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Theologisches Gutachten zum Fall Lutz Scheufler

Montag 24. September 2012 von Prof. Dr. Reinhard Slenczka


Prof. Dr. Reinhard Slenczka

Theologisches Gutachten zum VerhĂ€ltnis von geistlicher Leitung und rechtlicher Verwaltung der Kirche, erstattet auf Bitten von Herrn Lutz Scheufler, Jugendevangelist beim sĂ€chsischen Landesjugendpfarramt und Teamleiter, fĂŒr das Verfahren um dessen Suspendierung vom 13. Juni 2012 und Dienstentlassung vom 7. September 2012

0 –Aufgabe und Mittel eines theologischen Gutachtens.

Theologie hat als Teil der Kirchenleitung die Verantwortung dafĂŒr, dass die Kirche in der Wahrheit bleibt. Dies geschieht nicht dadurch, dass sie den Forderungen der Zeit und dem Ruf der Stunde folgt, sondern dass sie die Abgrenzung gegenĂŒber den immer neuen IrrtĂŒmern und MissbrĂ€uchen vollzieht (1 Kor 11,17-19). Dieses Ringen zwischen wahrer und falscher Kirche gehört zur Wirklichkeit und ist ein Kennzeichen von Kirche in dieser Weltzeit. Es entspricht dem Ringen zwischen dem alten Menschen im Fleisch der SĂŒnde und dem neuen Menschen im Geist Gottes als Folge der Taufe (Röm 6-8) (Anm. 1)

Die Mittel geistlicher Kirchenleitung ergeben sich aus dem Wesen der Kirche als Leib Christi, „erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist“ (Eph 2,20). Dazu dient das vom Herrn eingesetzte Predigtamt mit dem Auftrag und der Vollmacht zur VerkĂŒndigung des Evangeliums und zur Verwaltung der Sakramente. Das sind nach Confessio Augustana V die Mittel, durch die der Heilige Geist gegeben und der Glaube gewirkt wird. Nur dadurch kann Kirche Kirche sein. Ohne das wĂ€re sie nur eine Namenskirche (vgl. Offb 3,1).

In den Grundordnungen / Kirchenverfassungen sind diese Grundlagen der Kirche als „Schrift und Bekenntnis“ kurz und deutlich zusammengefasst. „Schrift“ ist das Wort Gottes in den Heiligen Schriften des Alten und des Neuen Testaments. Gott selbst wirkt durch dieses Wort in dem richtenden Gesetz und dem aus dem Gericht rettenden Evangelium. Bekenntnis ist die zu verschiedenen Zeiten immer wieder notwendige Abgrenzung gegen Irrlehren und MissstĂ€nde in der Kirche (Anm.2). Dabei geht es also nicht um eine bloße Interpretation von Texten im Wandel der Zeiten, sondern um die Wahrung der geistlichen IdentitĂ€t des Glaubens und der Kirche, also um das, was fĂŒr Zeit und Ewigkeit heilsnotwendig ist.

Gerade auch in den immer wieder in der Kirche aufbrechenden Konflikten geht es in der theologischen Verantwortung nicht einfach darum, dass eine Ă€ußere Einheit in der Kirche gewahrt wird; vielmehr geht es um die Einheit in der Wahrheit, die Jesus Christus selbst ist (Joh 14,6). Dem hat jede Kirchenleitung und daher auch dieses Gutachten zu dienen.

1 – Um was geht es?

Der Konflikt, um den es geht, wurde ausgelöst durch den § 39 des neuen Pfarrer-dienstgesetzes“ der EKD, das von der Synode der EKD im November 2010 angenommen und den Gliedkirchen zur Entscheidung zugeleitet wurde. Im § 39 wird der Begriff „Ehe“ dem Begriff „familiĂ€res Zusammenleben“ untergeordnet. Dieser weitere Begriff umfasst, wie es in der amtlichen EinfĂŒhrung des Gesetzes heißt, „jede Form des rechtsverbindlich geordneten Zusammenlebens von mindestens zwei Menschen, das sich auf Dauer als geschlossene solidarische Einstandsgemeinschaft darstellt und den 
inhaltlichen Anforderungen von Verbindlichkeit, VerlĂ€sslichkeit und gegenseitiger Verantwortung genĂŒgt
“ (Anm.3) Damit werden nach staatlichem Recht eingetragene Partnerschaften der Ehe gleichgestellt.

