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1813 – 2013. Ein RĂĽckblick

Sonntag 6. Januar 2013 von Pfr. Frank-Georg Gozdek


Pfr. Frank-Georg Gozdek

Das Jahr 1813 gehört zu den Höhepunkten unserer deutschen Geschichte und ist durch die beginnende Erweckung auch für die lutherische Kirche bedeutsam. Wir hören von Menschen, die noch nach zweihundert Jahren Vorbilder sein können, wenn man sie nur läßt, und sie und ihre Leistung für unser Volk und seine Freiheit nicht sofort unter den leider allzu häufigen Komplexen einer von vornherein antideutschen Geschichtsbetrachtung begräbt. Denn diese Menschen (auch in ihrer Zeitbedingtheit), lehren uns, was man heute gemeinhin als „Zivilcourage“ einfordert, auch wenn dieses Wort von manchen linksextremen Kreisen als Ausdruck für ein besonders angepaßtes und konformistisches Verhalten mißbraucht wird.

Mutig, oft einsam und verlassen, standen einige wenige gegen einen Eroberer, der mit seinem Gesetzbuch, dem „Code Napoléon“, sicherlich manche Verkrustungen aufgebrochen, überlebte mittelalterliche Strukturen und untragbare Zustände beseitigt hatte, aber eine maßlose Eroberungspolitik betrieb. In brutaler Weise preßte er immer neue Rekruten aus den von ihm besiegten Ländern und drangsalierte die Bevölkerung mit mehr und mehr Steuern, so daß der Zorn immer größer wurde – auch hier in Braunschweig, das zum Königreich Westfalen gehörte und von Napoleons Bruder, dem als „König Lustic“ bekannten Gérome, von Kassel aus fröhlich ausgeplündert wurde. „Ab nach Kassel,“ heißt es im Braunschweiger Volksmund noch heute.

Doch dann – vor nunmehr zweihundert Jahren, begann unter der Führung Preußens und der mit ihm alliierten Mächte, England, Rußland und Habsburg, die deutsche Erhebung gegen Napoleon. Ihr vorausgegangen war im Jahre 1812 der Rußlandfeldzug des französischen Kaisers, der in fürchterlicher Weise scheiterte und zahllosen Menschen aus vielen Nationen das Leben gekostet hatte – neben Russen und Franzosen auch jungen deutschen Männern, die in die Grande Armée des Imperators gepreßt worden waren. In riesigen Massen strömten die kaiserlichen Soldaten nun in Richtung Westen. Zerlumpt, ausgehungert und marodierend boten sie ein erschreckendes Beispiel für die zusammenbrechende Macht eines Gewaltherrschers, der lange als unbesiegbar gegolten hatte: „Mit Mann und Roß und Wagen hat sie der Herr geschlagen,“ hieß es in einem populären Lied dieser Zeit.

Tatsächlich nutzte einer die Gunst der Stunde – der preußische General York von Wartenburg. Angesichts des napoleonischen Zusammenbruches am 30. Dezember 1812 schloß er ohne Wissen seines Königs mit der Armee des Zaren in Ostpreußen die „Konvention von Tauroggen“ und erklärte sich für neutral – wohlgemerkt, eine Verletzung aller Vereinbarungen, mit denen Napoleon das Königreich Preußen nach der Katastrophe von Jena und Auerstädt im Jahre 1806 in sein Bündnissystem gezwungen hatte.

Mochte nun auch König Friedrich-Wilhelm III. das eigenmächtige Verhalten seines Generals noch so sehr verurteilen – selbst er, der unendlich gutmütige, wohl einzige echte Pazifist dieser bewegten Tage, mußte sich der Stimmung der Zeit beugen und mit seiner berühmten Proklamation „An mein Volk“ und der Stiftung des Eisernen Kreuzes aktiv in den Kampf gegen Napoleon eintreten. Die Zeit der Befreiungskriege war unwiderruflich angebrochen. Sie fand ihren Höhepunkt in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813, die nach allen erhaltenen Schilderungen fürchterlich gewesen sein muß, und endete 1815 nach einem Zwischenspiel von einhundert Tagen mit der endgültigen Niederwerfung Napoleons bei Waterloo.

