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Der Lobgesang der Maria (Magnificat) 1520 – Teil II

Freitag 14. Dezember 2007 von Martin Luther (1483-1546)


Martin Luther (1483-1546)

Der Lobgesang der Maria (Magnificat) 1520 – Teil II

Davon sagt Jeremia (9,22 f.): „Niemand rühme sich seiner Stärke, seines Reichtums oder seiner Weisheit, sondern, wer sich rühmen will, der rühme sich, daß er mich erkennt und weiß“, wie auch S. Paulus lehrt 2.Kor. 10,17: „Wer sich rühmt, der rühme sich Gottes.“ 

So hat die Mutter Gottes ihren Gott und Heiland mit bloßem, reinen Geist gelobt, ohne sich von seinen Gütern etwas anzumaßen; dadurch hat sie ihm recht gesungen von seiner Gütigkeit. Nunmehr kommt sie dann der Ordnung nach dazu, auch seine Werke und Güter zu loben. Denn wie gesagt, man darf nicht an die Güter Gottes sich klammern und sie in Anspruch nehmen, sondern man muß durch sie zu ihm hinauf dringen, an ihm allein hangen und von seiner Gütigkeit viel halten. Dann soll man ihn auch in seinen Werken loben, in welchen er uns solche Gütigkeit zum Lieben, Trauen und Loben erzeigt hat; so sollen also die Werke nichts anderes sein als eine vielfache Veranlassung, seine bloße Gütigkeit, die über uns regiert, zu lieben und zu loben.

Maria hebt wiederum zuerst bei sich selbst an und singt, was Gott ihr getan hat. Damit lehrt sie uns zwei Stücke. Das erste: Ein jeder soll auf das acht haben, was Gott mit ihm wirkt, mehr als auf alle Werke, die er mit andern tut. Denn es wird die Seligkeit von keinem in dem bestehen, was Gott bei einem andern, sondern was er bei dir wirkt; in diesem Sinn antwortet Christus Joh. 21,21 f., als S. Petrus von S. Johannes sprach: „Was soll aber dieser tun?“ und sagt zu ihm: „Was geht es dich an? Folge du mir“, als wollte er sagen: „Des Johannes Werke werden dir nicht helfen; du mußt selber dich dranmachen und warten, was ich mit dir tun will.“ Freilich herrscht gerade jetzt ein greulicher Mißbrauch in der Welt, indem man gute Werke austeilt und verkauft. Einige vermessene Geister wollen da andern Leuten helfen, besonders solchen, die ohne eigene Gotteswerke leben oder sterben, gerade wie wenn sie zuviel gute Werke hätten. Und S. Paulus sagt doch deutlich 1.Kor. 3,8: „Ein jeglicher wird Lohn empfangen nach seiner Arbeit“, also ohne Zweifel nicht nach eines andern Arbeit.

Es wäre zu ertragen, wenn sie für andere Leute beteten oder ihre Werke als eine Fürbitte Gott vortrügen. Da sie aber nun nicht anders damit umgehen, als wie wenn sie etwas herschenken könnten, ist’s ein schändliches Beginnen. Und was noch das Allerärgste ist: sie geben ihre Werke her, obgleich sie von ihnen selbst nicht wissen, wie sie vor Gott gelten. Denn Gott sieht nicht die Werke, sondern das Herz an und den Glauben, durch den er auch bei uns wirkt. Darauf geben sie gar nicht acht; sie bauen nur auf die äußerlichen Werke und verführen sich selbst und jedermann damit. Sogar so weit drängen sie sich vor, daß sie die Leute bereden, Mönchskutten anzuziehen beim Sterben; sie geben vor, wer in solchem heiligen Kleid sterbe, habe Ablaß von allen Sünden und werde selig. So fangen sie an, die Leute nicht allein mit fremden Werken, sondern auch mit fremden Kleidern selig zu machen.

Ich glaube, sieht man nicht dazu, so wird sie der böse Geist noch so weit führen, daß sie die Leute durch Klosterspeisung, -behausung und -begräbnis zum Himmel führen. Hilf Gott, was für mit den Händen zu greifende Finsternisse sind mir das, wenn eine Mönchskutte rechtschaffen und selig machen kann! Was braucht man dann den Glauben? Lasset uns alle Mönche werden oder alle in Kutten sterben! Es dürfte auf die Weise wohl Tuch draufgehen, allein zu Mönchskutten. Hüte dich, hüte dich vor den Wölfen in solchen Schafskleidern; sie zerreißen und verführen dich.

Sei darauf bedacht, daß Gott auch bei dir sein Werk treibe und daß du deine Seligkeit nur auf die Werke, die Gott in dir allein wirkt, und auf keine anderen stellst, wie du hier die Jungfrau Maria tun siehst. Wenn du aber durch andrer Fürbitte dir dazu helfen läßt, so ist’s recht und wohlgetan; füreinander sollen wir alle beten und etwas tun. Aber niemand soll ohne eigene gottgewirkte Werke auf andrer Werke sich verlassen, sondern jeder soll mit allem Fleiß sein Augenmerk auf sich und auf Gott richten, nicht anders, als wie wenn er und Gott allein im Himmel und auf Erden wäre und als ob Gott mit niemand als mit ihm zu schaffen hätte; dann mag er auch auf die Werke andrer Leute sehen.

Das zweite, was Maria hierin lehrt, ist: Ein jeder soll der erste sein wollen in Gottes Lob und soll Gottes Werke, die in ihm geschehen sind, bekanntmachen und darnach auch Gott in den Werken andrer loben. So lesen wir Apg. 15,12, daß Paulus und Barnabas den Aposteln ihre Gotteswerke verkündigten und jene umgekehrt die ihrigen; ebenso machten sie’s Luk. 24,34 f. nach der Auferstehung Christi, als er ihnen erschienen war. Da hebt dann ein gemeinsames Sich-Freuen und Loben an, zu Gott emporsteigend, wo ein jeder des andern Gnade und doch die seine zuerst preist, auch wenn sie gleich geringer wäre als die des andern; er begehrt nicht der erste oder vorderste zu sein hinsichtlich der Güter, sondern im Loben und Lieben Gottes. Denn ihnen genügt an Gott und seiner bloßen Gütigkeit, mag auch die Gabe gering sein. So gar fein einfältig ist ihr Herz. Die Eigennützigen und Selbstsüchtigen dagegen sehen krumm und scheel, wenn sie gewahr werden, daß sie nicht die Höchsten und Besten sind hinsichtlich der Güter; anstatt zu loben murren sie, weil sie andern gleich oder geringer sind, wie die im Evangelium Mat. 20,11 f., die wider den Hausvater murrten, nicht weil er ihnen Unrecht tat, sondern weil er sie den andern gleichstellte mit dem Tagelohn.

So findet man zur Zeit viele, die Gottes Gütigkeit nicht loben, weil sie sehen, daß sie nicht ebensoviel haben wie S. Petrus oder sonst ein Heiliger oder wie dieser und jener auf Erden. Sie meinen, wenn sie auch so viel hätten, wollten sie auch wohl Gott loben und lieben; sie achten es gering, daß sie doch mit Gütern Gottes überschüttet sind, die sie nicht erkennen, als da ist Leib, Leben, Vernunft, Gut, Ehre, Freunde, samt dem Dienste, den ihnen die Sonne tut mit allen Kreaturen. Und wenn sie gleich alle Güter Marias hätten, würden sie doch darin nicht Gott erkennen und loben. Denn, wie Christus Luk 16,10 sagt, „wer im Geringen und Wenigen treu ist, der ist auch im Großen und Vielen getreu, und wer im Wenigen untreu ist, der ist auch im Vielen untreu.“ Drum haben sie’s verdient, daß ihnen das Viele und Große nicht zuteil wird, weil sie das Kleine und Wenige verschmähen; lobten sie aber Gott im Kleinen, so würde ihnen das Große auch im Überfluß zuteil. Das kommt daher: sie sehen über sich und nicht unter sich. Wenn sie unter sich sehen würden, würden sie deren viele finden, die ihnen vielleicht nicht zur Hälfte gleich und doch wohl mit Gott zufrieden sind und die ihn loben.

