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Der Lobgesang der Maria (Magnificat) 1520 ÔÇô Teil III

Donnerstag 13. Dezember 2007 von Martin Luther (1483-1546)


Martin Luther (1483-1546)

Der Lobgesang der Maria (Magnificat) 1520 ÔÇô Teil III

Es ist ein schlechter Schutz, wenn man um einer Person willen eine ganze Stadt in Gefahr bringt, oder wegen eines Dorfes oder Schlosses das ganze Land aufs Spiel setzt. Ausgenommen den Fall, da├č Gott wie vor Zeiten eigens den Befehl g├Ąbe, das zu tun. Es nimmt ein Wegelagerer einem B├╝rger sein Gut, und du brichst mit einem Heere auf, um das Unrecht zu strafen, und suchst das ganze Land mit Steuern heim: Wer hat hier mehr Schaden getan, der Wegelagerer oder der Herr?┬áDavid sah vielmals durch die Finger, wo er nicht ohne Schaden f├╝r andere strafen konnte. Ebenso mu├č es jede Obrigkeit machen; andererseits mu├č auch ein B├╝rger etwas leiden um der Allgemeinheit willen, und er darf nicht verlangen, da├č um seinetwillen alle die andern in gr├Â├čeren Schaden kommen. Es kann nicht immer gleich zugehen. Christus wollte (Mat. 13,29 f.) das Unkraut nicht ausrotten lassen, da├č nicht auch der Weizen mit ausgerottet w├╝rde. Wollte man wegen jeder Rechtsverletzung Streit f├╝hren und gar nichts ├╝bersehen, so g├Ąbe es niemals einen Frieden und dann noch lauter Verderben obendrein. Darum ist das Recht oder Unrecht nimmermehr ein gen├╝gender Grund, um unterschiedslos zu strafen oder zu streiten, obwohl Anla├č genug vorhanden ist, mit Fug und ohne Schaden f├╝r einen andern zu strafen; es mu├č jedenfalls ein Herr oder eine Obrigkeit mehr auf das sehen, was dem ganzen Volke, als auf das, was nur einem einzelnen Teile dient. Es wird ein Hausvater nicht reich werden, wenn er die Gans hinterdrein wirft, weil man ihr eine Feder ausgerupft hat. Aber es ist jetzt nicht Zeit, von Kriegen zu reden.

Ebenso mu├č man’s auch bei den Sachen machen, die Gott angehen, wie mit dem Glauben und Evangelium, welches die h├Âchsten G├╝ter sind; sie darf niemand fahren lassen. Aber ob ihnen Recht, Gunst, Ehre, Beifall und Anh├Ąngerschaft zuteil wird – das mu├č man auch darauf ankommen lassen und Gott dar├╝ber walten lassen. Nicht ums Gewinnen, sondern ums Bekennen soll man besorgt sein, und man soll es gerne leiden, wenn man darob als ein Ungerechter, ein Verf├╝hrer, ein Ketzer, ein Irref├╝hrender, ein Frevler usw. vor aller Welt geschm├Ąht, verfolgt, verjagt, verbrannt oder auf andre Weise umgebracht wird. Denn dabei ist Gottes Barmherzigkeit. Man kann einem wenigstens den Glauben und die Wahrheit nicht nehmen, wenn man einem auch das Leben nimmt. (Freilich gibt es in diesem Punkt nur wenige, die, wie es beim zeitlichen Gut und Recht der Fall ist, toben und sich wunderlich benehmen, um zu gewinnen und obzuliegen; denn es sind auch nur wenige, die es recht und aus ├ťberzeugung bekennen.)

Doch wird ein solcher Mensch um anderer willen Leid tragen und klagen, weil ihnen durchs Unterliegen des Evangeliums ein Hindernis f├╝r ihrer Seelen Seligkeit bereitet wird; ja, er wird hier, jedoch vor Gottes Augen, zum Schutz vor solcher Sch├Ądigung der Seele viel mehr Klage erheben und sich abm├╝hen, als die Moabiter es um ihre zeitlichen G├╝ter und Rechte tun, wie oben gesagt wurde. Denn es ist zum Erbarmen, wenn Gottes Wort nicht gewinnt und obliegt, nicht um des Bekenners willen, sondern um derer willen, die dadurch h├Ątten errettet werden sollen. Daher sehen wir bei den Propheten, bei Christus und den Aposteln so gro├čes Leid und Klagen, weil das Wort Gottes unterdr├╝ckt wurde, obwohl sie doch fr├Âhlichen Muts waren, jedes Unrecht und Schaden zu leiden; denn hier liegt ein andrer Grund vor, gewinnen zu wollen, als bei allen andern G├╝tern. Freilich soll darin doch niemand selber mit Gewalt zufahren und ein solches recht des Evangeliums mit Ungest├╝m und Unvernunft festhalten oder erringen, sondern man soll sich vor Gott dem├╝tigen, da man ja vielleicht dessen nicht w├╝rdig sei, da├č ein solch gro├čes Gut durch einen geschehe, und soll alles mit Bitten und Klagen seiner Barmherzigkeit anheimstellen.

Sieh, das ist das erste Werk Gottes, da├č er barmherzig ist gegen alle, die ihre Meinung, ihr Recht, ihre Weisheit und was geistliche G├╝ter sind, gerne entbehren und aus freiem Willen arm am Geiste bleiben. Das sind die rechten Gottesf├╝rchtigen: sie d├╝nken sich keiner Sache w├╝rdig, so geringf├╝gig sie auch sein mag; sie stehen gern vor Gott und der Welt nackt und blo├č da; was sie aber an G├╝tern haben, betrachten sie als etwas, was ihnen nur aus lauter Gnade ohne jedes Verdienst gegeben wurde, und ben├╝tzen es mit Lob, Dank und Furcht wie fremde G├╝ter; sie suchen nicht ihren eignen Willen, Lust, Lob oder Ehre, sondern allein die Gottes, dem sie geh├Âren. Und Maria macht deutlich, wieviel lieber Gott solche Barmherzigkeit, sein edelstes Werk, erzeigt als das Gegenst├╝ck, die Strenge, indem sie sagt, es w├Ąhre dieses Werk Gottes unaufh├Ârlich von Kind zu Kind bei den Gottesf├╝rchtigen, w├Ąhrend jenes Werk nur bis ins dritte oder vierte Glied w├Ąhrt (2.Mo. 20,5), und in dem gleich folgenden Vers ├╝berhaupt kein Ziel und keine Zeit bestimmt wird, wie im folgenden deutlich wird.

Er hat Gewalt ge├╝bt mit seinem Arm und zerstreut die, die hoff├Ąrtig sind in ihres Herzens Sinn

Niemand lasse sich an der Verdeutschung irremachen, da├č ich oben verdeutscht habe: „Er wirkt gewaltig“, und hier: „Er hat Gewalt ge├╝bt“. Es geschieht darum, da├č wir die Worte desto besser verstehen; denn sie sollen an keine Zeit gebunden sein, sondern Gottes Art und Werke offen dartun, wie er sie allezeit getan hat, allezeit tut und allezeit tun wird. Es w├╝rde also gleichviel bedeuten, wenn ich’s in folgender Weise deutsch sagte: „Gott ist ein solcher Herr, dessen Wirken so vor sich geht, da├č er kraftvoll die Hochm├╝tigen zerstreut und barmherzig ist gegen die Gottesf├╝rchtigen.“

Gottes „Arm“ hei├čt in der Schrift die ihm eigene Gewalt, womit er ohne Vermittlung der Kreaturen wirkt. Dabei geht’s still und heimlich zu, da├č es niemand gewahr wird, bis es geschehen ist; derart, da├č diese Gewalt (oder der Arm) nur allein durch den Glauben verstanden und erkannt werden kann. So klagt auch Jesaja dar├╝ber, da├č so wenige Glauben haben an diesen Arm, wenn er Kap. 53,1 sagt: „Wer glaubt unserer Predigt, und wer sind die, denen der Arm Gottes bekannt ist?“ Das kommt alles daher, da├č es, wie es eben dort nachher ausgef├╝hrt wird, heimlich zugeht, so da├č diese Gewalt kein entsprechendes Ansehen hat. Auch Habakuk (Kap. 3,4) spricht davon, da├č H├Ârner in Gottes H├Ąnden seien, um seine gro├če St├Ąrke anzuzeigen; und doch klagt er, seine St├Ąrke sei daselbst verborgen. Wie geht das zu?

