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Memorandum der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung zum Krippenausbau in Deutschland

Mittwoch 12. Dezember 2007 von Deutsche Psychoanalytische Vereinigung


Deutsche Psychoanalytische Vereinigung

Memorandum zum Krippenausbau in Deutschland

Als Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker erfahren wir in unserer tĂ€glichen Praxis die Tiefenwirkungen und Langzeitfolgen von kindlichen Entwicklungsbedingungen. In den ersten drei Lebensjahren wird die Grundlage fĂŒr die seelische Gesundheit eines Menschen gelegt. In dieser sensiblen Entwicklungszeit bedeuten regelmĂ€ĂŸige ganztĂ€gige Trennungen von den Eltern eine besondere psychische Belastung fĂŒr die Kinder. Die Diskussion ĂŒber den geplanten Ausbau der Krippenbetreuung fĂŒr Kinder unter drei Jahren erscheint uns daher zu kurz gegriffen, wenn sie sich nur auf demographische, bildungs- und arbeitsmarktpolitische Aspekte konzentriert.

Aus verschiedenen GrĂŒnden können MĂŒtter und VĂ€ter auf außerfamiliĂ€re Betreuung ihrer Kinder angewiesen sein. Um die Faktoren, die bei Krippen- oder Tagesmutterbetreuung die gesunde Entwicklung des unter dreijĂ€hrigen Kindes gefĂ€hrden, beachten und ihre Auswirkungen mildern zu können, ist ein gesellschaftliches und individuelles Bewußtsein fĂŒr die Bedeutung frĂŒher Trennungserfahrungen umso wichtiger.

Wir gehen von folgendem Wissen aus, das auf Forschungsergebnissen und psychoanalytischer Erfahrung beruht: WĂ€hrend der ersten 36 Lebensmonate ist das Kind wegen seiner körperlichen und seelischen Verletzlichkeit ganz besonders auf eine schĂŒtzende und stabile Umgebung angewiesen. Es bindet sich an die Menschen, die ihm am verlĂ€ĂŸlichsten zur VerfĂŒgung stehen. Bindung ist fĂŒr das Kind eine Überlebensnotwendigkeit. Sie bildet die Grundlage fĂŒr sein SelbstwertgefĂŒhl und seine FĂ€higkeit, tragfĂ€hige Beziehungen aufzubauen. Seine emotio­nale und kognitive Entwicklung wird in der frĂŒhen Kindheit durch die StabilitĂ€t seiner Beziehungen gefördert. EinfĂŒhlung in seine BedĂŒrfnisse, VerfĂŒgbarkeit einer verlĂ€ĂŸlichen Bezugsperson, regelmĂ€ĂŸige Alltagsstrukturen helfen dem Kind, ein „Urvertrauen“, das gerade in dieser Zeit erworben wird und eben nicht angeboren ist, zu gewinnen. Erst langsam entwickelt das Kind die FĂ€higkeit, die Abwesenheit der Eltern innerseelisch zu verkraften, indem es sich an sie erinnern und an sie denken kann.

Umgebungswechsel und Trennungen von Mutter und Vater in den ersten Lebensjahren erfordern zum Wohle aller Beteiligten langsame ÜbergĂ€nge, damit das Kind mit der neuen Umgebung und der neuen Betreuungsperson ohne Verlustangst vertraut werden und sich langsam anpassen kann. Ein auch fĂŒr das Kind fĂŒhlbar gutes VerhĂ€ltnis zwischen Eltern und Betreuerin hilft ihm, sich angstfrei der neuen Situation als Erweiterung der Familie anzuvertrauen. Plötzliche oder zu lange Trennungen von den Eltern bedeuten in der frĂŒhen Kindheit einen bedrohlichen Verlust der Lebenssicherheit, auch weil Sprach- und ZeitverstĂ€ndnis des Kindes noch nicht weit genug entwickelt sind, um Verwirrung oder Angst mit ErklĂ€rungen zu mildern. Eine Trennung von den Eltern, die nicht durch ausreichend lange Übergangs- und Eingewöhnungsphasen vorbereitet wird, kann vom Kind als innerseelische Katastrophe erlebt werden, die seine BewĂ€ltigungsmöglichkeiten ĂŒberfordert. An der kindlichen Reaktion auf die Trennung – zum Beispiel verzweifeltes Weinen, anhaltendes Schreien oder spĂ€ter auch resigniertes Verstummen, Schlaf- und ErnĂ€hrungsstörungen – kann man eine seelische Überforderung erkennen, die dann besondere Zuwendung und VerstĂ€ndnis braucht, um nicht zu einer innerseelischen Katastrophe zu werden. „Pflegeleichte“ Kinder, die gegen die Trennung nicht protestieren, brauchen besondere Aufmerksamkeit, weil ihre seelische Belastung manchmal nicht erkannt wird.