Ein Vogel singt und ist fröhlich in dem, was er kann, und murrt nicht, daß er nicht reden kann. Ein Hund springt fröhlich und ist zufrieden, obwohl er keine Vernunft hat. Alle Tiere lassen sich genügen und dienen Gott mit Lieben und Loben. Nur das böse, eigennützige Auge des Menschen, das ist unersättlich. Und doch will es sich nicht recht schicken, daß es satt werden könnte, weil es so undankbar und hochmütig ist; denn es will obenan sitzen und der Beste sein, will nicht Gott ehren, sondern von ihm geehrt sein.

So lesen wir, daß zur Zeit des Konstanzer Konzils zwei Kardinäle, die durchs Feld ritten, einen Hirten stehen und weinen sahen. Der eine Kardinal, ein gütiger Mann, wollte nicht vorüberreiten, sondern den Mann trösten; er ritt zu ihm hin und fragte ihn, was ihm wäre. Da weinte der Hirte sehr und wollte es lange nicht sagen, so daß der Kardinal bekümmert wurde. Zuletzt hob er an und zeigte auf eine Kröte und sprach: „Darüber weine ich, daß mich Gott als eine so feine Kreatur geschaffen hat, nicht so ungestalt wie den Wurm, und daß ich das nie erkannt und ihm nie Dank und Lob dafür gesagt habe.“ Der Kardinal schlug in sich und entsetzte sich über das Wort, so daß er vom Maultier fiel; man mußte ihn hineintragen, und er schrie: „O Sankt Augustin, wie wahr hast du gesagt, die Ungelehrten stehen auf und nehmen den Himmel an unsrer Statt an, und wir mit unsrer Gelehrsamkeit wallen in Fleisch und Blut.“ Nun halte ich dafür, der Hirte sei weder reich noch hübsch noch mächtig gewesen; und dennoch hat er Gottes Güter so tief betrachtet und Dank dafür gesagt, daß er mehr in sich gefunden, als er hat übersehen können.

Als das erste Werk Gottes in ihr bekennt Maria, es sei das „Ansehen“. Das ist auch das größte, in dem die andern alle hangen und aus dem alle fließen. Denn wo es dahin kommt, daß Gott sein Angesicht jemand zuwendet, um ihn anzusehen, da ist lauter Gnade und Seligkeit, da müssen alle Gaben und Werke nachfolgen. So lesen wir 1. Mo. 4,4 f., daß Gott Abel und sein Opfer ansah; aber Kain und sein Opfer sah er nicht an. Daher kommen die häufigen Gebete im Psalter, Gott wolle sein Angesicht zu uns wenden, es nicht verbergen, es über uns leuchten lassen und dergleichen. Daß auch Maria selber das für das Größte hält, zeigt sie damit, daß sie spricht: „Siehe da, um dieses Ansehens willen werden mich selig sprechen Kindeskinder.“

Beachte die Worte! Sie sagt nicht, man werde ihr viel Gutes nachsagen, ihre Tugend preisen, ihre Jungfrauschaft oder ihre Demut erheben oder etwa ein Liedlein von ihrer Tat singen; sondern nur davon, daß Gott sie angesehen hat, davon würde man sagen, sie sei selig. Das heißt doch, die Ehre Gott so rein geben, daß es nicht reiner sein könnte. Drum weist sie auf dieses „Ansehen“ hin, indem sie sagt: „Ecce enim, ex hoc …“ – „Siehe da, von nun an werden mich selig sprechen usw.“, d.h., „von der Zeit an, da Gott meine Nichtigkeit angesehen hat, werde ich selig gesprochen werden“. Damit wird nicht sie gelobt, sondern Gottes Gnade über ihr; ja, sie wird sogar verachtet und macht sich selber verächtlich, indem sie sagt, ihre Nichtigkeit sei von Gott angesehen worden. Darum rühmt sie auch ihre Seligkeit, ehe sie die Werke erzählt, die Gott ihr getan habe, und schreibt alles ganz und gar dem zu, daß Gott ihre Nichtigkeit ansah.

Daraus können wir lernen, welches die rechte Ehrung sei, mit der man Maria ehren und ihr dienen soll. Wie muß man sagen zu ihr? Sieh die Worte an, so lehren sie dich so sagen: „O du selige Jungfrau und Mutter Gottes, wie bist du so gar nichts, gering und verachtet gewesen, und Gott hat dich dennoch so überaus gnädig und reichlich angesehen und große Dinge in dir gewirkt. Du bist ja keins davon wert gewesen, und weit und hoch über all dein Verdienst hinaus ist die reiche, überschwengliche Gnade Gottes in dir. Oh, wohl dir; selig bist du von der Stunde an bis in Ewigkeit, die du einen solchen Gott gefunden hast usw.“ Du brauchst nicht zu denken, daß sie das ungern höre, wenn man sie solcher Gnade unwürdig nennt. Denn sie hat ohne Zweifel nicht gelogen, wenn sie selber ihre Unwürdigkeit und Nichtigkeit bekennt, welche Gott gar nicht wegen ihres Verdienstes, sondern aus lauter Gnade angesehen habe.

Die unnützen Schwätzer hört sie ungern, die viel von ihrem Verdienst predigen und schreiben. Sie wollen damit ihr großes eigenes Wissen beweisen und sehen nicht, wie sie das Magnifikat ganz unterdrücken, die Mutter Gottes Lügen strafen und die Gnade Gottes verkleinern. Denn soviel Würdigkeit und Verdienst man ihr zulegt, soviel tut man der göttlichen Gnade Abbruch und verkleinert des Magnifikats Wahrheit. Der Engel grüßt sie auch nur als von Gottes Gnaden und, daß der Herr mit ihr sei, wovon sie gebenedeiet sei unter allen Weibern. Deshalb sind alle, die ihr soviel Lob und Ehre aufdrängen und all dies auf ihr ruhen lassen, nicht weit davon weg, daß sie einen Abgott aus ihr machen, gerade als wäre es ihr darum zu tun, daß man sie ehre und von ihr Gutes erwarte. Und sie weist es doch von sich und will Gott in sich gelobt wissen und durch sich jedermann zu guter Zuversicht auf Gottes Gnade bringen!

Wer sie darum recht ehren will, darf sie nicht allein vor sich hinstellen, sondern muß sie vor Gott hin und weit unter Gott stellen und sie da bloßmachen und ihre Nichtigkeit ansehen. Dann mag er sich wundern über die überschwengliche Gnade Gottes, der ein solch geringes, nichtiges Menschenkind so reich und gnädig ansieht, umfängt und segnet. Von diesem Anblick sollst du also dazu bewegt werden, Gott zu lieben und zu loben ob solcher Gnade, und sollst dich dadurch reizen lassen, dich alles Guten zu versehen zu solchem Gott, der geringe, verachtete, nichtige Menschen so gnädig ansieht und nicht verschmäht. So soll dein Herz gegen Gott im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung gestärkt werden. Was, meinst du, kann ihr Lieberes begegnen, als wenn du auf solche Weise durch sie zu Gott kommst und an ihr lernst auf Gott zu trauen und zu hoffen – auch wenn du verachtet und zu nichts gemacht wirst, worin das auch geschehen möge, im Leben oder Sterben? Sie will nicht, daß du zu ihr, sondern daß du durch sie zu Gott kommst. Auf der andern Seite sollst du dich fürchten lernen vor allem hohen Wesen, nach dem die Menschen trachten, wenn du siehst, daß Gott auch an seiner Mutter ein hohes Ansehen weder fand noch haben wollte.

