Gemeindenetzwerk

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Das Schweigen des Lammes

Freitag 31. Mai 2013 von Martin Goldsmith


Martin Goldsmith

Wir alle sind zu einem gewissen Grad das Produkt unseres famili├Ąren Hintergrundes. Meine Gro├čeltern, wie viele deutsche Juden ihrer Generation, waren ├╝berzeugte Atheisten. Doch die Eltern meines Vaters, die als Einwanderer nach England kamen, meinten, dass ihre Kinder sich dem britischen Lebensstil anpassen sollten. Aus diesem Grunde lie├čen sie alle ihre Kinder taufen. Meine Mutter lie├č sich sp├Ąter als Jugendliche ebenfalls in der ├Ârtlichen Kirchengemeinde taufen, weil sie dem als eng empfundenen Leben der j├╝dischen Gemeinde in Manchester entfliehen wollte. In beiden F├Ąllen wurde die Taufe nicht als ein religi├Âser Akt verstanden, sondern als ein kulturelles Zeichen, das dabei behilflich war, sich mit der britischen Gesellschaft zu identifizieren.

So wuchs ich ohne religi├Âse Unterweisung oder Praxis auf, und wenn wir ├╝berhaupt irgend etwas waren, dann waren wir „Christen“. Dementsprechend wurde ich auch als S├Ąugling getauft. Durch Gottes Gnade bekam ich von meiner Patentante bei meiner Taufe eine Bibel geschenkt, die ich im Alter von ungef├Ąhr zehn oder elf Jahren in meinem B├╝cherregal entdeckte. Da mein Name im Einband stand, dachte ich mit kindlichem Stolz, dass es ein gutes Buch sein m├╝sse, und begann darin zu lesen. Ich begann mit der Genesis und arbeitete mich best├Ąndig durch das Alte Testament ins Neue. Die aufregenden Geschichten und der j├╝dische Charakter dieses Buches faszinierten mich. Meine Mutter hatte uns nichts ├╝ber unser j├╝disches Erbe oder unsere Geschichte beigebracht, so dass die Bibel mir die Augen f├╝r eine neue Welt ├Âffnete.

Zu dieser Zeit wurde mir mein j├╝discher Hintergrund durch die schockierenden Enth├╝llungen in den Nachrichten ├╝ber die Vorg├Ąnge in Deutschland w├Ąhrend des Krieges n├Ąher gebracht. Ich wusste, dass ein entfernter Verwandter von uns davon betroffen war. In der Tat war die erste Person, die mir die Sehensw├╝rdigkeiten Londons zeigte, ein in der Seele gebrochener entfernter Cousin von mir, der mit einem starken ausl├Ąndischen Akzent sprach. Im Alter von dreizehn Jahren kam ich auf das Internat Charterhouse und wurde dort zur Zielscheibe massiver anti-semitischer Angriffe. F├╝r den Zeitraum von zwei Jahren wurde ich auf ├╝ble Weise schikaniert und f├╝hlte mich sehr elend. W├Ąhrend dieser Zeit las ich die Bibel ungef├Ąhr einmal im Jahr wie einen Roman von vorne bis hinten durch. Ich war fasziniert von diesem Buch!

Ein hoffnungsloser Fall

Mit f├╝nfzehn Jahre stellte ich fest, dass Gott durch die Jahrhunderte eine ganze Reihe von Wundern f├╝r sein Volk getan hatte. Konnte er das heute auch noch? W├╝rde er das auch f├╝r mich tun? Und existierte er tats├Ąchlich? Es war einen Versuch wert. Aus diesen Gedanken heraus entsprang mein, wie ich meine, erstes Gebet ├╝berhaupt: ÔÇ×Lieber Gott, schenke mir 24 Stunden, in denen mir niemand etwas sagt oder tut.ÔÇť Ich meinte damit, dass mir niemand etwas B├Âses sagen oder tun solle. Doch Gott in seiner wunderbaren Gnade nahm mein Gebet w├Ârtlich. Niemand sagte oder tat mir irgendetwas den ganzen n├Ąchsten Tag ├╝ber. Kein Lehrer nahm Notiz von mir, gab mir eine Hausaufgabe oder rief mich in der Klasse auf. Wir Sch├╝ler a├čen gemeinsam, aber niemand bat mich, ihm das Salz zu reichen oder den Tisch abzudecken. Als wir am Nachmittag Fu├čball spielten, rief mir niemand zu, ihm den Ball zuzuspielen.

