Stehen am Anfang der Bibel zwei unterschiedliche Schöpfungsberichte?
Mittwoch 8. April 2026 von Dr. Gottfried Herrmann

Stehen am Anfang der Bibel zwei unterschiedliche Schöpfungsberichte?[1]
1. Einführung: Zur Bedeutung der Frage
Eines muss am Anfang klar gesagt werden, wenn wir hier über den biblischen Bericht von der Schöpfung reden: Unser ewiges Heil hängt nicht an der Frage ob und wie Gott die Welt geschaffen hat. An einem biblischen Beispiel wird das deutlich. Als der Apostel Paulus von dem Gefängnisaufseher in Philippi gefragt wird: „Was muss ich tun, damit ich gerettet werde?“ – da antwortet er nicht: „Da musst du glauben, dass die Welt von Gott geschaffen wurde, dass er die Welt bis heute erhält, dass er Gott ein dreieiniger Gott ist usw.“ Nein, Paulus sagt dem Mann einfach: „Glaube an den Herrn Jesus Christus“, d.h. vertrau dich ihm als deinem Heiland und Retter an, – „dann wirst du und dein Haus (Familie) selig.“ Ganz ähnlich sieht das bei dem Verbrecher aus, der neben Jesus gekreuzigt wurde, dem der Herr sagt, dass er noch am gleichen Tag im himmlischen Paradies sein wird. Und das gilt bis heute: Glaube an der Herrn Jesus Christus als deinen Erlöser, dann bist du ewig gerettet!
Aber: Im Unterschied zum Schächer am Kreuz haben wir – vermutlich – noch etwas mehr Lebenszeit vor uns als er. Deshalb ist es sinnvoll und nötig, dass wir uns nicht nur an den Kern des Evangeliums klammern, sondern uns auch mit dem beschäftigen, was Gott für nötig gehalten hat, uns in seinem Wort zu offenbaren, d.h. in der Bibel aufschreiben zu lassen. Und er hat es offensichtlich für richtig gehalten, uns nicht zu sagen: „Darüber, wie eure Welt entstanden ist, könnt ihr euch selbst Gedanken machen und über Evolution oder Urknall spekulieren. Am Ende werde ich euch dann im Himmel verraten, wie es wirklich war.“ Nein, er sagt uns einiges mehr dazu, auch einiges an Details, die wir ernstnehmen sollten.
Wenn wir anfangen, in Gottes Wort zu lesen, scheitern viele schon auf den ersten Seiten der Bibel. Sie stolpern über das, was dort geschrieben steht. Sie können (oder wollen) es nicht verstehen oder richtig einordnen. Sie stoßen auf Schwierigkeiten und ärgern sich über manches, was da gesagt wird. Sie finden, dass da einiges im Widerspruch zu den heute allgemein anerkannten wissenschaftlichen Erkenntnissen steht oder dass es auch in sich selbst unklar und verwirrend ist.
Ein Hauptanstoß ist heute der Bericht über die Erschaffung der Welt und des Menschen durch Gott, wie er in den ersten beiden Kapiteln der Bibel steht. Damit wollen wir uns hier beschäftigen. Darüber haben sich schon viele Gedanken gemacht und es ist unendlich viel darüber geschrieben worden. Das kann hier nicht alles ausgebreitet werden. Ich will nur versuchen, ein paar Schneisen durch den Dschungel der kritischen Fragen zu schlagen.[2]
Ehe wir damit anfangen, müssen wir natürlich erst einmal den entsprechenden Text in 1Mose 1+2 lesen.
2. Der biblische Bericht über die Schöpfung
Wir lesen hier zunächst den Text aus dem 1. Kapitel der Bibel:[3]
1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
2 Und die Erde war wüst und leer, und es war finster[4] auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf[5] dem Wasser.
3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.
4 Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis
5 und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.
6 Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern.
7 Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so.
8 Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag.
9 Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte[6], dass man das Trockene sehe. Und es geschah so.
10 Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war.
11 Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume auf Erden, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist. Und es geschah so.
12 Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.
13 Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.
14 Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre
15 und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so.
16 Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.