Aber die Meister, die uns die selige Jungfrau dergestalt malen und vor Augen bilden, daß nichts Verachtetes, sondern lauter Großes, Hohes an ihr zu sehen ist, was tun sie anders, als daß sie allein uns der Mutter Gottes und nicht sie Gott gegenüberstellen? Damit machen sie uns schüchtern und verzagt und verdecken das tröstliche Gnadenbild, wie man’s mit den Bildern in der Fastenzeit macht. Denn es ist dann kein Beispiel mehr da, dessen wir uns getrösten können, sondern sie wird über alle Beispiele hinausgehoben. Und doch sollte und wollte sie gerne das allervornehmste Beispiel der Gnade Gottes sein, um alle Welt anzureizen zur Zuversicht, zur Liebe und zum Lob der göttlichen Gnade gegenüber; alle Herzen sollten von ihr ein solches Vertrauen zu Gott gewinnen, daß sie mit aller Zuversicht sprechen könnten: „Ei, du selige Jungfrau und Mutter Gottes, wie hat uns Gott an dir einen so großen Trost erzeigt, weil er deine Unwürdigkeit und Nichtigkeit so gnädig angesehen hat; dadurch sind wir auch für die Zukunft daran erinnert, daß er uns arme, nichtige Menschen nach deinem Beispiel auch nicht verachten und gnädig ansehen wird.“

Was meinst du? David, S. Petrus, S. Paulus, S. Maria Magdalena und ihresgleichen sind durch die große Gnade, die ihnen, ohne daß sie es wert waren, zu aller Menschen Trost gegeben worden ist, Beispiele, um die Zuversicht und den Glauben Gott gegenüber zu stärken. Wäre dann nicht auch die selige Mutter Gottes leicht und verdientermaßen ein solches Beispiel für alle Welt? Nun kann sie es nicht sein vor den überflüssigen Lobpredigern und den unnützen Schwätzern, die nicht auf Grund dieses Verses deutlich machen, wie in ihr der überschwengliche Reichtum Gottes mit ihrer tiefen Armut, die göttliche Ehre mit ihrer Nichtigkeit, die göttliche Würde mit ihrer Verächtlichkeit, die göttliche Größe mit ihrer Kleinheit, die göttliche Güte mit ihrem Nichtverdienthaben, die göttliche Gnade mit ihrer Unwürdigkeit zusammengekommen sind. Daraus würde Lust und Liebe zu Gott erwachsen in aller Zuversicht; zu diesem Zweck sind auch ihr und aller Heiligen Leben und Taten beschrieben worden. Aber nun trifft man wohl einige, die bei ihr wie bei einem Gott Hilfe und Trost suchen, daß ich besorgt bin, es sei zur Zeit mehr Abgötterei in der Welt, als je gewesen ist. Das sei für diesmal genug.

Das lateinische „omnes generationes“ habe ich verdeutscht mit „Kindeskinder“, wiewohl es wörtlich heißt „alle Geschlechter“. Das ist aber so dunkel geredet, daß manche sich hier sehr bemüht haben, inwiefern es wahr sei, daß „alle Geschlechter sie selig heißen“, wo doch Juden, Heiden und viel böse Christen sie lästern oder wenigstens es doch ablehnen, sie selig zu heißen; das kommt daher, daß sie das Wörtlein „Geschlecht“ von der Gesamtheit der Menschen verstehen.. Und es heißt hier doch mehr: die auf der natürlichen Geburt beruhende Gliederfolge, wie eins nach dem andern geboren wird: der Vater, der Sohn, des Sohnes Sohn, und ebenso jedes weitere Glied heißt ein Geschlecht. So meint die Jungfrau Maria nichts anderes als: ihr Preis werde auch so währen von einem Geschlecht zum andern, daß es keine Zeit gebe, in der sie nicht gepriesen werde. Und das macht sie deutlich, indem sie sagt: „Siehe da, von nun an alle Geschlechter“; d.h. „jetzt hebt’s an und währt bei allen Geschlechtern bis zu Kindeskindern.“

Auch das Wörtlein „makariusi“ geht weiter als „selig sagen“; es heißt „seligen“ oder „selig machen“. Es soll also nicht nur mit Sagen oder Worten geschehen oder mit Kniebeugen, mit Hauptneigen, mit Hutabnehmen, mit Bildermachen, mit Kirchenbauen – das tun ja auch die Bösen vortrefflich; sondern da braucht’s alle Kräfte und Grundehrlichkeit. Das geschieht, wenn das Herz (wie oben gesagt) durch ihre Nichtigkeit und Gottes gnädiges Ansehen Freude und Lust durch sie zu Gott gewinnt und man mit ganzem Herzen sagt oder denkt: „O du selige Jungfrau Maria!“ Solch ein „seligen“ ist ihre rechte Ehrung, wie wir gehört haben.

Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist, und heilig ist sein Name

Hier singt sie zusammenfassen von allen Werken, die Gott an ihr getan hat, und hält dabei eine gute Reihenfolge ein. Im vorigen Vers hat sie von Gottes Ansehen und gnädigem Willen über sie gesungen, was auch, wie gesagt, das Größte ist und das Hauptstück aller Gnade; hier singt sie von Werken und Gaben. Denn Gott gibt wohl manchen viele Güter und stattet sie prächtig damit aus, wie Luzifer im Himmel; er wirft seine Gaben unter die große Menge; aber darum sieht er sie noch nicht an. Die Güter sind nur Geschenke, die zeitlich währen, aber sein gnädiges Ansehen ist das Erbe, das ewig bleibt, wie S. Paulus sagt Röm. 6,23: „Die Gnade ist das ewige Leben!“ In den Gütern gibt er das Seine, im gnädigen Ansehen gibt er sich selbst; in den Gütern empfängt man seine Hand, aber im gnädigen Ansehen empfängt man sein Herz, seinen Geist, seinen Sinn und Willen. Darum schreibt die selige Jungfrau das Größte und Erste dem Ansehen zu. Sie sagt nicht zuerst: „Alle Kindeskinder werden mich selig preisen, daß er an mir so große Dinge getan hat“; davon spricht ja dieser Vers. Sondern sie sagt zuerst: „daß er auf mich nichtige Person und auf meine Nichtigkeit gesehen hat“; davon redet der vorhergehende Vers. Wo ein gnädiger Wille ist, da sind auch Gaben; aber nicht ist umgekehrt auch schon ein gnädiger Wille da, wo die Gaben sind. Darum ist’s richtig, daß dieser Vers dem vorhergehenden erst folgt. So lesen wir 1. Mo. 25,3 f., daß Abraham den Kindern seiner Beiweiber oder Nebenfrauen Geschenke gab; aber Isaak, den rechten Sohn von der rechten Hausherrin Sara, gab er das ganze Erbe. So will Gott, daß seine rechten Kinder nicht mit seinen Gütern und Geschenken sich trösten, mögen sie so groß und so viel sein, wie sie wollen, von geistlicher oder leiblicher Art; sondern mit seiner Gnade und ihm selber sollen sie sich trösten, ohne doch die Gaben zu verachten.

Sie zählt auch keine Güter im einzelnen auf, sondern mit einem Wort faßt sie diese alle zusammen, indem sie sagt: „Er hat große Dinge an mir getan“, d.h., „Es ist alles groß, was er an mir getan hat“. Dabei lehrt sie uns: Je größer die Andacht im Geiste ist, desto weniger Worte macht sie. Denn sie fühlt, daß sie es überhaupt nicht mit Worten erreichen kann, wie sie es wohl gedenkt und gerne wollte. Darum sind diese wenigen Worte des Geistes immer so groß und tief, daß sie niemand verstehen kann, als wer auch denselben Geist wenigstens zu einem Teil fühlt; denen ohne diesen Geist aber erscheinen solche Worte gar geringfügig und ganz ohne Saft und Geschmack, während sie mit viel Worten und großem Geschrei ihre Dinge ausrichten. So lehrt auch Christus Mat. 6,7, daß wir nicht viele Worte machen sollen, wenn wir beten; denn solches tun die Ungläubigen, die meinen, sie werden um vieler Worte willen erhört. In der Art ist auch jetzt in allen Kirchen viel Läuten, Musizieren, Singen, Schreien und Lesen, aber ich fürchte, gar wenig Lob Gottes; denn er will im Geist und in der Wahrheit gelobt sein, wie er Joh. 4,24 sagt.

