Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Predigt: Das Wort vom Kreuz

Montag 20. Oktober 2008 von Bischof i.R. Prof. Dr. Ulrich Wilckens (1928-2021)


Bischof i.R. Prof. Dr. Ulrich Wilckens (1928-2021)

Das Wort vom Kreuz
Predigttext: 1 Kor 1,18-25

 „Das Wort vom Kreuz ist ‚Unsinn’ fĂŒr die, die verlorengehen. Uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft. Denn es steht geschrieben: „Zunichte machen will ich die Weisheit der Weisen, und das VerstĂ€ndnis der VerstĂ€ndigen verwerfen.“ Wo bleibt da ein Weiser? Wo ein Schriftgelehrter? Wo ein WortfĂŒhrer dieser Weltzeit? Hat doch Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht! Denn weil die Welt, umgeben von Gottes Weisheit, durch ihre Weisheit Gott nicht erkannt hat, hat Gott nun beschlossen, durch den ‚Unsinn’ der VerkĂŒndigung die zu retten, die glauben. WĂ€hrend die Juden (BestĂ€tigungs-)zeichen fordern, und die Griechen Weisheit (zu hören) suchen, verkĂŒndigen wir Christus, den Gekreuzigten. FĂŒr Juden ist er ein ‚Skandal’ und fĂŒr die Griechen ‚Unsinn’ – : fĂŒr die „von Gott“ Berufenen aber, Juden wie Griechen, ist Christus (der Gekreuzigte) Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn Gottes ‚Unsinn’ ist weiser als die Menschen und Gottes ‚Ohnmacht’ stĂ€rker als die Menschen.“

Diese SĂ€tze des Apostels Paulus haben mich schon als jungen Menschen fasziniert und so mein Leben lang mich begleitet. In ihrer trotzig-gewollten wuchtigen WidersprĂŒchlichkeit fordern sie zum Denken heraus: Ihr Christen, die ihr in eurem tĂ€glichen Glauben mit dem Bilde des gekreuzigten Christus lebt, bemerkt ihr eigentlich noch das Ungeheuerliche, daß ausgerechnet dieser brutal und schĂ€ndlich Hingerichtete Gottes Sohn und unser aller Erlöser ist? Wie kann das wahr sein? Wie kann es gar unser allerletzter Trost im Leben und im Sterben sein?

Hier im Dom ist dieses Ungeheuerliche ĂŒberdeutlich, niemand kann es ĂŒbersehen: Das riesige Kreuz beherrscht den ganzen Raum unserer Kirche. Um vieles grĂ¶ĂŸer ist Christus als Adam und Eva, wie kleine Kinder stehen sie vor ihm. Aber nicht als hilflos Sterbender blickt er Adam an, als wollte er ihm etwa bedeuten: Weine mit mir, es ist alles aus, mit mir stirbt jetzt Gott fĂŒr euch. Sondern ein Blick voller Ernst und Lebenskraft ist es, den er Adam zuwirft: Sieh, ich bin mit dir, und mit meinen ausgestreckten Armen umfange ich euch alle. Seht, wie der hohe Holzpfahl, an dem ich hĂ€nge und an dem ich fĂŒr euch sterbe, zum Lebensbaum wird, aus dem alle mit neuem Leben hervorsprießen, die je als meine JĂŒnger zu mir und zu Gott gehört haben.

Unter diesem Kreuz feiern wir Sonntag fĂŒr Sonntag das Heilige Mahl: „Das ist mein Leib, fĂŒr euch hingegeben“ – ich ganz in dir, du ganz in mir. „Das ist mein Blut“ des neuen und ewigen Bundes Gottes mit seiner ganzen Kirche. „Seht und schmeckt“ die wunderbare Liebe Gottes, in der er euch von aller SĂŒnde frei und euer Leben heil, frei und voller Zuversicht macht! Aber nicht wahr: Es ist ein anderes, dies immer wieder in unseren Gottesdiensten zu erfahren und mit erstaunter Gewißheit im Herzen nach Hause in die kommende Woche mitzunehmen – und ein sehr anderes, den Menschen um uns herum zu erklĂ€ren, was wir da glauben. Vor allem viele Eltern geraten in große Verlegenheit, wenn ihre Kinder sie fragen: Was macht ihr da eigentlich? Zu einem Sterbenden blickt ihr auf wie zu einem Gott, zu einem Hingerichteten, in dem man wohl einen ReprĂ€sentanten der Millionen und Abermillionen mit brutaler Gewalt unschuldig geschĂ€ndeter und hingemordeter Menschen zu erkennen vermag – nicht aber einen, der aus all dem herausretten kann. Ich kann die Urlaubsszene nicht vergessen, als mein kleiner Neffe vor einem der Wegekreuze des bayerischen Landes sinnend stehenblieb und nach langer Pause als Resultat von sich gab: „Der‘ sch dood“. Aus Kindermund das Problem unserer modernen Welt: „Gott ist tot“, was anderes kann das Kreuz bedeuten? Was haben wir darauf zu antworten?