Es geht so zu: Wenn Gott durch Vermittlung der Kreaturen wirkt, so sieht man offenkundig, wo Gewalt oder Schw├Ąche ist. Daher kommt das Sprichwort: „Gott hilft dem St├Ąrksten.“ Wenn also ein F├╝rst den Krieg gewinnt, so hat durch seine Vermittlung Gott die andern geschlagen; wird jemand vom Wolf gefressen oder kommt er sonst zu Schaden, so ist das durch Vermittlung der Kreatur geschehen. In solcher Weise macht und zerbricht Gott eine Kreatur durch Vermittlung der andern; wer da liegt, der liegt, wer da steht, der steht. Wenn er dagegen selber wirkt durch seinen Arm, dann geht es anders zu; da ist’s zerst├Ârt, eher als man meint, umgekehrt erbaut, ehe man es noch meint, und ehe es jemand sieht. In dieser Weise wirkt er nur in Beziehung auf die Rechtschaffenen und die B├Âsen, bei denen zwei Arten von Menschen, in die man die Welt einteilen kann.

Da l├Ą├čt er die Rechtschaffenen ihrer Kraft beraubt und unterdr├╝ckt werden, so da├č jedermann meint, es sei mit ihnen aus, es habe ein Ende; aber eben dann ist er mit seiner St├Ąrke am n├Ąchsten, so ganz verborgen und heimlich, da├č es diejenigen nicht einmal selber empfinden, welche die Bedr├╝ckung leiden; vielmehr sind sie aufs Glauben angewiesen. Da ist die volle St├Ąrke und der ganze Arm Gottes. Denn wo Menschenkraft hinausgeht, da geht die Gotteskraft hinein, wenn der Glaube da ist und darauf wartet. Wenn nun die Bedr├╝ckung aus ist, dann kommt’s heraus, was f├╝r eine St├Ąrke unter der Schw├Ąche dagewesen ist. Siehe, so ward Christus kraftlos am Kreuz, und eben daselbst bewies er die gr├Â├čte Macht; er ├╝berwand S├╝nde, Tod, Welt, H├Âlle, Teufel und alles ├ťbel. In solcher Weise sind alle M├Ąrtyrer stark gewesen und haben’s gewonnen, und so gewinnen’s auch jetzt noch alle Leidenden und Unterdr├╝ckten. Darum spricht Joel (4,10): „Wer ohne Kraft ist, der soll sagen: Ich bin reich an Kraft“, aber im Glauben und nicht in der Empfindung, bis es ans Ende kommt.

Umgekehrt l├Ą├čt Gott den andern Teil der Menschen sich gro├č und m├Ąchtig erheben. Er zieht seine Kraft von ihnen zur├╝ck und l├Ą├čt sie nur aus eigner Kraft sich aufblasen. Denn, wo Menschenkraft hineingeht, da geht Gotteskraft hinaus. Wenn nun die Blase voll ist und jedermann meint, sie seien oben auf und h├Ątten’s gewonnen, und wenn sie selber nun auch sicher sind und haben’s zu Ende gef├╝hrt, so sticht Gott ein Loch in die Blase, dann ist’s ganz aus. Die Narren wissen nicht, da├č gerade, indem sie zunehmen und stark werden, sie von Gott ausgesto├čen sind und Gottes Arm nicht bei ihnen ist. Darum w├Ąhrt ihre Sache ihre bestimmte Zeit; dann verschwindet sie wie eine Wasserblase, und wird, als w├Ąre sie nie gewesen. Davon ist Psalm 73 die Rede, wo der Psalms├Ąnger sich sehr verwunderte, wie die B├Âsen so reich, sicher und m├Ąchtig seien in der Welt; zuletzt sprach er (Ps. 73,16 ff): „Ich habe es nicht verstehen k├Ânnen, bis ich in das Geheimnis Gottes Einblick gewann und wahrnahm, wie es ihnen zuletzt gehen w├╝rde. Da sah ich, da├č sie nur erhaben waren, damit sie sich selber t├Ąuschten, und da├č sie eben darin erniedrigt waren, worin sie erhaben waren. Wie bald sind sie vernichtet, wie schnell hat’s ein Ende mit ihnen gehabt, als w├Ąren sie nie gewesen, wie ein Traum vergeht bei einem, der aufwacht.“ Und Ps. 37,35 f. hei├čt es: „Ich habe einen gottlosen Mann gesehen, hoch aufgewachsen wie ein Zedernbaum auf dem Berg Libanon; ich bin nur ein wenig vorbeigegangen, und siehe da, er war schon dahin. Ich fragte nach ihm, da war von ihm nichts mehr da.“

Es fehlt nur am Glauben, da├č wir nicht auch ebenso ein wenig die Zeit abwarten k├Ânnen; sonst w├╝rden wir es auch fein sehen, wie die Barmherzigkeit sich bei den Gottesf├╝rchtigen mit aller St├Ąrke Gottes findet, w├Ąhrend der Arm Gottes sich gegen die Hoff├Ąrtigen wendet mit allem Ernst und aller Gewalt. Wir glaubenslosen Leute tappen mit der Faust nach der Barmherzigkeit und nach dem Arm Gottes, und wenn wir nichts davon sp├╝ren, so meinen wir, es sei bei uns verloren und bei den Feinden gewonnen, als w├Ąre Gottes Gnade und Barmherzigkeit von uns gewichen und sein Arm gegen uns gerichtet. Das kommt daher, da├č wir sein eigenstes Wirken nicht kennen; darum kennen wir ihn auch nicht, weder seine Barmherzigkeit noch seinen Arm; denn er mu├č und will im Glauben erkannt werden. Drum m├╝ssen die Sinne und die Vernunft das Auge schlie├čen; es ├Ąrgert uns; drum soll man es ausstechen und wegwerfen (Mk. 9,47). Sieh, das sind zwei entgegengesetzte Werke Gottes; aus ihnen lernen wir, wie Gott so gesinnt ist, da├č er ferne von den Weisen und Klugen ist und nahe den Nichtweisen und denen, die Unrecht haben m├╝ssen. Das macht dann Gott liebens- und lobenswert und l├Ą├čt Seele und Leib und alle Kr├Ąfte getrost werden.

Nun betrachte die Worte:

„Er zerst├Ârt die, die hoff├Ąrtig sind in ihres Herzens Sinn.“

Das Zerst├Âren vollzieht sich, wie gesagt, eben, wenn sie am allerkl├╝gsten und voll eigener Weisheit sind; dann ist Gotte Weisheit gewi├č nimmer da. Wie k├Ânnte er sie aber besser zerst├Âren, als wenn er ihnen seine ewige Weisheit entzieht und sie erf├╝llt werden l├Ą├čt von ihrer zeitlichen, kurzen, verg├Ąnglichen Weisheit? Maria sagt ja: „Die da hoff├Ąrtig sind in ihres Herzens Sinn“, d.h. ihnen gef├Ąllt ihr eignes Meinen, Denken und Verstehen, wie es nicht Gott, sondern ihr Herz eingibt, wie wenn es allein das richtigste, beste und weiseste von allen w├Ąre. Damit erheben sie sich gegen die Gottesf├╝rchtigen, unterdr├╝cken deren Meinung und Recht, machen’s zuschanden und verfolgen’s aufs ├Ąu├čerste, damit ja nur ihre eigene Sache recht sei und Bestand habe; und wenn sie das erreichen, r├╝hmen und erheben sie sich hoch. So handelten die Juden gegen Christus, sahen aber nicht, wie damit ihre eigne Sache zerst├Ârt und zuschanden wurde, w├Ąhrend Christus zu allen Ehren erhoben ward.