Salomo sagt Spr. 27,14: „Wer seinen Nächsten mit großem Geschrei lobt, und steht früh dazu auf, der ist zu achten wie ein Lästerer“, denn er macht die Sache verdächtig, daß jedermann denkt, er wolle eine böse Sache beschönigen; damit, daß er’s so hitzig betreibt, macht er die Sache nur ärger. Wer umgekehrt seinen Nächsten mit lauter Stimme lästert und frühe dazu aufsteht (d.h. nicht faul ist, es mit großem, eifrigem Fleiß tut), ist einem Lobpreiser gleich zu achten. Denn man denkt, es sei nicht wahr, und er tue es aus Haß und bösem Herzen; er macht damit seine eigene Sache ärger und die seines Nächsten besser. Ebenso ist es auch, wenn man Gott mit viel Worten, Schreien und Klingeln zu loben vermeint; da tut man, als wäre er taub oder wüßte nichts, als wollten wir ihn aufwecken und unterweisen. Ein solch falscher Wahn von Gott gereicht ihm mehr zur Schmach und Unehre als zum Lobe. Anders dagegen steht’s, wenn einer seine göttlichen Taten tief im Herzen wohl bedenkt und sie mit Verwunderung und Dank ansieht; da fährt es ihm vor Inbrunst heraus, und er seufzt mehr, als daß er redet; da brechen die Worte von selbst im Flusse hervor, nicht ausgedacht und wohlgesetzt, so daß gleichsam der Geist mit heraussprudelt und die Worte Leben, Hände und Füße haben, ja daß zugleich der ganze Leib und alles Leben und alle Glieder gerne reden wollten. Das heißt dann Gott recht mit dem Geist und in der Wahrheit loben; da sind die Worte lauter Feuer, Licht und Leben, wie David Ps. 119,140 sagt: „Herr, das Reden von dir ist ganz feurig.“ Ferner Ps. 119,171: „Meine Lippen sollen dir ein Lob hervorsprudeln“, gerade wie ein heißes Wasser beim Sieden überläuft und sprudelt, weil es sich nicht mehr halten kann vor großer Hitze im Topf. Von der Art sind auch alle Worte dieser seligen Jungfrau in diesem Gesang: sie sind nur wenig, und doch tief und groß. Solche Menschen nennt S. Paulus Röm. 12,11: spiritu ferventes, „die geistlich brünstig sind und sprudeln“, und er lehrt uns solcher Art zu sein.

Die „großen Dinge“ sind nichts anderes, als daß Maria Gottes Mutter geworden ist. In diesem Werk sind ihr so viele und große Güter gegeben, daß sie niemand begreifen kann; denn daraus kommt alle Ehre und alle Seligkeit, daraus kommt es, daß sie innerhalb des ganzen Menschengeschlechtes eine einzigartige Person ist über alle. Denn niemand ist ihr gleich, weil sie mit dem himmlischen Vater ein Kind, und zwar ein solches Kind hat. Und sie selber kann dem keinen Namen geben vor überschwenglicher Größe und muß es dabei bewenden lassen, daß sie in ihrer Inbrunst losbricht und hervorsprudelt, es seien große Dinge, die nicht mit Worten zu erschöpfen noch zu ermessen seien. In einem Wort hat man darum alle ihre Ehre zusammengefaßt: wenn man sie nämlich „Gottes Mutter“ nennt; es kann niemand Größeres von ihr noch zu ihr sagen, und wenn er gleich soviel Zungen hätte, als es Laub und Gras, Sterne am Himmel und Sand am Meere gibt. Es will auch im Herzen bedacht sein, was das heißt, Gottes Mutter zu sein.

Sie schreibt es auch ganz der Gnade Gottes, nicht ihrem Verdienst zu. Denn obgleich sie ohne Sünden gewesen ist, übertrifft doch diese Gnade so sehr alles, daß sie keineswegs dessen würdig gewesen ist. Wie sollte eine Kreatur würdig sein, Gottes Mutter zu sein? Zwar schwatzen manche Schriftsteller hier viel von Marias Würdigkeit zu solcher Mutterschaft. Aber ich glaube ihr selber mehr als ihnen. Sie sagt, ihre Nichtigkeit sei angesehen worden, und Gott habe nicht ihren Dienst damit belohnt, sondern: „Er hat große Dinge an mir getan. Von sich aus hat er’s getan, ohne einen Dienst von mir.“Denn sie hat ihr Lebetage nie daran gedacht, viel weniger sich dazu vorbereitet und gerüstet, daß sie Gottes Mutter werden sollte. Es kam ihr diese Botschaft ganz unvorhergesehen, wie Lukas (1,29) schreibt. Ein Verdienst dagegen ist nicht unvorbereitet auf seinen Lohn, sondern sehr auf den Lohn bedacht und eingestellt.

Daß man aber im „Regina coeli laetare etc“ singt: „Den du hast verdient zu tragen …“ und an anderer Stelle: „Den zu tragen du bist würdig gewesen usw.“ beweist nichts. Singt man doch eben diese Worte auch vom heiligen Kreuz, das doch aus Holz war und nichts „verdienen“ konnte. So ist dies auch zu verstehen: Sollte sie eine Mutter Gottes sein, mußte sie ein Weib sein, eine Jungfrau, vom Geschlecht Juda, und der Botschaft des Engels glauben; denn sie mußte dazu tauglich sein, wie die Schrift von ihr gesagt hat. Gerade wie das Holz sonst kein Verdienst und keine Würdigkeit gehabt hat, als daß es zum Kreuze tauglich und von Gott dazu bestimmt war, so hat sie keine Würdigkeit zu dieser Mutterschaft gehabt, als daß sie dazu tauglich und bestimmt gewesen ist. Denn es sollte durchaus lauter Gnade sein und nicht ein Lohn werden, auf daß man Gottes Gnade, Lob und Ehre keinen Abbruch tue, indem man ihr zu viel zuschreibt.

Es ist besser, wenn Maria zuviel Abbruch getan wird als der Gnade Gottes, ja, man kann ihr nicht zuviel Abbruch tun, da sie doch aus nichts geschaffen ist wie alle Kreaturen. Aber Gottes Gnade hat man leicht zuviel Abbruch getan; das ist gefährlich, und damit tut man Maria keine Liebe an. Es bedarf auch wirklich eines Maßes, daß man es mit den Namen nicht zu weit treibe und sie eine Himmelskönigin nennt. Wohl ist das wahr; aber sie ist darum doch keine Abgöttin, daß sie etwas geben oder helfen könnte, wie manche meinen, die mehr zu ihr als zu Gott rufen und ihre Zuflucht nehmen. Sie gibt nichts, sondern allein Gott, wie es nun gleich im folgenden heißt.

„Der da mächtig ist“.

