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„Ich bin Missionar.“

Montag 10. Januar 2011 von Pfr. Dr. Jochen Teuffel


Pfr. Dr. Jochen Teuffel

Ich bin Missionar. Richtet die Verbreitung der christlichen Botschaft Unheil an?

Zugegeben, ich bin Missionar. Missionar sein war einmal eine respektable Berufung im 19. Jahrhundert. Die nach Übersee entsandten Missionare erfuhren allgemeines Wohlwollen in der deutschen Bevölkerung. Wer heute hingegen als christlicher Missionar tätig ist, sieht sich kritischen Anfragen ausgesetzt. Andere Völker für den christlichen Glauben zu gewinnen wird oft als kulturzerstörisch angesehen. Das deutsche Spenderherz lässt sich für Katastrophenhilfe bewegen; in Sachen Seelenheil scheint jedoch niemandem zu helfen zu sein.

Als Missionar in Hongkong ist man heutzutage nicht an vorderster Front. Das persönliche Bekehrungszeugnis von jungen Chinesen im Freundeskreis ist viel gewinnender als Erklärungsversuche unsereins, denen das Christsein in die Wiege gelegt wurde. So besteht meine Tätigkeit an einer Kirchlichen Hochschule vor allem darin, Theologiestudierende aus Südostasien in der Grammatik der christlichen Lehre zu unterrichten. Als Missionar missioniert man nicht mehr; man dient einer einheimischen Partnerkirche in deren Bemühungen um den christlichen Glauben.

Konfrontiert man Christen in Hongkong mit deutscher Missionskritik, stößt man auf Unverständnis: Warum nicht die Botschaft propagieren, die man selbst als heilvoll erfahren hat? So verwundert es nicht, dass unter Christen in Hongkong ein starker missionarischer Impetus vorhanden ist: Gemeindeglieder nehmen in ihrer Urlaubszeit an Missionstrips nach China teil; verschiedene Kirchen entsenden Missionare in andere Länder. Damit folgen sie einem allgemeinen Trend. Während die Mission vormals das Werk von Europäern und Nordamerikanern war, haben sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts die missionarischen Aktivitäten hin zu den Kirchen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas verlagert.

Was sich kirchenentwöhnte Deutsche kaum vorstellen können, ist, dass das Christentum auf anderen Kontinenten „heiß“ ist. Es wird dort als etwas angenommen, womit man das eigene Leben nicht nur bewältigen, sondern verbessern kann. Die Grundlage ist eine Wirklichkeitsdimension, die für außereuropäische Kulturen grundlegend ist: Außerhalb einer sichtbaren Welt, die wissenschaftlich beschrieben werden kann, existiert eine Sphäre von unsichtbaren, einflussreichen Mächten. Sie wirken sich in einem organischen Zusammenhang auf das Leben entweder positiv oder negativ aus. Man muss sich daher durch richtiges Tun und Verhalten in eine wohlgefällige Beziehung zu ihnen bringen.

Es ist dieser organische Lebenszusammenhang, der den Nährboden für Bekehrungen bildet. Die christliche Lehre erweist sich als effektive religiöse Wohlergehenslehre, als Diätetik: Sie wird als Erlösung von einem selbstempfundenen Schuldverhängnis erfahren, als Zugang zu der Über-Macht des einen Gottes, zu Schutz, Heilung, Wohlstand. Schließlich empfinden Christen eine bisweilen ekstatische Ermächtigung durch den Heiligen Geist und göttliche „callings“ als Impuls zu einer selbstgewissen Lebensführung.

Leben, Übersetzung, Bildung

All dies bewirkt mehr als Sinnstiftung oder Kontingenzbewältigung. Der Glaube erscheint als Lebensressource, nicht als aufoktroyierte Vorschrift. Menschen nehmen Christus an, weil das ihrer Lebensweise zusagt. Die biblische Lebensform ist der Lebenssituation in Afrika oder Asien weit näher als im postindustriellen Europa. So genügt eine sprachliche Übersetzung ohne hermeneutische Allegoresen. Wenn dann noch Lebenszeugnisse von Bekannten das Heil bewahrheiten, liegt die eigene Bekehrung von selbst nahe. Umgekehrt bestätigt die Bekehrung eines Mitmenschen das eigene Christsein. So sind die Christen selbst daran interessiert, ihre Erfahrungen in gewinnender Weise „Nichtgläubigen“ gegenüber zu bezeugen.

Auffälligerweise war die christliche Mission in Südostasien gerade unter Minoritäten erfolgreich, wie zum Beispiel den Chins in Birma oder den Montagnards in Vietnam. Teilweise wurde Mission gegen den Willen einer europäischen Kolonialverwaltung betrieben, wie im Falle der Nagas in Nordostindien, wo gegenwärtig mehr als 90 Prozent der Bevölkerung Baptisten sind. Als Ex-Monty Python Michael Palin in seiner BBC-Fernsehserie über den Himalaja seinen einheimischen Übersetzer fragte, warum die Konyaks, ein Naga-Stamm von ehemaligen Kopfjägern, die christliche Lehre angenommen haben, erhielt er die knappe Antwort: wegen der Bildung.