17 Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde
18 und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war.
19 Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.
20 Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels.
21 Und Gott schuf große Walfische[7] und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.
22 Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden.
23 Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.
24 Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so.
25 Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art und alles Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.
26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.[8]
27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.
28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier[9], das auf Erden kriecht.
29 Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise.
30 Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so.
31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.
(1Mose 2:)
1 So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer.
2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.
3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.
4a So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.[10]
(Das Paradies) [Fortsetzung folgt]
3. Stolpersteine in 1Mose 1
3.1. Kann Gott durch Evolution geschaffen haben?[11]
Das Hauptproblem in diesen Eingangskapiteln der Bibel ist für die meisten Menschen von heute: Da wird behauptet, dass Gott die Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt geschaffen und sinnvoll eingerichtet (d.h. designed) hat. Das steht im Widerspruch zu dem, was wir alle in der Schule gelernt haben und ständig in den Massenmedien beigebracht bekommen, nämlich: Die „Naturwissenschaft“ hat nachgewiesen, dass sich die Welt aus primitivsten Anfängen heraus entwickelt hat. „Evolution“ (vom Niederen zum Höheren) ist die Zauberformel dafür. Damit kann man (fast) alles erklären. Vor allem zeigt dieses sog. „wissenschaftliche“ Weltbild, dass wir keinen Schöpfer brauchen; erst recht keinen Gott, dem wir womöglich für unser Tun verantwortlich sind.
Dieses angeblich wissenschaftliche Modell von der Entstehung der Welt ist auch für viele Christen ein echtes Problem, an dem sie sich stoßen. Kluge Leute sind deshalb auf eine geniale Idee gekommen: Das muss doch gar kein Gegensatz sein – entweder Gott als Schöpfer oder die allgemeine Evolution. Gott kann doch auch durch das Mittel der Evolution geschaffen haben. Man nennt das eine „theistische Evolution“ (d.h. eine von Gott gemachte). Ist das nicht die Lösung? Dann sind wir Christen, die die Bibel ernstnehmen wollen, dieses Ärgernis endlich los und können auch wissenschaftlich als salonfähig gelten.[12]
So habe ich das als Student auch gedacht. Das hatte man uns am landeskirchlichen Missionshaus beigebracht. Eine scheinbar ideale Lösung. Aber dann kam ich in Leipzig ans Seminar unserer Kirche. Da zeigten mir meine theologischen Lehrer, dass dieser Lösungsversuch nur zu noch größeren Problemen für meinen Glauben führt. Denn, wenn ich mit der Evolutionstheorie davon ausgehe, dass sich der Mensch allmählich auf dem Tierreich entwickelt hat, stoße ich nicht nur beim Schöpfungsbericht auf Schwierigkeiten. Dann kommt auch im Neuen Testament einiges ins Rutschen. Denn im Römerbrief betont Paulus: „… durch einen Menschen [ist] die Sünde in die Welt gekommen und der Tod durch die Sünde … Wie nun durch die Sünde des Einen die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen [Jesus] für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt“ (Röm 5,12+18).
Hier geht es nicht mehr um angebliche „Randprobleme“ des Glaubens, sondern um den Kern der biblischen Botschaft. Wenn Adam nicht der erste Mensch und Sünder war, dann ist Jesus Christus überflüssig. Wenn Tod und Sterben ganz selbstverständlich zur Natur des Menschen gehören, dann sind sie nicht Folge des Sündenfalls, sondern notwendige Triebkraft der Höherentwicklung. Dann ist nicht nur der Schöpfer überflüssig, sondern auch der Erlöser vieles andere mehr. Wenn wir Adam als märchenhafte Legende abtun, bleibt nicht viel von der Bibel übrig.
Nebenbemerkung: Oft hört man auch die Meinung, dass man 1Mose 1+2 als ein Gedicht ansehen müsse, in dem es nicht um geschichtliche Fakten, sondern um ein Loblied auf Gott als Schöpfer geht. Solches poetische Schöpfungslob gibt es ja durchaus im Alten Testament (z.B. in Ps 104). Aber in den ersten beiden Kapiteln der Bibel weist nichts darauf hin, dass es sich nur um eine blumige Ausschmückung des Schöpfungsthemas handelt. Immer wieder nehmen andere Bibelstellen darauf Bezug und berufen sich auf die Erschaffung von Adam und Eva als historische Tatsache (z.B. 1Kor 11,9; 1Tim 2,13).