Damit nimmt sie doch allen Kreaturen alle Macht und Kraft und gibt sie allein Gott. Oh, das ist eine große Kühnheit und ein großer Raub von einem solch jungen, kleinen Mägdlein: Es getraut sich, mit einem Wort alle Weisen zu Narren, alle Berühmten zuschanden zu machen und allein dem einigen Gott alle Macht, Tat, Weisheit und Ruhm zuzuschreiben. Denn das Wörtlein „der da mächtig ist“ heißt soviel wie „Es ist niemand, der etwas tue, sondern Gott allein wirkt“, wie S. Paulus Eph. 1,11 sagt, alle Dinge in allen Dingen, und aller Kreaturen Werke sind Gottes Werke. In diesem Sinn sprechen auch wir im Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an Gott Vater, den Allmächtigen“. Allmächtig ist er, so daß in allen und durch alle und über allen nichts wirkt als allein seine Macht. So singt auch Samuels Mutter, S. Hanna, 1. Sam. 2,9: „Es hat niemand Macht, etwas aus seinem Vermögen zu tun.“ Und S. Paulus sagt 2.Kor. 3,5: „Wir taugen nicht so viel, daß wir etwas von uns selber denken könnten, sondern, wozu wir tauglich sind, das ist von Gott.“ Dies ist ein gar hoher Artikel, der viel in sich schließt; er streckt alle Hoffart und Vermessenheit, allen Übermut, Ruhm, falsches Vertrauen auf einmal zu Boden und erhebt nur Gott; ja, er zeigt den Grund an, warum Gott allein zu erheben ist: nämlich weil er alle Dinge tut. Das ist leichthin gesagt, aber schwer zu glauben und im Leben anzuwenden. Denn Leute, die dies im Leben üben, sind gar friedliche, gelassene, schlichte Menschen; sie maßen sich keine Sache an und wissen wohl, daß sie nicht ihnen, sondern Gott gehört.

So ist nun die Meinung der heiligen Gottesmutter in diesen Worten: „Es ist nichts mein bei allen diesen Dingen und großen Gütern, sondern der, der allein alle Dinge tut und dessen Macht in allen allein wirkt, der hat an mir solch große Dinge getan.“ Denn das Wörtlein „mächtig“ soll hier nicht eine still ruhende Macht bedeuten, wie man von einem zeitlichen Könige sagt, er sei mächtig, auch wenn er still sitzt und nichts tut; sondern eine wirkende Macht und stetige Tätigkeit, die unablässig im Schwange geht und wirkt. Denn Gott ruht nicht, sondern wirkt unablässig, wie Christus sagt Joh. 5,17: „Mein Vater wirkt bis hieher, mehr zu tun, als wir bitten“, d.h. „er tut allezeit mehr als wir bitten; das ist seine Art, so tut es seine Macht“. Darum habe ich gesagt: Die Maria will keine Abgöttin sein. Sie tut nichts: Gott tut alle Dinge. Anrufen soll man sie, daß Gott um ihretwillen gebe und tue, was wir bitten: im gleichen Sinne sind auch alle anderen Heiligen anzurufen, damit das Werk immer ganz allein Gottes Sache bleibe.

Darum fügt Maria noch etwas hinzu, indem sie sagt:

Und heilig ist sein Name.“

Das heißt: „Wie ich mir das Werk nicht anmaße, so maße ich mir auch den Namen und die Ehre nicht an. Denn dem gebührt allein die Ehre und der Name, der das Werk tut. Es ist unbillig, daß ein anderer das Werk tue, und ein anderer den Namen davon hat und sich darum ehren läßt. Ich bin nur die Werkstatt, in der er wirkt; aber ich habe nichts zum Werke getan. Darum soll auch niemand mich loben oder mir die Ehre geben, daß ich Gottes Mutter geworden bin, sondern Gott und sein Werk soll man an mir ehren und loben. Es ist genug, daß man sich mit mir freut und mich selig preist, weil Gott mich gebraucht hat, diese seine Werke in mir zu tun.“

Sieh, wie vollständig führt sie alle Dinge auf Gott zurück; wie maßt sie sich überhaupt kein Werk, keine Ehre, keinen Ruhm an. Sie tut doch gerade wie vorher, als sie davon nichts hatte, fragt auch nicht mehr nach Ehre als vorher; sie brüstet sich nicht, überhebt sich nicht, ruft’s nicht aus, daß sie Gottes Mutter geworden ist, fordert keine Ehre, geht hin und schafft im Haus wie vorher, melkt die Kühe, kocht, spült Schüsseln, kehrt und beschäftigt sich, wie eine Hausmagd oder Hausmutter sich beschäftigen soll, mit geringen, verachteten Werken, als gäbe sie nichts auf solch überschwengliche Güter und Gnaden. Man hält sie unter den andern Weibern und den Nachbarn für nichts Höheres als vorher; sie hat’s auch nicht begehrt, sondern ist eine arme Bürgerin geblieben unter dem Haufen der geringen Leute. Oh, was für ein einfältiges, reines Herz ist das, was für ein wunderbares Menschenkind ist das! Wie sind da so große Dinge verborgen unter so geringer Gestalt! Wie viele sind mit ihr in Berührung gekommen, haben mit ihr geredet, gegessen und getrunken, die sie vielleicht verachtet und für eine gewöhnliche, arme, schlichte Bürgerin gehalten haben, während sie sich sonst vor ihr entsetzt hätten, wenn sie solches von ihr gewußt hätten.

Das heißt nun: „Sein Name ist heilig“. Denn „heilig“ heißt, was abgesondert, Gott gehörig ist, was man nicht berühren und beflecken, sondern in Ehren halten soll. „Name“ dagegen heißt ein guter Ruf, Ruhm Lob und Ehre. So soll jedermann sich fernhalten von dem Namen Gottes, soll ihn nicht antasten, sich ihn nicht aneignen. In diesem Sinne steht 2. Mo. 30,25 ff. mit sinnbildlicher Bedeutung, daß auf Gottes Befehl von Mose eine kostbare heilige Salbe gemacht wurde und daß das strenge Gebot erging, daß kein Mensch seinen Leib damit salben dürfe. Das bedeutet, daß niemand sich Gottes Namen zuschreiben solle; denn das heißt Gottes Namen entheiligen, wenn wir uns rühmen oder ehren lassen oder an uns selber Wohlgefallen haben und uns wegen unserer Werke oder Güter rühmen, wie es die Welt macht, die Gottes Namen fortwährend entheiligt und entweiht. Nein, wie die Werke allein Gottes Sache sind, so soll auch ihm der Name allein bleiben, und alle, die so seinen Namen heiligen und sich der Ehre und des Ruhmes entäußern, die halten ihn recht in Ehren. Darum werden sie auch dadurch geheiligt, wie 2. Mo. 30,29 geschrieben steht, daß die kostbare Salbe so heilig war, daß sie alles heiligte, womit sie in Berührung kam, d.h., wenn Gottes Name von uns geheiligt ist und wir uns kein Werk, keinen Ruhm, kein eigen Wohlgefallen darin anmaßen, so ist er recht geehrt. Dann kommt er mit uns in Berührung und heiligt uns.

Darum gilt’s hier wachsam zu sein, weil wir auf Erden nicht ohne Gottes Güter sein können und dadurch auch nicht ohne Namen und Ehre. Wenn uns jemand lobt und damit einen Namen verschafft, sollen wir hier das Beispiel der Mutter Gottes ergreifen und immer bereit sein, mit diesem Vers darauf zu antworten. Wir sollen von der Ehre und dem Lob einen rechten Gebrauch machen und offen sagen oder doch wenigstens im Herzen denken: „O Herr Gott, das Werk ist dein, das da gelobt und gerühmt wird, laß auch den Namen dein sein. Nicht ich, Herr, sondern du hast dies getan, der du in deiner Macht alle Dinge tust, und heilig ist dein Name.“ So soll man das Lob und die Ehre nicht verneinen, als wäre es unrecht, oder verachten, als wäre es nichts, sondern man soll es sich nicht anmaßen, als wäre es ein allzu edles, köstliches Ding, und soll es dem im Himmel heimbringen, dem es gehört. Sieh, das lehrt dieser vortreffliche Vers. Damit ist die Antwort gegeben, wenn jemand fragt, ob denn keiner den andern ehren soll. Ja, S. Paulus sagt, wir sollen uns darum eifrig bemühen, daß ein jeder in der Ehrerbietung dem andern zuvorkomme, Röm. 12,10. Aber die Ehrung soll niemand annehmen, als wäre sie ihm widerfahren, oder auf sich ruhen lassen, sondern man soll sie heiligen und Gott heimbringen, dem sie gehört, samt allem Gut und Werk, aus dem die Ehre kommt. Denn niemand soll ein unehrbares Leben führen. Soll er denn ehrbar leben, so muß Ehre dasein; aber wie das ehrbare Leben Gottes Gabe und Werk ist, so sei auch der Name allein sein Eigentum, heilig und unangetastet von eignem Wohlgefallen. Das bitten wir im Vaterunser: „Dein Name werde geheiligt.“

Und seine Barmherzigkeit währt von einem Geschlecht zum andern bei denen, die ihn fürchten.

