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Predigt: Das Wort vom Kreuz

Montag 20. Oktober 2008 von Bischof i.R. Prof. Dr. Ulrich Wilckens


Bischof i.R. Prof. Dr. Ulrich Wilckens

Das Wort vom Kreuz
Predigttext: 1 Kor 1,18-25

┬áÔÇ×Das Wort vom Kreuz ist ÔÇÜUnsinnÔÇÖ f├╝r die, die verlorengehen. Uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft. Denn es steht geschrieben: „Zunichte machen will ich die Weisheit der Weisen, und das Verst├Ąndnis der Verst├Ąndigen verwerfen.“ Wo bleibt da ein Weiser? Wo ein Schriftgelehrter? Wo ein Wortf├╝hrer dieser Weltzeit? Hat doch Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht! Denn weil die Welt, umgeben von Gottes Weisheit, durch ihre Weisheit Gott nicht erkannt hat, hat Gott nun beschlossen, durch den ÔÇÜUnsinnÔÇÖ der Verk├╝ndigung die zu retten, die glauben. W├Ąhrend die Juden (Best├Ątigungs-)zeichen fordern, und die Griechen Weisheit (zu h├Âren) suchen, verk├╝ndigen wir Christus, den Gekreuzigten. F├╝r Juden ist er ein ÔÇÜSkandalÔÇÖ und f├╝r die Griechen ÔÇÜUnsinnÔÇÖ – : f├╝r die „von Gott“ Berufenen aber, Juden wie Griechen, ist Christus (der Gekreuzigte) Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn Gottes ÔÇÜUnsinnÔÇÖ ist weiser als die Menschen und Gottes ÔÇÜOhnmachtÔÇÖ st├Ąrker als die Menschen.ÔÇť

Diese S├Ątze des Apostels Paulus haben mich schon als jungen Menschen fasziniert und so mein Leben lang mich begleitet. In ihrer trotzig-gewollten wuchtigen Widerspr├╝chlichkeit fordern sie zum Denken heraus: Ihr Christen, die ihr in eurem t├Ąglichen Glauben mit dem Bilde des gekreuzigten Christus lebt, bemerkt ihr eigentlich noch das Ungeheuerliche, da├č ausgerechnet dieser brutal und sch├Ąndlich Hingerichtete Gottes Sohn und unser aller Erl├Âser ist? Wie kann das wahr sein? Wie kann es gar unser allerletzter Trost im Leben und im Sterben sein?

Hier im Dom ist dieses Ungeheuerliche ├╝berdeutlich, niemand kann es ├╝bersehen: Das riesige Kreuz beherrscht den ganzen Raum unserer Kirche. Um vieles gr├Â├čer ist Christus als Adam und Eva, wie kleine Kinder stehen sie vor ihm. Aber nicht als hilflos Sterbender blickt er Adam an, als wollte er ihm etwa bedeuten: Weine mit mir, es ist alles aus, mit mir stirbt jetzt Gott f├╝r euch. Sondern ein Blick voller Ernst und Lebenskraft ist es, den er Adam zuwirft: Sieh, ich bin mit dir, und mit meinen ausgestreckten Armen umfange ich euch alle. Seht, wie der hohe Holzpfahl, an dem ich h├Ąnge und an dem ich f├╝r euch sterbe, zum Lebensbaum wird, aus dem alle mit neuem Leben hervorsprie├čen, die je als meine J├╝nger zu mir und zu Gott geh├Ârt haben.

Unter diesem Kreuz feiern wir Sonntag f├╝r Sonntag das Heilige Mahl: „Das ist mein Leib, f├╝r euch hingegeben“ – ich ganz in dir, du ganz in mir. „Das ist mein Blut“ des neuen und ewigen Bundes Gottes mit seiner ganzen Kirche. „Seht und schmeckt“ die wunderbare Liebe Gottes, in der er euch von aller S├╝nde frei und euer Leben heil, frei und voller Zuversicht macht! Aber nicht wahr: Es ist ein anderes, dies immer wieder in unseren Gottesdiensten zu erfahren und mit erstaunter Gewi├čheit im Herzen nach Hause in die kommende Woche mitzunehmen – und ein sehr anderes, den Menschen um uns herum zu erkl├Ąren, was wir da glauben. Vor allem viele Eltern geraten in gro├če Verlegenheit, wenn ihre Kinder sie fragen: Was macht ihr da eigentlich? Zu einem Sterbenden blickt ihr auf wie zu einem Gott, zu einem Hingerichteten, in dem man wohl einen Repr├Ąsentanten der Millionen und Abermillionen mit brutaler Gewalt unschuldig gesch├Ąndeter und hingemordeter Menschen zu erkennen vermag – nicht aber einen, der aus all dem herausretten kann. Ich kann die Urlaubsszene nicht vergessen, als mein kleiner Neffe vor einem der Wegekreuze des bayerischen Landes sinnend stehenblieb und nach langer Pause als Resultat von sich gab: „Der‘ sch dood“. Aus Kindermund das Problem unserer modernen Welt: „Gott ist tot“, was anderes kann das Kreuz bedeuten? Was haben wir darauf zu antworten?