3.2. Mikro- oder Makroevolution?
Anhänger der Evolution weisen gern darauf hin, dass Beobachtungen in der Natur und Biologie/Zoologie doch belegen, dass eine Entwicklung stattfindet. Etwa, wenn sich Tiere an eine veränderte Umgebung anpassen. Das war ja das Phänomen, dass Darwin bei den Finken auf den Galapagos-Inseln beobachtet hatte. Das ist nicht zu bestreiten. Aber man muss unterscheiden zwischen der sog. Makro-Evolution und der Mikro-Evolution. Makro-Evolution bedeutet, dass sich die Tierwelt von kleinsten Einzellern über viele Zwischenstufen bis zu den Säugetieren und bis zum Menschen immer höher entwickelt haben soll.
Mikro-Evolution dagegen findet statt, wenn innerhalb einer Tierart (Gattung) Anpassungen oder Modifikationen stattfinden. Der biblische Schöpfungsbericht betont deshalb fast penetrant zehnmal in 1Mose 1, dass Gott die verschiedenen Tiere und Pflanzen geschaffen hat, „ein jedes nach seiner Art“ (1Mose 1,12.21.24.25). D.h. es wurden bestimmte offensichtlich „Grundtypen“[13] geschaffen, innerhalb deren es vielfältigen Variationen geben kann.[14]
3.3. Wie lang dauerten die Schöpfungstage?
Manche Christen versuchen auch, die Evolution im biblischen Schöpfungsbericht unterzubringen, indem sie die dort angegeben 7 Tage als längere Perioden deuten. Man beruft sich dafür gern auf den Bibelspruch: „Vor dir (Gott) sind tausend Jahre wie ein Tag“ (Ps 90,4), aber man beachtet nicht, dass uns Gott damit keine Umrechnungsformel gibt in der Art: 1 Tag im Himmel = 1000 Jahre auf der Erde. Es handelt sich vielmehr um eine poetische Beschreibung des ganz anderen Zeitgefühls, das Gott hat.
Es lohnt sich, den hebräischen Begriff für „Tag“ (jom) dafür etwas genauer zu untersuchen. Da stellt man fest, dass dieses „jom“ zwar auch für einen längeren Zeitabschnitt stehen kann (z.B. „in den Tagen Noahs“), aber nicht, wenn es mit einer Ordnungs- oder Kardinalzahl kombiniert wird. Dies geschieht aber gerade 1Mose 1, wo es heißt: „erster Tag“ (wörtlich: Tag eins). [15]
Hinzu kommt, dass Gott selbst im Rahmen der Zehn Gebote darauf Bezug nimmt, dass er die Erde in sechs Tagen geschaffen hat und am siebenten Tag ruhte (2Mose 20,11f). Deshalb soll auch der Mensch nach sechs Tagen ausruhen (und nicht nach 6 Wochen, 6 Monaten oder gar 6 Jahrtausenden usw.).
3.4. Was für ein Weltbild vertritt die Bibel?
Gern wird auch darauf hingewiesen, dass im biblischen Schöpfungsbericht ein veraltetes, primitives Weltbild vertreten werden. Man beruft sich dafür auf Luthers Übersetzung von 1Mose 1,6: „Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern …“ Diese „Feste“ wird dann als eine Art Glasglocke („Käsedose“) über der Erde als flacher Scheibe gedeutet. Man lässt dabei völlig außer Acht, dass dieses Käseglocken-Weltbild in der Antike wohl von manchem vertreten wurde (z.B. in Babylonien), aber bei weitem nicht von allen. Schon Aristoteles (im 4. Jh. v.Chr.) berechnete den Umfang der Erdkugel erstaunlich genau.[16]
Hinzu kommt, dass der hebräische Ausdruck „rakia“, den Luther mit „Feste“ übersetzte, an sich nichts anderes eine „Wölbung“ meint.[17] Das ist ein Begriff, der dem, was die postmoderne Physik als „gekrümmten Raum“ beschreibt, relativ nahekommt. Es könnte sich um eine schlichte (für Menschen von damals) einigermaßen verständliche Beschreibung dessen handeln, was wir heute als Atmosphäre bezeichnen und was früher „Firmament“ oder „Himmelzelt“ genannt wurde.