Wir müssen uns an die Schrift gewöhnen, die unter „Geschlechtern“ die Folge der natürlichen Erzeugung oder Geburt versteht, daß nämlich fort und fort ein Mensch vom andern geboren wird, wie schon oben gesagt worden ist. Darum ist das deutsche Wort „Geschlechter“ nicht genügend; ich weiß aber doch kein besseres. Denn „Geschlechter“ heißen wir die Sippschaften und zusammengehörenden Blutsverwandtschaften. Dagegen hier soll es heißen die natürliche Folge vom Vater zu Kindeskindern, so daß jedes Glied dieser Folge ein „Geschlecht“ heißt; so meine ich, wird es nicht übel folgendermaßen verdeutscht sein: „Und seine Barmherzigkeit währt von Kind zu Kind bei denen, die ihn fürchten.“ Diese Redeweise ist sehr gebräuchlich in der Schrift; sie hat ihren Ursprung in den Worten Gottes, die er auf dem Berg Sinai beim ersten Gebot zu Mose und allem Volk folgendermaßen sagt: „Ich bin dein Gott, stark und eifrig, der da straft die Sünde der Väter bei den Kindern bis ins dritte und vierte Geschlecht bei denen, die mich hassen, und bin barmherzig in viel tausend Geschlechtern bei denen, die mich lieben und meine Gebote halten.“ (2. Mo. 20,5 f.)

Nachdem Maria jetzt von sich und den ihr eigenen Gottesgütern ausgesungen und Gott gelobt hat, spaziert sie nun durch alle Gotteswerke, die er insgemein bei allen Menschen wirkt, und singt ihm auch davon; sie lehrt uns die Werke, die Art, die Natur und den Willen Gottes recht erkennen. Es sind viel hochverständige Menschen und Philosophen auch damit umgegangen; sie hätten gerne gewußt, was doch Gott wäre, und haben viel von ihm geschrieben, einer so, der andere so; aber alle sind darüber in Verblendung geraten und haben den rechten Blick nicht gewonnen. Und fürwahr, das Größte im Himmel und auf Erden – wenn es jemand zuteil werden kann – ist, daß man Gott recht erkenne. Die Mutter Gottes lehrt es hier sehr gut, wenn einer sie verstehen will; es entspricht dem, was sie auch oben an und in ihr selber lehrt. Wie kann man Gott aber besser erkennen als aus seinen eigenen Werken? Wer seine Werke recht erkennt, der kann in der Erkenntnis seiner Natur, seines Willens, seines Herzens und Sinnes nicht fehlgehen. Darum ist’s eine Kunst, seine Werke zu erkennen.

Und um es zusammenzufassen, so zählt Maria sechs göttliche Werke an sechserlei Menschen in diesen vier Versen (V. 50-53) nacheinander auf und teilt die Welt in zwei Teile; auf jeder Seite sind es drei Werke und dreierlei Menschen, und der eine Teil steht immer dem andern gegenüber. Da zeigt sie, was Gott auf beiden Seiten tut, und malt ihn so ab, daß er nicht besser abgemalt werden könnte.

Diese Einteilung ist in schöner Ordnung verfaßt und an mehreren Stellen der Schrift begründet, namentlich Jer. 9,22 f., wo Gott folgendermaßen sagt: „Es poche kein weiser Mensch auf seine Weisheit; es poche kein Gewaltiger auf seine Gewalt; es poche kein Reicher auf seinen Reichtum. Sondern wer da pochen will, der poche darauf, daß er mich erkenne und wisse, daß ich ein Gott bin, der da Barmherzigkeit, Gericht und Gerechtigkeit auf Erden schafft. Solches gefällt mir wohl, spricht Gott.“ Das ist ein vortrefflicher Text und stimmt überein mit diesem Gesang der Mutter Gottes. Hier sehen wir gleichfalls, daß Gott alles, was die Welt hat, in drei Stücke einteilt: in „Weisheit“, „Gewalt“ und „Reichtum“, und daß er das alles zerbricht damit, daß er sagt, man solle nicht darauf pochen, denn da werde man ihn nicht finden, er habe auch kein Gefallen daran. Drei andere Stücke stellt er dem gegenüber: „Barmherzigkeit“, „Gericht“, „Gerechtigkeit“. „Da bin ich“ spricht er, „ja, ich schaffe solches alles; so nahe bin ich: ich schaffe es nicht im Himmel, sondern auf Erden; da findet man mich. Wer mich daraus erkennt, der kann auf solches wohl trotzen und pochen. Denn ist er nicht weise, sondern armen Geistes, so ist da meine Barmherzigkeit bei ihm; ist er nicht gewaltig, sondern unterdrückt, so ist da mein Gericht und wird ihn erretten. Ist er nicht reich, sondern arm und bedürftig, so ist bei ihm um so viel mehr von meiner Gerechtigkeit.“

Unter „Weisheit“ faßt er alles zusammen, was geistliche Güter und hohe Gaben sind, auf Grund deren ein Mensch ein Wohlgefallen, Ruhm und eine hohe Meinung haben kann, wie es der folgende Vers zeigen wird, zum Beispiel Verstand, Vernunft, Weisheit, Können, Rechtschaffenheit, Tugend, gutes Leben; kurz, alles, was in der Seele ist, was man göttlich und geistlich nennt, so hohe Gaben es sein mögen, ohne daß es doch Gott selber ist. Unter „Gewalt“ faßt er zusammen alle obrigkeitliche Stellung, adligen Rang, Freundschaft, Würde und Ehre; dabei mag es sich handeln um Gewalt über zeitliche oder geistliche Güter und Volk, samt allen Rechten, Freiheiten und Vorteilen usw., was darin enthalten sein mag. In der Schrift freilich gibt es keine „geistliche Obrigkeit oder Gewalt“, sondern nur Dienstbarkeit und Untertänigkeit! Unter „Reichtum“ ist zusammengefaßt Gesundheit, schöne Gestalt, Lust, Stärke und alles, was dem Leib äußerlich Gutes begegnen mag. Im Gegensatz dazu stehen nun drei andere: die Geistesarmen, die Unterdrückten und die leiblich Bedürftigen. Nun wollen wir die sechs Werke und Stücke der Reihe nach nacheinander ansehen.

Davon handelt dieser Vers:

Seine Barmherzigkeit währt von Kind zu Kind bei denen, die ihn fürchten.