So sehen wir, da├č dieser Vers von den geistlichen G├╝tern redet und davon, wie man darin Gottes Wirken nach beiden Seiten hin erkennt. Wir sollen also gerne arm am Ge3iste sein, Unrecht haben und unsern Gegner Recht haben lassen. Sie werden’s doch nicht lange treiben; die Verhei├čung ist hier zu stark: sie k├Ânnen dem Gottesarm nicht entrinnen, sie m├╝ssen herunter, so hoch wie sie sich erhoben haben, wenn wir das glauben. Wo aber der Glaube nicht ist, da wirkt Gott dieses Werk nicht; er l├Ą├čt gehen und wirkt offenkundig durch Vermittlung der Kreaturen, wie oben gesagt ist. Das sind aber nicht die rechten Werke, daran man ihn erkennen kann; denn es laufen der Kreatur Kr├Ąfte mit unter, und es sind nicht blo├č eigenste Werke Gottes. Die m├╝ssen so sein, da├č niemand mit Gott zusammenwirkt, sondern er allein am Werke ist; das ist der Fall, wenn wir kraftlos werden und in unsrem Recht oder Sinn unterdr├╝ckt sind und Gottes Kraft in uns leiden; das sind edle Werke.

Wie meisterlich trifft Maria wieder die falschen Glei├čner! Sie sieht ihnen nicht auf die H├Ąnde oder unter die Augen, sondern ins Herz, wenn sie sagt: „Die Hoff├Ąrtigen in ihres Herzens Sinn.“ Damit trifft sie besonders die Feinde g├Âttlicher Wahrheit, wie es die Juden waren Christus gegen├╝ber, und wie es auch jetzt noch Leute gibt. Diese Gelehrten und Heiligen sind ja nicht hoff├Ąrtig in ihren Kleidern oder Geb├Ąrden: sie beten viel, fasten viel, predigen und studieren viel, halten auch Messe; sie tragen das Haupt dem├╝tig und keine kostbaren Kleider. Sie wissen es selbst nicht anders, als da├č es keinen gr├Â├čeren Feind der Hoffart, des Unrechts, der Glei├čnerei gebe als sie selber, und keinen gr├Â├čeren Freund der Wahrheit und Gottes als sie: Wie k├Ânnten sie der Wahrheit ├╝berhaupt Schaden zuf├╝gen, wenn sie nicht so he3ilige, rechtschaffene, gelehrte Leute w├Ąren? Dieses ihr Wesen, das gibt den Schein und glei├čt und macht Eindruck auf die Menge. Ach, sie meinen’s so herzlich gut, rufen den lieben Gott an und ├Ąu├čern ihr Bedauern ├╝ber den armen Jesus, da├č er so Unrecht tut und hoff├Ąrtig ist und nicht so rechtschaffen, wie sie sind. Von denen sagt er Mat. 11,19: „Die g├Âttliche Weisheit wird von ihren eigenen Kindern gerechtfertigt“, d.h. „die sind gerechter und weiser als ich selbst, der ich die g├Âttliche Weisheit bin. Wie ich’s mache, so ist’s nicht recht, und ich werde von ihnen geschulmeistert.“

Das sind die giftigsten, sch├Ądlichsten Menschen auf Erden, das ist eine abgrundtiefe, teuflische Hoffart des Herzens, der nicht zu raten ist. Denn solche Menschen h├Âren nicht; was man sagt, das geht sie nicht an, sie beziehen es auf den armen S├╝nder, der solcher Lehre bedarf; sie selber bed├╝rfen’s nicht. Johannes nennt sie Schlangengez├╝chte (Luk. 3,7) und ebenso Christus (Mat. 23,33). Das sind die eigentlich Schuldigen, weil sie Gott nicht f├╝rchten; sie taugen nur dazu, da├č Gott sie in ihrer Hoffahrt zerstreue. Denn niemand verfolgt Recht und Wahrheit mehr als sie, jedoch, wie gesagt, um Gottes und der Gerechtigkeit willen. Drum m├╝ssen sie auf dieser Seite unter den drei Feinden Gottes vornean stehen. Denn die Reichen sind die geringsten Feinde; viel mehr richten die Gewaltigen an; aber diese Gelehrten ├╝bertreffen alles, weil sie die andern reizen. Die Reichen vertilgen die Wahrheit bei sich selbst, die Gewaltigen verjagen sie von den andern, aber die Gelehrten l├Âschen sie ganz aus, wie sie ist, und bringen anderes auf, ihres Herzens Eigend├╝nkel, so da├č die Wahrheit nicht wieder aufkommen kann. Soweit nun die Wahrheit, wie sie an sich ist, besser ist als die Menschen, in denen sie wohnt, soviel sind die Gelehrten ├Ąrger als die Gewaltigen und die Reichen. Oh, Gott ist ihnen in besonderer Weise feind, wie es billig ist.

Er hat die Gewaltigen abgesetzt von ihren St├╝hlen.

Dieses Werk und die nachfolgenden sind nun leicht zu verstehen aus den zwei vorhergehenden; Gott verf├Ąhrt n├Ąmlich hier wie bei den Weisen und ├ťberklugen. Diese macht er zunichte in ihrem eigenen Sinnen und Denken; denn darauf verlassen sie sich und damit treiben sie ihren Hochmut den Gottesf├╝rchtigen gegen├╝ber; die m├╝ssen Unrecht haben und ihr Sinn und Recht mu├č verdammt sein, wie es denn am meisten um des Gotteswortes willen vorkommt. Ebenso macht Gott auch die Gewaltigen und Gro├čen in ihrer Macht und obrigkeitlichen Gewalt zunichte und setzt sie ab; denn darauf verlassen sie sich und damit ├╝ben sie ihren ├ťbermut aus gegen├╝ber den Untergebenen und rechtschaffen Dem├╝tigen; die m├╝ssen von ihnen Schaden, Pein, Tod und ├ťbel aller Art leiden. Und wie er die tr├Âstet, die Unrecht und Schande haben m├╝ssen um ihres Rechts, um der Wahrheit und um des Wortes willen, so tr├Âstet er auch die, die Schaden und ├ťbel erleiden m├╝ssen. Und sosehr er diese tr├Âstet, so sehr erschreckt er jene. Das mu├č aber auch alles im Glauben erkannt und abgewartet sein. Denn er macht die Gewaltigen nicht so schnell zunichte, wie sie es verdienen; er l├Ą├čt sie eine Weile gehen, bis ihre Gewalt aufs h├Âchste und letzte gestiegen ist. Dann h├Ąlt sie Gott nicht; sie vermag sich auch nicht selber zu halten, und so zergeht sie in sich selbst ohne jeden L├Ąrm und gewaltsamen Bruch. Und dann kommen die Unterdr├╝ckten empor, auch ohne jeden L├Ąrm; denn Gottes Kraft ist in ihnen: die bleibt dann allein, wenn jener am Boden liegt.