Das Erste ist eine ernste Bitte: Selbst wenn uns vieles – oder gar alles – recht fraglich ist, was mit dem Kreuz Christi zusammenh├Ąngt, so la├čt uns doch die Ehrfurcht nicht verlieren vor diesem Gekreuzigten! Ohne ein volles Ernstnehmen dessen, da├č er der Sohn Gottes ist, wird das ganze Christentum zur belanglosen Farce. Sogar noch in der ├Ąu├čersten Todesnot wei├č sich Jesus als Gottes Sohn. Sein Schrei nach Gott ist ein Gebet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“. Es gibt ja solche Stunden auch bei uns: Helfen wir einander dazu, da├č daraus kein zynisches Zerreden alles Glaubens wird, wovon die Welt um uns herum voll ist. Jesus wu├čte, als er starb, da├č alles sich jetzt vollendet, was er zuvor von Gott verk├╝ndigt hatte: da├č der heilige Gott den Willen und die Macht hat, auch absolute religi├Âse Desperados aus ihrer Gottesferne, ja aus Gottlosigkeit zu erretten. Jesus ist bereits kurz nach seinem Tode, am Morgen des Ostertags nach der Karfreitagsnacht, durch Gottes Allmacht zum Leben auferweckt worden. Gott hat den Gekreuzigten nicht verlassen, er hat sich selbst nicht von einer Welt zur├╝ckgezogen, die nichts mehr von ihm wissen will. Zum Leben auferweckt hat Gott seinen Sohn. Und besiegt hat Gott darin f├╝r uns den Tod definitiver, ewiger Gottlosigkeit. Diese Osterwahrheit geh├Ârt mit dem Geschehen des Kreuzestodes Jesu zusammen. Ohne die Auferweckung des Gekreuzigten kann in der Tat nicht verk├╝ndigt werden und kann auch niemand glauben, da├č Christus uns zum Heil gestorben ist. Beides geh├Ârt als unverbr├╝chliche Einheit zusammen: die Ohnmacht Jesu am Kreuz, in der er unsere Ohnmacht teilt, und die Allmacht Gottes, in der Gott die Ohnmacht seines gekreuzigten Sohnes aufhebt und uns aus letzter Ohnmacht rettet; die Liebe Gottes in der Selbsthingabe seines Sohnes f├╝r uns bis in den Tod und der ewige Sieg dieser Liebe im Leben des Auferstandenen. Ist Christus nicht wirklich auferstanden, sagt Paulus, dann freilich wird aller Glaube an den Gekreuzigten zunichte. Dann verliert alles Vertrauen zu Christus, dem Heiland unseres verlorenen Lebens, jegliche Kraft, und allen Dankeshymnen, die die Kirche ihm in ihren Gottesdiensten singt, geht der Atem aus.

┬áAber gerade wenn wir dieses Osterwunder annehmen m├Âchten oder doch jedenfalls verstehen wollen, da├č es Gott nur geben kann, wenn er allm├Ąchtig ist auch ├╝ber den Tod, – gerade dann verlangt die Frage bedr├Ąngend nach einer ├╝berzeugenden Antwort: Warum bedurfte es ├╝berhaupt des Todes Jesu, damit wir von S├╝nde und Tod freikommen? Warum sollte es der allm├Ąchtige Gott notwendig gehabt haben, seinen unschuldigen Sohn so elend sterben zu lassen, um uns Schuldigen zu vergeben? Wenn schon unter uns Menschen ein H├Ąndeklatschen gen├╝gt, um Vers├Âhnung unter Streitenden zu besiegeln, wieviel mehr br├Ąuchte Gott uns doch nur zu sagen: ,,0k, ich bin dir wieder gut, alles zwischen uns ist wieder in Ordnung“! Jedoch: Wer so denkt, nimmt weder ernst, was S├╝nde eigentlich ist, noch ermi├čt er, wer der heilige Gott ist, den unsere S├╝nde zutiefst beleidigt.

