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Margot Honeckers ganzer Stolz

Donnerstag 9. Juli 2015 von Birgit Kelle


Birgit Kelle

Manuela Schwesigs Idee der 24-Stunden-Kita

Manuela Schwesig, Ministerin f├╝r besondere Interessen der deutschen Wirtschaft, hat wieder ein neues Projekt: die 24-Stunden-Kita. Warum nicht gleich die DDR-Wochenkrippe? Wenn schon Kinder wegschaffen, damit die Arbeitskraft der Frauen frei wird, dann bitte richtig. Eines muss man Margot Honecker lassen: Sie hatte das wenigstens bis zu Ende gedacht mit der Rundum-Betreuung von Kindern im Arbeiter- und Bauernstaat. Wer mit wehenden Fahnen in den sozialistischen Sonnenuntergang will, der muss schon ein bisschen was daf├╝r tun. Wer macht schon Halbtagskinderg├Ąrten, wenn es auch ganztags sein kann? Wer macht schon Schule bis mittags, wenn es auch ganztags sein kann? Und wer macht schon 24-Stunden-Kitas, wenn es auch die ganze Woche sein kann? Ist doch super praktisch.

Montagmorgen das Kind im Schlafanzug abgeben und Freitagabend bettfertig abholen f├╝r das Wochenende. Toll! Nie wieder mit dem Chef diskutieren m├╝ssen, weil man los muss, denn die Kita schlie├čt. Nie wieder wegen kranken Kindern morgens hektisch nach L├Âsungen suchen. Einfach ab in die Kita, Beipackzettel nicht vergessen und gel├Âst ist das Problem. Und wenn man Gl├╝ck hat, dann ist das Balg bis Freitag schon wieder gesund.

So will es die Manuela nat├╝rlich nicht. Die 100 Millionen, die sie jetzt f├╝r 24-Stunden-Kitas zur Verf├╝gung stellen m├Âchte, sollen ja nicht etwa dazu dienen, die Betreuungszeiten von Kindern auszuweiten, sondern nur dazu, dass die Betreuungszeiten ver├Ąndert werden. Also beispielsweise auf die Nacht. Tags├╝ber mit Mutti spielen und abends fein ins Kita-Bettchen. Ja, das klingt verst├Ąndnisvoll, denn schlie├člich gibt es Eltern, die arbeiten im Schichtdienst.

Wohin mit dem Kind als Nachtschwester und Alleinerziehende? Manche Eltern arbeiten gar beide Schichtdienst und geben sich zu Hause nur die Klinke in die Hand, wohin mit dem Kind? Jeden Tag neue L├Âsungen suchen: montags Oma, dienstags die Nachbarin, mittwochs leistet man sich eine Babysitterin? Ja, wir kennen alle die Problematik, nur bei der L├Âsung sind wir eint├Ânig.

Kinder m├╝ssen sich den Bed├╝rfnissen des Arbeitsmarktes anpassen

Da kommt die 24-Stunden-Kita auf den ersten Blick nahezu als Verhei├čung daher. Endlich eine L├Âsung und wunderbar, dass der Staat das zahlt. Nur die Rechnung, dass das dann keine l├Ąngeren Betreuungszeiten sind, sondern blo├č andere, geht wohl nicht ganz auf. Klingt zwar nett, wenn unsere Familienministerin das so sagt, geht aber an der Realit├Ąt vorbei. Nehmen wir nur mal beispielsweise ein 3-j├Ąhriges Kind und seinen Schlafbedarf. Der liegt bei etwa 10 Stunden am St├╝ck in der Nacht, mindestens. Die Betreuungszeit tags├╝ber liegt bei den meisten Kindern bei maximal 8 Stunden. Verlegt man das auf die Nacht, muss man das Kind entweder aus dem Tiefschlaf rei├čen und nach acht Stunden nach Hause schaffen, oder es wird automatisch l├Ąnger, selbst wenn man davon ausgeht, dass es bei Ablieferung in der Kita innerhalb von Sekunden einschl├Ąft. Was Kinder ja quasi auf Kommando tun, vor allem, wenn sie in fremden Betten liegen.

Und wie genau darf ich mir das vorstellen, wenn die Nachtschwester nach acht Stunden Schicht fertig ist, wann genau darf sie dann schlafen? Gar nicht? Realistisch betrachtet kann sie ihr Kind nach der Schicht gar nicht abholen, denn sie braucht dann selbst erst mal Ruhe.

