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Luthers Deutung des Abendmahls Jesu Christi

Mittwoch 15. Juli 2009 von Dr. Eberhard Hahn


Dr. Eberhard Hahn

Luthers Deutung des Abendmahls Jesu Christi

„Du zeigst auf den Beutel und sagst: ,Das sind hundert Gulden!‘ Du zeigst auf das Faß und sagst: ,Das ist rheinischer Wein!‘ Was bringst du damit zum Ausdruck? Der Beutel ist also nicht mehr bloßes Leder oder nur ein Beutel, sondern in Wirklichkeit ist er ein Goldleder bzw. ein Geldbeutel. Das Faß ist nicht nur Holz oder Faß, sondern in Wirklichkeit ein Weinholz oder Weinfaß.“ Die Sprache verbindet die beiden GegenstĂ€nde – Beutel und GoldstĂŒcke bzw. Faß und Wein – zu einer neuen Einheit. „Deshalb zeigst du auf den Beutel und sagst:,Das ist Gold!‘ und auf das Faß und sagst: Das ist Wein!“‚ Und jeder versteht, was gemeint ist. Alles Gewicht liegt also auf dem Wort.

Was bereits fĂŒr die Umgangssprache gilt, trifft erst recht auf Gottes Umgang mit uns Menschen zu: Alles Gewicht liegt auf dem Wort und zwar: auf seinem Wort. Sein Wort ist wirkmĂ€chtiges Wort, Tatwort. Wenn daher beim Abendmahl auf das Brot gezeigt wird mit den Worten „Das ist mein Leib“, so handelt es sich dabei nicht mehr um „bloßes Brot aus dem Backofen“, sondern um „Fleischsbrot“ oder „Leibsbrot“. Der Wein ist nicht mehr „nur Wein aus dem Keller“ sondern vielmehr „Blutswein“. Dabei verlieren die jeweiligen Elemente jedoch nicht ihre Eigenschaften. Brot aus dem Ofen und Leib Christi, Wein aus dem Keller und Blut Christi werden allein durch das göttliche Wort der Verheißung zu einer neuen „sakramentalen“ Einheit verbunden.

Am Abendmahl zeigt sich besonders deutlich, was fĂŒr die reformatorische Entdeckung insgesamt grundlegend war: „Wenn er spricht, so geschieht’s; wenn er gebietet, so steht’s da.“ (Psalm 33,9). Gott tut, was er verspricht. Gott schafft, was er ansagt.

Wir Menschen beschreiben mit unseren Äußerungen in aller Regel das, was bereits vorhanden ist („Das Haus sieht folgendermaßen aus: …“) oder geschieht („Gestern ereignete sich folgender Unfall …“; „FĂŒr Morgen haben wir große PlĂ€ne!“). Wenn jedoch Gott redet, dann beschreibt er nicht nur, wie Menschen oder Dinge sind. Durch sein Wort wird vielmehr eine Wirklichkeit geschaffen, die bisher so noch gar nicht bestanden hatte. Hier wird nicht bereits Vorhandenes festgestellt, sondern hier wird etwas ganz und gar nicht Vorhandenes erst hergestellt.

Gott geht mit uns in Verheißungen um. Der grundlegende Unterschied zu unseren menschlichen Versprechungen besteht darin, daß er treu ist und nicht tĂ€uschen kann. Sein Wort ist „Wort der Wahrheit“ (Jakobus 1,18); es ist gĂŒltig und zuverlĂ€ssig. Daher können wir unser Leben darauf grĂŒnden, indem wir ihm vertrauen.

Wenn der Engel den Hirten in Lukas 2,11 zuruft: „Euch ist heute der Heiland geboren!“, dann ist das keine Mitteilung einer allgemeinen Information. Vielmehr werden die Hirten durch dieses Wort zu EmpfĂ€ngern einer Gottesbotschaft. Aus Schafhirten werden plötzlich Botschafter des Evangeliums!

Ebenso ist es mit der Osterbotschaft: „Er ist nicht hier, er ist auferstanden!“ Diese Mitteilung macht aus verzweifelten Frauen Zeuginnen von Gottes neuer Schöpfung. „Friede sei mit euch!“ Mit dieser Zusage verwandelt Jesus seine verschĂŒchterte und resignierte JĂŒngergruppe in Herolde seiner Rettung, seiner Vergebung, seines ewigen Lebens.