Am Abend jenes Tages ging ich hinaus zur Schulkapelle, einem langgestreckten Geb├Ąude mit einer hohen Decke. Ich stand im Dunklen an einen Ende des Schiffes und ├╝bereignete Gott mit lauter Stimme mein Leben. Ich meine, dass dies der Moment meiner geistlichen Neugeburt war. Von da an lebte ich sehr fromm und wollte Gott mit meinem Leben gefallen. Ich nahm meist an den t├Ąglichen Schulandachten teil und wurde konfirmiert. Doch ich versuchte Gott vor allem aus eigener Kraft zu gefallen und ihm zu folgen. Es war wohl weniger sein Werk. Diese Phase dauerte f├╝r die restliche Schulzeit und die Zeit des Wehrdienstes an, in der ich in der Marine zum Russisch-Dolmetscher ausgebildet wurde. Mit zwanzig Jahren kam ich zur Universit├Ąt von Oxford. Dort wurde ich von einem jungen Christen angesprochen, der mich f├╝r Christus gewinnen wollte. Er lud mich auf sein Zimmer ein und fragte mich, ob ich gerne einen „Drink“ wolle und machte mir, als ich bejaht hatte, eine Ovomaltine. Da ich gerade von der Marine kam, hatte ich unter einem „Drink“ doch etwas St├Ąrkeres verstanden.

Nach dieser Begegnung erkl├Ąrte mein Freund bei einem Gebetstreffen der „Christian Union“ (Studentenmission), dass er versucht habe, mir das Evangelium zu erkl├Ąren, ich aber wohl ein hoffnungsloser Fall sein. Das h├Ârte ein anderer Student, der davon ├╝berzeugt war, dass es f├╝r Gott keine hoffnungslosen F├Ąlle gibt. Er kam mit meiner Art besser klar und erkl├Ąrte mir in einfachen Worten das Konzept der Gnade. Nicht, was ich f├╝r Gott t├Ąte, sondern was Gott im Tod und in der Auferstehung Jesu f├╝r mich getan hat, sei entscheidend. Diese Offenbarung ver├Ąnderte mein Leben grundlegend und begeisterte mich f├╝r Jesus Christus.

Ein Jude unter Muslimen

Als ich der „Christian Union“ (CU) beitrat, waren nur vier oder f├╝nf von den 250 Studenten unseres Colleges Mitglieder der CU. Aber Gott wirkte ganz wunderbar in diesem Jahr, so dass viele zum Glauben an Jesus fanden. Am Ende des Jahres hatten wir eine dynamische „Christian Union“ – Arbeit mit rund 60 Mitgliedern. Die Umst├Ąnde brachten es mit sich, dass ich lernte, wie man Menschen zu Christus f├╝hrt, wie man J├╝nger macht, Bibelstunden und Gebetstreffen leitet. Diese Erfahrung, dass viele Menschen zum Herrn fanden, war eine ausgezeichnete Vorbereitung f├╝r meinen sp├Ąteren Missionsdienst mit OMF (Overseas Mission Fellowship / ├ťberseeische Missionsgemeinschaft) in Indonesien, wo wir mit einer ortsans├Ąssigen Reformierten Kirche zusammenarbeiten und uns inmitten einer Massenbewegung zu Gott wiederfanden.

