Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Rückblick – Ausblick – Aufblick

Mittwoch 7. November 2012 von Dr. Joachim Cochlovius


Dr. Joachim Cochlovius

Ansprache zum 20-jährigen Jubiläum des Gemeindehilfsbundes

Rückblick

Wir wollen dankbar sein für die Wurzeln, die uns tragen. Das gilt allgemein für uns Christen, aber insbesondere auch für den Gemeindehilfsbund. Mut lernt man durch mutige Vorbilder, Leidensfähigkeit durch Menschen, die es uns vorgelebt haben. Wie wichtig sind Glaubensväter und –mütter. Hoffentlich haben wir welche! Es ist ein Geschenk, daß wir Schwester Gertrud aus Hamburg mit ihren fast 93 Jahren unter uns haben, die in ihrem Einsatz für das Evangelium uns allen ein Vorbild ist. Auch der Gründer des Gemeindehilfsbundes Pastor Heinrich Kemner kann uns in vielerlei Hinsicht ein Vorbild sein. Auch er hatte übrigens seine Vorbilder. Oft hat er z.B. von Paul le Seur erzählt, dem ehemaligen Berliner Stadtmissionar, wie der ihn ermutigte, eine „Ordensburg“ zu bauen. Daß wir hier heute in der Krelinger Glaubenshalle unser Jubiläum feiern können, haben wir auch Paul le Seur zu verdanken. So gehen die Segensströme im Reich Gottes oft weit zurück.

In ganz besonderer Weise möchte ich an das Weihe- und Segensgebet erinnern, das Pastor Kemner beim Gründungstag am Reformationsfest 1992 gesprochen hat. In den Segensworten der Glaubensvorbilder liegt eine einmalige Kraft. Wenn mich jemand fragt, welches die Ursache dafür ist, daß der Gemeindehilfsbund über zwanzig Jahre arbeiten und wachsen konnte, dann weise ich ihn zunächst einmal auf dieses Segensgebet hin. „Mach ihn fruchtbar für unsere Kirche, unser Volk!“ Das waren Kemners Worte. Und wir fragen uns heute: hat die Arbeit in den zwanzig Jahren geistliche Frucht gebracht? Wurden Menschen im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe gestärkt? Ja, der Herr hat uns viele Türen geöffnet, die Kongreßarbeit, die Sendeplätze bei Radio Neue Hoffnung, bei Bibel TV, unsere neue Zeitschrift „Aufbruch“, die neue Geschäftsstelle, die Eheseminare. Erst vor ein paar Tagen kam eine dringende Anfrage, ob wir ein Eheseminar übernehmen könnten, zu dem schon 35 Ehepaare angemeldet sind und wo die Referenten absagen mußten. All das ist ermutigend, aber noch nicht automatisch Frucht. Die kann allein der Herr schenken, und darum sollten wir ihn bitten.

Nicht minder dankbar sollten wir aber auch sein für die Anfechtungen, die Gott uns in diesen Jahren in den Weg gelegt hat. Ich habe erst jetzt, als ich mich für die letzte GHB-Bibelrüste über den Jakobusbrief vorbereitete, das Gewicht von Jakobus 1,2 verstanden. „Erachtet es für lauter Freude, liebe Brüder und Schwestern, wenn ihr durch Anfechtungen hindurch müßt!“ Warum? Weil der Glaube dadurch erstarkt, erprobt und bewährt wird. Wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir es erwartet haben, wenn sich Hindernisse auftürmen, wenn Mißverständnisse und Mißdeutungen kommen, dann sind wir in Anfechtungen. Pastor Kemner sprach oft vom Segen der verlorenen Siege der Gemeinde Jesu. Ich habe das zunächst nicht verstanden, aber allmählich komme ich dahinter. Wir sollen daran geistlich reifen, Gott hat damit gute Pläne. Im Gemeindehilfsbund haben wir in dieser Hinsicht viel erlebt.