Das Erste ist eine ernste Bitte: Selbst wenn uns vieles – oder gar alles – recht fraglich ist, was mit dem Kreuz Christi zusammenhĂ€ngt, so laßt uns doch die Ehrfurcht nicht verlieren vor diesem Gekreuzigten! Ohne ein volles Ernstnehmen dessen, daß er der Sohn Gottes ist, wird das ganze Christentum zur belanglosen Farce. Sogar noch in der Ă€ußersten Todesnot weiß sich Jesus als Gottes Sohn. Sein Schrei nach Gott ist ein Gebet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“. Es gibt ja solche Stunden auch bei uns: Helfen wir einander dazu, daß daraus kein zynisches Zerreden alles Glaubens wird, wovon die Welt um uns herum voll ist. Jesus wußte, als er starb, daß alles sich jetzt vollendet, was er zuvor von Gott verkĂŒndigt hatte: daß der heilige Gott den Willen und die Macht hat, auch absolute religiöse Desperados aus ihrer Gottesferne, ja aus Gottlosigkeit zu erretten. Jesus ist bereits kurz nach seinem Tode, am Morgen des Ostertags nach der Karfreitagsnacht, durch Gottes Allmacht zum Leben auferweckt worden. Gott hat den Gekreuzigten nicht verlassen, er hat sich selbst nicht von einer Welt zurĂŒckgezogen, die nichts mehr von ihm wissen will. Zum Leben auferweckt hat Gott seinen Sohn. Und besiegt hat Gott darin fĂŒr uns den Tod definitiver, ewiger Gottlosigkeit. Diese Osterwahrheit gehört mit dem Geschehen des Kreuzestodes Jesu zusammen. Ohne die Auferweckung des Gekreuzigten kann in der Tat nicht verkĂŒndigt werden und kann auch niemand glauben, daß Christus uns zum Heil gestorben ist. Beides gehört als unverbrĂŒchliche Einheit zusammen: die Ohnmacht Jesu am Kreuz, in der er unsere Ohnmacht teilt, und die Allmacht Gottes, in der Gott die Ohnmacht seines gekreuzigten Sohnes aufhebt und uns aus letzter Ohnmacht rettet; die Liebe Gottes in der Selbsthingabe seines Sohnes fĂŒr uns bis in den Tod und der ewige Sieg dieser Liebe im Leben des Auferstandenen. Ist Christus nicht wirklich auferstanden, sagt Paulus, dann freilich wird aller Glaube an den Gekreuzigten zunichte. Dann verliert alles Vertrauen zu Christus, dem Heiland unseres verlorenen Lebens, jegliche Kraft, und allen Dankeshymnen, die die Kirche ihm in ihren Gottesdiensten singt, geht der Atem aus.

 Aber gerade wenn wir dieses Osterwunder annehmen möchten oder doch jedenfalls verstehen wollen, daß es Gott nur geben kann, wenn er allmĂ€chtig ist auch ĂŒber den Tod, – gerade dann verlangt die Frage bedrĂ€ngend nach einer ĂŒberzeugenden Antwort: Warum bedurfte es ĂŒberhaupt des Todes Jesu, damit wir von SĂŒnde und Tod freikommen? Warum sollte es der allmĂ€chtige Gott notwendig gehabt haben, seinen unschuldigen Sohn so elend sterben zu lassen, um uns Schuldigen zu vergeben? Wenn schon unter uns Menschen ein HĂ€ndeklatschen genĂŒgt, um Versöhnung unter Streitenden zu besiegeln, wieviel mehr brĂ€uchte Gott uns doch nur zu sagen: ,,0k, ich bin dir wieder gut, alles zwischen uns ist wieder in Ordnung“! Jedoch: Wer so denkt, nimmt weder ernst, was SĂŒnde eigentlich ist, noch ermißt er, wer der heilige Gott ist, den unsere SĂŒnde zutiefst beleidigt.

 Dazu mĂŒssen wir in den Kern des Alten Testaments zurĂŒckleuchten. Am Anfang der Geschichte Gottes mit Israel hat Gott Mose offenbart, wer er ist. Sein Name lautet: „Ich bin, der ich bin“. Das klingt hochmodern. Genauso denkt ja auch der moderne Mensch von sich selbst. Um mich dreht sich mein ganzes Leben; niemand anders als mir selbst will ich gehören. Ich lebe fĂŒr mich selbst, und jeder andere neben mir soll das auch können. Dann ist die Welt in Ordnung. Aber Gott meint seinen Ich-Namen ganz anders als wir, ja sogar völlig gegensĂ€tzlich: Sein Ich ist zwar in der Tat so absolut, wie es der Mensch der Modeme von sich behauptet. Aber Er-Selbst ist Gott fĂŒr die, die er liebt. In seinem eigenen Wesen ist Gott Liebe, nicht Selbstliebe, sondern Liebe zu uns. Was Gott denkt, will, fĂŒhlt und tut, das gilt alles uns. Darum lautet der Inhalt seines Ich-Namens so: „Barmherzig, gnĂ€dig, geduldig und voll von Liebe und Treue“. In dieser Liebe schenkt er Israel sich selbst ganz und gar.

 So persönlich er aber in seiner Liebe alles Eigene immer wieder und immer neu darangibt, um fĂŒr seine ErwĂ€hlten da zu sein, so persönlich mĂŒssen und sollen diese freilich auch ihn lieben „von ganzem Herzen (heißt es), aus ganzer Seele und mit allen KrĂ€ften“. Liebe will Liebe als Antwort erwecken, das gehört zu ihrem Wesen – wir wissen es alle. Echte Liebe kann aber Gegenliebe nicht erzwingen wollen! Wie tödlich eine Liebe auf den wirken kann, der durch sie gezwungen werden soll, das erfahren wir Menschen ja untereinander oft genug. Ist es nun aber der lebendige Gott, der uns liebt, der Schöpfer, bei dem und von dem allein es wahres Leben gibt, so ist seine Gabe fĂŒr die, die ihn wiederlieben, Leben in FĂŒlle. Wer sich jedoch der Liebe Gottes verweigert, der entzieht sich selbst dieser LebensfĂŒlle. Er handelt sich mit seinem Nein zu Gott immer zugleich auch den Verlust von Leben ein. Das ist in der biblischen Sprache mit SĂŒnde gemeint: der Eigenwille eines Menschen, sich sein Leben so zu schaffen, wie er selbst es will, ohne Gott ĂŒber sich, woraus jedoch eine tiefe SchĂ€digung des Lebens entsteht: man lebt, ohne wirklich zu leben.

Das war die Geschichte Adams und Evas, die sich in der Geschichte jedes Menschen wiederholt, der selbst sein will wie Gott, mein eigenes Ich als mein Gott. Adams Nein zu Gott fĂŒhrte zum Ausschluß vom Leben im Paradies, hinaus in ein Dasein in der WĂŒste, ganz allein nur dem ĂŒberlassen, was er selbst aus sich machen kann. Dort hat nun alles Leben mit Tod zu tun. Und sogleich tötet so auch der Bruder seinen Bruder, weil er in ihm seinen Konkurrenten sieht. Wer sich von Gott trennt, trennt sich damit von der Quelle der Liebe. So wie Gott Adam und Eva sich selbst ĂŒberlĂ€ĂŸt, weil er ihr Nein gegen ihn ernstnimmt, so ĂŒberließ er auch Israel, das seiner ErwĂ€hlungsliebe immer und immer wieder nicht gehorchen wollte, sondern selbstgemachte Götter feierte, der Heillosigkeit alles Lebens ohne Gott. Und wer könnte nicht verstehen, daß Gott, der sich so selbstlos-ganz seinen ErwĂ€hlten in Liebe hingibt, mit Zorn reagiert, wenn er die, die er liebt und die er zum Leben bringen will, dem Tod als der Folge ihres Ungehorsams ĂŒberlassen muß. Es ist der Zorn verletzter Liebe, ein Zorn voller Trauer. Doch wunderbarerweise ist Gottes Liebe grĂ¶ĂŸer, langlebiger als sein Zorn. Sie wirkt auch dort noch weiter, wo sein Zorn sein Ende gefunden hat. In der Geschichte mit Israel wird das allerdings immer schwieriger. Immer neu vergibt Gott den Seinen, wenn sie zu ihm nach Rettung schreien, aber immer wieder fallen sie dann in den tödlichen Eigenwillen Adams zurĂŒck. Schließlich verheißt Gott eine völlige Erneuerung seines Bundes mit diesem bundbrĂŒchigen Volk. Und als ErfĂŒllung dieser Verheißung verkĂŒndigt Jesus den Anbruch des ewigen Reiches Gottes: Darin sollen SĂŒnder sollen die ersten sein, die Gottes Vergebung erfahren und zum Leben kommen. Die Gerechten sollen diese Entscheidung der Liebe Gottes annehmen. Aber am Ende muß Jesus erleben, was allezeit zuvor Gott mit seinem Volk erlebt hat: Die Mehrheit Israels lehnt seine Heilsbotschaft vom Reich Gottes ab.

Da tat Gottes Liebe ein Allerletztes seiner Selbsthingabe: Jesus nimmt in eigener Person den Tod auf sich, den die SĂŒnder der ganzen Welt sich zuziehen, indem sie sich Gott verweigern. Der Sohn Gottes gibt sein eigenes Leben hin, um das unsere zu retten und zu heilen. Das ist das Geheimnis des Kreuzes: Gottes Liebe ist es, die sich im Leiden und Sterben seines Sohnes fĂŒr uns alle hingibt. Gottes Liebe erleidet selbst Gottes Zorn, um uns von allem Elend zu erlösen, dem uns Gottes Zorn ĂŒberlassen muß. Luther spricht von einem „seligen Tausch“: Im Kreuz Christi tauscht Gott mit uns, er nimmt auf sich, womit wir unser Leben zutiefst verdorben haben, und gibt uns das Leben in FĂŒlle, das sein ist. Die Geschichte der Passion Jesu ist eine Geschichte der Passion der Liebe Gottes zu uns. Und Gott sei Dank: Gottes Liebe ist so stark, so allmĂ€chtig, daß ihr Wille, uns zu retten, ihre Ganzhingabe fĂŒr uns, den letzten Sieg errungen hat. Der fĂŒr uns Gekreuzigte hat den Tod ĂŒberwunden. Er lebt, und in seinem Leben lebt Gottes Liebe zu uns. Wir alle dĂŒrfen uns der Liebe Christi ganz anvertrauen und sie unser Leben retten lassen, von allem, was wir immer wieder tun, um es zu verderben; wir dĂŒrfen es heil werden lassen von allen Verwundungen, die wir uns selbst und die andere uns immer wieder zufĂŒgen. Alle Schuld wird am Kreuz Christi vergeben. Wir brauchen nicht hilflos mit unserer Schuld umzugehen, indem wir sie entweder einfach ableugnen, oder indem wir ganz einfach andere beschuldigen, um selbst als rein dazustehen. Dem ganzen unseligen Netz von Schuld und Gegenschuld, das wir nicht entwirren können, – im Glauben an Christus, den Gekreuzigten, können wir daraus wie aus einem GefĂ€ngnis entkommen.

Daraus wird deutlich, wie wichtig das Wort vom Kreuz auch fĂŒr den Dienst von uns Christen fĂŒr unsere Welt ist. Denn genau besehen, ist das Unvermögen, mit Schuld so umzugehen, daß ‚C’ – sie nicht alles Leben in Mitleidenschaft zieht, das schwerste Problem unserer modernen Welt. Wo sie meint, mit allem fertig werden zu können, was nur irgend das Zusammenleben der Menschen stört, da gehört Schuld zu dem, was keiner von uns von sich aus beseitigen kann. Gott aber hat die Welt „so sehr geliebt, daß er seinen einziggeliebten Sohn fĂŒr sie hingegeben hat“ – gerade mitsamt ihrer Schuld. So ist das Kreuz Jesu Christi wirklich das Herz christlichen Glaubens und christlicher VerkĂŒndigung in unserer Welt.

Amen

12. Oktober 2008

Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 20. Oktober 2008 um 19:53 und abgelegt unter Predigten / Andachten.