„Ego te absolvo: Ich spreche dich los!“ Als Mönch hatte Luther dieses Wort des Priesters nach der Beichte als beschreibendes Wort verstanden: Im reuigen SĂŒnder wurden bereits Anzeichen der Gnade und SinnesĂ€nderung erkennbar, und daraufhin konnte der Priester nun auch bestĂ€tigend bekrĂ€ftigen: „Dir ist vergeben.“

Doch nun entdeckt Luther: Es ist ja gerade umgekehrt! Das Augenmerk hat nicht dem Menschen zu gelten und dem, was bei ihm vielleicht an VerĂ€nderung sichtbar wird. Sondern alle Aufmerksamkeit gilt dem, dessen Wort hier laut wird: dem Gott, dessen Wesen es ist, aus dem Nichts etwas Neues zu schaffen (Römer 4,17). „Dir sind deine SĂŒnden vergeben!“: Mit diesem Zuspruch wird aus einem Feind ein Freund Gottes; aus einem Randsiedler wird einer, der zur Familie Gottes dazu gehört.

Genau das aber wird unĂŒbersehbar klar beim Abendmahl: „Christi Leib – fĂŒr dich gegeben! Christi Blut – fĂŒr dich vergossen!“ Brot und Wein verweisen nicht auf eine von uns weit entfernte himmlische Wirklichkeit. Die Zeichen deuten nicht auf etwas Abwesendes, sondern zeigen einen wirklich GegenwĂ€rtigen an. Deshalb also RealprĂ€senz! Was Christus am Kreuz fĂŒr uns getan hat, das gilt jedem Einzelnen ganz persönlich. Im Vertrauen auf ihn empfange ich, was er mir schenkt. Dieser Freispruch hat sowohl heute wie dann am JĂŒngsten Tag unumstĂ¶ĂŸliche Geltung.

Nur aus solcher Verheißung heraus entsteht Glaubensgewißheit. Diese Gewißheit erwĂ€chst nicht aus dem eigenen Glauben und wird nicht an der QualitĂ€t des eigenen geistlichen Lebens festgemacht; sie muß sich daher auch nicht andauernd den geistlichen Puls fĂŒhlen. Vielmehr hat sie ihren Grund und bleibenden Halt in Gott und seiner Verheißung.

Luthers Deutung des Abendmahls erwĂ€chst aus seinem Studium der Bibel. Alles Gewicht liegt auf Gottes Wort und seiner Wirkung. Wenn Jesus auf das Brot zeigt und sagt: „Dies ist mein Leib“, dann sollen wir ihm dies abnehmen, es ernst nehmen und uns gesagt sein lassen. Jesus sagt nichts von einer Verwandlung des Brotes in seinen Leib noch von einem bloßen Symbol fĂŒr seinen Leib. Er sagt „dies ist“ und daran soll und kann sich unser Glaube halten. Denn wenn er es sagt, dann ist dies auch so. Dies ist biblischer Realismus.

Im Unterschied dazu vollzieht sich nach römisch-katholischem VerstĂ€ndnis bei der Meßfeier eine Wandlung: Aus Brot und Wein wird Leib und Blut Jesu Christi. Dies geschieht zwar nicht im Blick auf Aussehen und Geschmack – Ă€ußerlich betrachtet verĂ€ndern sich Oblate und Wein nicht. Doch in ihrem eigentlichen Wesen – so die römisch-katholische Kirche – haben sie sich grundlegend verĂ€ndert: Sie sind nicht weniger als Leib und Blut Christi geworden (Transsubstantiationslehre). Damit dies geschehen kann, ist die Anwesenheit eines Priesters erforderlich, der seinerseits wiederum das Sakrament der Priesterweihe empfangen hat.

Aus diesem Grund kann eine evangelische Abendmahlsfeier von der römisch-katholischen Kirche nicht als Empfang von Leib und Blut Christi anerkannt werden: Da hier kein gĂŒltig geweihter AmtstrĂ€ger tĂ€tig ist, findet auch keine gĂŒltige Wandlung der Elemente statt. Somit handelt es sich in Wahrheit nicht um die eigentliche sakramentale Handlung, sondern allenfalls um ein GedĂ€chtnis- oder Gemeinschaftsmahl. Konkret bedeutet dies, daß katholischen Christen die Teilnahme an einem evangelischen Abendmahlsgottesdienst nicht gestattet ist.

Der Vorstellung einer Wandlung total entgegengesetzt ist die Deutung des Abendmahls als reines Symbol. Hier wird regelmĂ€ĂŸig betont: Das Brot symbolisiert den Leib Christi; der Wein ist ein Bild fĂŒr sein Blut. Wer an dieser Mahlfeier teilnimmt, nimmt nichts anderes zu sich als bei einem Essen zuhause. Der Unterschied zu gewöhnlichen Mahlzeiten liegt vielmehr in der Erinnerung an das, was Jesus am Kreuz fĂŒr uns getan hat, und im Ausblick auf das große Abendmahl in seinem himmlischen Reich.