In diesen bewegten Jahre finden wir eine Fülle großer Namen und Gestalten. Durch sie gehört die Zeit um 1813 – trotz der Grausamkeit und der Schrecken des Krieges, die auch damals schon unbeschreiblich waren –, zu den faszinierenden Epochen unserer deutschen und der gesamten Menschheitsgeschichte. Wir finden Beispiele von Tugenden und Haltungen, ohne die kein Gemeinwesen und keine Gesellschaft auf Dauer bestehen können: Verantwortungsbewußtsein, Tapferkeit, Opferbereitschaft, Hingabe und Treue. Vor allem aber jenes „In Tyrannos“, diesen „Mannesmut vor Fürstenthronen“, den ein paar Jahre zuvor Schiller und der deutsche Idealismus eingefordert hatten. Wir begegnen bedeutenden Persönlichkeiten unserer Geschichte, die das lebten und verwirklichten, was wiederum ein Schiller in seinem Wilhelm Tell den Deutschen zugerufen hatte: „Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an“, das, was später Hoffmann von Fallersleben in der Verbannung mit dem Blick auf Helgoland besang und was zum Lied der Deutschen wurde: „Einigkeit und Recht und Freiheit“.

Männer und Frauen, Fürsten, Bürger und Bauern, Reiche und Arme, Protestanten, Katholiken, Juden: Menschen aus ganz Deutschland und Europa, darunter eine Königin wie die bereits vor 1813 viel zu jung verstorbene preußische Königin Luise, oder einfache Bürgermädchen wie Eleonore Prochaska, die die Uniform der Lützower Jäger anzog, rangen jeder und jede auf ihre Weise um die Befreiung von einem Tyrannen, der die Völker Europas seinem Joch unterworfen hatte und keinen Widerstand duldete.

So hören wir längst schon vor 1813 von tapferen Männern wie dem Nürnberger Buchhändler Palm, der gegen alles Recht für das Buch „Deutschland in seiner Erniedrigung“ von Napoleons Schergen erschossen worden war. Wir denken an Andreas Hofer, den Sandwirt aus Tirol, an Major Schill, seinen Tod in Stralsund und seine Offiziere, die zum Teil hier in den Kellern des Alten Zeughofs neben der Brüdernkirche eingekerkert waren. Und als Braunschweiger erinnern wir uns natürlich an den „Schwarzen Herzog“, Friedrich-Wilhelm von Braunschweig-Oels, der als einziger deutscher Fürst gegenüber Napoleon nicht auf seine Ansprüche verzichtete, am 1. August 1809 bei Ölper gegen die westfälische Armee focht, mit seiner schwarzen Schar einen grandiosen Marsch durch Deutschland auf sich nahm, dann nach England überging, in Spanien den Kampf gegen Napoleon fortsetzte und 1815 vor Quatrebras bei Waterloo fiel.

Weiter begegnen uns in Stein und Hardenberg die preußischen Sozialreformer, die durch die Bauernbefreiung und ein umfängliches Reformprogramm den alt und marode gewordenen Staat Friedrichs des Großen modernisierten. In Ernst Moritz Arndt erleben wir den frommen und wortgewaltigen Publizisten, der sowohl den „Geist der Zeit“ beschwor und den „Gott, der Eisen wachsen ließ“, aber zugleich auch der Kirche wunderbare Lieder schenkte: „Kommt her, ihr seid geladen, der Heiland rufet euch.“ Oder: „Ich weiß, an wen ich glaube.“ Wir finden in Heinrich von Kleist mit seiner „Hermannsschlacht“ den tragischen Dichter, in Theodor Körner den jung gefallenen Freischärler und Poeten, der „Lützows wilde, verwegene Jagd“ besang, in Max von Schenkendorf den Sänger der „Freiheit, die ich meine, die mein Herz erfüllt“. Mit Schleiermacher begegnen wir dem Theologen, der mit seinen „Reden über die Religion“ Geistesgeschichte schrieb und – ohne es zu ahnen – den Weg aus der flachen Theologie der Aufklärungszeit zur lebendigen Erweckungsbewegung wies. In Johann Gottlieb Fichte und seinen „Reden an die deutsche Nation“ erleben wir den streitbaren Philosophen, in Wilhelm von Humboldt den Schöpfer eines humanistischen Bildungssystems, mit dem er der deutschen Universität Weltgeltung verschaffte. Wir hören von Generälen wie Gneisenau, Clausewitz, Scharnhorst oder Blücher, der als „Marschall Vorwärts“ in die Geschichte einging – ihrerseits Reformer, die die Armee erneuerten, die Wehrpflicht einführten, Landsturm und Landwehr begründeten und jedem Soldaten den „Marschallstab in den Tornister“ packten.

