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„Das Wort ward Fleisch“

Donnerstag 23. Dezember 2010 von Carl Olof Rosenius (1816-1868)


Carl Olof Rosenius (1816-1868)

Andacht zum Christfest
„Das Wort ward Fleisch“ (Johannes 1,14)

Das Wort, das ewige Wort ward Fleisch. Gottes ewiger Sohn wird Mensch, wirklicher Mensch, nur nicht ein s├╝ndiger, sondern ein reiner Mensch, geboren von einer Frau. Wer von einer wahren, nat├╝rlichen Frau geboren wird, der mu├č auch ein wahrer, wirklicher Mensch sein. So ist auch Gottes ewiger Sohn ein Glied unseres Geschlechts, so da├č Sein Stamm und Seine Vorfahren unter die Nachkommen Adams gez├Ąhlt werden, wie es das erste Blatt des Neuen Testamentes zeigt. Gottes Sohn ist unser Verwandter, unser Blutsverwandter, ÔÇ×den Br├╝dern gleichÔÇť, die S├╝nde ausgenommen. Unbegreifliche Liebe Gottes, die einen so wunderbaren und so gnadenvollen Ratschlu├č zu unserer Errettung fa├čte!

Aber hier wird es vor den Augen der Vernunft schwarz. Gottes ewiger Sohn unser Blutsverwandter, unser Bruder! Ist es wahr? Ist es m├Âglich? Ich beginne und ich schlie├če, und ich beginne wieder mit diesem Punkt. Ist es wahr? Ist es m├Âglich? Ich kann es nicht begreifen, kann aber auch nicht davon wegkommen. Meine Gedanken werden gleichsam in ein Netz ewiger Unbegreiflichkeiten, zugleich aber auch in ein Netz unwiderleglicher Zeugnisse eingeschn├╝rt. Die Frage hat ein solches Gewicht, da├č mit ihr das ganze Christentum steht oder f├Ąllt und damit zugleich auch unsere ganze Errettung und Seligkeit.

Einerseits ist es viel zu gro├č und zu herrlich, da├č wir armen, gefallenen Menschenkinder so hoch gesch├Ątzt und geehrt sein sollten, da├č Gottes ewiger Sohn unser Bruder und Blutsverwandter sein soll – viel zu gro├č und herrlich, so da├č ich es wegen seiner Gr├Â├če nicht glauben kann. Andererseits ist mir dieser Stein des Ansto├čes zu schwer, um ihn wegwerfen zu k├Ânnen. Es steht eine Welt voller Zeugnisse da, die auf Ihn deuten; zuerst ein ganzes Weltalter der merkw├╝rdigsten Vorhersagungen, sodann ein nachfolgendes Weltalter der merkw├╝rdigsten Erf├╝llungen und der wunderbarsten p├╝nktlichen Vollziehungen alles dessen, was vorhergesagt wurde. Kann ich die Person wegwerfen, die der Gegenstand dieser Voraussagungen und Erf├╝llungen ist? Den Stein, der von den Bauleuten verworfen wurde, den Gott aber zu einem Eckstein machte, – sollte ich versuchen, den wegzuwerfen? Oder kann ich auch nur das verwerfen, was ich heute von Seinem Reich auf Erden sehe? Ja, kann ich alles das verwerfen, was ich selber von diesem getreuen Herrn erfahren habe? O nein! Er ist ein lebendiger und gegenw├Ąrtiger Gott, wir kennen Ihn ja, – doch nur als offenbart im Fleisch, denn niemand kennt den Vater denn nur der Sohn.

Kann ich aber andererseits all das Gro├če und Herrliche glauben, was darin liegt, da├č Gott offenbart ist im Fleisch? Das ist doch allzu gro├č und herrlich! Und doch ist es eine ewige und g├Âttliche Wahrheit, die ebenso gewi├č und g├Âttlich ist, wenn auch die Vernunft aller Menschen daran zerschellt. Ja, Gott sei Dank, da├č wir sie nicht begreifen k├Ânnen, d. h., da├č wir nicht einen so kleinen Gott haben, dem unsere arme, blinde Vernunft folgen k├Ânnte! Er bewahre uns davor, einen Gott zu haben, der unseren nicht einmal unser eigenes Wesen verstehenden Verstand ├╝bersteigen w├╝rde!