┬áDazu m├╝ssen wir in den Kern des Alten Testaments zur├╝ckleuchten. Am Anfang der Geschichte Gottes mit Israel hat Gott Mose offenbart, wer er ist. Sein Name lautet: „Ich bin, der ich bin“. Das klingt hochmodern. Genauso denkt ja auch der moderne Mensch von sich selbst. Um mich dreht sich mein ganzes Leben; niemand anders als mir selbst will ich geh├Âren. Ich lebe f├╝r mich selbst, und jeder andere neben mir soll das auch k├Ânnen. Dann ist die Welt in Ordnung. Aber Gott meint seinen Ich-Namen ganz anders als wir, ja sogar v├Âllig gegens├Ątzlich: Sein Ich ist zwar in der Tat so absolut, wie es der Mensch der Modeme von sich behauptet. Aber Er-Selbst ist Gott f├╝r die, die er liebt. In seinem eigenen Wesen ist Gott Liebe, nicht Selbstliebe, sondern Liebe zu uns. Was Gott denkt, will, f├╝hlt und tut, das gilt alles uns. Darum lautet der Inhalt seines Ich-Namens so: „Barmherzig, gn├Ądig, geduldig und voll von Liebe und Treue“. In dieser Liebe schenkt er Israel sich selbst ganz und gar.

┬áSo pers├Ânlich er aber in seiner Liebe alles Eigene immer wieder und immer neu darangibt, um f├╝r seine Erw├Ąhlten da zu sein, so pers├Ânlich m├╝ssen und sollen diese freilich auch ihn lieben „von ganzem Herzen (hei├čt es), aus ganzer Seele und mit allen Kr├Ąften“. Liebe will Liebe als Antwort erwecken, das geh├Ârt zu ihrem Wesen – wir wissen es alle. Echte Liebe kann aber Gegenliebe nicht erzwingen wollen! Wie t├Âdlich eine Liebe auf den wirken kann, der durch sie gezwungen werden soll, das erfahren wir Menschen ja untereinander oft genug. Ist es nun aber der lebendige Gott, der uns liebt, der Sch├Âpfer, bei dem und von dem allein es wahres Leben gibt, so ist seine Gabe f├╝r die, die ihn wiederlieben, Leben in F├╝lle. Wer sich jedoch der Liebe Gottes verweigert, der entzieht sich selbst dieser Lebensf├╝lle. Er handelt sich mit seinem Nein zu Gott immer zugleich auch den Verlust von Leben ein. Das ist in der biblischen Sprache mit S├╝nde gemeint: der Eigenwille eines Menschen, sich sein Leben so zu schaffen, wie er selbst es will, ohne Gott ├╝ber sich, woraus jedoch eine tiefe Sch├Ądigung des Lebens entsteht: man lebt, ohne wirklich zu leben.

Das war die Geschichte Adams und Evas, die sich in der Geschichte jedes Menschen wiederholt, der selbst sein will wie Gott, mein eigenes Ich als mein Gott. Adams Nein zu Gott f├╝hrte zum Ausschlu├č vom Leben im Paradies, hinaus in ein Dasein in der W├╝ste, ganz allein nur dem ├╝berlassen, was er selbst aus sich machen kann. Dort hat nun alles Leben mit Tod zu tun. Und sogleich t├Âtet so auch der Bruder seinen Bruder, weil er in ihm seinen Konkurrenten sieht. Wer sich von Gott trennt, trennt sich damit von der Quelle der Liebe. So wie Gott Adam und Eva sich selbst ├╝berl├Ą├čt, weil er ihr Nein gegen ihn ernstnimmt, so ├╝berlie├č er auch Israel, das seiner Erw├Ąhlungsliebe immer und immer wieder nicht gehorchen wollte, sondern selbstgemachte G├Âtter feierte, der Heillosigkeit alles Lebens ohne Gott. Und wer k├Ânnte nicht verstehen, da├č Gott, der sich so selbstlos-ganz seinen Erw├Ąhlten in Liebe hingibt, mit Zorn reagiert, wenn er die, die er liebt und die er zum Leben bringen will, dem Tod als der Folge ihres Ungehorsams ├╝berlassen mu├č. Es ist der Zorn verletzter Liebe, ein Zorn voller Trauer. Doch wunderbarerweise ist Gottes Liebe gr├Â├čer, langlebiger als sein Zorn. Sie wirkt auch dort noch weiter, wo sein Zorn sein Ende gefunden hat. In der Geschichte mit Israel wird das allerdings immer schwieriger. Immer neu vergibt Gott den Seinen, wenn sie zu ihm nach Rettung schreien, aber immer wieder fallen sie dann in den t├Âdlichen Eigenwillen Adams zur├╝ck. Schlie├člich verhei├čt Gott eine v├Âllige Erneuerung seines Bundes mit diesem bundbr├╝chigen Volk. Und als Erf├╝llung dieser Verhei├čung verk├╝ndigt Jesus den Anbruch des ewigen Reiches Gottes: Darin sollen S├╝nder sollen die ersten sein, die Gottes Vergebung erfahren und zum Leben kommen. Die Gerechten sollen diese Entscheidung der Liebe Gottes annehmen. Aber am Ende mu├č Jesus erleben, was allezeit zuvor Gott mit seinem Volk erlebt hat: Die Mehrheit Israels lehnt seine Heilsbotschaft vom Reich Gottes ab.

