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Genozid in Nahost. Erklärung auf der Vatikansynode

Mittwoch 21. Oktober 2015 von Prof. Dr. Thomas Schirrmacher


Prof. Dr. Thomas Schirrmacher

Der Vertreter der Weltweiten Evangelischen Allianz auf der Vatikansynode, Thomas Schirrmacher, hat aus Anlass des 50jährigen Jubiläums der Vatikansynode an die Weltchristenheit appelliert, mehr Solidarität mit diskriminierten und verfolgten Christen im Nahen Osten und weltweit zu zeigen. Zugleich gab er eine Erklärung dazu ab, warum er von einem Genozid (Völkermord) an Christen, Jeziden und Mandäern spricht.

Genozid in Nahost. Erklärung auf der Vatikansynode

Die Morde an Christen, Jeziden und Mand√§ern und die systematische Verfolgung, Vergewaltigung, Versklavung dieser ethnoreligi√∂sen Gruppen in Syrien und im Irak erf√ľllen eindeutig und zweifelsfrei den Tatbestand des Genozids. Es geht dabei nicht um irgendeine √úberdramatisierung, sondern um die simple Anwendung der V√∂lkermorddefinition der UN.

Artikel II der V√∂lkermorddefinition der UN von 1948 lautet: ‚ÄěIn dieser Konvention bedeutet V√∂lkermord eine der folgenden Handlungen, die in der Absicht begangen wird, eine nationale, ethnische, rassische oder religi√∂se Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerst√∂ren: (a) T√∂tung von Mitgliedern der Gruppe; (b) Verursachung von schwerem k√∂rperlichem oder seelischem Schaden an Mitgliedern der Gruppe; (c) vors√§tzliche Auferlegung von Lebensbedingungen f√ľr die Gruppe, die geeignet sind, ihre k√∂rperliche Zerst√∂rung ganz oder teilweise herbeizuf√ľhren; (d) Verh√§ngung von Ma√ünahmen, die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der Gruppe gerichtet sind; (e) gewaltsame √úberf√ľhrung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.‚Äú

Inwiefern sollte das nicht auf die Verfolgung von Christen, Jeziden und Mand√§ern zutreffen? Ein Element w√ľrde gen√ľgen, aber vier davon (a, b, c und e) sind hinl√§nglich belegt, ja es gibt zu jedem Belege aus Propagandafilmen des Islamischen Staates. Lediglich d) ist zwar vorhanden, aber nicht so einfach zu beweisen.

  • Christen, Jeziden und Mand√§er werden systematisch get√∂tet, vertrieben oder zwangsbekehrt.
  • Kinder von Christen, Jeziden und Mand√§er werden umgebracht oder einer religi√∂sen Zwangsumerziehung unterworfen.
  • Frauen und M√§dchen werden vergewaltigt, zur Prostitution gezwungen, aber auch an IS-Muslime zwangsverheiratet. Damit wird auch verhindert, dass sich die Minderheiten fortpflanzen k√∂nnen (UN-Definition Punkt d.).

Es ist darauf hinzuweisen, dass dieser V√∂lkermord sowohl angek√ľndigt und geplant ist, als auch tats√§chlich den Ank√ľndigungen entsprechend umgesetzt wird.

Wenn es sich aber um V√∂lkermord handelt, warum reden dann immer noch so viele Kirchenf√ľhrer, Wissenschaftler und Politiker um den hei√üen Brei herum?

Nun aber zu möglichen Gegenargumenten.

Frage: Sind nicht in Syrien und Irak alle Menschen vom B√ľrgerkrieg betroffen und fast alle k√∂nnen Opfer des IS werden?

F√ľr einen Genozid ist es unerheblich, dass es auch andere Opfer gibt oder dass es auch Opfer unter der Mehrheitsbev√∂lkerung gibt. Der Genozid an den Juden und an den Roma und Sinti wurde begleitet vom Krieg gegen viele Staaten und V√∂lker und nicht zuletzt auch vom Nazi-Terror gegen das deutsche Volk als Ganzes. Trotzdem bleibt der V√∂lkermord an Juden und an Roma und Sinti V√∂lkermord.

Frage: Bek√§mpft der IS nicht auch Schiiten oder auch Sunniten, die mit ihrer Version des Islam nicht √ľbereinstimmen?

Wenn man davon ausgeht, dass der IS auch die Schiiten als umrissene Bevölkerungsgruppe oder auch andersdenkende Sunniten als ebenso abgefallen töten und beseitigen will, dann muss man das zusätzlich auch als Völkermord bezeichnen. Daran aber, dass nicht-islamische ethnoreligiöse Minderheiten Ziel eines Völkermords des IS sind, ändert das nichts!

Ich bin mir bewusst, dass die Feststellung, dass es sich um Genozid/V√∂lkermord handelt, im V√∂lkerrecht auch rechtliche Konsequenzen hat. Aber das ist dann ein weiterer, wenn auch notwendiger Schritt, den ich lieber Fachleuten √ľberlasse.

Prof. Dr. Thomas Schirrmacher, Bonn, 17.10.2015

Quelle: Bonner Querschnitte, 378 – Nr. 42/2015

 

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 21. Oktober 2015 um 8:37 und abgelegt unter Christentum weltweit, Kirche.