Nach Kemners Heimgang am 19. Juni 1993 ging es erst einmal nicht vorwärts, sondern zurück. Die ursprüngliche Vision einer bundesweiten Bekenntnisgemeinschaft zerbrach. Jemand sagte „Auflösen wäre das Beste“. Das war keine leichte Zeit. Da gab mir ein Freund ein Wort aus 1 Mose 41,52 mit auf den Weg. „Gott hat mich wachsen lassen im Land meines Elends“. Es stammt von Joseph. Der Freund hat damals ohne es zu wissen prophetisch gesprochen. Die Loslösung vom Krelinger Werk war notvoll. Aber wir mußten durch diese Anfechtung wohl durch. Das Kind Gemeindehilfsbund sollte lernen, auf eigenen Beinen zu stehen.

Eine andere Anfechtung, die uns dauernd begleitet, ist die Uneinigkeit der bekenntnis- und bibelorientierten Christen in unserem Land. Sie machte uns gerade in der Anfangszeit viel zu schaffen. Hoffentlich kommt bald die Zeit, wo mit Gottes Hilfe diese Uneinigkeit überwunden wird und die gläubige Gemeinde in den Landeskirchen zusammenrückt, um in den Herausforderungen bestehen zu können.

Dann die Anfechtung durch die innerkirchlichen Entwicklungen, unter denen so viele Christen leiden. Was haben wir nicht alles unternommen in den zwanzig Jahren! 1993 fing es an, als die EKD ein Frauenstudien- und Bildungszentrum mit einer bekennenden lesbischen Leiterin besetzte. 1996 haben wir eine Faltblattaktion zur sog. Orientierungshilfe der EKD „Mit Spannungen leben“ gestartet, wo das gleichgeschlechtliche Zusammenleben unter bestimmten Voraussetzungen kirchlich legitimiert wurde. Dann 2001 der Aufruf an die Kirchengemeinden, gleichgeschlechtlich orientierten Menschen seelsorgerlich zu helfen. 2009 die große Unterschriftenaktion gegen die Beratungsscheinpraxis in den evangelischen Schwangerschaftskonflikt-Beratungsstellen mit 20000 Unterschriften. Dann der Glaubens- und Besinnungstag im vergangenen Jahr zum neuen Pfarrdienstgesetzt der EKD. Es war und ist immer wieder eine Anfechtung, wenn dann freundliche aber in der Sache völlig ablehnende Antwortbriefe von den Leitungsgremien der EKD kommen. Ohne den Blick auf Jakobus 1,2 ist so etwas gar nicht auszuhalten!

Ausblick

Liebe Brüder und Schwestern, wir wollen nüchtern sein im Blick auf die kommenden gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Entwicklungen.

Es ist schon längst keine Geheimnis mehr, daß sich unser Volk selber abschafft. Bis 2050-60 werden wir 25 Prozent weniger Einwohner haben. Die Sozial- und Rentensysteme werden alle wegbrechen. Es ist erschütternd, daß auf dem Demographiegipfel, der kürzlich in Berlin stattfand, die eigentlichen Ursache dieser demographischen Katastrophe überhaupt nicht in den Blick genommen wurden. Uns fehlen, rund gesagt, 400000 Kinder jedes Jahr. Etwa 200000 gehen auf das Konto der Abtreibung, genau so viele auf das Konto der Antibabypille. Ich frage mich, warum man nicht darüber spricht? Und ebenso nicht über die große Ideologie unserer Zeit, die Selbstbestimmung? „Ich bestimme über meine Sexualität, über meine Organe, über das Kind in meinem Bauch, über meinen Tod“. Man kann gespannt sein, welche Lebensbereiche noch unter diese Ideologie gespannt werden. Ehe und Familie geraten jedenfalls weiter unter Druck. Wir müssen uns als Christen darauf einstellen.