In der Tat ist die christliche Lehre ein wesentlicher Bildungsträger, basiert doch in vielen Ländern das Schulsystem auf vormaligen Missionsschulen. Im Unterschied zum Koran ist die Bibel von Anfang an in einheimische Sprachen übersetzt worden. Vor allem die protestantische Mission hat auf die Wirkung der gedruckten Bibel gesetzt und dazu die meisten Schriftsprachen durch Übersetzungen geschaffen. Gott spricht die eigene Muttersprache. Um sein Wort für das eigene Leben zu erfahren, muss man die Bibel lesen können. Für Stammeskulturen entsteht ein Anreiz zum Erlernen der eigens geschaffenen Schriftsprache. Diese wird wiederum dazu verwendet, die eigene Kultur zu verschriftlichen. Der Einfluss von Bibelübersetzungen für die Bewahrung des tribalen kulturellen Erbes kann daher nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Neuheidnischer Paternalismus

Tribale Gesellschaften stehen durch Kolonialisierung, nationalstaatlichen Territorialismus sowie ökonomische Globalisierung unter Assimilierungsdruck. Wo eine überkommene Götter- oder Geisterwelt als Schutzmacht solchem Veränderungsdruck nicht gewachsen ist, entsteht ein Machtvakuum, das zu einem kulturzerstörerischen Fatalismus führen kann. Der muttersprachlich assimilierte christliche Glaube hingegen versichert sich des Beistandes des einen übermächtigen Gottes. Mit derartigem Rückhalt können Modernisierungseinflüsse von außen unter Beibehaltung der eigenen kulturellen Identität aufgenommen werden.

Entgegen dem gängigen Vorurteil ist die christliche Mission durch ihre Übersetzungsleistung nicht kulturzerstörerisch. Es ist gerade die indigenisierte christliche Lehre, die die Identität von tribalen Minoritäten gegen Assimilierungsversuche seitens dominanter „Staatsvölker“ wie beispielsweise die Birmanen in Burma bewahrt. Ohne Eigenstaatlichkeit sind Stammesgesellschaften von der internationalen Völkergemeinschaft ausgeschlossen – nicht jedoch von der christlichen Ökumene. Das weltweite Netzwerk der Partnerkirchen verschafft ihnen Protektion und Bildungsressourcen, die ihnen im eigenen Land verwehrt sind.

Wenn Europäer die Mission ablehnen, ignorieren sie die eigene tribale Vergangenheit. Die europäische Zivilisation verdankt sich dem Umstand, dass die christliche Mission unter germanischen Stammesgesellschaften vor mehr als tausend Jahren erfolgreich gewesen ist. Ohne die Kirche sind Schriftlichkeit und die Aneignung des klassischen Bildungsguts kaum vorstellbar. Warum sollte man dies anderen Kulturen nicht zugestehen? Wenn heute Mission das Werk einheimischer Christen ist, lässt sich der Paternalismusverdacht umkehren: Europäer, die die Mission verteufeln, projizieren ihre neuheidnischen Vorbehalte in andere Kulturen: „Was für uns nicht (mehr) von Bedeutung ist, kann für euch auch nicht gut sein.“ Nicht die Mission, sondern deren Ablehnung ist ein eurozentristischer Versuch, andere Völker zu paternalisieren. Der Anspruch, eine „authentische“ Kultur schützen zu wollen, spiegelt einen GEO-Naturalismus wieder, der Menschen mit ihren eigenen Aspirationen nicht erst genug nimmt. Die propagierte Kulturauthentizität reduziert sie zu exotischen „Naturvölkern“, die als ethnologische Studienobjekte oder Tourismusattraktionen wahrgenommen werden. Diese Haltung kann leicht eine rassistische Schieflage annehmen, wenn es darum geht, „Naturvölker“ zusammen mit Wildtieren in ihrer vermeintlichen Ursprünglichkeit zu schützen.

Christliche Mission hingegen enthält eine Absage an jede Form von Rassismus, werden doch Menschen unabhängig von Rasse oder Geschlecht auf einen gleichen Status hin angesprochen, entweder als todbestimmte Sünder, die nicht rettungslos verloren sind, oder als Schwestern und Brüder im Herrn. Missionare agieren nicht aus einem Überlegenheitsgefühl heraus, sondern teilen das mit anderen, was sie selbst als heilvoll erfahren haben. Wo andere Menschen die christliche Botschaft für sich annehmen, entsteht eine Gemeinschaft mit Verpflichtungen, die nicht immer spannungsfrei ist. Exotische „Naturvölker“ kann man sich auf Distanz halten, nicht aber Menschen, von denen Jesus im Gleichnis vom Weltgericht sagt: „Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“

Jochen Teuffel ist evangelischer Gemeindepfarrer in Vöhringen/Iller. Im vergangenen Jahr veröffent­lichte er das Buch „Mission als Namenszeugnis – Eine Ideologiekritik in Sachen Religion“.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, Nr. 239, Mittwoch, 17. Oktober 2007, Seite 15.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 10. Januar 2011 um 16:21 und abgelegt unter Christentum weltweit.