Wie in einer ganzen Reihe von Ă€hnlichen FĂ€llen werden hier von der Kirchenleitung aktuelle gesellschaftspolitische Forderungen sowie nationale und europĂ€ische Gesetzgebung zur Gleichberechtigung bzw. Antidiskriminierung in das Kirchenrecht ĂŒbernommen und in der Kirche durchgesetzt.

Ohne dass man auf Einzelheiten der Sachdiskussion eingehen muss, entsteht hier eine höchst gefĂ€hrliche Situation. Denn zum einen handelt es sich unbestreitbar um Neuerungen, die dem bisherigen „magnus consensus“ nicht nur innerhalb der Kirchengemeinschaft, son dern auch zwischen den christlichen Kirchen widersprechen. D.h. es kommt zu neuen kir-chentrennenden Faktoren. Zum andern liegt ein eindeutiger Widerspruch zu Schrift und Be-kenntnis vor, der meist nach heftigen KĂ€mpfen, durch synodale Mehrheiten und öffentliche Pressionen beseitigt wird (Anm.4).

Durch kirchenamtliche BeschlĂŒsse wird also das geschriebene Wort Gottes verĂ€ndert; damit verbundene warnende Verbote und Strafandrohungen Gottes („werden das Reich Gottes nicht erben“ 1 Kor 6,9.10; Gal 5,21; Eph 5,5) werden außer Kraft gesetzt. Nicht der SĂŒnder wird durch Umkehr und Vergebung gerechtfertigt, sondern die SĂŒnde wird durch Umdeutungen biblischer Texte gerechtfertigt. Im Blick ist nur irdisches Wohlbefinden mit dem Bestreben, vor dem Gericht der öffentlichen Meinung zu bestehen, nicht aber das ewige Heil mit der Rettung aus dem Gericht ĂŒber „Lebende und Tote“.

Ganz unabhÀngig von persönlichen Einsichten und Einstellungen muss man in aller Klarheit sagen, dass durch derartige Entscheidungen von kirchenleitenden Organen und Personen die bestehende Einheit und Gemeinschaft in der Kirche und unter den Kirchen zerstört wird.

Es muss ebenso mit aller Eindeutigkeit darauf hingewiesen werden, dass solche BeschlĂŒsse nach der Rechtsordnung der SĂ€chsischen Landeskirche, wie sie in der PrĂ€ambel der Kirchenverfassung, in dem Gelöbnis fĂŒr die Synodalen (GeschĂ€ftsordnung der Synode § 4) sowie in sĂ€mtlichen Verpflichtungen fĂŒr die Übernahme kirchlicher Ämter mit der Bindung an Schrift und Bekenntnis festgelegt ist, unvereinbar sind. D. h. hier liegen eindeutig Dienst-pflichtverletzungen vor. Im geistlichen VerstĂ€ndnis muss man das nach dem Wort des Herrn (Mark 8,34-38; Mat 16,23-28; Luk 9,23-27) als Verleugnung bezeichnen.

Wie die Einheit in der SĂ€chsischen Landeskirche zerstört wird, zeigt sich in der „ErklĂ€rung sĂ€chsischer Kirchgemeinden zum familiĂ€ren Zusammenleben im Pfarrhaus“, die von 135 KirchenvorstĂ€nden und Kirchgemeinden unterzeichnet wurde (Stand vom 4. Februar 2012).

Es ist schmerzlich, jedoch fĂŒr die weitere Argumentation notwendig, daran zu erinnern, wie deutschchristliche Kirchenleitungen – auch in Sachsen – im Dritten Reich gegen Pfarrer mit Disziplinarmaßnahmen und sogar mit staatlicher Hilfe durch Einweisung in das KZ Sachsenhausen sowie durch Suspendierung vorgingen, die sich gegen die Übernahme des „Gesetzes zur Reinigung des Berufsbeamtentums“ (Arierparagraph) in die Kirche wehrten, die sich fĂŒr verfolgte AmtsbrĂŒder in anderen Landeskirchen mit AbkĂŒndigungen einsetzten  oder auch zur Buße fĂŒr das Unrecht an den Juden in der Kristallnacht von 1938 aufriefen (Anm. 5). In allen diesen FĂ€llen handelt es sich darum, dass staatliches Recht und staatliche Maßnahmen, die eindeutig im Widerspruch zu Schrift und Bekenntnis stehen, in die Kirche aufgenommen und mit disziplinarischen Maßnahmen zwangsweise durchgesetzt wurden. Sollte man nicht heute durch das Gericht Gottes gewarnt sein?

2 – Zum Verfahren Scheufler.

Ausgangspunkt fĂŒr den Konflikt mit der Kirchenleitung ist die „Stellungnahme zur Öffnung der PfarrhĂ€user fĂŒr homosexuell lebende Pfarrer“, die von dem „Evangelisationsteam“ unter Datum vom 1. Juni 2012 veröffentlicht und von 8 Kirchengliedern, die jedoch nicht alle auch kirchliche Mitarbeiter sind, unterzeichnet wurde. Gegenstand der Auseinandersetzung von seiten der Kirchenverwaltung soll jedoch ausdrĂŒcklich nicht der Synodalbeschluss sein, sondern die ErklĂ€rung, dass die derzeitige Kirchenleitung „nicht mehr als geistliche Leitung unserer Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens“ anerkannt wird und die eindringliche Bitte, dass „eine Bekenntnissynode“ von der „SĂ€chsischen Bekenntnis-Initiative“ gegrĂŒndet werden möge. Damit wird ein „status confessionis“ proklamiert. D. h. es geht um eine Frage des heilsentscheidenden Bekenntnisses (Röm 10,8-11). Der Gegensatz zum Bekennen ist Verleugnen. (s. o.)

In dem Schreiben, der fĂŒr das Dienstrecht zustĂ€ndigen OberlandeskirchenrĂ€tin vom 7. Juni 2012, wird dazu der Vorwurf einer Dienstpflichtverletzung und ein Verstoß gegen die LoyalitĂ€tspflichten erhoben und um eine ErklĂ€rung gebeten. In seiner Antwort vom 12. Juni beruft sich Herr Scheufler auf die Bindung seines Gewissens an die Heilige Schrift: „Die LoyalitĂ€t zur Institution Kirche kann ich nicht ĂŒber die LoyalitĂ€t zur Heiligen Schrift stellen“. Gleichzeitig betont er: „Dass ich diese (Kirchenleitung R. S.) weiterhin als GeschĂ€ftsleitung der Institution ‚Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens‘ anerkenne, steht außer Frage“.  Bereits am Tag darauf, 13. Juni 2012, erfolgt die Suspendierung „vom Dienst der WortverkĂŒndigung im Auftrag der Landeskirche“ durch den Landesjugendpfarrer, verbunden mit der Aufforderung zu einem GesprĂ€ch. Am 7. September erfolgt die fristgerechte KĂŒndigung durch den PrĂ€sidenten des Landeskirchenamtes. Auf der Homepage des Landeskirchenamtes wird dieser Beschluss am 11. September veröffentlicht und begrĂŒndet. Diese öffentliche ErklĂ€rung mag als Zusammenfassung der Situation dienen, wenn es darin heißt: „Die Haltung Herrn Scheuflers zur Bewertung der HomosexualitĂ€t und zu der Frage des Umgangs damit in der sĂ€chsischen Landeskirche sind weder Grund noch Anlass der KĂŒndigung. Seine Haltung wird ihm nicht bestritten. Auch er genießt den von der Landessynode zugesicherten Gewissensschutz. Ein Recht, den geistlichen Auftrag der landeskirchlichen Leitungsorgane grundsĂ€tzlich zu bestreiten, kann es fĂŒr kirchliche Mitarbeiter aber nicht geben.“ (Anm. 6)

Damit ist die geistlich-theologische Sachfrage auf eine Disziplinarangelegenheit reduziert, die daher von Kirchenjuristen verhandelt wird. Allerdings ist es schon merkwĂŒrdig, dass Sachfragen, die nach der Heiligen Schrift das ewige Heil betreffen (s. o.) in die Beliebigkeit persönlicher Meinungen abgeschoben werden.

Im Gang der Ereignisse fĂ€llt auf, dass eine Kirchenverwaltung bemerkenswert, vielleicht auch ĂŒberraschend zĂŒgig vorgeht. Es fĂ€llt jedoch auch auf, dass im Verfahren Hinweise auf die dafĂŒr einschlĂ€gigen kirchengesetzlichen Bestimmungen völlig fehlen, ja offensichtlich nicht beachtet werden (s. u.). Bei einem Fall, der vorwiegend von Kirchenjuristen behandelt wird, ist das doch wohl befremdlich.

Die geistlich-theologischen Fragen, um die es doch von Anfang an geht, werden absichtsvoll ausgeschlossen. Die seelsorgerlichen Aspekte, die mit der „Gewissensnot“ gegeben sind, werden den Kirchenjuristen ĂŒberlassen. Soweit das von außen zu ĂŒbersehen ist, geht es bei den Verhandlungen mit Herrn Scheufler anscheinend allein um die Forderung eines Widerrufs.

3 – Zum VerhĂ€ltnis von geistlicher und organisatorischer Leitung in der Kirche.

Hier liegt ein geradezu klassisches Problem vor, wenn es um das VerhĂ€ltnis von geistlichem Wesen und rechtlicher Ordnung der Kirche geht. Terminologisch unterscheidet man  zwischen einem jus in sacris, das sich auf die Verwaltung der geistlichen Mittel, Wort und Sakrament bezieht, und einem jus circa sacra, das sich auf die organisatorischen Aspekte der Kirche bezieht. Ähnliche Funktionen hat das Begriffspaar „ecclesia synthetica“ – geistgefĂŒgte Gemeinschaft der Kirche im Leib Christi – und „ecclesia repraesentativa“ – die nach außen in Erscheinung tretende Sozial- und Rechtsgestalt der Kirche. In den Bekenntnisschriften (s. u.) findet sich die Unterscheidung von „externa politia“ – „Àußere Ordnung“ und „populus spiritualis“ – das Volk bzw. die Gemeinschaft im Geist“.

In Sachsen mag man sich daran erinnern, wie im Kirchenkampf von Hugo Hahn genau diese Unterscheidung von geistlicher und organisatorischer Leitung dazu diente, die Ă€ußere Einheit der Kirche zu erhalten: „Wir sprachen Coch als Irrlehrer die geistliche FĂŒhrung ab
 Diese Ablehnung der geistlichen Leitung sollte unbeschadet des Gehorsams in Ă€ußeren Dingen geschehen, den wir weiter leisten wollten“ (Anm. 7). Wie die deutschchristliche Kirchenleitung weiterhin darauf mit Disziplinarmaßnahmen reagierte, ist nachzulesen.

Man muss auch daran erinnern, dass Luther die geistliche AutoritĂ€t des römischen Papstes als nicht schriftgemĂ€ĂŸ abgelehnt hat, ohne dass er aus der Kirche ausgetreten wĂ€re oder eine neue Kirche gegrĂŒndet hĂ€tte. Die Kirchentrennung geschah nur dadurch, dass er vom Papst exkommuniziert und vom Reichstag in Worms in die Acht getan wurde. In seiner Verteidigung vor dem Reichstag in Worms berief er sich ausdrĂŒcklich auf sein an das Wort der Heiligen Schrift gebundenes Gewissen: „
ich bin gebunden an die Schriftstellen, die ich angefĂŒhrt habe und gefangen in den Worten Gottes. Daher kann und will ich nicht irgendetwas widerrufen, denn gegen das Gewissen zu handeln ist weder sicher noch heilsam. Ich kann nicht anders, hier stehe ich. Gott helfe mir. Amen.“ (8)

In Verbindung mit Röm 14, bes. V. 23 ist dies der Rechtsgrundsatz fĂŒr die Gewissensfreiheit. Dies betrifft nicht schlechthin alle beliebigen subjektiven Überzeugungen, sondern die Gewissheit, gemĂ€ĂŸ dem Wort Gottes im Gericht vor Gott durch den Glauben an Jesus Christus zu bestehen.

Es muss gerade in einer sich nach Luther benennenden Landeskirche beachtet werden, dass sich Herr Scheufler genau auf diesen Grundsatz berufen hat.

