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Botschaft zum Reformationsfest 2005

Dienstag 6. Dezember 2005 von Erzbischof Janis Vanags


Erzbischof Janis Vanags

Botschaft zum Reformationsfest 2005

Was bedeutet fĂŒr uns die Reformation? Gewöhnlich stehen uns die Ereignisse vor Augen, die mit einem unbeugsamen Mut, einer großer Begeisterung und einem festen Glauben verbunden sind, fĂŒr den die Menschen bereit waren, ihr Leben hinzugeben. Dabei erinnern wir uns zuerst an die Worte Luthers „hier stehe ich, ich kann nicht anders“, seine leidenschaftlichen Dispute und seine polemischen Schriften. Wir erinnern uns an die Unruhen jener Zeit, Luthers Zorn ĂŒber die „SchwĂ€rmer“ und BilderstĂŒrmer, an die EinflĂŒsse der weltlichen MĂ€chte, an seine Internierung auf der Wartburg, an seine Exkommunikation und das Verbrennen der pĂ€pstlichen Bulle. Wir erinnern uns auch an seine unermĂŒdliche Arbeit, an die Übersetzung der Bibel und der Gottesdienstordnung in die Sprache des Volkes, an die Verfassung des Katechismus und vieler theologischer Schriften. Deshalb bringt das Reformationsfest viele unserer GlĂ€ubigen in die Stimmung heldenhafter KĂ€mpfe und mancher Erfolge, wie sie vielleicht auch die Patrioten Lettlands empfinden mögen, wenn wir an unserem Nationalfeiertag und an anderen Gedenktagen am Ufer der DĂŒna Kerzen anzĂŒnden und uns vornehmen, genau so zu handeln wie die Helden der BefreiungskĂ€mpfe.

Und dennoch, mag das alles so bedeutend und heroisch gewesen sein, so sind diese Ereignisse unserer Geschichte nicht die Reformation, sondern sie erinnern nur an die Situation um sie herum. Nach meinem Empfinden ist die Reformation ihrem tiefsten Wesen nach ein Fest der Gnade und bedingungslosen Liebe. Das Reformationsfest ist ein Tag, an dem wir der Freigiebigkeit unseres Herrn Jesus Christus gedenken, mit der er die am Kreuz erkĂ€mpfte und mit seinem Blut erkaufte Gerechtigkeit dem SĂŒnder schenkt, der an ihn glaubt. Daran mußte ich ganz besonders soeben beim Lesen des Buches von Bischof Bo Giertz „Gottes Hammer“ denken. Eine der eindrucksvollsten Episoden darin ist ein GesprĂ€ch zwischen zwei Leuten vom Lande – zwischen Katharina und dem sterbenden Johannes. Groß ist die Verzweiflung des Johannes angesichts des ihm bevorstehenden Todes. Man sagt, daß vor einem sterbenden Menschen sein ganzes Leben blitzartig vorĂŒberziehen wĂŒrde. FĂŒr Johannes ist diese Erfahrung eine harte Predigt des Gesetzes. Bei vielen Perioden seines Lebens entdeckt er sein hartes Herz und sein sĂŒndhaftes Wesen. Er erkennt, wie verpfuscht seine guten Werke und die Leistungen seines Glaubens und wie unvollkommen seine SĂŒndenbekenntnisse waren. Der gut gebildete Pastor, der ein intensives humanistisches und philosophisches Studium absolviert hatte, konnte ihn auch nicht damit trösten, daß er sagte, daß Johannes eine bessere und gerechtere Seele hĂ€tte als jeder andere, dem er in seinem Leben begegnet wĂ€re. Was hat der Vergleich mit anderen Menschen ĂŒberhaupt fĂŒr eine Bedeutung? Gott wird Johannes nach seinen Werken und nicht nach den Werken anderer Menschen richten. Johannes hat im streng pietistischen Geist und im Geist der Erweckungsbewegung gelebt und hat nur die Flammen der Hölle vor Augen. Katharina, die in diesem Buch die klassische lutherische Tradition verkörpert, versucht Johannes zu trösten. „Du hast recht, du bist ein großer SĂŒnder. Aber Jesus der Heiland ist grĂ¶ĂŸer.“ Ein Wort folgt dem anderen, und diese Bauersfrau bringt Frieden in die verzweifelte und von Angst gequĂ€lte Seele, so daß er, bevor er seinen letzten Gang antritt, noch die Absolution und das Sakrament des Abendmahles empfangen kann. Was hat sie gesagt? Welche Worte einer geheimen Weisheit hat sie ausgesprochen? Sie hat ihn nur auf das reine und „einfache“ Evangelium hingewiesen: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt SĂŒnde trĂ€gt. Alle haben gesĂŒndigt und allen mangelt es an der göttlichen Herrlichkeit. Doch Gott hat sie ohne ihr Verdienst gerecht gemacht und ihnen das Heil in Jesus Christus geschenkt“. Wenn wir diese Worte hören, dann erscheint alles so einfach, doch in der Stunde des Todes kann wirklich nichts anderes die durch die Last des Gesetzes und der Gewissensqualen verĂ€ngstigte Seele zur Ruhe bringen.

