St. Samuel Kloster im Gouvernerat al-Minia, rund 220 km südlich von Kairo. Mindestens 26 Personen wurden brutal getötet und über 20 Personen verletzt, weil sie Christus treu blieben und nicht konvertieren wollten. Aufgrund der angespannten Sicherheitslage ordnete das Innenministerium im Juli 2017 in Absprache mit den Kirchenführern des Landes erstmalig an, alle christlichen Sommerfreizeiten und Konferenzen zu stornieren. Im Oktober 2017 wurde in Salam City ein koptischer Priester auf offener Straße durch Messerstiche getötet. Kurz vor Jahresende 2017 kam es in der Stadt Helwan südlich von Kairo erneut zu einem gewaltsamen Angriff auf eine koptische Kirche, bei der mindestens neun Menschen starben.

Ägypten kommt nicht zur Ruhe. Christsein hat seinen Preis. Auch Christwerden hat seinen Preis. Offiziell ist es in Ägypten nicht möglich, als Muslim Christ zu werden. Häufig kommt es zu steigendem Druck durch die Familie, die unmittelbare Religionsgemeinschaft, Arbeitskollegen oder Behörden. Verlust der Arbeitsstelle, Scheidung, Kontaktverbot mit den Kindern, Enterbung oder auch körperliche Gewalt zählen oft zu den Folgen einer bewussten Entscheidung für Jesus Christus.

Reaktionen auf diese Entwicklungen

Isolation

Die Marginalisierung der Christen und das Empfinden, Bürger mit eingeschränkten Rechten zu sein, führte zu einem Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben. Die Sozialkontakte der Christen, die zum großen Teil auch zur Bildungselite gehören, begrenzen sich im Wesentlichen auf die beruflichen und kirchlichen Kontakte und führen teilweise zu einer Ghettoisierung.

Emigration

Das wachsende Empfinden, im Land zunehmend unerwünscht zu sein und damit keine Zukunftsaussichten für die nächste Generation zu sehen, führte bei vielen Christen besonders in der Mursi-Ära zur Auswanderung in Länder der westlichen Hemisphäre. Dieser professionelle, intellektuelle und religiöse Aderlass führt sowohl zur Schwächung der ägyptischen Infrastruktur als auch der christlichen Gemeinden.

Konversion

Leider geben manche traditionelle Christen ihren christlichen Glauben aus wirtschaftlichen oder sozialen Gründen auf und konvertieren zum Islam. Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, wurden in manchen Diözesen Beratungsstellen für konversionsgefährdete Christen eingerichtet.

Atheismus

Als Ausdruck tiefer Enttäuschung über die Realität des kirchlichen Lebens und dessen fehlender Relevanz für den Lebensalltag, wenden sich immer mehr junge Menschen der Religionslosigkeit zu und stellen die traditionellen Werte und Autoritäten in Frage. Diese Bewegung beeinflusst auch viele Muslime, die sich durch die Gewaltexzesse in ihrer eigenen Religion enttäuscht von dieser zurückziehen.

Evangelisation

Erfreulich ist die wachsende Entwicklung über Konfessionsgrenzen hinweg, dass Christen ihre Liebe für Ägypten und ihre Verantwortung für ihr Land entdecken und wahrnehmen. In vielen Einsätzen werden medizinische und soziale Hilfe, sportliche Aktivitäen und Ausbildungskurse mit klarer Evangeliumserklärung verbunden.

Quelle: EMO aktuell FrĂĽhjahr 2018

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 25. Juli 2018 um 11:07 und abgelegt unter Christentum weltweit.