Merke aber, Maria sagt nicht, da├č er die St├╝hle zerbreche, sondern: „Er wirft die Gewaltigen heraus.“ Sie sagt auch nicht: „Er l├Ą├čt die Niedrigen in ihrer Niedrigkeit“, sondern: „Er erhebt sie.“ Denn solange die Welt steht, mu├č Obrigkeit, Regiment, Gewalt und die St├╝hle bleiben. Aber da├č man sie in ├╝bler und Gott widersprechender Weise dazu ben├╝tzt, um den Rechtschaffenen Unrecht und Gewalt anzutun, und da├č man ein Wohlgefallen daran hat, sich dessen ├╝berhebt und sie nicht mit Gottesfurcht gebraucht zu seinem Lob und zum Schutz der Gerechtigkeit – das duldet er nicht lange. So sehen wir in allen Geschichtsb├╝chern und in der Erfahrung, wie Gott ein Reich aufrichtet, das andere niederwirft, ein F├╝rstentum erhebt, das andere unterdr├╝ckt, ein Volk mehrt, das andere vertilgt. So hat er’s mit Assyrien, Babylon, Persern, Griechen, Rom gemacht, obwohl diese doch meinten, sie w├╝rden ewig sitzen auf ihrem Stuhl. Ebenso vernichtet er auch nicht Vernunft, Weisheit und Recht (denn soll die Welt bestehen, so mu├č man Vernunft, Weisheit und Recht haben), sondern den Hochmut und die Hochm├╝tigen, die sich selber damit dienen, Wohlgefallen daran haben, Gott nicht f├╝rchten, die Rechtschaffenen und das g├Âttliche Recht damit verfolgen und so die sch├Ânen Gaben Gottes gegen Gott mi├čbrauchen.

Nun ereignet sich’s in den Sachen, die Gott angehen, da├č die ├ťberklugen und die Hoff├Ąrtigen mit ihrer Einbildung sich gew├Âhnlich zu den Gewaltigen schlagen und diese gegen die Wahrheit aufwiegeln, wie Ps. 2,2 steht: „Die K├Ânige der Erde haben sich erhoben, und die F├╝rsten sind zusammengetreten gegen Gott und seinen Gesalbten usw.“ So mu├č das Recht und die Wahrheit immer die Weisen, die Gewaltigen, die Reichen zugleich gegen sich haben, d.h. die Welt mit ihrem gr├Â├čten und h├Âchsten Verm├Âgen. Darum tr├Âstet der Heilige Geist sie durch den Mund dieser Mutter, da├č sie sich nicht beirren noch erschrecken lassen: „La├č sie weise, m├Ąchtig, reich sein; es w├Ąhrt nicht lange.“ Denn angenommen, die Heiligen und Gelehrten w├╝rden zusammen mit den Gewaltigen und Herren und au├čerdem noch mit den Reichen nicht gegen, sondern f├╝r das Recht und die Wahrheit eintreten, wo sollte das Unrecht bleiben? Wer w├╝rde etwas B├Âses erleiden? Nein, nicht so; die Gelehrten, die Heiligen, die M├Ąchtigen, die Gro├čen, die Rechen und das Beste an der Welt mu├č gegen Gott und Recht streiten und des Teufels Eigentum sein. In diesem Sinn hei├čt es Hab. 1,16: „Seine Speise ist lieblich und auserw├Ąhlt“, d.h. der b├Âse Geist hat ein Leckermaul und fri├čt gern das Allerbeste, das Feinste, das Auserlesene, wie der B├Ąr den Honig.

Drum sind die Gelehrten, die heiligen Glei├čner, die gro├čen Herren, die Reichen des Teufels feine Leckerbissen; dagegen, was die Welt verwirft, die Armen, Niedrigen, Einfachen, Geringen, Verachteten erw├Ąhlt Gott, wie S. Paulus 1.Kor. 1,28 sagt; er macht, da├č der geringste Teil der Welt unter dem besten leiden mu├č, damit gewi├č erkannt werde; nicht in dem, was Menschen, sondern allein in dem, was Gott vermag und bewirkt, besteht unser Heil, wie auch S. Paulus sagt (1. Kor. 2,5). Daher kommt’s, da├č man recht mit Wahrheit sagt: „Die Gelehrten, die Verkehrten.“ „Ein F├╝rst ist Wildbret im Himmel“ „Hier reich, dort arm.“ Denn die Gelehrten lassen den Hochmut ihres Herren nicht, die Gewaltigen lassen ihre Gewalttat nicht, die Reichen lassen ihre Lust nicht; so geht’s dem Verderben zu.

Und er hat die Niedrigen erhoben.

Unter den „Niedrigen“ sollen hier nicht die Dem├╝tigen verstanden werden, sondern alle, die vor der Welt kein Ansehen genie├čen und ganz nichtig sind. Denn es ist eben das W├Ârtlein, das Maria oben von sich selber sagt: „Er hat die Nichtigkeit seiner Magd angesehen.“ Jedoch sind diejenigen, welche von Herzen gern so niedrig und nichtig sind un nicht hoch zu sein suchen, gewi├č dem├╝tig.

Das „Erheben“ ist nun nicht so zu verstehen, da├č Gott sie auf die St├╝hle und an die Stelle derer setzt, die er abgesetzt hat, geradesowenig wie er die Gottesf├╝rchtigen, wenn er ihnen Barmherzigkeit erzeigt, an die Stelle der Hochgelehrten setzt; nein, er gibt ihnen viel mehr, da├č sie, in Gott und durch den Geist erhoben, ├╝ber St├╝hle und Gewalt und alles K├Ânnen Richter werden hier und dort. Denn sie wissen mehr als alle Gelehrten und Gewaltigen. Wie nun das zugeht, ist oben gesagt beim ersten Werk und bedarf keiner Wiederholung. Es ist alles den Leidenden zum Trost und den Zwingherrn zum Schrecken gesagt, falls wir soviel Glauben h├Ątten, da├č wir’s f├╝r wahr halten.

Er hat die Hungrigen ges├Ąttigt mit G├╝tern, und die Reichen hat er leer gelassen.

Wie schon oben gesagt worden ist, sind unter den Niedrigen nicht Leute zu verstehen, die in unscheinbarer, verachteter Gestalt sind, sondern Leute, die gerne drin sind oder drin sein wollen, zumal wenn sie um des Gotteswortes oder des Rechte willen hineingezwungen werden. Dementsprechend sollen auch die Hungrigen nicht diejenigen sein, die wenig oder keine Speise haben, sondern die selber gerne Mangel leiden, zumal wenn sie von andern mit Gewalt um Gottes oder der Wahrheit willen dazu gezwungen werden. Was ist niedriger, nichtiger, d├╝rftiger als der Teufel und die Verdammten, ferner diejenigen, die wegen ihrer Missetat gemartert, durch Hunger umgebracht, erw├╝rgt werden, und alle, die unfreiwillig in Niedrigkeit und D├╝rftigkeit leben? Und doch hilft sie das nichts, ja es vermehrt und vergr├Â├čert nur ihren Jammer. Von denen redet die Mutter Gottes nicht, sondern von denen, die mit Gott eins sind und mit denen Gott eins ist, die an ihn glauben und auf ihn trauen.

Umgekehrt, was hindert es die heiligen V├Ąter, Abraham, Isaak und Jakob, da├č sie reich waren? Was hinderte den David sein K├Ânigstuhl, den Daniel seine Gewalt, die er in Babylonien inne hatte? Was hindert alle, da├č sie3 in hohem Stand oder gro├čem Reichtum waren oder noch sind, wenn ihr Herz nichts drauf gibt noch das Seine darin sucht? Salomo sagt Spr. 16,2: „Gott, der wiegt die Geister“, d.h. er richtet nicht nach dem ├Ąu├čerlichen Ansehen und den ├Ąu├čeren Formen, ob sie reich, arm, hoch oder niedrig sind, sondern nach dem Geist, wie sich der darin verh├Ąlt. Es m├╝ssen solche Verschiedenheiten der Formen von Personen und St├Ąnden auf Erden in diesem Leben bestehen bleiben; aber das Herz soll weder daran h├Ąngenbleiben noch davor fliehen: nicht haften an den hohen und reichen, nicht fliehen vor den niedrigen und armen. Ebenso sagt auch Ps. 7,10.12: „Gott erforscht das Herz und die Nieren; drum ist er ein rechter Richter.“ Menschen aber richten nach Augenschein; darum gehen sie oft fehl.