Maria fängt am Höchsten und Größten an, nämlich an den geistlichen, inwendigen Gütern; die machen ja die hoffärtigsten, stolzesten, halsstarrigsten Leute auf Erden. Es ist kein reicher Mann, kein mächtiger Herr so aufgeblasen und dreist wie ein solcher Überkluger; der fühlt sich und bildet sich ein, er habe recht, er verstehe die Sache wohl und sei weiser als andere Leute. Besonders wenn es ernst wird, daß er nachgeben oder unrecht haben soll, da ist er so verwegen und ganz ohne alle Gottesfurcht, daß er sich zu rühmen wagt, er könne nicht irren, Gott sei bei ihm, die andern seien des Teufels; und er wagt auf Gottes Gericht sich zu berufen. Kann er Befugnis und Gewalt dazu bekommen, so fährt er zu und setzt seinen Kopf durch; er verfolgt, verurteilt, lästert, würgt, verjagt, verstört alle, die ihm widerstehn; und nachher sagt er dann, er habe es Gott zu Dienst und Ehren getan, und ist eines großen Dankes und Verdienstes vor Gott so sicher und gewiß, daß die Engel im Himmel kaum so gewiß sind. Oh, was für eine große Aufgeblasenheit ist das! Oh, wieviel handelt die Schrift von solchen Leuten, wie schrecklich droht sie ihnen; aber sie fühlen’s weniger, als der Amboß des Schmieds die Hammerschläge fühlt. Und in diesem Stück handelt es sich um eine große, weitverbreitete Sache.

Von diesen Leuten sagt Christus Joh. 16,2: „Es wird die Zeit kommen, da die, die euch töten und verjagen, meinen werden, sie tun Gott einen großen Dienst.“ Und Ps. 10,5 f. sagt von dem Haufen derselben Leute: „Er überwältigt alle seine Widersacher und spricht: Es wird mir kein Übles begegnen“, als wollte er sagen: „Ich habe recht, ich tue wohl; Gott wird mir großen Lohn dafür geben usw.“. Ein solches Volk war Moab, von dem Jer. 48,29 f. und Jes. 16,6 sagt: „Wir haben von Moab gehört, es ist über die Maßen hochmütig; sein Hochmut, seine Aufgeblasenheit, seine Vermessenheit, sein Rühmen und sein Zorn ist größer als seine Macht.“ Demnach sehen wir, daß solche Leute vor großem Übermut gerne mehr täten als sie vermögen. Ein solches Volk waren die Juden Christus und den Aposteln gegenüber. Solche Leute waren die Freunde S. Hiobs, die über die Maßen weise gegen ihn redeten und Gott sehr hoch lobten und predigten. Solche Leute hören nicht, lassen sich nichts sagen; es ist nicht möglich, daß sie Unrecht haben oder nachgeben. Nur hindurch – und wenn die Welt darüber ganz in Trümmer gehen sollte! Die Schrift kann einen solchen verlorenen Haufen nicht genug tadeln. Bald nennt sie ihn eine Schlange, die ihre Ohren zustopft, daß sie nichts höre (Ps. 58,5), bald ein unbezwingliches Einhorn (Ps. 22,22), bald einen wütenden Löwen (Ps. 7,3), bald einen großen, unbeweglichen Felsen (Jer. 5,3), bald einen Drachen (Ps. 74,13), und so fort noch vieles mehr.

Aber nirgends sind sie besser geschildert als Hiob 40,15 ff.; 41,1 ff.: Da nennt Gott diesen Haufen Behemoth. (Behema heißt ‚ein Tier‘, Behemoth ‚ein Haufen Tiere‘. Das sind also Leute, die den Verstand eines Tieres haben und nicht Gottes Geist in sich regieren lassen.) Da beschreibt ihn Gott: „Augen hat er wie die Morgenröte“ (Hiob 41,10); denn ihre Klugheit ist unbegrenzt. „Seine Haut ist so hart, daß er einen Spott daraus macht, wenn man darauf schießt oder sticht“ (Hiob 41, 18-21), d.h. wenn eine Predigt auf sie geht, verlachen sie es, denn ihr Recht soll man nicht tadeln können. Ferner (Hiob 41,7-9): „Eine Schuppe klebt an der andern, daß kein Lüftlein dazwischen geht“; denn sie halten untereinander zusammen, daß kein Geist Gottes in sie hineinkommen kann. „Sein Herz“, spricht Gott (Hiob 41,16), „ist verhärtet wie eines Schmiedes Amboß“. Es ist die Verkörperung des Teufels; drum schreibt Gott auch solches alles dem Teufel zu an derselben Stelle. Ein solches Volk ist zu unserer Zeit vor allen andern der Papst mit seinem Haufen, und er ist’s schon seit langer Zeit gewesen. Die machen’s auch so, und jetzt mehr als jemals früher: Da gibt’s kein Hören, kein Einlenken; da hilft kein Sagen, kein Raten, kein Bitten, kein Drohen, kurzum nichts mehr. Denn: „Wir haben recht, dabei bleibt’s, trotz jemand anders, und wenn’s die ganze Welt wäre!“

Nun könnte aber jemand sagen: „Wie soll sich das zusammenreimen? Soll man die Wahrheit fahren lassen? Ist’s nicht ein Gebot, daß man um des Rechts und der Wahrheit willen sterben soll? Haben nicht die heiligen Märtyrer um des Evangeliums willen gelitten? Hat nicht auch Christus selber recht bekommen wollen? Es kommt jedenfalls vor, daß solche Leute einmal offenkundig (und, wie sie es laut ausrufen, vor Gott) recht haben, gut und weise handeln!“ Darauf antworte ich: Hier ist’s an der Zeit und nötig, die Augen aufzutun; hier sitzt der eigentliche Knoten; da kommt’s ganz darauf an, daß man über das „Rechthaben“ rechten Unterricht gebe. Es ist gewiß wahr, um der Wahrheit und um des Rechtes willen soll man alles leiden und sie nicht verleugnen, mag es sich dabei um etwas so Geringfügiges handeln, als es will. Es kann auch sein, daß sie zuweilen recht haben. Aber darin liegt das Verderben, daß sie ihr Recht nicht in rechter Art ausrichten, nicht in Furcht damit umgehen, nicht Gott sich vor Augen stellen; sie meinen, es sei genug, daß es recht sei, und sie sollen und wollen in eigener Vollmacht weitermachen und so das Spiel hinausführen: damit verwandeln sie ihr Recht in Unrecht, auch wenn es von Grund aus Recht wäre; viel gefährlicher aber ist’s, wenn es ihnen bloß so vorkommt bei den hohen Sachen, die Gott und seine Rechte betreffen. Aber wir wollen zuerst von dem leichtverständlichen, menschlichen Recht sprechen und ein leichtverständliches, handgreifliches Beispiel anführen.

Ist’s nicht wahr, daß Geld, Gut, Leib, Ehre, Weib, Kind und Freunde usw. auch gute Dinge sind, die Gott selber geschaffen und gegeben hat? Setze dann den Fall: Weil es Gottes Gaben sind und nicht dein Eigentum, wollte er dich versuchen, ob du auch imstande wärest, sie um seinetwillen fahren zu lassen und mehr an ihm allein als an diesen seinen Gütern zu hängen; er würde dir einen Feind zuschicken, der sie dir ganz oder teilweise nähme und dir Schaden zufügte, oder du würdest durch Sterben und Verderben sonstwie drum kommen. Meinst du, daß du da billigerweise einen Grund hättest, zu toben, zu wüten, mit Sturm und Gewalt sie wieder an dich zu bringen, oder ungeduldig zu sein, bis du sie wieder im Besitz hättest? Du würdest geltend machen, es seien gute Dinge und Gottes Geschöpfe, die er selber gemacht habe, und die ganze Schrift nenne solche Dinge gut; darum wollest du Gottes Wort halten und dieses Gut mit Leib und Leben schützen und es wieder an Dich bringen, oder du wollest doch wenigstens nicht freiwillig entbehren noch geduldig sie fahren lassen. Wäre das nicht ein feiner Schein? Wolltest du nun da richtig gut handeln, so darfst du nicht mit dem Kopf durch die Wand wollen. Was dann? Du sollst Gott fürchten und so sagen: „Nun, lieber Gott, es sind gute Dinge und deine Güter, wie dein eigen Wort, die Schrift, es sagt; aber ich weiß nicht, ob du mir sie vergönnen willst. Wenn ich wüßte, daß ich’s nicht haben sollte, so wollte ich auch nicht ein Haar davon wieder an mich bringen. Wüßte ich aber, daß du sie lieber bei mir haben wolltest als bei jenem, so wollte ich dir darin zu Dienst und Willen sein und mit Einsatz von Gut und Blut sie wieder an mich bringen. Weil ich aber keine von beiden weiß und die Tatsache sehe, daß du sie mir im gegenwärtigen Augenblick nehmen lässest, befehle ich dir die Sache. Ich will warten, was ich dabei tun soll, und bereit sein, sie zu haben und zu entbehren.“