3.5. Was meint das Ebenbild Gottes?
Schließlich muss noch auf ein theologisches Missverständnis eingegangen werden, das beim Lesen von 1Mose 1 unterlaufen kann. Da heißt es am Ende, dass Gott den Menschen (als Höhepunkt der Schöpfung) geschaffen hat „zu seinem Bild“, als sein Ebenbild. Mancher stellt sich nun vor, dass damit gemeint wäre, der Mensch sieht Gott in seiner äußeren Gestalt ähnlich: aufrechter Gang, Gesicht, Hände, Füße usw.[18] Das ist aber zu kurz gegriffen. Gemeint ist eine Übereinstimmung im inneren Wesen.[19]
Gott hat den Menschen – anders als alle Tiere – als ein Gegenüber für sich geschaffen, mit dem er im Gespräch sein will. Als Gesprächspartner Gottes ist der Mensch geschaffen worden. Er sollte mit Gott im Einklang (Harmonie) leben. Die Menschen sollten „ein Herz und eine Seele“ mit Gott sein.[20] Durch den Sündenfall ist das alles zerstört worden. Erst durch die Wiedergeburt im Glauben an Christus wird diese Ebenbildlichkeit schrittweise wiederhergestellt (vgl. Eph 4,23f; Kol 3,9f).[21]
4. Die Unterschiede zwischen 1Mose 1 und 2
Wir lesen nun die Fortsetzung des Textes im 2. Kapitel:
4b Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte.
5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute;
6 aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land.[22]
7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
8 Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte.
9 Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.
10 Und es ging[23] aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilte sich von da in vier Hauptarme.
11 Der erste heißt Pischon, der fließt um das ganze Land Hawila und dort findet man Gold;
12 und das Gold des Landes ist kostbar. Auch findet man da Bedolachharz und den Edelstein Schoham.
13 Der zweite Strom heißt Gihon, der fließt um das ganze Land Kusch.
14 Der dritte Strom heißt Tigris, der fließt östlich von Assyrien. Der vierte Strom ist der Euphrat.
15 Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.
16 Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten,
17 aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.
18 Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.[24]
19 Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen.
20 Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen ward keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre.[25]
21 Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch.
22 Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm.
23 Da sprach der Mensch: Das[26] ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin nennen, weil sie vom Manne genommen ist.
24 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.
25 Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.
Liest man diesen zweiten Teil des Schöpfungsberichtes und hält ihn neben das im 1. Kapitel Gehörte, dann fällt auf, wie unterschiedlich diese Abschnitte beschaffen sind. Welche Unterschiede fallen uns auf?
- Aufbau: ein straffes 7-Tage-Schema in Kap. 1; eine lockere Erzählung in Kap. 2;
- Unterschiedliche Bezeichnungen für Gott: in Kap. 1 „Elohim“ (= Gott); in Kap. 2 „Elohim Jahwe“ (= Gott der HERR);
- Reihenfolge der Erschaffung: in Kap. 1 wird der Mensch am 6. Tag geschaffen; in Kap. 2 ist der Mensch von Anfang an da;
- Erschaffung des Menschen: in Kap. 1 wird sie allgemein beschrieben; in Kap. 2 werden Details genannt (z.B. aus Ton, die Frau gesondert geschaffen);
- Beauftragung des Menschen: in Kap. 1 nur allgemein (fruchtbar sein und sie vermehren); in Kap. 2 folgen präzise Aufgaben (die Schöpfung beherrschen und bewahren);
- Beschreibung des Paradieses: in Kap. 1 fehlt sie ganz; in Kap. 2 erfolgt sie detailliert;
Wegen dieser Unterschiede hat die moderne, bibelkritische Theologie aus den ersten beiden Bibelkapiteln zwei unterschiedliche Berichte gemacht, die aus verschiedenen Quellen stammen sollen. Nach dieser seit längerem weithin eingebürgerten „Quellenscheidungstheorie“ gehen diese Berichte keinesfalls auf Mose (oder gar auf vormosaische Quellen[27]) zurück.