Was die Europa-Politik betrifft, erscheint es immer fraglicher, ob aus dem künftigen Europa ein Kontinent wird, in dem die  gemeinschaftsstiftenden Werte des Christentums noch gestalterische Chancen haben, vor allem die Nächstenliebe und die Achtung der Gebote Gottes. Die Zusammensetzung des europäischen Parlaments spricht eine andere Sprache. Es war eine schlimme Fehlentscheidung, das künftige Europa ohne einen Gottesbezug in den Präambeln der Einigungsdokumente bauen zu wollen. Die derzeitige Eurokrise ist eine ernste Warnung, auf diesem Weg umzukehren.

Wenn die innerkirchlichen Entwicklungen so weitergehen wie bisher, dann werden die kirchlichen Entscheidungs-Gremien wie bisher ungerührt von den Gewissens- und Bekenntnisbedenken vieler gläubiger Christen walten und schalten und weiterhin unter Berufung auf parlamentarisch-synodale Mehrheiten biblische Maßstäbe außer Kraft setzen. Wenn jemand, der kirchliches Gehalt erhält, solchen Gremien die geistliche Kompetenz abspricht, wird er mit Gegenmaßnahmen rechnen müssen, wie wir es jetzt in Sachsen erlebt haben. Das sind ganz ungute Entwicklungen, die einer „Kirche des Wortes“ grundsätzlich widersprechen. Wie sollen sich da engagierte Christen verhalten? Ein Journalist hat dieser Tage gesagt, daß die EKD-Mitgliedskirchen endlich in eine Wettbewerbssituation hineingezwungen werden müssen. Ich füge hinzu, wenn die Kirchen sich weiterhin so verhalten, daß sie legitime geistliche Kritik mit dem Disziplinarrecht beantworten, wird die Entwicklung unweigerlich dahin laufen, daß sich bekenntnisorientierte Christen zu einer Bekenntnisversammlung zusammenfinden, die ein Bekenntniswort formulieren und eine Bekenntnissynode einberufen wird. Das sagen nicht nur wir im Gemeindehilfsbund, sondern auch Christen wie Hermann Traub, Theo Lehmann, Uwe Holmer und Dieter Müller.

Wir wollen aber auch zweitens bereit sein, anderen in ihrer inneren Notlage und Anfechtung zu helfen. Es gibt viel Resignation unter Christen angesichts der eben angedeuteten allgemeinen Entwicklungen, viel innere Emigration. Viele sind Fremde geworden in ihrer eigenen Kirche. Wie kommen wir da durch ohne Brüder und Schwestern, die uns zur Seite stehen? Unsere Frage sollte dabei nicht sein „Wer hilft mir?“, sondern „Wem helfe ich?“ Ich erinnere an den Ruf Pastor Kemners, den wir auf unserem Infoblatt abgedruckt haben: „Die Zeit ist da. Wir sollten uns jetzt sammeln zur Schar der Gläubigen, die endlich aus der Zersplitterung herauskommen und in den Auftrag hineinfinden, den anderen zu helfen“. Wir müssen nicht besorgt sein um uns selber, wie wir durchkommen in den Anfechtungen der Zeit. Da wird der Herr sorgen. Nein, wir sollten um andere besorgt sein. In der Ahldener Bruderschaft, die Pastor Kemner und andere 1952 gegründet hatten, lernte ich vor 40 Jahren einen Unternehmer aus Detmold kennen, er lebt jetzt nicht mehr. Er erzählte einmal nebenbei, daß er täglich für hunderte von Menschen namentlich betet. Ja, damit beginnt die Sorge um andere. Und wir sollten keine neuen Organisationen gründen. Wir sind ja längst schon eine geistliche Gemeinschaft im Herrn. Alle, die im Glauben und in geschenkter Dienstgesinnung leben, sind ja in ihm eins, und da können konfessionelle und theologische Unterschiede bleiben. Wenn Christus die Mitte ist, sind wir Bruder und Schwester. Und wer allein und einsam ist und eine solche Gemeinschaft nicht hat, niemand, mit dem er beten kann, der kann jederzeit zum Gemeindehilfsbund kommen. Wir laden ihn herzlich ein. Übrigens hat sich jetzt sogar ein ehemaliger evangelischer Landesbischof angeschlossen.

