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Das Vaterland zwischen Verg├Âtzung und Verachtung

Dienstag 10. August 2010 von Dr. Christian Herrmann


Dr. Christian Herrmann

Das Vaterland zwischen Verg├Âtzung und Verachtung

Bei sportlichen Gro├čereignissen wie einer Fu├čballweltmeisterschaft zeigen die Menschen deutlich sichtbar ihre Verbundenheit nicht nur mit der eigenen Mannschaft, sondern auch mit dem eigenen Land. Dabei dachten viele, dass den Deutschen als Gegenreaktion zum Dritten Reich die Liebe zu ihrem Land oder gar der Stolz auf dieses sp├Ątestens durch die Kulturrevolution der 68er gr├╝ndlich ausgetrieben wurde. In Schulb├╝chern, Vorlesungen oder politischen Ansprachen wird das Thema Vaterland oder Heimatliebe nach wie vor weitgehend tabuisiert. Oder man bem├╝ht sich, sozusagen in Gestalt eines „negativen Nationalismus“ die Einzigartigkeit Deutschlands in der Bosheit und Schwere der Schuld herauszustellen und jede Differenzierung als Revanchismus oder Verharmlosung des Geschehenen herauszustellen.

Sowohl die positive Verabsolutierung des Vaterlandes (├ťberlegenheit der germanischen Rasse) wie das negative Pendant (totale Verwerflichkeit nationaler Bez├╝ge) ist problematisch. Gerade in einer Zeit der Globalisierung und zunehmenden Individualisierung sehnen sich die Menschen nach konkreten Haftpunkten, nach Heimat, Orientierung und ├ťberschaubarkeit. Ein programmatisches Weltb├╝rgertum mag chic sein; befriedigend ist es auf die Dauer aber nicht, wenn man ├╝berall und nirgends zu Hause ist. Das ist ├Ąhnlich wie der Unterschied zwischen st├Ąndig wechselnden Kontakten und einer verl├Ąsslichen Beziehung in Ehe und Familie. Die Menschen wollen kein blo├čes Nebeneinander von Individuen ohne gemeinsame Bez├╝ge oder einen Staat, der sich ├╝ber ein sein technokratisches Funktionieren definiert. Vielmehr gibt es ein Bed├╝rfnis nach einem „Wir-Gef├╝hl“, nach einer „community cohesion“ (gemeinschaftlicher Zusammenhalt), wie der Zust├Ąndigkeitsbereich der britischen Integrationsministerin hei├čt. ├ťberhaupt das Ausland: gerade weit mehr als Deutschland vom Multikulturalismus gepr├Ągte L├Ąnder wie Gro├čbritannien oder die USA sind besonders patriotisch orientiert. So sagen Einwanderer in den USA nach kurzer Zeit „I am proud to be American“ (Ich bin stolz, Amerikaner zu sein) und k├Ânnen Briten mit ihrer ausgepr├Ągten Gedenkkultur (man beachte die vielen Gedenktafeln in anglikanischen Kirchen!) sagen: „Right or wrong – our country!“ (richtig oder falsch – unser Land!“).

Sind aber nicht in biblischer Sicht alle Menschen gleich? Ja und nein. Richtig ist, dass alle Menschen zum Ebenbild Gottes geschaffen wurden (1. Mo. 1,27), von Gott gleicherma├čen beansprucht und gesch├╝tzt werden (1. Mo. 9,6), von Gott geliebt sind (Joh. 3,16; vgl. 1. Tim. 2,4). Das Pfingstereignis schafft eine ganz neue, n├Ąmlich heilsgeschichtlich begr├╝ndete Einheit in der Vielfalt der Menschen und Kulturen (Apg. 2,1-11). In der Beziehung zu Gott gibt es keinen Unterschied an Relevanz oder Wertigkeit aufgrund ethnischer Zugeh├Ârigkeit, sozialen Standes oder Geschlechtes (Gal. 3,28). Diese Einheitsperspektive verbietet es, Bez├╝ge individueller Art dahingehend zu verstehen, dass sie gegen andere Menschen ausgespielt oder in ein Gef├Ąlle an Wertigkeit ├╝berf├╝hrt werden. Es ist also abwegig zu behaupten, dass ein Amerikaner oder Deutscher mehr wert ist oder mehr Grund zum Stolz auf sein Land h├Ątte als z.B. ein Italiener oder Kenianer.