Diese Werke geschehen auch wie die obengenannten heimlich, da├č sie niemand f├╝hlt bis ans Ende. Ein reicher Mensch wird nicht gewahr, wie gar leer und elend er ist, au├čer wenn er stirbt oder sonst verdirbt; dann sieht er, wie sehr es alles nicht gewesen ist, alle seine Habe. In diesem Sinne hei├čt es Ps. 76,6: „Sie sind entschlafen, und da fanden sie, da├č nichts in ihren H├Ąnden haben alle M├Ąnner, die Reicht├╝mer besa├čen.“ Die Hungrigen andererseits wissen nicht, wie voll sie sind, bis es ans Sterben geht; da finden sie dann, wie wahr das Wort Christi (Luk. 6,21) ist: „Selig sind die Hungrigen und Durstigen; denn sie werden satt werden“, und wie wahr hier die tr├Âstliche Versicherung der Mutter Gottes ist: „Er hat die Hungrigen erf├╝llt mit G├╝tern.“

Es ist jedenfalls nicht m├Âglich, da├č Gott jemand leiblich Hungers sterben lasse, der auf ihn vertraut; es m├╝├čten eher alle Engel kommen und ihn speisen. Elias ward von den Raben gespeist (1.K├Ân. 17,6), und mit einer Hand voll Mehles ward er samt der Witwe zu Sarepta eine lange Zeit ern├Ąhrt (1.K├Ân. 17,15 f.). Gott kann die nicht verlassen, die ihm vertrauen; darum spricht David Ps. 37,25: „Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch nie einen Gerechten verlassen gesehen oder seine Kinder nach Brot gehen“. (Gerecht aber ist, wer Gott vertraut). – Ferner Ps. 34,11: „Die Reichen sind bed├╝rftig und hungrig geblieben; aber die Gott suchen, haben keinen Mangel an irgendeinem Gut.“ Und Samuels Mutter, S. Hanna, 1.Sam. 2,5: „Die vorher satt und voll waren, haben sich lagern m├╝ssen, um Brot zu bekommen, und die Hungrigen sind ges├Ąttigt worden.“

Es steht aber der leidige Unglaube allezeit im Wege, so da├č Gott solche Werke nicht in uns wirken kann, und wir sie nicht erfahren und erkennen k├Ânnen. Wir wollen satt sein und von allen Dingen genug haben, ehe der Hunger und die Notdurft kommt, und versorgen uns mit Vorrat f├╝r zuk├╝nftigen Hunger und Notdurft, so da├č wir Gott und seine Werke nicht mehr brauchen. Was ist das f├╝r ein Glaube, der Gott traut, solange du f├╝hlst und wei├čt, wie du mit deinem Vorrat dir helfen kannst? Der Unglaube bewirkt, da├č wir Gottes Wort, die Wahrheit, das Recht unterliegen, das Unrecht siegen sehen und stille dazu schweigen, nicht tadeln, kein Wort dar├╝ber verlieren, nicht wehren und gehen lassen, was da geht. Warum? Wir haben Sorge, man greife uns auch an und mache uns arm, so da├č wir dann Hungers sterben und f├╝r immer erniedrigt w├╝rden.

Das hei├čt doch, zeitliches Gut h├Âher als Gott achten und an seiner Stelle zum Abgott machen. Damit werden wir dann nicht w├╝rdig, diese tr├Âstliche Gottesverhei├čung zu h├Âren und zu verstehen, da├č er die Niedrigen erhebe, die Hohen erniedrige, die Armen erf├╝lle, die Reichen leer mache; daher kommen wir auch niemals zur Erkenntnis seiner Werke, ohne die es doch keine Seligkeit gibt, und m├╝ssen so ewig verdammt sein, wie Ps. 28,5 sagt: „Sie haben von den Werken Gottes keine Kenntnis, verstehen auch die Sch├Âpfungen seiner H├Ąnde nicht. Darum wirst du sie zerbrechen und nimmermehr aufrichten.“ Und das ist auch billig; denn sie glauben diesen seinen Verhei├čungen nicht, achten ihn wie einen leichtfertigen, l├╝genhaften Gott und haben den Mut nicht, auf seine Worte etwas zu wagen oder anzufangen. So gar nichts halten sie von seiner Wahrheit. Es mu├č jedenfalls versucht und gewagt sein auf seine Worte hin; denn Maria sagt nicht: „Er hat die Vollen erf├╝llt, die Hohen erhoben“, sondern „die Hungrigen erf├╝llt, die Niedrigen erhoben.“

Du mu├čt im Hunger mitten in die Notdurft hineingekommen sein und erfahren, was Hunger und Notdurft ist, so, da├č ein Vorrat und eine Hilfe bei dir oder den Menschen nicht vorhanden ist, sondern allein bei Gott; denn das Werk soll jedenfalls allein Gottes Sache sein als etwas, was f├╝r alle andern unm├Âglich ist. Ebenso darfst du nicht blo├č an Erniedrigung denken und davon reden, sondern mu├čt hineinkommen, darin stecken, von niemand mehr Hilfe finden, da├č Gott allein hier wirken k├Ânne; oder mu├čt du das wenigstens begehren und darfst es nicht scheuen, falls es mit der Tat nicht dazu kommen kann. Darum sind wir Christen und haben das Evangelium, das der Teufel und die Menschen nicht leiden k├Ânnen, damit wir dadurch zu Notdurft und Erniedrigung und so auch Gott in uns zu seinen Werken kommen kann. Denke du selber dar├╝ber nach: wollte er dich s├Ąttigen, ehe dich hungert, oder erh├Âhen, ehe du erniedrigt w├Ąrest, so m├╝├čte er sich gerade nur wie ein Gaukler stellen und k├Ânnte das nicht tun, was er vorg├Ąbe, und seine Werke w├Ąren nichts als ein Spott, wo doch Ps. 111,7 geschrieben steht: „Seine Werke sind Wahrheit und Ernst.“ Wollte er auch gleich schon wirken, wenn deine Notdurft und Erniedrigung erst im Anfang begriffen ist, oder helfen, wenn deine Notdurft und Erniedrigung noch klein ist, so w├Ąren die Werke zu gering f├╝r Gottes Gewalt und Majest├Ąt, von denen doch Ps. 111,2 sagt: „Gottes Werke sind gro├č und auserlesen nach all seinem Begehren.“

La├č das Gegenteil sehen! W├╝rde er die Hohen und Reichen zerbrechen, eh sie hoch und reich wurden, wie wollte er sich dazu stellen? Sie m├╝ssen zuerst so ganz in die H├Âhe und zu Reichtum kommen, da├č es ihnen selber und jedermann so vorkommt, ja im Grunde auch so ist, da├č niemand sie st├╝rzen, niemand ihnen wehren k├Ânne; sie m├╝ssen ihrer Sache gewi├č werden und sagen, wie von ihnen und Babylonien Jesaja /47,8 f.) sagt: „H├Âre zu, du Feine, die du so sicher sitzest und sprichst in deinem Herzen: Hier bin ich, und niemand kann mir etwas antun; ich bin gewi├č, da├č ich nicht eine Witwe noch ohne Kinder (d.h. ohne St├Ąrke und Beistand) sein werde! Wohlan, es soll dies alles beides ├╝ber dich hereinbrechen auf einen Tag usw.“ Da kann dann Gott in ihnen sein Werk wirken. So lie├č er Pharao sich ├╝ber die Kinder Israel erheben und sie unterdr├╝cken, wie 2. Mo. 9,16 Gott selber von ihm sagt: „Darum habe ich dich erhoben, auf da├č ich an dir mein Tun erzeige und mein Lob davon verk├╝ndigt werde, so weit die Welt ist.“ Und von solchen Beispielen ist die Bibel voll; sie lehrt ja nichts anderes als Gottes Werk und Wort und verwirft der Menschen Werk und Wort.