Eine ausfĂŒhrliche und zudem nach der Kirchenverfassung verbindliche Darstellung zu dieser Grundsatzfrage findet sich in Confessio Augustana XV „Von Kirchenordnung“ sowie in dem dazugehörenden Artikel XV der „Apologie“. Diesen Artikel, der genau den Konflikt betrifft, um den es geht, sollte man sorgsam studieren. Der entscheidende Punkt ist: „Wir möchten noch einmal betonen, dass wir gerne bereit sind, die kirchliche und kanonische Ordnung einzuhalten, wenn nur die Bischöfe aufhörten, gegen unsere Kirchen zu  wĂŒten“ (Anm. 9). Der deutsche Text schließt: „Die Bischöfe mögen zusehen, wie sie es verantworten wollen, dass sie durch solche Tyrannei die Kirchen zerreißen und wĂŒst machen“.

Die Lehre betrifft die geistliche Seite der Kirche, und hier besteht eine unaufhebbare Differenz. Trotzdem soll die Ă€ußere Einheit und Ordnung der Kirche gewahrt bleiben.

AusfĂŒhrlich wird dieses Thema auch in Art. VII/VIII der CA und der Apologie behandelt im Blick auf die Tatsache, dass der Kirche Gute und Böse / Heuchler angehören. Die Scheidung wird erst im Endgericht offenbar. Dazu wird die Gemeinde auf zwei Sachverhalte hingewiesen:

1.) Die Verwaltung von Wort und Sakrament geschieht „an Christi Statt“ (2 Kor 5,20). Daher ist deren Wirkung nicht von der WĂŒrde des Dieners abhĂ€ngig, sondern allein von der reinen VerkĂŒndigung des Evangeliums und der rechten Verwaltung der Sakramente (CA VII). Dies betrifft also die Ă€ußerlich sichtbare und hörbare Erscheinung der Kirche.

2.) „Doch soll man falsche Lehrer nicht annehmen oder hören; denn dieselbigen sind nicht mehr an Christi statt, sondern Widerchristi“ (Hinweis auf Mat 7,15-23; Gal 1,8 f). – Auch dies ist sichtbar und hörbar zu unterscheiden.

Im Ergebnis: Die Unterscheidung von geistlicher und organisatorischer Leitung der Kirche ist nach Schrift und Bekenntnis sehr gut begrĂŒndet.

Wenn freilich Fragen kirchlicher Lehre nicht inhaltlich nach Schrift und Bekenntnis, sondern als beliebige Meinungsvielfalt aufgefasst werden, dann wird man mit Zwangsmaßnahmen die Einheit der Kirche durchsetzen mĂŒssen. Die fĂŒr Zeit und Ewigkeit heilsentscheidende Wahrheit ist damit jedoch, wie das hier der Fall ist, ausgeschlossen, obwohl darin doch gerade Wesen und Auftrag der Kirche liegt.

4 – Zur Bitte um die Einberufung einer Bekenntnissynode.

Zu der Bitte, „eine Bekenntnissynode“ durch die „SĂ€chsischen Bekenntnis-Initiative“ einzuberufen, die als zweiter Entlassungsgrund angefĂŒhrt wird, ist ebenfalls in der jĂŒngeren Kirchengeschichte auf die 12 Bekenntnissynoden der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union von 1934-1943 hinzuweisen (Anm. 10), besonders auf die beiden ersten von Barmen-Gemarke und Dahlem 1934.

Mit dem Begriff des „kirchlichen Notrechts“ wurde, wie in den Synodalberichten nachzulesen, theologisch und kirchenrechtlich die Entscheidung begrĂŒndet, gegenĂŒber den von der deutschchristlichen Kirchenpartei beherrschten Synoden, durch deren BeschlĂŒsse fortlaufend die Grundlagen der Kirche in Schrift und Bekenntnis beseitigt wurden, Bekenntnissynoden einzuberufen.

„Notrecht“ ist keine „Notlösung“, wohl aber eine notwendige Entscheidung in einer Notlage, wenn es darum geht, dass die Kirche in der Wahrheit bleibt.

Angesichts der unĂŒbersehbaren Tatsache, dass heute manche, vielleicht sogar die meisten Synoden nach ihrer Zusammensetzung sowie nach ihren BeschlĂŒssen und ErklĂ€rungen gesellschafts- und parteipolitisch bestimmt sind (Anm. 11), ist es nicht zu verwundern, wenn auch in der ErklĂ€rung der Gruppe um Herrn Scheufler dieser Ruf nach einer Bekenntnissynode, der seit Jahren laut wird, aufgenommen wird.