Da tat Gottes Liebe ein Allerletztes seiner Selbsthingabe: Jesus nimmt in eigener Person den Tod auf sich, den die S├╝nder der ganzen Welt sich zuziehen, indem sie sich Gott verweigern. Der Sohn Gottes gibt sein eigenes Leben hin, um das unsere zu retten und zu heilen. Das ist das Geheimnis des Kreuzes: Gottes Liebe ist es, die sich im Leiden und Sterben seines Sohnes f├╝r uns alle hingibt. Gottes Liebe erleidet selbst Gottes Zorn, um uns von allem Elend zu erl├Âsen, dem uns Gottes Zorn ├╝berlassen mu├č. Luther spricht von einem „seligen Tausch“: Im Kreuz Christi tauscht Gott mit uns, er nimmt auf sich, womit wir unser Leben zutiefst verdorben haben, und gibt uns das Leben in F├╝lle, das sein ist. Die Geschichte der Passion Jesu ist eine Geschichte der Passion der Liebe Gottes zu uns. Und Gott sei Dank: Gottes Liebe ist so stark, so allm├Ąchtig, da├č ihr Wille, uns zu retten, ihre Ganzhingabe f├╝r uns, den letzten Sieg errungen hat. Der f├╝r uns Gekreuzigte hat den Tod ├╝berwunden. Er lebt, und in seinem Leben lebt Gottes Liebe zu uns. Wir alle d├╝rfen uns der Liebe Christi ganz anvertrauen und sie unser Leben retten lassen, von allem, was wir immer wieder tun, um es zu verderben; wir d├╝rfen es heil werden lassen von allen Verwundungen, die wir uns selbst und die andere uns immer wieder zuf├╝gen. Alle Schuld wird am Kreuz Christi vergeben. Wir brauchen nicht hilflos mit unserer Schuld umzugehen, indem wir sie entweder einfach ableugnen, oder indem wir ganz einfach andere beschuldigen, um selbst als rein dazustehen. Dem ganzen unseligen Netz von Schuld und Gegenschuld, das wir nicht entwirren k├Ânnen, – im Glauben an Christus, den Gekreuzigten, k├Ânnen wir daraus wie aus einem Gef├Ąngnis entkommen.

Daraus wird deutlich, wie wichtig das Wort vom Kreuz auch f├╝r den Dienst von uns Christen f├╝r unsere Welt ist. Denn genau besehen, ist das Unverm├Âgen, mit Schuld so umzugehen, da├č ÔÇÜCÔÇÖ – sie nicht alles Leben in Mitleidenschaft zieht, das schwerste Problem unserer modernen Welt. Wo sie meint, mit allem fertig werden zu k├Ânnen, was nur irgend das Zusammenleben der Menschen st├Ârt, da geh├Ârt Schuld zu dem, was keiner von uns von sich aus beseitigen kann. Gott aber hat die Welt „so sehr geliebt, da├č er seinen einziggeliebten Sohn f├╝r sie hingegeben hat“ – gerade mitsamt ihrer Schuld. So ist das Kreuz Jesu Christi wirklich das Herz christlichen Glaubens und christlicher Verk├╝ndigung in unserer Welt.

Amen

12. Oktober 2008

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 20. Oktober 2008 um 19:53 und abgelegt unter Predigten / Andachten.