Da├č das arme, gefallene und enge Herz diesen unaussprechlichen Schatz und diese unbeschreibliche Freude aber nicht behalten kann, das ist doch eine Plage, derentwegen man sich eine baldige Erl├Âsung w├╝nschen kann. K├Ânnte ich diese gro├če Herrlichkeit nur lebendig in meinem Herzen behalten, da├č Gottes ewiger Sohn unser Blutsverwandter, unser Bruder ist, dann wollte ich nichts mehr, dann h├Ątte ich f├╝r Zeit und Ewigkeit genug. Denn dann w├╝rde ich solche Schl├╝sse aus diesem seligen Verh├Ąltnis ziehen, da├č kein einziger trauriger Gedanke mehr Raum bekommen k├Ânnte. Mein armes Herz w├╝rde wohl eher vor allzu gro├čer Freude und Wonne brechen. Unser gefallenes und erniedrigtes Geschlecht ist so geehrt worden, da├č Gottes ewiger Sohn sich in unser Geschlecht begeben hat, einer unseresgleichen, unser Blutsverwandter geworden ist. Nun will ich nichts mehr wissen, unser Geschlecht ist wahrlich so geehrt und ├╝ber alle Engelthronen, ja, bis in den Himmel erh├Âht worden, so da├č man wohl sagen mu├č, da├č unser durch den S├╝ndenfall erlittener Schaden, unsere Schmach und Erniedrigung mehr als reichlich ger├Ącht und erstattet sind. Jetzt ist es die gr├Â├čte Ehre, ein Mensch zu sein; ja, die heiligen Engel h├Ątten wahrlich Grund zu w├╝nschen: ÔÇ×Ach, wer nur ein Mensch w├Ąre!“ Es ist wahr, was Luther bemerkt: ÔÇ×Nachdem der Sohn Gottes ein Mensch geworden ist, sollte dies doch die Frucht und die Wirkung auf uns haben, da├č wir alles, was Mensch hei├čt, innig lieben und uns dar├╝ber freuen und nie mehr irgendwelche Unfreundlichkeit gegen ein Mitglied dieses Geschlechts hegen.ÔÇť

Alle Christen m├╝├čten sich auch zu ihrem Troste und ihrer Ermunterung gegen alle Widerw├Ąrtigkeiten des Lebens etwas tiefer in diese Betrachtung versenken und Gott um die Gnade bitten, sie in ihr Herz hineinzubringen, so da├č sie mit gro├čer Freude und Verwunderung sprechen k├Ânnten: „Jetzt will ich nichts mehr. Gottes Sohn ist ein Mensch! Dann wird es mit allem gut werden. Ist Gottes Sohn unser Anverwandter oder Blutsverwandter geworden, dann ahne ich im Herzen Gottes eine gr├Â├čere Liebe zu den Menschen, als wir gew├Âhnlich glauben. Dann mu├č es nicht so sein, wie es uns so oft vorkommt, da├č Gott fern und gleichg├╝ltig gegen uns sei; nein, dann mu├č ein tiefes Verbergen dahinterliegen, ein wundersames Spielen mit uns, wenn Er sich so verh├Ąlt, als k├╝mmere Er sich nicht um uns.

O, Abgrund der Barmherzigkeit,
Da├č Gott sich hat in Fleisch gekleidt.
Die Menschheit angenommen,
In allem, ohn‘ die S├╝nd, uns gleich!
Willkomm’n. Herr Gott, vom Himmelreich
Willkomm’n, Herr Jesu! Amen.

Mag. Carl Olof Rosenius, aus┬á„T├Ągliches Seelenbrot“, Betrachtungen f├╝r jeden Tag des Jahres, aus dem Schwedischen ├╝bersetzt von Christian Bau, Lutherischer Missionsverein, Elmshorn, 2001, S. 717.

Carl Olof Rosenius (* 3. Februar 1816 in Nys├Ątra; ÔÇá 24. Februar 1868 in Stockholm) war ein schwedischer Laienprediger und Initiator einer neuevangelischen, schwedischen Erweckungsbewegung, die sich 1856 als Evangelische Vaterlandsstiftung (Evangeliska Fosterlandsstiftelsen) organisierte.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 23. Dezember 2010 um 17:45 und abgelegt unter Predigten / Andachten.