Doch wird als Gegenstand des Lobpreises Gottes in der Bibel auch die Unterscheidung der Menschen nach V├Âlkern und L├Ąndern benannt (5. Mo. 32,8). Die Tatsache des allgemeinen Geliebtseins durch Gott oder der Erschaffung zum Ebenbild Gottes reicht nicht zum Heil; dieses muss vielmehr je einzeln zugeeignet, im Glauben ergriffen werden (Joh. 3,16: „alle, die an ihn glauben“). Pfingsten oder die Einheit in Christus ist gerade deswegen ein Wunder, weil die gesch├Âpflich-innerweltlich entstandenen Unterschiede, zu denen auch die Volkszugeh├Ârigkeit geh├Ârt, gerade weiter bestehen und in ihrer je spezifischen Gestalt ernst genommen werden (1. Kor. 9,20-22). Es ist keineswegs selbstverst├Ąndlich, dass ein Nichtisraelit Zugang zum Heilshandeln Gottes erh├Ąlt. Gerade die Unterscheidung zwischen Israel und den V├Âlkern verdeutlicht das Neue des Geschehens, wenn die Heidenchristen in den ├ľlbaum eingepfropft werden (R├Âm. 11,17-24) oder wenn die V├Âlker zum Zion pilgern und sich von Gott unterweisen lassen (Jes. 2,2-4) oder die Weisen aus dem Morgenland zum neugeborenen Christus kommen (Mt. 2,1-12).

Die Spannung von Unterscheidung und Zuordnung ist eine Wesensstruktur des Handelns Gottes. Gott macht einen Unterschied zwischen Sch├Âpfer und Gesch├Âpf, doch bezieht den Menschen als Ebenbild auf sich. Gott ist transzendent, aber nimmt in Christus Fleisch an. Gerade das Gesetz und die Gerichtsverfallenheit machen als bleibender Spannungspol die Gr├Â├če, Unverf├╝gbarkeit, Wunderhaftigkeit von Evangelium und Freispruch deutlich. Gott ist der ganz Andere und bindet sich doch konkret-leiblich an das ├Ąu├čere Wort der Heiligen Schrift und das sinnlich erfahrbare Element von Wasser, Wein und Brot in Taufe und Abendmahl.

Die Liederdichter des fr├╝hen Protestantismus haben die Thematik des Vaterlandes von dieser Einsicht her behandelt, wenn sie es als Gabe aus der „Vaterhand“ Gottes her verstehen: Johann Cr├╝ger / Johann Franck: „Herr Gott, dich loben wir“ (altes EKG Nr. 393): „Herr Gott, dich loben wir / f├╝r deine gro├čen Gnaden / da├č du das Vaterland / von Kriegslast entladen … da├č du uns zwar gestrafet, / jedoch in deinem Zorn / nicht gar hast weggeraffet; / es hat die Vaterhand / uns deine Gnadenth├╝r / jetzt wieder aufgetan …“. Johann Walter stellt in seinem Lied „Wach auf, wach auf, du deutsches Land“ (altes EKG Nr. 390) das Evangelium als besondere Gabe, aber auch Verpflichtung an Deutschland heraus und leitet daraus den Weckruf zur Bu├če ab: „Gott hat dich, Deutschland, hoch geehrt / mit seinem Wort der Gnaden … Wach auf, Deutschland! ’s ist hohe Zeit / du wirst sonst ├╝bereilet“.

Es geht also um eine ├╝ber Gott vermittelte Sicht auf das eigene Vaterland. Das eigene Land wird damit einerseits in seiner Bedeutung relativiert: es ist Gabe, kann also nicht zum letzten und wichtigsten Bezugspunkt werden. Andererseits wird es gew├╝rdigt, wird Gegenstand des Danks. Zudem geht mit der Gabe eine Verpflichtung einher, gilt es, der geschenkten W├╝rde entsprechend zu leben.

