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Der verfälschte Jesus

Mittwoch 17. Mai 2006 von Alexander Schick


Alexander Schick

Der verfälschte Jesus

Selten hat ein Film so viel Wirbel verursacht wie die Verfilmung des Bestsellers von Dan Brown, „Sakrileg“ (auf deutsch: Frevel), um angeblich „unterdrückte Geheimnisse“ des Christentums. Der Streifen kommt am 18. Mai in die Kinos. Obwohl es sich um eine Roman-Verfilmung handelt, ist eine breite Diskussion über den „wahren Jesus“ entbrannt, die der Vatikan mit einem Boykottaufruf noch gefördert hat. „Sakrileg“-Experte Alexander Schick (Westerland auf Sylt) über den Film des Jahres, die Sakrileg-Debatte und die Irrtümer von Dan Brown.

Eine wilde Verfolgungsjagd im berühmten Louvre (Paris), ein in Todesfurcht gehetzter Museumsdirektor, der, durch einen Schuß tödlich getroffen, in dieser Gemäldegalerie zusammenbricht. So beginnt der Kinofilm „The Da Vinci Code – Sakrileg“. Aber es geht nicht um einen Kunstraub, wie man vielleicht denken möchte, sondern um einen kaltblütigen Mord, der von einem christlichen Fanatiker ausgeführt wird. Denn: Der Museumsdirektor ist vor allem Hüter äußerst brisanter Geheimnisse, die Jesus Christus, Maria und die Bibel betreffen. Deshalb dürfe er – so der fanatische Katholik – nicht weiterleben. Der todbringende Wettlauf in der Gemäldesammlung des Louvre rührt an den Grundlagen des Christentums, denn Hollywood präsentiert diesmal nicht nur einen äußerst packenden Kinothriller, sondern stellt zugleich die Bibel grundlegend in Frage.

Der meistgelesene Roman

Vorlage des Films ist Dan Browns Religionsthriller „The Da Vinci Code“, der im deutschsprachigen Europa den Titel „Sakrileg“ trägt. Das Buch gilt bereits heute mit fast 50 Millionen verkauften Exemplaren und Übersetzungen in 44 Sprachen als der meistgelesene Roman der Welt. In „Sakrileg“ entwirft Brown ein völlig anderes Bild über Jesus Christus, als wir es in den Evangelien vorfinden. So ist für Brown Jesus ein normal sterblicher Mann, der mit Maria Magdalena verheiratet war und eine Tochter mit ihr hatte. Erst unter Kaiser Konstantin sei im 4. Jahrhundert Jesus per Abstimmung auf dem „Konzil von Nizäa“ zu Gott erklärt worden. Konstantin hätte daher alle früheren Aufzeichnungen über den sterblichen Jesus vernichten lassen und eine neue, gefälschte Evangeliensammlung in Auftrag gegeben, eben die bekannten Evangelien der Bibel. Diese würden aber ein völlig falsches Bild von Jesus Christus bieten. Dennoch hätten sich „authentische“ Berichte über den „wahren, menschlichen“ Jesus erhalten, die die Evangelienhäscher von Kaiser Konstantin bei ihrer Vernichtungsaktion übersehen hätten. Dabei handle es sich um die weltberühmten Qumran-Schriftrollen vom Toten Meer und um die Funde von Nag Hammadi in Oberägypten. Diese Dokumente sprächen „in einer sehr menschlichen Weise vom Wirken Jesu“. Außerdem glaubt Dan Brown, daß heute noch Nachkommen Jesu unter uns leben würden, wie er im ZDF-Interview am 5. Mai bestätigte. Dieses Geheimnis nun würde der Vatikan mit allen Mitteln zu vertuschen versuchen.