In der Regel passen sich Kinder nach einer Weile an neue Situationen an und akzeptieren das neue Beziehungsangebot. Auch wenn die Betreuerin nur eine „Übergangs-Mutter“ ist, die sich deshalb nicht stĂ€rker binden möchte, weil sie den kommenden Abschied voraussieht: das Kind bindet sich immer, weil es Bindung braucht, um seelisch zu wachsen. Jeder Krippenwechsel oder Wechsel einer Tagesmutter bedeutet fĂŒr das Kind eine erneute Erfahrung von Bindungsverlust. Es gibt keine psychische Gewöhnung an Verlust: Kommt er unvorbereitet und kann er nicht innerhalb einer vertrauten Beziehung verdaut werden, sind Verleugnung und AnĂ€sthesierung der GefĂŒhle die Folge, hĂ€ufig begleitet von der „Körpersprache“ psychosomatischer Symptome. Der meist unausweichliche Verlust der Ersatzperson ist dann besonders schwerwiegend, wenn das Kind in seiner Trauer um sie von den Eltern kaum bestĂ€tigt und gestĂŒtzt wird.

Es ist Forschungs- und Erfahrungswissen (und keine Ideologie), daß fĂŒr die Entwicklung des kindlichen SicherheitsgefĂŒhls, fĂŒr die Entfaltung seiner Persönlichkeit und fĂŒr die seelische Gesundheit eine verlĂ€ĂŸliche Beziehung zu den Eltern am förderlichsten ist. Gerade in den ersten drei Lebensjahren ist die emotionale und zeitliche VerfĂŒgbarkeit von Mutter und Vater dafĂŒr von großer Bedeutung.

Das Kind entwickelt nicht nur seine Beziehung zur Mutter, sondern in der Regel auch eine gleichermaßen enge, aber andere Bindung an seinen Vater. Es erlebt sich selbst in der Beziehung zum Vater oder zu seinen Geschwistern anders und erfĂ€hrt, daß FĂŒrsorglichkeit und Bindungsangebote unterschiedlich ausfallen können. Es erlebt die Eltern als Paar, so daß es sich als Teil eines Beziehungsdreiecks wahrnimmt und mit der QualitĂ€t der elterlichen Beziehung identifiziert. Durch ausreichend regelmĂ€ĂŸige Wiederholungen dieser Erfahrung von „verlĂ€ĂŸlicher FlexibilitĂ€t“ lernt das Kind VerĂ€nderungen zu tolerieren und auch die unvermeidlichen Ausschluß-Erfahrungen und KrĂ€nkungen im Sinne eines altersgemĂ€ĂŸen Entwicklungsanreizes zu verarbeiten – all dies stabilisiert seine psychische Weiterentwicklung, festigt die grundlegenden Erfahrungsstrukturen und fördert seine FĂ€higkeiten, neue Beziehungen einzugehen. Ein Kind mit sicheren Bindungen innerhalb seiner Familie wird den behutsamen Schritt in eine zusĂ€tzliche Betreuung außerhalb der Familie als Bereicherung seiner Erfahrungswelt erleben.

Wenn die außerfamiliĂ€re Betreuung – sei es Krippe oder Tagesmutter – vom Kind als Teil der „familiĂ€ren Einheit“ erfahren wird, kann sie seine Entwicklung bereichern und bei der Aufgabe, sich spĂ€ter von den Eltern abzulösen, eine Hilfe sein. Wenn die Familie wegen Krankheit, seelischer oder materieller Not dem Kind nicht die nötige VerlĂ€ĂŸlichkeit bietet und VernachlĂ€ssigung oder Mißhandlung drohen, wird das Kind von der Betreuung außerhalb der Familie dann profitieren, wenn es dort ausreichend Gelegenheit findet, gute und dauerhafte Beziehungen zu entwickeln. Alle Eltern, besonders aber Eltern, die sich zuhause mit ihren Kindern ĂŒberfordert und isoliert fĂŒhlen, brauchen UnterstĂŒtzung, gesellschaftliche Anerkennung und öffentliche Angebote fĂŒr das Leben mit Kindern