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Wir wollen der Gnade Gottes vertrauen. Ich weiß bis heute nicht, warum ich zum Glauben gekommen bin. Bekehren wollte ich mich nicht. Das war gar nicht in meinem Blick, als ich 1970 zu einer Evangelisation mit Billy Graham eingeladen wurde, zur „Euro 70“. Ich saß in einer der letztenn Reihen und wartete auf das Veranstaltungsende. Da sprach Billy Graham vom blinden Bartimäus und wie Jesus sich ihm zuwendete. Und plötzlich konnte ich an ihn glauben, das war das Wunder meines Lebens. Es war die Gnade Gottes.

Vielleicht war es auch die Erhörung eines Kindergebets, das ich im Alter von etwa 10 bis 12 Jahren jeden Abend gesprochen habe, bevor ich mich lange Zeit vom Beten verabschiedet habe. „Laß mich dein sein und bleiben, du treuer Gott uns Herr. Von dir laß mich nichts treiben, halt mich bei deiner Lehr. Herr, laß mich nur nicht wanken, gib mir Beständigkeit. Dafür will ich dir danken in alle Ewigkeit“. Auch das ist Gnade, daß Gott unsere Gebete zu seiner Zeit erhört. Ich wüßte nicht, was wir als Gemeinde Jesu in unserer Zeit dringender brauchen als Glaubensbeständigkeit. In einer Zeit der Wankelmütigkeit, der Modetrends und der schnell ändernden Überzeugungen.

Durch die ganze Kirchengeschichte hindurch war der Apostel Paulus eine Autorität. Es blieb unserer Zeit vorbehalten, schlauer sein zu wollen als er. Ein hessischer Kirchenpräsident hat kürzlich in einem Interview erklärt, die Aussagen des Apostels Paulus zur Homosexualität seinen „zeitbedingt und unangemessen“. Paulus ist der von Christus selber berufene und mit Vollmacht ausgestattete Apostel der Heiden, also unser Apostel! Wer wären wir, seine Worte für „unangemessen“ zu erklären! Nein, wir bleiben beim Wort der Apostel. Auf ihr Wort hat der Herr die Kirche gegründet (Eph. 2,20). Das werden wir nicht verlassen, mit Gottes Gnade.

Im neu aufgelegten Andachtsbuch von Elias Schrenk „Suchet in der Schrift“ habe ich unter dem 3.11. die folgenden Sätze gefunden. Sie sind ein wunderbares Zeugnis der Gnade Gottes, der wir immer und in jeder Lage vertrauen können. „Als unsere Sünde mächtig geworden war, war die Gnade noch viel mächtiger, sonst wären wir alle verloren gewesen. Unsere Begnadigung beweist, daß es eine freie, überschwengliche Gnade gibt. Diese Gnade wollen wir mit Paulus ohne Aufhören rühmen. Sie hat unsern Unglauben zuschanden gemacht. Ihr sanftes Ziehen und ihre stille Gewalt ist uns zu mächtig geworden, so daß es zu dem Glauben kam, der unser Herz mit Jesu Herzen verband. Wir fühlen uns mit einem Male in seinen Frieden versetzt, so daß nicht mehr Unruhe unsere Herzen erfüllte, sondern wir ruhen konnten in seiner Liebe“.

Leicht veränderte und erweiterte Druckfassung der Ansprache beim 20-jährigen Jubiläum des Gemeindehilfsbundes in der Glaubenshalle des Geistlichen Rüstzentrums Krelingen am 3.11.2012.

Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 7. November 2012 um 15:58 und abgelegt unter Gemeinde.