Eine Nachfahrin Jesu

Nur vordergründig geht es daher in „Sakrileg“ um die Aufklärung des Mordes an dem Museumsdirektor. Die französische Polizei bittet den „Symbolforscher“ Professor Langdon bei der Klärung des rätselhaften Mordes zu helfen. Langdon erkennt, daß der Tote durch versteckte Hinweise auf die Werke Leonardo da Vincis aufmerksam machen wollte – Hinweise, die auf eine finstere Verschwörung deuten. Die Polizei verdächtigt nun aber den Professor des Mordes, doch dieser beginnt mit eigenen Nachforschungen und wird dabei von Sophie Neveu, einer Kryptologin der Pariser Polizei, unterstützt, die sich später als Enkelin des Toten und – man höre und staune – Nachfahrin von Jesus herausstellt. Ihr Großvater sei ein führendes Mitglied einer Geheimgesellschaft („Priorat von Zion“) gewesen, die das letzte Geheimnis der Nachkommen Jesu hütet . Die 100 Millionen US-Dollar teure Produktion bietet einen spannenden Kinoabend mit bestem Staraufgebot Hollywoods. In den Hauptrollen glänzt Megastar Tom Hanks als Prof. Langdon und die ihm – sozusagen als charmantes „Bond-Girl“ und Ur-ur-ur-…Enkelin Jesu – zur Seite stehende Audrey Tautou (Sophie Neveau).

„Mitten in einem Krieg“

Die Werbung für den Film, der am 17. Mai die Filmfestspiele von Cannes eröffnet, ist effekthascherisch: „Wir stecken mitten in einem Krieg, der schon seit Ewigkeiten geführt wird, um ein so mächtiges Geheimnis zu bewahren, das – wenn es enthüllt werden würde – die Fundamente der Menschheit einstürzen ließe!“ Dabei bräuchte der Film überhaupt keine Werbung mehr, denn nicht zuletzt der Vorwurf, daß der Film blasphemisch und antichristlich sei, sowie der Boykottaufruf des Vatikans hat das Interesse weltweit verstärkt. Kaum eine Zeitung oder ein Fernsehsender, der nicht über den Film berichtet. Howard und die Filmfirma Columbia lehnen es ab, im Vorspann auf den fiktiven Charakter des Films hinzuweisen, wie dies von kirchlichen Organisationen gefordert wurde. Im US-Fernsehen erklärte Howard immerhin: „Da sind einige kontroverse Elemente in der Geschichte, aber es ist Fiktion, Dan Brown beteuert das, und ich beteure das als der Filmdirektor.“ Die Filmwerbung suggeriert aber genau das Gegenteil! „Erkenne das Geheimnis – Suche die Wahrheit … Werden Sie Zeuge der größten Vertuschungsaktion in der Geschichte der Menschheit!“

Roman oder Sachbuch?

Genau hier liegt das Problem bei Film und Buch. In einem US-Interview wurde Brown gefragt: „Dieses Buch ist ein Roman. Wenn Sie dasselbe nicht in Romanform geschrieben hätten, … hätte es dann anders ausgesehen?“ Dan Brown: „Ich denke nicht. Ich begann die Recherche für ,The Da Vinci Code‘ (Sakrileg) als ein Skeptiker. Ich erwartete, als ich die Recherche betrieb, diese Theorie zu widerlegen (über Maria Magdalena und ihre Verbindung zu Jesus). Nach mehreren Europareisen und zwei Jahren der Recherchearbeit, wurde ich ein Gläubiger.“

Leonardo und der „Da Vinci Code“

Auch Leonardo da Vinci habe angeblich schon gewußt, daß Jesus mit Maria Magdalena verheiratet gewesen sei. In seinem berühmten Gemälde „Das Letzte Abendmahl“ sei die Person an der Seite Jesu in Wirklichkeit nicht der Jünger Johannes, sondern eine Frau: nämlich Maria Magdalena. Leonardo da Vinci habe dieses Geheimnis „codiert“ der Nachwelt mitgeteilt (daher der Originaltitel „The Da Vinci Code“). Der „heilige Gral“ – in den mittelalterlichen Legenden, der Kelch vom letzten Abendmahl – sei in Wahrheit eine Person, nämlich Maria Magdalena: der „weibliche Schoß, der das Geblüt Christi getragen“ habe, also das königliche Blut Jesu. In Film wie Buch wird ausgiebig „Das Letzte Abendmahl“ von einem Gralsgelehrten untersucht. Dabei fleht er geradezu Prof. Langdon und seine Assistentin Neveu (die angebliche Nachfahrin Jesu!) an: „Sie müssen die Wahrheit in die Welt hinausschreien, die Menschheit kann endlich befreit werden!“ Jetzt sollten Christen aufhorchen, denn hier wird die „Befreiung von dem biblischen Jesus Christus“ propagiert!