Auf den ersten Blick wirkt es befremdlich, daß seit der Zeit der ersten Christen gerade im Zusammenhang des Abendmahls massive Konflikte innerhalb der Gemeinde entstanden sind (1. Korinther 10). Diese können nun allerdings nicht einfach feierlich ĂŒberspielt werden, sondern mĂŒssen ins Auge gefaßt und ausgehalten werden. Hoffnung auf ihre Überwindung erwĂ€chst aus der Erwartung, daß im gemeinsamen Hören auf Gottes Wort Fragen geklĂ€rt und Probleme beseitigt werden können.

Abendmahl und Glaube

Im Vertrauen darauf, daß Christi Verheißung („dies ist mein Leib/mein Blut“) zuverlĂ€ssig und wahr ist, erhalten wir die Gabe des Abendmahls. Im Glauben gehorchen wir dabei seinem Auftrag („das tut“) und empfangen darin zugleich die StĂ€rkung unseres Glaubens. Das Abendmahl gibt nicht mehr oder anderes als das verkĂŒndigte Wort, sondern schenkt dasselbe in anderer Form. Es ist „sichtbares Wort“. Weil wir Menschen aus Fleisch und Blut sind, begegnet uns Gott auf einer Ebene, die wir begreifen können. Er bestĂ€rkt das Hören durch das Sehen und SpĂŒren: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist!“ Nicht anders als in der Predigt und doch auf besondere Weise wird jedem persönlich zugerufen: „fĂŒr dich gegeben!“

Abendmahl und SĂŒndenvergebung

Vermutlich war in der frĂŒhen Christenheit das Abendmahl Teil jedes Gottesdienstes. Die Christen wußten: Wir brauchen stets neu die Vergebung der SĂŒnden. Im Abendmahl wird sichtbar, was christlicher Umgang mit Schuld ist. Schuld wird nicht dadurch bewĂ€ltigt, daß sie verharmlost und der Schuldige dadurch entschuldigt wird. Im Licht des Wortes Gottes erkennt der Glaubende, wo er gesĂŒndigt hat – „in Gedanken, Worten und Werken“. Zusammen mit anderen Christen im Rahmen des Gottesdienstes oder auch in der persönlichen Beichte bekennt er seine Schuld. Er bringt damit fĂŒr sich persönlich zum Ausdruck, daß der Gottessohn auch um seinetwillen sterben mußte: „meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld!“ In Wort und Mahl empfĂ€ngt er den Zuspruch der Vergebung.

Wie das Abendmahl den Glauben stĂ€rkt, so mahnt es auch zu neuem Gehorsam: Wer die Vergebung seiner SĂŒnden empfĂ€ngt, hat von ihnen zu lassen. Zugleich ist er verpflichtet, die erhaltene Vergebung auszuteilen: an diejenigen, die ihm gegenĂŒber schuldig geworden sind.

Abendmahl und Gemeinde

Das Abendmahl ist keine missionarische Veranstaltung, zu der jedermann eingeladen wĂ€re. Vielmehr hat Jesus es im Kreis der JĂŒnger eingesetzt. In der Urgemeinde wird es „Herrenmahl“ genannt, d.h. es ist das Mahl derer, die „des Herrn“ sind (Römer 14,8), die durch Glaube und Taufe zu Gliedern am Leib Christi geworden sind. Die verschiedenen Gestaltungsformen sollen den Blick auf diesen Mittelpunkt des Abendmahls nicht verstellen, sondern ihn vielmehr ermöglichen: In seinem Wort und Mahl ist Jesus Christus selbst in seiner Gemeinde gegenwĂ€rtig. Nicht wir vergegenwĂ€rtigen ihn, sondern er ist in der Kraft des Heiligen Geistes als der Herr am Werk. Er selbst stĂ€rkt den Glauben; er selbst reinigt von SĂŒnde; er selbst schenkt sich uns in Wein und Brot. Weil er selbst gegenwĂ€rtig ist, darum sind Wort und Mahl wirksame und nicht nur symbolische Mittel seines Handelns. Diesem Dienst Gottes an uns entspricht unser umfassender Dank: In Lob und Anbetung, im Zeugnis und im Dienst fĂŒr ihn.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 15. Juli 2009 um 10:49 und abgelegt unter Theologie.