Nun siehe, ein starker Trost liegt darin, da├č nicht ein Mensch, sondern Gott selber den Hungrigen nicht blo├č etwas gibt, sondern sie erf├╝llt und „s├Ąttigt“. Au├čerdem sagt Maria: „Mit G├╝tern“, d.h. dieses Erf├╝llen so unsch├Ądlich, n├╝tzlich und heilvoll sein, da├č es Leib und Seele samt allen Kr├Ąften wohl tue. Aber das weist auch darauf hin, da├č sie vorher von allen G├╝tern entbl├Â├čt sind und voll von allem Mangel. Denn, wie oben gesagt, unter dem „Reichtum“ sollen hier zeitliche G├╝ter aller Art zur Befriedigung des Leibes begriffen werden, wovon die Seele auch fr├Âhlich wird. Dementsprechend soll umgekehrt „Hunger“ hier nicht blo├č Mangel an Speisen, sondern an allen zeitlichen G├╝tern bedeuten. Ein Mensch kann ja alle Dinge einmal entbehren au├čer der Speise (weshalb fast alle G├╝ter um der Nahrung willen da sind); ohne Speise kann niemand leben, auch wenn er ohne Kleid, Haus, Geld, Gut und Leute zu leben verm├Âchte. Somit begreift hier die Schrift das zeitliche Gut unter dem, was man am allernotwendigsten braucht und ben├╝tzt und am allerwenigsten entbehren kann, ebenso nennt sie darum auch die Geizigen und die auf zeitliches Gut Erpichten „Diener des Bauches“ (R├Âm. 16,18) und Paulus nennt den Bauch ihren Gott (Phil. 3,19).

Wie k├Ânnte nun jemand st├Ąrker, trostreicher zu freiwilligem Hungern und Armsein reizen als solche trefflichen Worte dieser Mutter Gottes, da├č Gott alle Hungrigen mit G├╝tern erf├╝llen will? Wen diese Worte und solches Ehren und Preisen der Armut nicht reizt, der ist gewi├člich glaubens- und vertrauenslos wie ein Heide. Wie k├Ânnte man andererseits den Reichtum st├Ąrker zur├╝ckweisen und die Reichen greulicher erschrecken als damit, da├č Gott sie leer l├Ą├čt? Oh, wie sind’s beide so gro├če, ├╝berschwengliche Dinge, wenn Gott erf├╝llt und wenn Gott verl├Ą├čt? Wie ganz unm├Âglich ist’s da f├╝r eine Kreatur, dagegen zu raten und zu helfen! Es erschrickt ein Mensch, wenn er h├Ârt, da├č sein Vater sich von ihm lossagt oder sein Herr ihm ungn├Ądig ist, und wir Hohen und Reichen erschrecken nicht, wenn wir h├Âren, da├č Gott uns eine Absage gibt, ja nicht blo├č absagt, sondern uns zu st├╝rzen, zu erniedrigen und arm zu machen droht. Umgekehrt ist’s eine Freude, wenn der Vater g├╝tig, der Herr gn├Ądig ist, und mancher verl├Ą├čt sich so darauf, da├č er Leib und Gut dar├╝ber l├Ą├čt. Und wir haben hier eine solche Verhei├čung Gottes, einen so starken Trost, und k├Ânnen sie weder brauchen noch genie├čen, noch daf├╝r danken noch uns dar├╝ber freuen! O du leidiger Unglaube, wie stockhart, wie steind├╝rr bist du, da├č du solch gro├če Dinge nicht empfindest!

Damit sei von den sechs Werken Gottes genug gesagt.

Er hat Israel, seinen Diener, aufgenommen, nachdem er gedacht an seine Barmherzigkeit.

Nach den Gotteswerken an ihr und allen Menschen kommt Maria wieder auf den Anfang und das Erste zur├╝ck und beschlie├čt das Magnifikat mit dem gro├čen Hauptwerk aller Werke Gottes, n├Ąmlich der Menschwerdung des Gottessohnes. Und sie bekennt hier frei, da├č sie eine Magd und Dienerin aller Welt sei, indem sie bekennt, dies Werk, das in ihr vollbracht sei, sei nicht allein ihr, sondern ganz Israel zu gut geschehen. Doch trennt sie Israel in zwei Teile und nimmt nur auf den Teil Bezug, der Gott dient; niemand dient aber Gott, als wer ihn seinen Gott sein und seine Werke in sich wirken l├Ą├čt, wovon oben die Rede war.

Man versteht und gebraucht freilich leider zur Zeit – dahin hat man es gebracht – das W├Ârtlein „Gottesdienst“ so andersartig, da├č der H├Ârer gar nicht an solche Werke denkt, sondern an den Glockenklang, an das Stein- und Holzwerk der Kirchen, an das Rauchfa├č, an die Flammen der Lichter, an das Gepl├Ąrre in den Kirchen, an das Gold, die Seide und die Edelsteine der Chorm├Ąntel und Me├čgew├Ąnder, an die Kelche und Monstranzen, an die Orgel und die Bilder, an die Prozession und den Kirchgang und, was das Wichtigste ist, an das Maulplappern und Paternosterz├Ąhlen. Dahin ist’s leider mit Gottes Dienst gekommen, wovon doch Gott so gar nichts wei├č, w├Ąhrend wir sonst nichts als dieses wissen; wir singen t├Ąglich das Magnifikat mit hoher Stimme und herrlicher Pracht und schweigen doch seinen rechten Ton und seine rechte Bedeutung je l├Ąnger je mehr tot.

Aber es steht der Text fest da. Wenn wir diese Werke Gottes nicht lehren und uns gefallen lassen, so wird auch kein Gottesdienst dasein, kein Israel, keine Gnade, keine Barmherzigkeit, kein Gott, wenngleich wir uns in den Kirchen zu Tode m├╝hten mit Sang und Klang und alles Gut der Welt zusammen hineinstifteten. Gott hat nichts davon geboten; darum hat er auch ohne allen Zweifel gar kein Gefallen daran. Solchem Israel nun, das Gott dient, dem kommt die Menschwerdung Christi zu gut; das ist sein eignes, liebes Volk, um dessen willen er auch Mensch geworden ist, um sie aus der Gewalt des Teufels, der S├╝nde, des Todes, der H├Âlle zu erl├Âsen und sie heraus in die Gerechtigkeit, ins ewige Leben und in die Seligkeit zu bringen. Das ist das „Aufnehmen“, von dem Maria hier sing. In diesem Sinne sagt Paulus Tit. 2,14, Christus habe sich f├╝r uns gegeben, da├č er sich ein Volk zum Erbe und Eigentum reinigte. Und S. Petrus schreibt (1. Petr. 2,9): „Ihr seid das heilige Volk, das Volk, das Gott selber erworben hat, ein k├Ânigliches Priestertum usw.“

Das sind die Reicht├╝mer der g├Âttlichen, unergr├╝ndlichen Barmherzigkeit, die wir aus keinem Verdienst, sondern aus lauter Gnaden bekommen haben. Drum sagt Maria: „Er hat gedacht an seine Barmherzigkeit“; sie sagt nicht: „Er hat gedacht an unser Verdienst und W├╝rdigkeit“. Bed├╝rftig waren wir, aber ganz unw├╝rdig. Darin besteht nun sein Lob und seine Ehre, und dar├╝ber mu├č unser R├╝hmen und Vermessen verstummen. Er hatte nichts „anzusehen“, was ihn bewegt h├Ątte, als da├č er barmherzig w├Ąre. Und diesen Namen wollte er bekannt machen. Warum sagt Maria aber vielmehr: Er habe an seine Barmherzigkeit „gedacht“, und nicht, er habe sie „angesehen“? Deshalb, weil er sie verhei├čen hatte, wie der folgende Vers sagt. Nun hat er es lange hinausgez├Âgert, sie zu geben, so da├č es aussah, als h├Ątte er sie vergessen, wie ja alle seine Werke aussehen, als verg├Ą├če er unser. Aber als er kam, da wurde erkannt, da├č er nicht vergessen hatte, sondern unaufh├Ârlich daran gedacht, sie zu erf├╝llen.