Als wir 1961 nach Indonesien gingen, waren im Volk der Karo Batak, unter dem wir arbeiteten, gerade einmal 20.000 Christen. Heute, ├╝ber 40 Jahre sp├Ąter, sind es rund 350.000 Christen. Es war ganz wunderbar mitzuerleben, wie Gott zu Tausenden Menschenleben ver├Ąnderte, wie Gemeinden gegr├╝ndet wurden und viele zum Herrn fanden. Der asiatische Charakter der Karo Batak-Kirche regte mich an, dar├╝ber nachzudenken, was es bedeutet Jude und Christ zu sein. Wie sieht ein j├╝disches Verst├Ąndnis der Bibel aus? Wie formulieren wir Juden Theologie? Wie sieht j├╝dische Anbetung aus, wie kommunizieren wir und was f├╝r einen F├╝hrungsstil haben wir?

Die Karo Batak hatten meist einen animistischen Hintergrund, doch gab es auch einige Muslime. Mein Herz hatte sich ihnen bereits durch fr├╝here Begegnungen in Malaysia, in der wohlhabenden Stadt Singapur und in den l├Ąndlichen Regionen im S├╝den Thailands zugewandt. Als Jude entdeckte ich schnell, dass islamischer Glaube und Glaubenspraxis stark durch die arabischen Wurzeln gespeist war. Juden und Araber sind beide semitische V├Âlker, so dass wir viele Gemeinsamkeiten haben. Ich stellte fest, dass mein j├╝discher Hintergrund mir half, mich in meine muslimischen Freunde hineinzuversetzen und ihnen so das Evangelium effektiver zu vermitteln.

All Nations Christan College

Nach zehn Jahren mit OMF in Asien wurden meine Frau und ich angefragt, am All Nations Christian College (ANCC), Studenten auf den Missionsdienst in anderen Kulturen vorzubereiten. 24 Jahre geh├Ârten wir zu den vollzeitlichen Mitarbeitern des ANCC und halfen mit, rund 2.000 Absolventen auf den Missionsdienst unter Juden und Heiden in allen Nationen vorzubereiten. Es hat uns immer wieder fasziniert, so viele Absolventen zu erleben, die einen solch fruchtbaren Dienst an so vielen Orten und in ganz unterschiedlichen Organisationen tun, darunter „Christian Witness to Israel“ (CWI) und andere j├╝dische Missionen.

Im Jahr 1994 wurden wir vom hauptamtlichen Dienst am ANCC freigestellt, um Dienste in Kirchengemeinden, Studentenmissionsgruppen, Bibelschulen und Konferenzen in Gro├čbritannien und weltweit wahrnehmen zu k├Ânnen. Es ist ein echtes Privileg, aus erster Hand zu erfahren, was Gott in so vielen L├Ąndern der Erde und auf allen Kontinenten tut. Auch sind wir sehr dankbar, als assoziierte Lehrkraft am ANCC weiterhin einige Unterrichtsstunden geben zu d├╝rfen. Da wir in der N├Ąhe des Campus leben, haben wir die M├Âglichkeit, Studenten auf einen Kaffee und f├╝r ein Gespr├Ąch einzuladen, was wir sehr genie├čen. Wenn wir zu Hause sind, freuen wir uns an dem Vorrecht, unsere drei wunderbaren Kinder und sieben Enkelkinder zu sehen. Was ist es doch in diesen Tagen f├╝r ein Privileg, von einer liebenden Familie umgeben zu sein. In diesem Umfeld schreiben mein Frau und ich unsere B├╝cher und wir beten, dass Gott uns und unsere B├╝cher zu seiner Ehre gebrauchen wird.

Martin Goldsmith

Quelle: Christian Witness to Israel (CWI)

Ver├Âffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors und CWI.

├ťbersetzt von Prediger Johann Hesse.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 31. Mai 2013 um 14:31 und abgelegt unter Christentum weltweit.