Ich meine, daß gerade das die Reformation ausmacht. Nichts anderes – weder fromme Traditionen, noch gutes Bestreben, weder die Heldentaten der Heiligen, noch philosophische Erkenntnisse, weder die kirchliche Hierarchie, noch die die Sinne verwirrenden Lehren dĂŒrfen das Evangelium in den Schatten stellen und es vor den hungernden Seelen verbergen. Man kann es nicht durch ein Liebessurogat und durch billige Gnade ersetzen, die man mit anderen Namen bekleidet – wie InklusivitĂ€t und Toleranz. Es darf auch nicht durch konfessionelle Gesetzlichkeit und lutherisches Zelotentum, nicht durch GleichgĂŒltigkeit gegenĂŒber dem eigenen Erbe oder durch unsere eigene menschliche SchwĂ€che, durch SĂŒnde oder durch die MĂ€ngel unseres inneren geistlichen Lebens verdunkelt werden. Wenn wir uns am Reformationsfest zu lutherischen Heldentaten aufgerufen fĂŒhlen, dann lasst uns dabei nicht die Ă€ußeren UmstĂ€nde, sondern lieber das Wesentliche beachten – wie die Seele des Menschen die heilige Krise durch die Strenge des Gesetzes erfĂ€hrt und Frieden findet im klaren, reinen und „einfachen“ Evangelium. Wir sind Erben der Reformation dann, wenn wir die Liebe Christi predigen, bekennen und sie durch unser Leben sichtbar machen.

NatĂŒrlich ist es viel leichter, sich mit der Situation der damaligen Zeit zu befassen und die Konflikte und KĂ€mpfe zu glorifizieren. Doch, wie Luther das in seinen Kirchenpostillen schreibt, mĂŒssen wir die Heiligen nicht durch ihre Werke erkennen, um diesen nachzustreben, sondern durch ihren Gehorsam gegenĂŒber Gott. Ich denke, daß er dasselbe im Bezug auf seine eigene Person und die der anderen Reformatoren sagen wĂŒrde. Wenn wir von Spaltungen sprechen, die ja die Reformation begleitet hatten, dann denke ich, daß deren Ursache bei der menschlichen SchwĂ€che der Kirche lag, die es nicht vermochte, Fragen der Lehre zu lösen und dabei die Einheit zu erhalten. Die Folgen dieses Unvermögens sind fĂŒr beide Teile der Kirche – sowohl fĂŒr die lutherische wie auch fĂŒr die römisch katholische Kirche – in gleicher Weise tragisch. Ich glaube daran, daß es Gottes Wille und unsere Pflicht als Christen ist, einen Weg zu suchen, der zur Einheit des Leibes Christi fĂŒhrt. Wir dĂŒrfen sie nicht dadurch suchen, daß wir mit unserer Überzeugung und IdentitĂ€t Handel betreiben, sondern miteinander ehrlich, mit WĂŒrde, Demut und brĂŒderlicher und schwesterlicher Liebe auf die Quelle der Einheit zuschreiten – auf Jesus Christus und Sein Evangelium. Gott helfe uns dazu!

(Übersetzung aus der lettischen Kirchenzeitung Svetdienas Rits Nr. 39/05 vom 29.10.05)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 6. Dezember 2005 um 16:06 und abgelegt unter Allgemein, Predigten / Andachten.