Jedoch ist es wahr, da├č mit dem W├Ârtlein „Israel“ allein die Juden gemeint sind und nicht wir Heiden. Aber freilich wollten sie ihn nicht haben; dennoch hat er einige von ihnen auserlesen, hat damit dem Namen „Israel“ Gen├╝ge getan und hinfort ein geistliches Israel hergestellt. Das wurde 1. Mo. 32,25 ff. veranschaulicht, als der heilige Erzvater Jakob mit dem Engel rang und dieser ihm die H├╝fte l├Ąhmte. Das sollte bedeuten, da├č seine Kinder sich hinfort nicht der fleischlichen Geburt r├╝hmen sollten, wie die Juden tun. Dort bekam er auch den Namen, da├č er fernerhin Israel hei├čen solle, als ein Erzvater, der nicht allein Jakob, der leiblichen, sondern auch Israel, der geistlichen Kinder Vater sein sollte. Dazu stimmt das W├Ârtlein „Israel“; das hei├čt „ein Herr Gottes“. Das ist ein ganz hoher, heiliger Name und schlie├čt das gro├če Wunder in sich, da├č ein Mensch durch die g├Âttliche Gnade gleichsam Gottes m├Ąchtig wurde, so da├č Gott tut, was der Mensch will. In solcher Weise ist, das sehen wir, durch Christus die Christenheit mit Gott vereinigt wie eine Braut mit ihrem Br├Ąutigam, so da├č die Braut Recht und Macht hat ├╝ber des Br├Ąutigams Leid und ├╝ber alles, was er hat. Das geschieht alles durch den Glauben; da tut der Mensch, was Gott will, und andererseits Gott, was der Mensch will. So ist also „Israel“ ein gott├Ąhnlicher und gottm├Ąchtiger Mensch, der in Gott, mit Gott und durch Gott ein Herr ist, alle Dinge zu tun und zu verm├Âgen.

Sieh, das hei├čt Israel. Denn „sar“ hei├čt „ein Herr“, „Ein F├╝rst“; „el“ hei├čt Gott; tu’s zusammen, so wird auf hebr├Ąisch „Israel“ daraus. Ein solches „Israel“ will Gott haben; als Jakob mit dem Engel gerungen und es gewonnen hatte, sprach der dar├╝ber zu ihm (1. Mo. 32,29): „Du sollst Israel hei├čen; denn, wenn du stark bist Gott gegen├╝ber, so wirst du auch stark sein den Menschen gegen├╝ber.“ Davon ist viel zu sagen, denn es ist „Israel“ ein wunderbar hohes Mysterium.

Wie er geredet hat zu unsern V├Ątern, Abraham, und seinem Samen in Ewigkeit.

Da liegt alles Verdienst, alle Vermessenheit am Boden und ist so die lautere Gnade und Barmherzigkeit Gottes erhoben; denn Gott hat Israel nicht um ihres Verdienstes willen angenommen, sondern um seiner eigenen Verhei├čung willen. Aus lauter Gnade hat er es fest versprochen, aus lauter Gnaden hat er es auch erf├╝llt. Darum sagt S. Paulus Gal. 3,17 f., Gott habe vierhundert Jahre vorher, ehe er das Gesetz Moses gab, Abraham ein festes Versprechen gegeben, damit ja niemand r├╝hmen oder sagen k├Ânnte, er habe diese Gnade und Zusage durchs Gesetz oder durch Gesetzeswerke verdient und erlangt. Eben diese Zusage preist und erhebt hier die Mutter Gottes auch ├╝ber alles und schreibt dies Werk der Menschwerdung Gottes v├Âllig den g├Âttlichen, gn├Ądigen, unverdienten Zusagen zu, die er Abraham gemacht hat. Die Verhei├čung Gottes an Abraham steht haupts├Ąchlich 1. Mo. 12,3 und 22,18; auch sonst wird an vielen Stellen auf sie Bezug genommen. Sie lautet folgenderma├čen: „Ich habe bei mir selber geschworen: In deinem Samen sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde.“ Diese Worte Gottes h├Ąlt S. Paulus hoch und alle Propheten, wie es billig ist. Denn mit diesen Worten ist Abraham samt allen seinen Nachkommen gerettet und selig geworden, und auch wir sollen noch alle darin selig werden; ist doch Christus darin enthalten und zugesagt als aller Welt Heiland. Und das ist der „Scho├č Abrahams“ (Luk. 16,22), worin alle, die vor Christi Geburt selig geworden sind, geborgen gewesen sind, und ohne diese Worte ist niemand selig geworden, auch wenn er alle guten Werke getan h├Ątte. Das wollen wir sehen.

Es folgt zuerst aus diesen Gottesworten, da├č alle Welt au├čerhalb von Christus in S├╝nden, Verdammnis und verflucht ist samt all ihrem Tun und Wissen. Denn wenn Gott sagt, nicht „einige“, sondern „alle“ V├Âlker sollen gesegnet werden in Abrahams Samen, so wird es ohne diesen Samen Abrahams keinen Segen geben in allen V├Âlkern. Was brauchte Gott mit so gro├čem Ernst und teurem Eide Segen versprechen, wenn bereits Segen und nicht lauter Fluch da w├Ąre? Aus diesem Spruch haben die Propheten viel herausgelesen und geschlossen; n├Ąmlich, da├č alle Menschen b├Âse, nichtig, l├╝gnerisch, falsch, blind und kurzum ohne Gott seien, so da├č es in der Schrift keine gro├če Ehre ist, ein Mensch zu hei├čen. Denn es gilt dieser Name vor Gott nicht mehr, als wenn jemand vor der Welt ein L├╝gner und ein Treuloser genannt w├╝rde; so ganz ist der Mensch durch Adams Fall verderbt, da├č ihm die Verfluchung angeboren, ja geradezu seine Natur und sein Wesen wird.

Zweitens folgt daraus, da├č dieser Same Abrahams nicht auf nat├╝rliche Weise von Mann und Weib geboren werden durfte; denn diese Geburt ist verflucht und gibt lauter verfluchte Frucht, wie eben gesagt wurde. Sollte nun in diesem Samen Abrahams alle Welt von diesem Fluch erl├Âst und dadurch gesegnet werden, wie die Worte und Eide Gottes lauten, so mu├čte der Same schon vorher gesegnet sein: er durfte von diesem Fluch weder ber├╝hrt noch befleckt sein, sondern mu├čte lauter Segen sein, voller Gnade und Wahrheit. Wenn nun Gott, der nicht l├╝gen kann, zusagt und schw├Ârt, es solle Abrahams nat├╝rlicher Same sein, d.h. ein nat├╝rliches, wirkliches Kind, das von seinem Fleisch und Blut geboren w├╝rde, so mu├č andererseits dieser Same ein richtiger, nat├╝rlicher Mensch sein vom Fleisch und Blut Abrahams. Da steht nun eins gegen das andere: nat├╝rliches Fleisch und Blut Abrahams sein, und doch nicht von Mann und Weib nat├╝rlich geboren werden. (Denn darum gebraucht Gott das Wort „dein Samen“ und nicht das Wort „dein Kind“, da├č es ja klar und gewi├č w├Ąre, es solle sein nat├╝rliches Fleisch und Blut sein, wie es ja der „Same“ ist; ein „Kind“ kann ja gut auch nicht ein nat├╝rliches Kind sein, wie man wei├č. Wer will hier einen Mittelweg finden, da├č Gottes Wort und Eid wahr bleibe, worin solche sich widersprechenden Dinge aufeinander sto├čen?