Diese Menschen – alles andere als verstaubt. Im Gegenteil: Gestalten der damaligen geistigen Elite Deutschlands und Europas, für die Verhältnisse ihrer Zeit modern, fortschrittlich und aufgeschlossen: Ergriffene des Weltgeistes, von dem Hegel, der große Philosoph dieser Zeit, als dem Zentrum der Geschichte sprach. Nur der größte Dichter und Denker dieser Zeit hielt sich leider fern: So hellsichtig Goethe das totalitäre Wesen der Französischen Revolution hinter ihren humanitären Phrasen durchschaut hatte, so kurzsichtig verehrte er Napoleon auch noch, nachdem dessen wahrer Charakter längst offenbar geworden war.

An all diese Menschen in Krieg und Frieden, an groĂźe Reformer, an Befreier, aber auch Tyrannen, an Helden und Feiglinge, erinnern wir uns, wenn wir an das Jahr 1813 denken. Wir nehmen Teil an ihren Hoffnungen, ihren Siegen, aber auch ihren Niederlagen und Enttäuschungen, die vor allem nach dem Wiener KongreĂź 1815 eintraten, als Metternich die Errungenschaften des Jahres 1813 annullierte und Deutschland wie Europa eine reaktionäre „Heilige Allianz“ und mit ihr Biedermeier und Romantik bescherte, zu denen freilich auch eine Erweckung gehört, die in ihren besten Vertretern zu einer Erneuerung der lutherischen Kirche fĂĽhrte – ich nenne hier nur einige Väter im Glauben: Johann Gottlieb Scheibel in Breslau, Claus Harms in Kiel, Wilhelm Löhe in Neuendettelsau, Ludwig und Theodor Harms in Hermannsburg, August Vilmar in Hessen, Adolf Petri in Hannover, Theodor Kliefoth in Mecklenburg und manch andere mehr. Sie alle wären nicht denkbar ohne die Zeit der Befreiungskriege, in der nach dem geistlosen, flachen Rationalismus – in den die Aufklärung des 18. Jahrhunderts nach einem groĂźartigen Beginn gemĂĽndet war –, sich in weiten Teilen Deutschlands ein geistlicher Neubeginn ereignete.

Aber zu diesem RĂĽckblick auf das Jahr 1813 gehört schlieĂźlich auch die Erinnerung an die Opfer – die Soldaten und Zivilisten so vieler Völker, die den Preis fĂĽr die Eroberungssucht eines skrupellosen und machtbesessenen Tyrannen zu zahlen hatten. Ihnen allen, einst Feinde durch die Macht der Verhältnisse, möge unser Gedenken gelten, wenn wir uns an die Geschehnisse vor nunmehr zweihundert Jahren erinnern. Und bitten wir Gott, daĂź Er Seiner geplagten Menschheit den Frieden schenke und erhalte, und daĂź Er unsere Soldaten, die heute ĂĽberall in der Welt Dienst tun und von denen, soweit mir bekannt, mindestens fĂĽnfundfĂĽnfzig bereits gefallen sind, wohlbewahrt nach Hause zurĂĽckfĂĽhre und sie vor weiteren sinnlosen Auslandseinsätzen, wie jetzt in der TĂĽrkei, bewahre.

Der Erinnerung an die Schillschen Husaren, den hingerichteten und überlebenden, die 1809 während der Westfalenzeit im Brüdernkloster eingekerkert waren.

Pfr. Frank-Georg Gozdek, St. Ulrici-BrĂĽdern, Braunschweig

Quelle: BrĂĽdern. Rundbrief fĂĽr Christen Augsburgischen Bekenntnisses. 63. Jahrgang Nr. 1 und 2, Dez.-Febr. 2012/13

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Sonntag 6. Januar 2013 um 9:52 und abgelegt unter Allgemein, Gesellschaft / Politik.