Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Die uniforme Welt der Genderjuristen

Mittwoch 9. MĂ€rz 2011 von Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.


Institut fĂŒr Demographie, Allgemeinwohl und Familie e. V.

Fakten stören nur: Die uniforme Welt der Genderjuristen

Ungleiches gleich behandeln: So will es das „Unisex“-Urteil des EuropĂ€ischen Gerichtshofs. Versicherungen dĂŒrfen kĂŒnftig in ihren Tarifen nicht mehr zwischen MĂ€nnern und Frauen differenzieren. Bisher boten Autoversicherungen gĂŒnstigere Angebote fĂŒr Frauen und private Rentenversicherer niedrigere Policen fĂŒr MĂ€nner. Diese von den Luxemburger Richtern verworfene vermeintliche „Diskriminierung“ war von Versicherungsmathematikern wohl kalkuliert. Man rechnete mit dem geringeren Unfallrisiko von Frauen und der geringeren Lebenserwartung von MĂ€nnern (1). AnhĂ€ngern der „Gender-Mainstreaming“-Philosophie missfallen schon die solchen Kalkulationen zugrunde liegenden Statistiken: Indem diese Statistiken die „statistische Signifikanz der Sex-Kategorie“ durch „harte Fakten“ belegten, fĂŒhrten sie „zu einer problematischen Rekonstruktion von Geschlecht“. Der statistisch vergleichende Zugang zu den LebensverhĂ€ltnissen zwischen MĂ€nnern und Frauen sei „irrefĂŒhrend“, wenn „er nicht genderbezogen weitergefĂŒhrt und qualifiziert“ werde (2). Das Geschlecht wollen sie eben nicht mehr als eine biologische Kategorie („sex“), sondern als sozio-kulturelle „Konstruktion“ („gender“) verstanden wissen – Fakten, auch statistische, stören in diesem Weltbild nur.

Dies gilt insbesondere fĂŒr Befunde aus der Medizin: So sterben MĂ€nner bekanntlich frĂŒher als Frauen (3). Auch dies ist zweifellos ein wichtiger Aspekt ungleicher LebensverhĂ€ltnisse der Geschlechter, allerdings zum Nachteil der MĂ€nner. Die anhaltende „Diskriminierung“ von Frauen meint nun der Tunnelblick des „Gender Mainstreaming“ vor allem auf dem Arbeitsmarkt erkennen zu können. Bekannte Stichworte sind hier Erwerbsbeteiligung, Löhne und berufliche FĂŒhrungspositionen. Aus diesem arbeitsmarktfixierten Weltbild ließe sich im Umkehrschluss folgern: Mit der kĂŒrzeren Lebenszeit bezahlten die MĂ€nner eben fĂŒr ihre extensive ErwerbstĂ€tigkeit. TatsĂ€chlich sterben MĂ€nner wesentlich hĂ€ufiger als Frauen bei ArbeitsunfĂ€llen in typischen MĂ€nnerberufen. Ausgerechnet diese Berufe (z. B. in der Bau- und Entsorgungswirtschaft, „Sicherheitsbranche“) bieten aber weder das „große Geld“ noch Prestige oder soziales Ansehen. Nicht zufĂ€llig verlangt denn auch niemand nach einer „Frauenquote“ unter MĂŒllwerkern, Feuerwehrleuten oder unteren MilitĂ€rdienstgraden. Die harte Lebenswirklichkeit von MĂ€nnern in diesen Berufen spielt im politisch-medialen Diskurs kaum eine Rolle: Das Wort fĂŒhren hier Akademiker(innen) mit Ambitionen auf berufliche „Karriere“ (4). Das Lebensschicksal entscheidet sich aus dieser auch die europĂ€ische BeschĂ€ftigungs- und Antidiskriminierungspolitik prĂ€genden Perspektive vor allem im BĂŒro-Beruf.