Am schlimmsten ist aber der Grundgedanke, der hinter dem Konzept 24-Stunden-Kita liegt: Kinder m├╝ssen sich den Bed├╝rfnissen des Arbeitsmarktes anpassen. Um nichts anderes geht es wie ├╝blich, schlie├člich werden am heimischen Herd Potenziale verschwendet, die der Arbeitsmarkt dringend braucht. Auch in den Sp├Ątschichten, Fr├╝hschichten und Nachtschichten. „Inaktivit├Ątsquote“ nennen es die ├ľkonomen. Gemeint sind die Menschen, die dem Arbeitsmarkt fernbleiben, ergo inaktiv sind. Sie ziehen ja blo├č Kinder gro├č zum Beispiel, oder pflegen ihre Eltern, das ganze v├Âllig „inaktiv“. Wei├č man ja, die tun nichts, trinken Latte Macchiato den ganzen Tag und bleiben b├Âswillig dem B├╝ro fern.

Vergeudete Potenziale, auch so ein netter Begriff, um das Ganze zu beschreiben. Dieser taucht immer gerne in feministischen Debatten auf, um darauf hinzuweisen, dass doch gerade Frauen zu weit H├Âherem berufen sind, als Brei anzur├╝hren und Schn├╝rsenkel zu binden. Leider hat auch Kanzlerin Merkel diesen Begriff bereits benutzt, die einzige Mutti ohne Kinder. Will sagen: Frauen, die Kinder gro├čziehen, vergeuden ihr Lebenspotenzial. Da kommt die aktuelle Allensbach-Studie, die das Ministerium Schwesig in Auftrag gegeben hat, gerade recht mit ihren Ergebnissen.

Wundersamerweise w├╝nscht sich dort die Mehrheit der Eltern mehr Zeit f├╝r den Arbeitsplatz. Ist doch toll, wenn sich Eltern genau das w├╝nschen, was das Familienministerium gerade plant. Seltsamerweise w├╝nschen sich real die meisten Eltern tats├Ąchlich mehr Zeit f├╝r die Familie, sie m├╝ssen aber ihre Rechnungen bezahlen. Und damit kommen wir zum Wesentlichen in dieser Debatte. Was hat Vorrang: Familie oder Beruf?

Das Kindeswohl ist irrelevant

Die Antwort des Schwesigministeriums zur Steigerung des Bruttosozialproduktes hat dazu – f├╝r eine Partei wie die SPD – eine ganz erstaunliche Antwort: der Arbeitsmarkt. Mit rasanter Geschwindigkeit ist man dort offenbar bereit, die Kindheit der n├Ąchsten Generation f├╝r die Bed├╝rfnisse der Wirtschaft zu opfern. M├Âglicherweise hat Schwesig sich auch nur zu lange mit Magdalena Andersson unterhalten, Finanzministerin von Schweden, dem Land mit der ersten „feministischen“ Regierung.

Im Interview mit der „FAZ“ erl├Ąuterte diese nicht nur, dass sie sich mit Schwesig ausgetauscht habe, sondern auch, dass es zum Beispiel „effizienter“ sei, wenn sich in der Kita eine Person um mehrere Kinder k├╝mmere, statt jeder Vater oder jede Mutter allein um ihr eigenes Kind. Kinder-Herden-Haltung, dass wir da nicht schon fr├╝her drauf gekommen sind! Oder dass es „Verschwendung von Humankapital“ sei, wenn eine Frau nur Teilzeit arbeite. Und dass dem Bruttoinlandsprodukt ein „Verlust“ von 10 Prozent entstehe durch diese M├╝tter, die nicht genauso wie die V├Ąter am Arbeitsmarkt teiln├Ąhmen. Margot Honecker w├╝rde sicher applaudieren, sch├Âner h├Ątte man auch die DDR 2.0 nicht wieder aufbauen k├Ânnen.

Frau Andersson spricht wenigstens aus, was sich Schwesig offenbar nicht traut: All die sch├Ânen Konzepte zur Steigerung der Erwerbst├Ątigkeit von Frauen haben nicht etwa ein emanzipatorisches Ziel, sondern ein ├Âkonomisches. Die Ausbeutung des weiblichen Humankapitals wird einfach nur in feministische Befreiungsrhetorik verpackt. Was Kinder brauchen oder wollen, ist dabei irrelevant, um nicht zu sagen: st├Ârend.