Das liest sich dann etwa so:
„Aufmerksame Bibelleser wissen es: In der Mitte der Schöpfungsgeschichte gibt es einen Bruch. Das 1. Buch Mose, Kapitel 1 und 2 am Anfang des Alten Testaments ist kein Text wie aus einem Guss, sondern eine rätselhafte Zusammenstellung zweier verschiedener Berichte. Zwar beschreiben beide die Erschaffung der Welt, doch sie stehen seltsam unvermittelt nebeneinander, unterschiedlich in Sprache und Duktus, widersprüchlich in zahlreichen Details.
Im ersten Text, der bis Kapitel 2, Vers 4a reicht, erscheint die Erschaffung der Welt wie der Bau einer Stufenpyramide, deren Spitze der Schöpfer am sechsten Tag mit dem Menschenpaar krönt – Sie und Er tragen keine Namen, die Frau entstammt nicht der Rippe des Mannes.
Der zweite Text beginnt ab Veres 4b mit einem neuen Schöpfungsbericht, so, als habe es den vorangehenden nicht gegeben. Der Schöpfer erscheint als behutsamer Menschenbildner, der als Erstes den Acker, sodann Adam aus Lehm erschuf, schließlich den Garten, die Tiere und, aus Adams Rippe, das Weib.“[28]
Oder etwas ausführlicher:
In diesen beiden Kapiteln sind zwei nach Inhalt und Stil sehr verschiedene Schöpfungsgeschichten nebeneinandergestellt: 1Mose 1,1-2,4a und 2,4b-25. Danach soll dem Leser klar werden: Hier werden keine naturwissenschaftlichen Entwicklungslehren aufgestellt; hier sind vielmehr zwei Urbekenntnisse zu Gott als dem Schöpfer der Welt festgehalten. Obwohl sie am Anfang der Bibel stehen, stammen sie erst aus einer späten Zeit in der Glaubensgeschichte Israel. Als sie verfasst wurden, hatte Israel längst schon die großen Taten Gottes aus seiner Geschichte im Bekenntnis festgehalten: die Befreiung aus Ägypten, den Lebensbund am Sinai, die Gabe des Landes …
Wie alle Bekenntnisse sind auch die beiden in Kap. 1 und 2 in einer bestimmten geschichtlichen Situation entstanden als Antwort auf Herausforderungen einer andersgläubigen Umwelt … Als Israel in Kanaan einwanderte, brachte es bereits die einmalige Glaubenserfahrung vom Sinai mit. Gott hatte sich als der zu erkennen gegeben, der Israels ganzes Leben durchdringen wollte und es so zum Gottesvolk machte (2Mose 19). In Kanaan begegnete Israel den Fruchtbarkeitskulten (Baalskulten) der einheimischen Bevölkerung und musste sich mit ihnen auseinandersetzen. Aus dieser Auseinandersetzung entstand das ältere der beiden Bekenntnisse (1Mose 2,4b-25), mit dem Israel seinen Gott, der es aus Ägypten befreit hat, nun in einer zusammenhängenden Erzählung auch als Schöpfergott preist.
Das jüngere Glaubensbekenntnis (1Mose 1,1-2,4a) ist rund fünfhundert Jahre später im babylonischen Exil entstanden. Dort musste sich Israel der Auseinandersetzung mit den Gestirnkulten (Astralkulten) stellen. Diese Auseinandersetzung wurde von den Priestern geführt. Sie fand ihren Niederschlag nicht in Form einer Erzählung, sondern in theologischen Bekenntnissätzen, in denen die Priester ihren Glauben mit Anschauungsmaterial aus den babylonischen Schöpfungsmythen ausdrücken und diese Mythen so „entmythologisieren“. Dabei bedienten sich die Priester des damals allen geläufigen Weltbildes: Die Erde eine rundum vom Urmeer umgebene Scheibe, über der sich das Firmament (Feste, V. 6) mit den Gestirnen als eine vor dem Wasser schützende Taucherglocke wölbt. In der ihnen eigenen systematischen Denk- und Redeweise stellen die Priester Gottes Schöpfungswerk in geordneter Reihenfolge und in einem Sieben-Tage-Rhythmus dar. Die Tageszählung hat Gleichnis-Charakter und soll „Schöpfung“ als sinnvoll in Epochen gegliederte Zeit deutlich machen … Das war eine … Polemik gegen den Schöpferanspruch der babylonischen Götter, besonders des Gottes Marduk.[29]
Diese Darstellungen lassen an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Sie behaupten: Die ersten beiden Kapitel der Bibel darf man keinesfalls als „historisch“ oder gar „naturwissenschaftlich relevant“ verstehen. Ein späterer Redaktor habe sie aneinandergereiht, ohne auf die (angeblichen) Widersprüchlichkeiten und Unterschiede zu achten. – Wir werden sehen, was von diesen Behauptungen zu halten ist. Ein paar von diesen sog. Ungereimtheiten treten gerade erst dadurch auf, dass man diese Texte auseinanderreißt.
5. Die angeblichen Widersprüche
5.1. Datierungsfragen
Zunächst muss hier etwas zur Datierung gesagt werden. Nach Ansicht der Quellenscheider sollen die beiden Berichte aus ganz verschiedenen Zeiten stammen.
- Der zweite Bericht wird als älter angesehen als der erste. Er soll um 900 v.Chr. entstanden sein. Man nennt den Verfasser den „Jahwisten“, weil er den Gottesnamen Jahwe benutzt (dazu später noch mehr). Seine Schilderung sei relativ primitiv („bukolisch“ = einfältig)[30] und erdverbunden.
- Der erste Bericht soll um 550 v.Chr. entstanden sein, als sich die Juden im babylonischen Exil aufhielten (587-538 v.Chr.). Als Verfasser werden Priester angesehen (sog. Priesterschrift). Diese hätten eine Vorliebe für systematischen Aufbau (7-Tage-Schema) und überhaupt die heilige Zahl „Sieben“ gehabt.
Wenn man das erste Kapitel so spät ansetzt, bietet sich die Chance zum religionsgeschichtlichen Vergleich mit babylonischen Götter- und Schöpfungsvorstellungen. Dann liegt der Gedanke nahe, dass die Israeliten manches aus ihrer heidnischen Umwelt übernommen haben (z.B. das Käseglocken-Weltbild).
Diese Datierung ist aber reine Spekulation, durch keine Quelle oder Hinweis historisch belegbar. Die Bibel selbst geht davon aus, dass Mose diese Texte geschrieben hat – und zwar kurz nach dem Auszug aus Ägypten (also um 1400 v.Chr.) und lange vor dem babylonischen Exil. Jesus Christus selbst zitiert in Mt 19 gleichzeitig aus dem ersten und zweiten Kapitel und schreibt sie offenbar ein und demselben Verfasser (Mose) zu, wenn er fragt: „Habt ihr nicht gelesen: Der im Anfang den Menschen geschaffen hat, schuf sie als Mann und Frau (1Mose 1,27) und sprach: Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein?“ (1Mose 2,24).
5.2. Verschiedene Gottesnamen
Einer der Hauptgründe für die Quellenscheidung in 1Mose 1+2 war ursprünglich die Beobachtung, dass in den beiden Kapiteln unterschiedliche Bezeichnungen für Gott verwendet werden:
- Im 1. Kapitel wird Gott als „Elohim“ bezeichnet. Das ist die ganz allgemeine Bezeichnung für eine Gottheit. Mit diesem Namen können in der Bibel auch die Götter der Ägypter oder Babylonier bezeichnet werden.