Sieh, das ist eine rechte Seele; die fürchtet Gott, und bei ihr ist Barmherzigkeit, wie die Mutter Gottes hier singt. Daraus kann man ersehen, aus welchem Grund Abraham, David und das Volk Israel vorzeiten stritten und viele erwürgten: Sie gingen hin nach Gottes Willen, standen in Furcht und stritten nicht um des Gutes willen, sondern weil es Gott von ihnen haben wollte. So erzählen es die Geschichtsbücher, und gewöhnlich weisen sie vorher den Befehl Gottes nach. Nun sieh, hier wird die Wahrheit nicht verleugnet: Die Wahrheit sagt, es seien gute Dinge und Gottes Geschöpfe. Ja, eben dieselbe Wahrheit sagt auch und lehrt, du sollst solch gute Dinge fahren lassen und allstündlich bereit sein, darauf zu verzichten, wenn Gott es haben will, und sollst allein an Gott hangen. Damit, daß sie sagt, die Güter seien gut, drängt dich die Wahrheit nicht, daß du sie wieder an dich bringen sollst; sie drängt dich auch nicht, daß du sagen sollst, sie seien nicht gut. Vielmehr sollst du ihnen mit Gelassenheit gegenüberstehen und bekennen, daß sie gut sind und nicht böse.

Geradeso muß man’s auch machen mit dem Recht und den mancherlei Gütern der Vernunft oder Weisheit. Recht ist ein gutes Ding und eine Gabe Gottes; wer zweifelt daran? Gottes Wort sagt selbst (Ps. 37,28; 94,15), das Recht sei gut, und gewiß soll nie jemand zugestehen, daß seine gute oder rechte Sache unrecht oder böse sei; eher soll er drüber sterben und alles, was nicht Gott ist, fahrenlassen. Das hieße ja, Gott und sein Wort verleugnen; denn er sagt, das Recht sei gut und nicht böse. Wolltest du aber deshalb schreien, wüten, toben und alle Welt erwürgen, wenn dir dieses Recht genommen oder unterdrückt würde? (So machen es manche, die zum Himmel rufe, allen Jammer anrichten, Land und Leute verderben, mit Kriegen und Blutvergießen die Welt erfüllen.) Was weißt du, ob Gott dir diese Gabe und dies Recht lassen will? Ist’s doch sein, und er kann dir’s nehmen heut und morgen, draußen und drinnen, durch Feind und Freund und wie er will. Er versucht dich, ob du auch um seinetwillen aufs Recht verzichten, Unrecht bekommen und leiden, um seinetwillen die Schande tragen und an ihm allein hangen wollest.

Bist du nun gottesfürchtig, dann denkst du: „Herr, es ist dein, ich will’s nicht haben, außer ich weiß, daß du mir’s gönnen willst; fahr hin, was fahren will, sei du nur mein Gott.“ Sieh, dann tritt dieser Vers in Kraft: „Und seine Barmherzigkeit ist bei denen, die ihn fürchten“, die nichts tun wollen ohne seinen Willen. Siehe, da ist Gottes Wort in beiden Stücken gehalten: Erstens bekennst du, das Recht, deine Vernunft, deine Erkenntnis, deine Weisheit und deine ganze Absicht sei recht und gut, wie Gottes Wort selber davon redet (Ps. 26,1 ff. u.ö.); zweitens entbehrst du solches Gut gerne um Gottes willen und lässest dich gerne wider alles Recht verderben und zuschanden werden vor der Welt, wie Gottes Wort auch lehrt (Mat. 5,10 f. u.ö.).

Es sind zwei Dinge gut oder recht: Bekennen und Gewinnen. Für dich genügt das Bekenntnis, daß du das Gute und Rechte habest; kannst du nicht gewinnen, laß es Gott befohlen sein: dir ist das Bekennen befohlen, Gott hat sich das Gewinnen vorbehalten. Will er, daß du auch gewinnen sollst, so wird er das selber tun oder es dir, ohne daß du daran gedacht hast, so vorlegen, daß du es in die Hand nehmen und auf eine Weise gewinnen mußt, wie du es niemals gedacht und begehrt hättest. Will er es nicht, so laß dir genügen an seiner Barmherzigkeit. Nimmt man dir den Sieg des Rechten, so kann man doch das Bekennen dir nicht nehmen. Sieh, so müssen wir Abstand nehmen nicht von den Gütern Gottes, sondern von dem bösen, verkehrten Kleben an ihnen; wir müssen sie mit Gelassenheit entbehren und gebrauchen können, daß wir auf alle Fälle an Gott allein hangen.

Oh, dieses Sachverhalten sollten sich alle Fürsten und Obrigkeiten bewußt sein, die sich nicht begnügen mit dem Bekennen des Rechten, sondern auch unbedingt gewinnen und obliegen wollen ohne alle Gottesfurcht. Sie machen die Welt voll Bluts und Jammers und meinen, sie tun gut und recht daran, weil sie eine rechte Sache haben oder zu haben vermeinen. Was ist das anders als der stolze, übermütige Moab, der sich selber dessen würdig macht und achtet, daß er das edle, schöne Gottesgut und die Gottesgabe, das Recht, haben müßte. Und dabei ist es, wenn er sich recht ansähe vor Gottes Augen, nicht würdig, daß ihn die Erde trägt und er die Rinden vom Brot ißt – um seiner Sünde willen. O Blindheit! O Blindheit! Wer ist auch nur einer kleinsten Schöpfung Gottes würdig? Und sie wollen die höchsten Schöpfungen, das Recht, die Weisheit und ihre Ehre nicht bloß haben, sondern auch mit Wüten, Blutvergießen und allem Unheil festhalten und herholen. Und dann gehen wir hin, beten, fasten, hören die Messe, stiften Kirchen mit einem solch blutigen, wütenden, rasenden Sinn, daß es kein Wunder wäre, die Steine zersprängen vor unsrem Gesicht.

Hier legt sich eine Nebenfrage nahe: „Soll denn ein Herr sein Land und seine Leute nicht vor Unrecht schützen, sondern einfach stille halten und sich alles nehmen lassen? Was sollte daraus werden in der Welt?“ Dazu will ich jetzt meine Meinung aufs kürzeste sagen. Weltliche Gewalt ist schuldig, ihre Untertanen zu schützen, wie ich schon oft gesagt habe. Denn darum trägt sie das Schwert, um die, die sich dieser göttlichen Lehre nicht zuwenden, in der Furcht zu erhalten, damit sie die andern in Frieden und Ruhe lassen. Auch sucht sie darin nicht ihren eigenen Vorteil, sondern des Nächsten Nutzen und Gottes Ehre; sie wäre wohl gerne auch stille und ließe ihr Schwert liegen, wenn Gott dies nicht verordnet hätte, um den Bösen zu steuern. Doch darf dieses Schützen nicht so vonstatten gehen, daß ein viel größerer Schaden dabei entsteht und ein Löffel aufgehoben wird, während man eine Schüssel zertritt.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 14. Dezember 2007 um 11:46 und abgelegt unter Theologie.