Was ist Fakt? Was ist Fiktion?

Unter der Mitarbeit von sechs namhaften Wissenschaftlern aus dem Bereich der Bibeltext-, Jesus- und Leonardoforschung haben wir in dem gerade erschienenen Buch „Das wahre Sakrileg“ (Knaur 2006) die zentralen Thesen von Browns Roman kritisch untersucht. Das Fachurteil ist vernichtend!

1. War Jesus mit Maria Magdalena verheiratet?

Dan Brown behauptet in „Sakrileg“ auf S. 336, „daß die Ehe zwischen Jesus und Maria historisch verbürgt sei“, denn „nach den Anstandsregeln der damaligen Zeit war es einem jüdischen Mann praktisch verboten, unverheiratet zu bleiben“. Der Experte antwortet: „Browns Mutmaßungen zu Ehe und Zölibat sind durch antike Quellen widerlegt! So wissen wir von den (jüdischen) Essenern, daß ein Teil von ihnen eben nicht verheiratet war. Und Paulus fordert gar die Nachfolger Jesu auf, wenn sie es können, ledig zu bleiben, um Gott intensiv dienen zu können“, so Michael Welte vom Institut für neutestamentliche Textforschung der Universität Münster. Dan Brown behauptet auf S. 337: „Und die Gefährtin des Erlösers war Maria Magdalena. Christus liebte sie mehr als seine Jünger und küßte sie oft auf den Mund.“ So stehe es im apokryphen „Philippus-Evangelium“. Und weiter: „Jeder, der des Aramäischen mächtig ist, wird ihnen bestätigen, daß das Wort Gefährtin in jenen Tagen nichts anderes als Ehefrau bedeutet hat.“ Der Experte Welte antwortet: „Die gnostischen Schriften sind nicht in aramäischer, sondern in koptischer Sprache geschrieben, und das Wort ist hier im Sinne einer ‚Weggefährtin’ zu verstehen. Es geht also ganz einfach um Jüngerschaft. Auch von einem Kuß auf dem Mund steht nichts in dem Text, der nur lückenhaft erhalten ist. Nicht ein einziger Buchstabe ist von dem gemutmaßten Wort ‚Mund’ zu sehen. Im übrigen bedeutet in der frühen Christenheit der Kuß bei der Begrüßung nicht mehr und nicht weniger als ein Symbol, es ist das Zeichen der neuen Gemeinschaft.“

2. Enthalten die Qumrantexte Geheiminformationen über Jesus?

Dan Brown behauptet auf S. 337, daß die „Schriftrollen … vom Toten Meer die frühesten Dokumente des Christentums“ seien. Dazu Professor Alan Millard von der Universität Liverpool: „Das ist einer der besonders großen Fehler. Der Mensch, der behauptet, daß die Schriftrollen vom Toten Meer christliche Texte seien, hat einfach keine Ahnung, worüber er spricht.“

3. Hält der Vatikan die Qumrantexte unter Verschluß?

Dan Brown behauptet auf S. 323: „Natürlich hat der Vatikan in Fortsetzung seiner Tradition der Verschleierung und Informationsunterdrückung mit allen Mitteln versucht, die Veröffentlichung dieser Schriften zu verhindern.“ Dazu Professor Claus-Hunno Hunzinger, der in den 50er Jahren die Qumranrollen als erster deutscher Wissenschaftler bearbeitete: „Der Vatikan hatte mit der Bearbeitung und Veröffentlichung der Schriftrollen vom Toten Meer niemals etwas zu tun gehabt. Er hatte überdies auch gar kein Interesse daran, die Veröffentlichung dieser Texte zu unterdrücken, denn die Schriftrollen vom Toten Meer gefährden keineswegs die Grundlagen des Christentums. Ganz im Gegenteil! Sie bieten eine große Hilfe, auf dem Hintergrund dieser jüdischen Literatur die Botschaft Jesu besser und deutlicher zu verstehen.“ Hunzingers Urteil über das Phänomen „Sakrileg“: „Die Leute sind von einer solchen religiösen Ahnungslosigkeit, daß sie jeden Blödsinn glauben und auf den Leim gehen. Gegen Argumente kann man wissenschaftlich argumentieren, gegen pure Phantasien hat man nichts entgegenzusetzen, das ist wie der Kampf von Don Quichote gegen die Windmühlen.“