Die Ableitung, Begr├╝ndung und Begrenzung der innerweltlichen Bez├╝ge (Selbstbezug, Bezug zum N├Ąchsten und zu gr├Â├čeren Einheiten wie Volk oder Staat) von Gott her macht es erstens m├Âglich, diese Bezugsinstanzen zu w├╝rdigen, ohne sie zu verabsolutieren. Es geht um etwas, was uns – ob wir wollen oder nicht – pr├Ągt und mit dem wir uns auseinandersetzen m├╝ssen. Die angloamerikanische Tradition tut sich damit leichter als die deutsche oder slawische, weil sie das Nationalbewusstsein an der Geschichte und nicht an der Rasse und biologisch begr├╝ndeten Zusammengeh├Ârigkeit festmacht. Das steht der biblischen Sicht n├Ąher: Israel definiert sich stets ├╝ber das geschichtlich – mit, ohne, gegen Gott – Erlebte (vgl. 5. Mo. 32). Die Geschichte ist unwiderruflich abgelaufen und pr├Ągt in ihren jeweils spezifisch nationalen Auspr├Ągungen jeden Menschen. Man tritt mit der Geburt ein in eine ererbte Kultur und in einen positiven wie negativen Geschichtsverlauf des eigenen Volkes. Diese Bindung ist emotionaler Art und daher eher geeignet, Beheimatungsgef├╝hle zu erwecken als etwa ein rein abstrakter Bezug auf bestimmte Werte der Verfassung („Verfassungspatriotismus“). Werte m├╝ssen geschichtlich gewachsen und verwurzelt sein, um verinnerlicht und in die nationale Identit├Ąt integriert werden zu k├Ânnen. Andererseits bewahrt der R├╝ckbezug auf die Geschichte mit ihrem h├Âchst zwiesp├Ąltigem Verlauf vor der ├ťbersteigerung entweder ihrer positiven oder ihrer negativen Teile. Man darf und soll dankbar Brauchtum, Sprache, Andenken an herausragende Pers├Ânlichkeiten und Ereignisse der eigenen Kultur und Geschichte pflegen. Man muss dann aber auch eintreten in den Zusammenhang von Unrecht und Schuld der Vorfahren. So steht in den gro├čen Bu├čgebeten des Alten Testamentes (Neh. 9; Dan. 9) stets dankbares Gedenken an das Positive und Selbstkritik wegen eigenen Fehlverhaltens nebeneinander.

Zweitens erlaubt der R├╝ckbezug auf Gott einen gelassenen Umgang mit Unterschieden zwischen den V├Âlkern. Wenn man dankbar f├╝r das eigene positiv Erlebte sein darf, kann man leichter zugestehen, dass Gott auch in jeweils spezifischer Weise mit den anderen V├Âlkern umgeht. Man muss nicht in eine Konkurrenz darum eintreten, welches bessere und minderwertige V├Âlker sind, sondern darf ebenso wie bei den Individuen die spezifischen Eigenpr├Ągungen jeder Nation mit Interesse und Dank zur Kenntnis nehmen. In der Begegnung mit der Brauchtums- und Traditionspflege anderer L├Ąnder wird man wom├Âglich zur R├╝ckbesinnung auf erhaltenswerte Traditionen des eigenen Landes angeregt.

Drittens wird ein erfolgreicher Dialog zwischen L├Ąndern und Kulturen erst m├Âglich, wenn die Dialogpartner ihre eigenen Pr├Ągungen ernst nehmen. Den N├Ąchsten zu lieben wie sich selbst, setzt immerhin voraus, sich eben auch selbst zu lieben. Dialog setzt Profil voraus.

Im Unterschied zum Nationalismus unterl├Ąsst der Patriotismus allerdings graduelle Unterscheidungen nach dem Wert und Verabsolutierungen der eigenen Bez├╝ge. Ein Patriot fiebert mit seiner Fu├čballmannschaft um den Sieg. Er nimmt es aber sportlich, wenn die anderen gewinnen, und denkt dankbar zur├╝ck an fr├╝here Siege. Christen k├Ânnen in die Gestaltung des Patriotismus das motivierende – und begrenzende – Element des Gottesbezuges einbringen.

Dr. Christian Herrmann, T├╝bingen

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Dienstag 10. August 2010 um 9:39 und abgelegt unter Allgemein, Gesellschaft / Politik.