Jetzt sind wir bereits so weit, dass Kinder nicht einmal mehr in ihrem eigenen Bett ├╝bernachten d├╝rfen, wenn der Arbeitsmarkt die Mama braucht. Mit Erwachsenen w├╝rden wir so etwas nicht einmal versuchen. Man m├Âge sich vorstellen, was in diesem Land los w├Ąre, wenn wir von Arbeitnehmern verlangen w├╝rden, auf ihr eigenes Bett zu verzichten, damit der Produktionsprozess im Betrieb ungest├Ârt weiter laufen kann. Ver.di w├Ąre auf der Stra├če und w├╝rde „Ausbeutung“ schreien. Wer schreit das bei den Kindern, denen wir ihr vertrautes Heim rauben, ihr Bett, ihr Zuhause, ihre Gutenachtgeschichte, vorgelesen von Mama oder Papa und nicht von irgendwem in Kita, wenn ├╝berhaupt? Wer kommt nachts und tr├Âstet, wenn das Monster unter dem Bett rumort, zu wem darf ein Kind unter die Decke schl├╝pfen, wenn es Heimweh nach Mama und Papa hat?

Eine Totalkapitulation vor der eigenen Ideenlosigkeit

Und dann kommen die Alternativlosen aus ihrer L├Âchern hervor und rufen, aber wie soll es denn sonst gehen, schlie├člich bleibt doch vielen Eltern gar nichts anderes ├╝brig? Wer kann denn noch von einem Gehalt leben? Richtiger Einwand, aber falsche L├Âsung. Wer 100 Millionen hat, um sie auf Kitas zu verteilen, h├Ątte auch 100 Millionen, um sie an die Familien selbst zu geben. Schlie├člich kostet gerade die Nachtbetreuung von Kindern viel staatliches Geld, genau genommen unser aller Geld. Das ist ├╝brigens auch der Punkt, an dem die schwedische Finanzministerin mit ihrer effizienten Kinder-Herden-Haltung irrt. Kita-Betreuung ist eben nicht g├╝nstiger als Familienbetreuung.

Wenn jeder Krippenplatz schon tags├╝ber pro Kind und pro Monat rund 1.200 Euro an Subvention kostet, dann ist es genau genommen die teuerste Variante, Kinder gro├č zu ziehen. Als Verwalterin des Steueraufkommens sieht sie das als Finanzministerin vermutlich aus anderer Perspektive: Eine erwerbst├Ątige Mutter zahlt Steuern, eine erziehende Mutter nicht. Eine erwerbst├Ątige Mutter schafft Arbeitspl├Ątze f├╝r Erzieherinnen oder auch Pflegekr├Ąfte, die dann Kind und Oma versorgen m├╝ssen. Diese zahlen dann auch wieder Steuern. Aus Sicht einer Finanzministerin leistet eine Mutter zu Hause sozusagen „famili├Ąre Schwarzarbeit“. Sie erlaubt sich doch tats├Ąchlich, ihre eigenen Kinder gro├čzuziehen, ohne Steuern daf├╝r zu bezahlen. Welch ein Affront. Zieht ein Fremder das gleiche Kind gro├č, wird es jedoch zu einer Dienstleistung und die Erzieherinnen bef├╝ttern nicht nur den Steuers├Ąckel, sondern auch die sozialen Sicherungssysteme.

Wo aber steht in Stein gemei├čelt, dass diese Milliardensummen, die wir inzwischen in staatliche Betreuungssysteme stecken, nicht direkt an die Familien flie├čen k├Ânnen, damit sie eigene L├Âsungen finden? Warum k├Ąmpft niemand f├╝r einen Arbeitsschutz f├╝r Eltern mit kleinen Kindern? Warum m├╝ssen Eltern mit Kleinkindern in den Schichtdienst? W├Ąre es nicht Aufgabe eines Ministeriums f├╝r Familie und Frauen und Kinder, hier L├Âsungen zu suchen, die den Bed├╝rfnissen der eigenen Sch├╝tzlinge gen├╝gen, anstatt sich an deren Ausbeutung zu beteiligen?

Stattdessen wird rein faktisch durch das Angebot der 24-Stunden-Kita der Druck auf Eltern noch zus├Ątzlich erh├Âht. Denn wer bislang bei Schichtdienst argumentieren konnte, er k├Ânne nicht wegen der Kinder, dem bleibt jetzt gar kein Gegenargument mehr zur Hand.

Und so ist der 24-Stunden-Kita-Plan unserer Familienministerin letztendlich eine Totalkapitulation vor der eigenen Ideenlosigkeit. Vielleicht ist es aber noch viel schlimmer: Wom├Âglich glaubt Manuela Schwesig tats├Ąchlich, dass sie etwas Gutes damit tut.

Birgit Kelle

Quelle: The European (8.7.2015)

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 9. Juli 2015 um 17:13 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik.