Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Warum konservative Christen mehr Fairness verdienen

Montag 15. Juni 2026 von Stiftung Zukunft CH


Stiftung Zukunft CH

In Deutschland hat der Gemeindehilfsbund eine Erklärung unter dem Titel „‚Rechte ChristInnen‛ oder (r)echter Glaube?“ herausgebracht. Der Text, zu dessen Unterzeichnung aufgefordert wird, spricht ein Problem an, das viele konservative Christen in Deutschland (und auch in der Schweiz) zunehmend beschäftigt: die Tendenz, traditionelle christliche Überzeugungen vorschnell als „rechts“ einzuordnen.

Ein Kommentar von Beatrice Gall

Die kritische Schrift, die 20 Seiten umfasst und namhafte Erstunterzeichner wie Pfr. Ulrich Parzany (ehem. Leiter ProChrist), Hartmut Steeb (ehem. Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz) und Prof. Dr. Harald Seubert (STH Basel) hat, verdient Aufmerksamkeit. Überzeugend wird angeführt, dass eine Kirche ihre Urteile in erster Linie theologisch begründen sollte. Wer Christen wegen ihrer Ansichten zu Familie, Geschlechterrollen, Abtreibung oder Migration kritisiert, sollte sich mit deren biblischen Argumenten auseinandersetzen, statt sie vorschnell in politische Schubladen einzuordnen. Und ja: Tatsächlich entsteht häufig der Eindruck, dass Begriffe wie „rechts“, „Menschenfeindlichkeit“ oder „Demokratiegefährdung“ als Etiketten verwendet werden, ohne die zugrunde liegenden theologischen Überzeugungen ernsthaft zu prüfen.

Ebenso berechtigt erscheint die Sorge um die Meinungsfreiheit. Eine demokratische Gesellschaft lebt davon, dass auch unbequeme Positionen geäussert werden dürfen. Wer jedoch jede grundlegende Kritik an politischen Entwicklungen oder gesellschaftlichen Trends sofort unter Extremismusverdacht stellt, schwächt die offene Debattenkultur, die eine Demokratie eigentlich auszeichnet. Gerade Kirchen sollten Räume sein, in denen kontroverse Fragen diskutiert werden können, ohne dass jemand ausgegrenzt wird. Das in der Erklärung angeführte Beispiel der Hannoverschen Landeskirche, die versucht hat, auf christliche Organisationen und Tagungshäuser Druck auszuüben, bestimmten konservativen Gruppen keine Räume zur Verfügung zu stellen, stimmt daher mehr als nachdenklich.

Der Auftrag der Kirche: VerkĂĽndigung des Evangeliums

Der Gemeindehilfsbund unter dem Leiter Pfr. Dr. Stefan Felber erinnert mit seiner Aktion zurecht daran, dass die Kirche nicht in erster Linie eine politische Organisation ist, sondern ihr Auftrag darin besteht, das Evangelium zu verkündigen, Menschen zum Glauben einzuladen und Orientierung aus der Bibel zu geben. Wenn sich kirchliche Stellungnahmen zunehmend mit politischen Themen beschäftigen und sich auffallend an der Position und am Framing bestimmter gesellschaftlicher Gruppierungen orientieren, entsteht berechtigterweise der Eindruck, dass der geistliche Auftrag in den Hintergrund getreten ist.

Das soll nicht heissen, dass sich Christen aus gesellschaftlichen Debatten heraushalten sollten. Nein, wahrhaftig nicht. Ihre Stimme ist nötiger denn je, wenn man sich die allgemeine Weltlage ansieht. Doch die Kirche sollte dabei ihre Unabhängigkeit gegenüber allen politischen Lagern bewahren. Sie verliert an Glaubwürdigkeit, wenn sie bestimmte politische Auffassungen faktisch zum Massstab christlicher Zugehörigkeit macht.

Die Erklärung des Gemeindehilfsbundes ist deshalb ein wichtiger und nötiger Anstoss, über die Grenzen zwischen theologischer Urteilsbildung und politischer Positionierung nachzudenken. Sie fordert Respekt für konservative Christen, die ihre Überzeugungen aus Bibel und Bekenntnis ableiten, und erinnert daran, dass eine pluralistische Gesellschaft von echter Meinungsvielfalt lebt – auch innerhalb der Kirchen.

Die Erklärung in vollem Wortlaut, Möglichkeit zur Unterzeichnung und die Liste der Erstunterzeichner: Gemeinsame Erklärung konservativer Christen – eine Initiative des Gemeindehilfsbundes

Beatrice Gall, Stiftung Zukunft CH, 8.6.2026

Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 15. Juni 2026 um 9:03 und abgelegt unter Gesellschaft / Politik, Kirche.