Das hat Gott selber getan. Er kann erf├╝llen, was er verhei├čt, obwohl es niemand begreift, bevor es geschieht. Darum erfordert sein Wort und Werk nicht Vernunftgr├╝nde, sondern einen freien, lauteren Glauben. Sieh, wie er diese zwei St├╝cke in Einklang gebracht hat: Er schafft dem Abraham den Samen, einen nat├╝rlichen Sohn von einer seiner T├Âchter, einer reinen Jungfrau, Maria, durch den Heiligen Geist, ohne Zutun eines Mannes. Da liegt keine nat├╝rliche Geburt und Empf├Ąngnis mit ihrem Fluch vor und hat diesen Samen nicht ber├╝hren d├╝rfen; und doch ist der nat├╝rliche Same Abraham hier gerade so wirklich vorhanden wie in allen andern Kindern Abrahams. Sieh, das ist der gesegnete Same Abrahams, in dem alle Welt von ihrem Fluche los wird. Denn wer an diesen Samen glaubt, ihn anruft, ihr bekennt und an ihm hangen bleibt, dem ist aller Fluch vergeben und aller Segen gegeben, wie die Worte und Eide Gottes lauten: „In deinem Samen sollen gesegnet werden alle V├Âlker der Erde“, d.h. alles, was gesegnet werden soll, mu├č und soll durch diesen Samen und sonst auf keine Weise gesegnet werden. Sieh, das ist der Same Abrahams, der von keinem seiner S├Âhne -darauf haben die Juden allezeit gesehen und gewartet – sondern allein von seiner einigen Tochter Maria geboren ist.

Das meint nun hier die liebe Mutter dieses „Samens“, wenn sie sagt, Gott habe Israel angenommen laut seiner Verhei├čung, die er dem Abraham gegeben hat, ihm und allen seinen Samen. Da sah sie wohl, da├č die Verhei├čung in ihr erf├╝llt war; darum sagt sie, es sei nun erf├╝llt und er habe angenommen, seinem Wort Gen├╝ge geleistet. Hier sehen wir den Grund des Evangeliums, warum alle Lehre und Predigt darin zum Glauben an Christus und in den Scho├č Abrahams treiben; es gibt n├Ąmlich sonst keinen Rat und keine Hilfe, wo dieser Glaube nicht ist, in welchem der gesegnete Same ergriffen wird, und f├╝rwahr, es h├Ąngt die ganze Bibel an diesem Eidspruch Gottes, handelt sich doch alles in der Bibel um Christus. Weiter sehen wir, da├č alle V├Ąter im Alten Testament samt allen heiligen Propheten den gleichen Glauben und das gleiche Evangelium gehabt haben, das wir haben, sie S. Paulus 1. Kor. 10,1 ff. sagt; denn in diesem Eidspruch Gottes und Scho├č Abrahams sind sie alle mit festem Glauben geblieben und so errettet worden; nur da├č sie an den zuk├╝nftigen und verhei├čenen Samen geglaubt haben, w├Ąhrend wir an den erschienenen und hingegebenen glauben. Es ist aber alles eine Wahrheit der Zusage, ebenso auch ein Glaube, ein Geist, ein Christus, ein Herr (Eph. 4,5), heute wie zu jener Zeit und in Ewigkeit, wie S. Paulus Heb. 13,8 sagt.

Da├č aber sp├Ąter den Juden das Gesetz gegeben wurde, entspricht dieser Zusage nicht; das ist deshalb geschehen, da├č sie durch das Licht des Gesetzes ihre fluchbeladene Natur desto besser erkennen m├Âchten und nach diesem verhei├čenen Samen des Segens desto hei├čer und begieriger verlangen sollten. Damit haben sie einen Vorteil vor den Heiden aller Welt gehabt. Aber sie haben den Vorteil verkehrt und einen Nachteil daraus gemacht, indem sie es unternahmen, das Gesetz aus sich selber zu erf├╝llen, anstatt ihre Bed├╝rftigkeit und Verfluchtheit dadurch zu erkennen; sie haben damit sich selber die T├╝re zugetan, so da├č der Same hat vor├╝bergehen m├╝ssen, und sie verharren noch dabei, Gott gebe, nicht lange. Amen.

Und das ist der Streit aller Propheten mit den Juden gewesen. Denn die Propheten verstanden des Gesetzes Absicht wohl (da├č man darin unsere verfluchte Natur erkennen und Christus anrufen lernen solle); deshalb verwarfen sie alle „guten“ Werke und das „gute“ Leben der Juden, weil es sich nicht in dieser Richtung bewegte. So wurden dann jene zornig auf sie und t├Âteten sie, weil sie Gottesdienst, gute Werke und gutes Leben verw├╝rfen. So machen es ja immer die Heuchler und die Heiligen, die der Gnade nicht teilhaftig sind. Davon w├Ąre viel zu sagen.

Wenn Maria aber sagt: „seinem Samen in Ewigkeit“, so soll die „Ewigkeit“ dahin verstanden werden, da├č solche Gnade bei Abrahams Geschlecht (welches die Juden sind) von jener Zeit an durch alle Zeit hindurch w├Ąhrt bis an den J├╝ngsten Tag. Denn obwohl die gro├če Masse verstockt ist, gibt es doch immer, wie wenig es auch sein m├Âgen, solche unter ihnen, die sich zu Christus bekehren und an ihn glauben; denn diese Zusage Gottes l├╝gt nicht, da├č Abraham und seinem Samen die Zusage geworden sei nicht auf ein Jahr, nicht auf tausend Jahre, sondern in Saecula, d.h. von einem Menschheitszeitalter auf das andere, ohne Aufh├Âren.

Daher sollten wir die Juden nicht so unfreundlich behandeln; denn es sind noch zuk├╝nftige Christen unter ihnen und werden’s t├Ąglich. Zudem haben sie allein und nicht wir Heiden solche Zusage, da├č es allezeit unter Abrahams Samen Christen geben werde, die den gesegneten Samen erkennen; unsere Sache steht auf lauter Gnade ohne Zusage Gottes, wer wei├č wie und wann. Wenn wir christlich lebten und die Israeliten mit G├╝te zu Christus br├Ąchten, das w├Ąre wohl die rechte Weise. Wer m├Âchte Christ werden, wenn er Christen so unchristlich mit Menschen umgehen sieht? So soll es nicht sein, liebe Christen; man sage ihnen g├╝tlich die Wahrheit; wollen sie nicht, dann la├č sie fahren. Wieviel Christen gibt es, die Christus nicht achten, seine Worte auch nicht h├Âren, die ├Ąrger als Heiden und Juden sind: und die lassen sie doch im Frieden gehen, fallen ihnen sogar zu F├╝├čen und beten sie bald wie einen Abgott an. Damit lassen wir’s diesmal bewenden und bitten Gott um ein rechtes Verst├Ąndnis dieses Magnifikat, da├č es nicht allein leuchte und rede, sondern brenne und bleibe in Leib und Seele. Das verleihe uns Christus durch die F├╝rbitte und den Willen seiner lieben Mutter Maria.

Amen.

Anmerkung
Luther schrieb diese Schrift 1520, vor seiner ├ťbersetzung der Bibel ins Deutsche. Zumeist zitiert er Bibelstellen aus dem Ged├Ąchtnis; was das Neue Testament angeht, so hat er sich haupts├Ąchlich auf den lateinischen Text der Vulgata berufen. Von daher ergeben sich Abweichungen zu heutigen Bibeln und auch zu seiner eigenen ├ťbersetzung. In einigen F├Ąllen beruft er sich auf Stellen aus den alttestamentlichen Apokryphen, die er zu dieser Zeit noch als biblische B├╝cher gelten lie├č.

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Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 13. Dezember 2007 um 11:48 und abgelegt unter Theologie.