4. Wurde unter Kaiser Konstantin die Bibel verfälscht?

Dan Brown behauptet auf S. 318: „Das Neue Testament, wie wir es heute kennen, geht auf … Kaiser Konstantin zurück.“ Die Evangelien wurden dabei verfälscht, und ältere Berichte wurden daher vernichtet. Dabei seien „Tausende von Handschriften“ zerstört worden, die von einem sterblichen Jesus berichten. Michael Welte von der Uni Münster antwortet: „Ganz im Gegenteil! Weil viele Bibeln in den vorausgegangenen Christenverfolgungen vernichtet worden waren, hat Konstantin im Jahre 331 für die Hauptkirchen seines Reiches neue Bibelhandschriften herstellen lassen.“ Wir haben zudem eine Vielzahl von neutestamentlichen Papyrushandschriften aus der Zeit vor Kaiser Konstantin, der älteste Textbeleg des Neuen Testaments reicht sogar bis in die Zeit von 100-125 n. Chr.!

5. Sitzt im „Letzten Abendmahl“ Maria neben Jesus?

Dan Brown behauptet auf S. 334: „Die Frau an der Seite Jesu wirkte jung und fromm … Das ist Maria Magdalena.“ Der weltweit führende Leonardoforscher Professor Frank Zöllner vom Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig antwortet: „Das ist völliger Unsinn! Die Darstellung des Johannes folgt dem damals üblichen Typus. An Leonardos Darstellung ist in dieser Hinsicht nichts ungewöhnlich. Außerdem wäre es für einen Künstler des 15. Jahrhunderts völlig undenkbar, in einem Abendmahl eine Magdalena darzustellen!“

Christen sollten den Film nutzen!

Fazit: „Sakrileg“ verdankt seine Popularität ebenso unhaltbaren wie tendenziösen Tatsachenbehauptungen, die nun auch in einem packenden Kinothriller verpackt sind. Aber ohne die geschickt kaschierten Attacken auf das Christentum wäre „Sakrileg“ kein so großer Erfolg und Rummel beschienen. Der Roman ist jedenfalls ein Verrat an jeder Form von Glaubwürdigkeit. Doch Christen könnten den Rummel positiv nutzen. Der Hollywood-Star Tom Hanks (im Film Prof. Langdon) meinte: „Ich glaube, im Endeffekt wird der Film den Kirchen helfen, ihre Arbeit zu machen. Wenn sie ein Schild raushängen auf dem steht: ‚Diesen Mittwoch diskutieren wir das Evangelium’, dann werden 12 Leute auftauchen. Aber wenn auf dem Schild steht: ‚Diesen Mittwoch diskutieren wir den Da Vinci Code’, dann werden 800 Leute auftauchen.“ Also hängen wir die Schilder in den Gemeindehäusern raus und laden wir zu einem fundierten Gespräch über Sakrileg, Jesus und die Bibel ein!

Übrigens: Dan Brown weigert sich, mit dem Vatikan oder Fachleuten über die Inhalte seines Romans zu diskutieren. Bei einem Auftritt im amerikanischen Portsmouth erklärte Brown dazu: „Das sollen die Bibelforscher und Historiker mal schön unter sich austragen. Das Christentum habe Galilei und Darwin überlebt, und so werde es auch Dan Brown überleben.“ Damit hat er ausnahmsweise Recht!

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 17. Mai 2006 um 18:04 und abgelegt unter Buchempfehlungen, Theologie.