Im Ergebnis: Dass auch auf diesen geistlichen Vorgang disziplinarrechtlich reagiert wird, ist nicht ĂŒberraschend und zeigt frĂŒher wie heute die Hilflosigkeit einer politisierten Kirche.

5 – Zur theologischen Beurteilung.

Im Gang der Verhandlungen ist eine schwer zu entwirrende Situation entstanden, und dies vor allem dadurch, dass die geistlich-theologischen Sachfragen ausgeschlossen wurden und die Angelegenheit nunmehr vom Ă€ußeren Kirchenrecht her verhandelt wird. Das kann man nur als einen verhĂ€ngnisvollen und tiefgreifenden Fehler der Kirchenleitung bezeichnen.

Ich versuche eine KlÀrung in einer Reihe von Punkten:

1.) In der umstrittenen ErklĂ€rung geht es um eine Bekenntnisfrage (status bzw. casus confessionis) (Anm. 12) in der Bindung des Gewissens an das Wort Gottes Heiliger Schrift. Die Ă€ußere Ordnung der Kirche wird ausdrĂŒcklich anerkannt und eingehalten. Diese Einstellung ist durch Schrift und Bekenntnis wohlbegrĂŒndet und geistlich notwendig.

2.) FĂŒr die Kirchenverwaltung geht es um eine Frage von Dienstpflicht und LoyalitĂ€t. Auf die theologischen EinwĂ€nde gegen die BeschlĂŒsse der Kirchenleitung wird ausdrĂŒcklich nicht eingegangen. Es ist nĂŒtzlich und zur KlĂ€rung hilfreich, einen Blick auf die landeskirchlichen „LoyalitĂ€tsrichtlinien“ zu werfen, in denen es ausdrĂŒcklich und klar heißt:

( 1 ) 1 Je nach Aufgabenbereich ĂŒbernehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Verantwor-tung fĂŒr die glaubwĂŒrdige ErfĂŒllung kirchlicher und diakonischer Aufgaben. 2 Sie haben sich daher loyal gegenĂŒber der evangelischen Kirche zu verhalten.

( 2 ) 1 Von evangelischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird erwartet, dass sie Schrift und Bekenntnis anerkennen. 2 Sofern sie in der VerkĂŒndigung, Seelsorge, Unterweisung oder Leitung tĂ€tig sind, wird eine inner- und außerdienstliche LebensfĂŒhrung erwartet, die der ĂŒbernommenen Verantwortung entspricht.

( 3 ) Von christlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird erwartet, dass sie Schrift und Bekenntnis achten und fĂŒr die christliche PrĂ€gung ihrer Einrichtung eintreten.

Damit wird in zutreffender und eindeutiger Weise ebenso wie in sĂ€mtlichen diesbezĂŒglichen Kirchengesetzen der Landeskirche erwartet und gefordert, dass jeder Dienst in der Kirche an Schrift und Bekenntnis gebunden ist. LoyalitĂ€t ist also kein leerer Begriff, was man eher als „Kadavergehorsam“ bezeichnen wĂŒrde. Vielmehr geht es um die Bindung an Schrift und Bekenntnis, und dann mĂŒsste man Herrn Scheufler nachweisen, dass und wie er dagegen verstoßen hat. Genau dieser Notwendigkeit wird von der Kirchenverwaltung ausgewichen.

3.) Was aber geschieht, wenn ein Verstoß gegen Schrift und Bekenntnis vorliegt, wie das bei dem umstrittenen Synodalbeschluss unbestreitbar der Fall ist? Kann und darf eine Kirchenverwaltung mit Strafandrohung fordern, dass ein Mitarbeiter dann gegen die seinem Auftrag entsprechende Gewissensbindung schweigt? Darf sie kirchenamtliche, Schrift und Bekenntnis widersprechende Mehrheitsentscheidungen mit Disziplinarmaßnahmen durchsetzen und aufzwingen? (Anm. 13)

Die erste Bekenntnissynode von Barmen-Gemarke im Jahr 1934 hat dazu eindeutig in der PrĂ€ambel zu ihrer „Theologischen ErklĂ€rung“ festgestellt: Wenn die Grundlagen in Schrift und Bekenntnis fĂŒr die Einheit der Kirche in der Wahrheit „dauernd und grundsĂ€tzlich durch fremde Voraussetzungen durchkreuzt und unwirksam gemacht werden, hört die Kirche nach allen bei uns in Kraft stehenden Bekenntnissen auf, Kirche zu sein.“

Gottes Wort sagt uns: „Man muss Gott mehr gehorchen mehr als den Menschen“ (Apg 4, 19; 5, 29).