Die Arbeitswelt ist aber keineswegs ausschlaggebend fĂŒr die kĂŒrzere Lebenszeit von MĂ€nnern. Zu frĂŒh zeigen sich dafĂŒr die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Sterblichkeit: Aborte und Fehlgeburten kommen bei mĂ€nnlichen Föten hĂ€ufiger vor und mĂ€nnliche FrĂŒhgeborene haben deutlich schlechtere Überlebenschancen. In der „Sturm- und Drangphase“ der Jugend vergrĂ¶ĂŸert sich diese „Übersterblichkeit“ der Jungen noch. Aufgrund riskanterer (Fahr)Verhaltensweisen verunglĂŒcken mehr junge MĂ€nner als Frauen bei UnfĂ€llen (5). Junge MĂ€nner töten sich auch hĂ€ufiger vorsĂ€tzlich: Ihre Suizidquote ist mehr als dreimal so hoch wie die gleichaltriger Frauen. Noch deutlicher als (an den erfreulicherweise rĂŒcklĂ€ufigen FĂ€llen von Selbsttötung) zeigt sich die GefĂ€hrdung der Jungen an dem mittlerweile epidemischen „Aufmerksamkeitsdefizit-HyperaktivitĂ€tssyndrom“: Ärzte diagnostizieren es bei Jungen vier bis fĂŒnf Mal hĂ€ufiger als bei MĂ€dchen. Ein zentraler Grund fĂŒr die Konzentrations- und Aufmerksamkeitsdefizite sind die neueren elektronischen Medien: Experten schĂ€tzen, dass Jungen zehnmal hĂ€ufiger als MĂ€dchen von Computerspielsucht gefĂ€hrdet sind (6). Die AnfĂ€lligkeit fĂŒr virtuelle Parallelwelten ist wiederum eine wesentliche Ursache fĂŒr das immer auffĂ€lligere ZurĂŒckbleiben der Jungen im Bildungswesen (7).

Diese Probleme unvoreingenommen zu erforschen und zu diskutieren widerstrebt den Advokaten des Gender-Mainstreaming: Zu groß erscheint ihnen die Gefahr einer „einseitig bipolaren Konstruktion der geschlechterbezogenen Differenz-PrĂ€misse“. Eben diese Ignoranz der Verschiedenheit von MĂ€dchen und Jungen droht (Stichwort: frustrierte junge MĂ€nner) teuer zu werden. Teuer bezahlen mĂŒssen dann alle, nicht nur die Kunden privater Rentenversicherer.

 (1) David Böcking: Unisex-Urteil treibt BeitrÀge hoch, SPIEGELONLINE vom 01.03.2011, http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,748413,00.html. Das Urteil des EuGH im Wortlaut: http://www.spiegel.de/media/0,4906,25406,00.pdf.

(2) Gunter Neubauer/Reinhard Winter: Jungengesundheit in Deutschland: Themen, Praxis, Problemfelder, S. 30-57, in: Doris Bardehle/Matthias Stierle (Hrsg.): Erster deutscher MĂ€nnergesundheitsbericht – ein Pilotbericht, MĂŒnchen 2010, S. 53.

(3) Seit den ersten geschlechtsspezifischen MortalitĂ€tsanalysen im 18. Jahrhundert ist Forschern die höhere Lebenserwartung der Frauen bekannt. Biologische ErklĂ€rungen dieser „mĂ€nnlichen Übersterblichkeit“ fĂŒhren diese auf geschlechtsspezifische Unterschiede in Anatomie, Physiologie, Hormonhaushalt und Genetik, insbesondere das zusĂ€tzliche X-Chromosom der Frauen zurĂŒck. Verhaltens- und umweltorientierte AnsĂ€tze erklĂ€ren die niedrigere Lebenserwartung mit Gesundheitsrisiken im Berufsleben und mit gefĂ€hrlicheren Lebensstilen (Drogen- und Alkoholmissbrauch, riskantes Verhalten im Straßenverkehr etc.). GegenwĂ€rtig tendiert die Forschung dazu, den Verhaltens- und Umweltfaktoren einen grĂ¶ĂŸeren Einfluss zuzumessen, wobei allerdings ungeklĂ€rt bleibt, inwiefern nicht auch Verhaltensunterschiede wiederum biologisch (insbesondere hormonell) vorgeprĂ€gt sind. Vgl.: Marc Luy/Paola die Giulio: Der Einfluss von Verhaltensweisen und Lebensstilen auf die MortalitĂ€tsdifferenz der Geschlechter, in: Karla GĂ€rtner/Evelyn GrĂŒnheid/Marc Luy (Hrsg.): Lebensstile, Lebensphasen, LebensqualitĂ€t (Hrsg.): Lebensstile, Lebensphasen, LebensqualitĂ€t – InterdisziplinĂ€re Analysen aus dem Lebenserwartungssurvey des BiB, Wiesbaden 2005, S. 365-392.

(4) Ausnahmsweise ins Blickfeld der Medien rĂŒckt diese Arbeits- und Lebenswirklichkeit, wenn Gewerkschaften ArbeitskĂ€mpfe organisieren – typisch hierfĂŒr sind zum Beispiel Streiks bei der MĂŒllabfuhr.

(5) Siehe: Adelheid MĂŒller-Lissner: FĂŒr MĂ€nner tickt die Uhr schneller, TAGESSPIEGEL vom 26.08.2009, http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/art304,2882904.

(6) Gunter Neubauer/Reinhard Winter: Jungengesundheit in Deutschland, op. cito, S. 34-38.

(7) Siehe hierzu: http://www.i-daf.org/302-0-Wochen-17-18-2010.html.

Stefan Fuchs, 07.03.2011, IDAF (www.i-daf.org)

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