In vielen Studien wurde nachgewiesen, daß es entwicklungspsychologisch einen bedeutsamen Unterschied macht, ob ein Kind mit einem Jahr, mit anderthalb oder zwei Jahren in außerfamiliĂ€re Betreuung kommt und wie viele Stunden tĂ€glich sie in Anspruch genommen wird. Je lĂ€nger die tĂ€gliche Betreuung getrennt von den Eltern andauert, um so höhere Werte des Streßhormons Cortisol sind zum Beispiel im kindlichen Organismus nachweisbar. Dies erklĂ€rt den Zusammen- hang zwischen langer, also ganztĂ€giger Dauer der außerfamiliĂ€ren Betreuung und spĂ€terem aggressivem Verhalten in der Schule, der in LĂ€ngsschnittstudien gefunden wurde. Weitere entscheidende Faktoren fĂŒr die QualitĂ€t der Krippenbetreuung sind die GruppengrĂ¶ĂŸe und die Personalfluktuation. Zu große Gruppen oder hĂ€ufige Personalwechsel machen es dem Kind un- möglich, sichere Bindungen einzugehen; sie können sozialen RĂŒckzug bewirken oder im Verlauf seiner Entwicklung zu innerer Unruhe, Aufmerksamkeitsstörungen und Konzentrationsdefiziten fĂŒhren.

Allgemein gilt: Je jĂŒnger das Kind, je geringer sein Sprach-und ZeitverstĂ€ndnis, je kĂŒrzer die Eingewöhnungszeit in Begleitung der Eltern, je lĂ€nger der tĂ€gliche Aufenthalt in der Krippe, je grĂ¶ĂŸer die Krippengruppe je wechselhafter die Betreuungen, um so ernsthafter ist die mögliche GefĂ€hrdung seiner psychischen Gesundheit. Das Tagesmuttermodell, das wegen der erhofften individuelleren Betreuung oder seiner familiennĂ€heren Form oft als bessere Alternative zur Krippe angesehen wird, erscheint – im Gegenteil – besonders konfliktreich: Ein Tagesmutterwechsel in den ersten Lebensjahren findet viel öfter statt als bei der EinfĂŒhrung des Modells angenommen. HĂ€ufig auftretende Spannungen zwischen Mutter und Tagesmutter zeigen die große StöranfĂ€lligkeit dieser Betreuungsform. Die Vorbereitung auf die psychologisch und pĂ€dagogisch schwierige Aufgabe einer Ersatzbetreuung ist bisher meist unzureichend. „Tagesmutter“ wird, wie auch „Erzieherin“ und „FrĂŒhpĂ€dagogin“, ein Berufsbild der Zukunft sein, und seine notwendige Professionalisierung mit guter Ausbildung und berufsbegleitender Supervision sollte widerspiegeln, daß die Kleinsten den grĂ¶ĂŸten Einsatz brauchen.

Analog zur „Schulreife“ sollte die „Krippenreife“ fĂŒr jedes Kind individuell beurteilt werden, um Traumatisierungen zu verhindern. Auch fĂŒr Eltern ist es oft schmerzhaft und konfliktreich, sich in den frĂŒhen Entwicklungsjahren von ihrem Kind trennen zu mĂŒssen, und sie machen sich viele Gedanken, wenn sie es in „fremde HĂ€nde“ geben. Sie kennen ihr Kind am besten und erfassen wegen ihrer einzigartigen seelischen Verbindung zu ihm seine „Krippenreife“ intuitiv. Politische Forderungen nach möglichst frĂŒher RĂŒckkehr der MĂŒtter an den Arbeitsplatz verunsichern intuitives Wissen und schĂŒren eine unnötige ideologische Konkurrenz um ein „richtiges“ Frauenbild. Statt dessen brauchen wir staatlich geförderte entwicklungspsychologische Forschungen und Langzeitstudien, die den geplanten Ausbau der TagespflegeplĂ€tze und die EinfĂŒhrung des Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz fĂŒr die unter DreijĂ€hrigen aufmerksam begleiten, um Fehlentwicklungen vorzubeugen und Neuorientierungen zu evaluieren.

Die Gestaltung von Bindungen und die BewĂ€ltigung von Trennungen sind lebenslang die schwierigsten seelischen Aufgaben des Menschen. Sie erfordern gerade am Lebensbeginn von allen verantwortlich Beteiligten hohe SensibilitĂ€t und ein Wissen um die Verletzlichkeit der frĂŒhen Entwicklung.

Berlin, 12. Dezember 2007
Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV).
Kommission Öffentlichkeit und interdisziplinĂ€rer Dialog (Leitung: Dr. phil. Franziska Henningsen, Dipl.-Psych.)
GeschÀftsstelle der DPV: Körnerstr, 11, 10785 Berlin,
E-mail: geschaeftsstelle@dpv-psa.de

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 12. Dezember 2007 um 13:16 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gesellschaft / Politik.