Im Ergebnis: Die disziplinarischen VorwĂŒrfe gegen Herrn Scheufler als GrĂŒnde fĂŒr seine Entlassung sind nach Schrift und Bekenntnis wie auch nach der Rechtsordnung der sĂ€chsischen Landeskirche unberechtigt und mĂŒssen daher zurĂŒckgenommen werden.

Eine Kirchenorganisation sollte sich nicht dem Vorwurf aussetzen, durch Zwangsmaßnahmen gesellschaftspolitische Ziele durchzusetzen.

Prof. Dr. R. Slenczka

Erlangen, am 20. September 2012

Zu meiner Person: Ich bin ordinierter Pfarrer und emeritierter Professor fĂŒr Systemati-sche Theologie. Von 1972-1981 war ich Mitglied der Badischen Landessynode, von 1973-1982 Mitglied der Synode der EKD.

Anmerkungen

1 Dazu ausfĂŒhrlich mit entsprechenden Belegen: R. Slenczka, Kirchliche Entscheidung in theologischer Verantwortung. Grundlagen – Kriterien – Grenzen. Göttingen 1991

2 Dies zeigt sich in der Confessio Augustana, dem Grundbekenntnis der Reformation, mit der Einteilung in die Grundartikel (articuli fundamentales) 1-21. Diese Artikel umfassen den „magnus consensus“ der gesamten christlichen, in diesem Sinne katholischen Kirche. Sie sind unverĂ€nderlich und heilsnotwendig. Der zweite Teil enthĂ€lt die Artikel zu den MissbrĂ€uchen (abusus mutati), die in die Kirche eingedrungen sind.

3 Dazu: R. Slenczka, „FamiliĂ€res Zusammenleben im Pfarrhaus“. Theologische ErlĂ€uterungen zu § 39 des neuen Pfarrerdienstgesetzes der EKD und dessen BegrĂŒndung. In: Informationsbrief der Bekenntnisbewegung ‚Kein anderes Evangelium‘. Juni 2012. Nr. 272. 8-9.

4 Vgl. dazu: R. Slenczka, Abfall von den Grundlagen christlicher Gemeinschaft im Protestantismus. Mahnende Stimmen aus russischen, baltischen und afrikanischen Kirchen. Sonderdruck Informations-brief. Bekenntnisbewegung ‚Kein anderes Evangelium‘. Nr. 258. 2010.

5 Dazu: Georg Prater (Hgg.), KĂ€mpfer wider Willen. Erinnerungen des Landesbischofs von Sachsen D. Hugo Hahn aus dem Kirchenkampf 1933-1945. Metzingen 1969.

6 Ist eigentlich niemandem aufgefallen, dass diese Formulierung genau dem römischen Dogma der pÀpstlichen Unfehlbarkeit entspricht?

7 Prater, a.a.O. 40.

8 WA 7, 838, 1-8.

9 LK 297,25 f. Übersetzung des ausfĂŒhrlicheren lateinischen Originaltextes R. S.

10 Wilhelm Niesel (Hgg.), Um VerkĂŒndigung und Ordnung. Bekenntnissynoden der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union von 1934-1943. Bielefeld 1949. An diesen Texten kann man lernen, was die Aufgabe einer Synode ist.

11 Das MissverstĂ€ndnis zeigt sich immer wieder in der Bezeichnung „Kirchenparlament“. Es wird vergessen, das die Synode eine Versammlung im Heiligen Geist ist (Apg 15), in der durch das Wort Gottes der Heiligen Schrift beraten und entschieden wird.

12 Dazu vgl. Konkordienformel Art. X.

13 Am Rande sei darauf hingewiesen, dass kirchenamtliche Entscheidungen gegen Schrift und Bekenntnis ohnehin ungĂŒltig sind, selbst wenn sie mit 100-prozentiger Mehrheit angenommen wurden.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 24. September 2012 um 18:57 und abgelegt unter Gemeinde, Kirche, Theologie.