- Im 2. Kapitel wird dieser allgemeinen Bezeichnung noch der Name „Jahwe“ hinzugefügt (Jahwe Elohim = deutsch: HERR Gott). Jahwe ist so etwas wie der Eigenname des Gottes Israels. Mit ihm stellte er sich Mose am brennenden Busch vor: „Ich bin, der ich bin“ (2Mose 3,14f). Das heißt: der immer Da-Seiende; der unveränderlich Bleibende[31]; ja, der für dich Da-Seiende. Denn diesen Namen benutzt die Bibel, wenn sie beschreibt, wie sich Gott seinem Volk gnädig und liebevoll zuwendet.
Wenn man das im Blick behält, dann stellt die unterschiedliche Verwendung der Gottesnamen in 1Mose 1+2 überhaupt kein Problem dar. Im zweiten Kapitel wird der Eigenname Jahwe (HERR) neben den allgemeinen Gottesnamen gestellt, weil es hier besonders um die Menschen geht, denen sich Gott nun vor allem zuwendet.
Die gleichzeitige Verwendung von Eigenname und Titel handhaben wir bis heute ganz ähnlich, wenn wir von Jesus Christus reden: „Jesus“ ist der Eigenname, den ihm seine Eltern geben sollten (Mt 1,21). „Christus“ dagegen ist eine allgemeine Bezeichnung für den Messias (ein Titel): der Gesalbte. Beides macht einzeln gebraucht Sinn, aber auch nebeneinander.
5.3. Hebräischer Erzählstil[32]
Wenn man die ersten beiden Kapitel der Bibel auseinanderreißt (als zwei verschiedene Berichte) verkennt man völlig, dass hier ein vielfach im Alten Testament vorkommendes Stilmittel benutzt wird. Es wird zunächst ein allgemeiner Überblick gegeben und anschließend das Wichtigste herausgegriffen, um es näher zu beschreiben. So geschieht es offensichtlich auch in 1Mose 1+2. Nach der Gesamtschau von der Schöpfung wird der Blick auf den Menschen fokussiert, dessen Erschaffung schon im 1. Kapitel den Höhepunkt darstellte (als Krone der Schöpfung).
Während im 1. Kapitel die Schöpfungswerke in der Reihenfolge ihrer Entstehung beschrieben werden, folgt im 2. Kapitel eine Erklärung ihrer Bedeutung für den Menschen. Während es im ersten Teil um die gesamte Schöpfung im Überblick geht, handelt das 2. Kapitel nur teilweise von der Schöpfung. So fehlen hier ganz die Himmelskörper, die Erde und das Meer. Daher ist die Bezeichnung „zweiter Schöpfungsbericht“ unsachgemäß und irreführend. Man sollte von einem Schöpfungsbericht nicht erwarten, dass solche wesentlichen Teile fehlen. Eine so lückenhafte „Schöpfungserzählung“ wäre auch in der altorientalischen Literatur ohne Parallele.
Andererseits würde 1Mose 1 für sich allein die Existenz des Bösen in der Welt nicht erklären. Hier bietet das 2. Kapitel die zum Verständnis nötige Schilderung von Gottes Gebot und seiner späteren Übertretung sowie deren Folgen. Im 2. Kapitel werden die ersten Schritte der Menschen nach ihrer Erschaffung beschrieben und dann zur Sündenfallerzählung in Kap. 3 übergeleitet.
Fazit: Jedes der beiden Kapitel für sich genommen wäre ein Torso. Zusammen bilden sie eine sinnvolle Ergänzung!
5.4. Erschaffung der Pflanzen und Menschen (Reihenfolge)
Liest man den zweiten Teil des Schöpfungsberichtes in der Übersetzung der Lutherbibel, dann kann der Eindruck entstehen, dass, da die Reihenfolge, in der Pflanzen und Menschen erschaffen wurden, nicht mit Kapitel 1 übereinstimmt. Im rev. Luthertext heißt es (1Mose 1,5-7):
5 Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute;
6 aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land.
7 Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
Das klingt so, als hätte es noch keine Pflanzen auf Erden gegeben, als der Mensch geschaffen wurde. Im Gegensatz dazu sagt Kap. 1, dass der Mensch am letzten Schöpfungstag nach allen Pflanzen und Tieren geschaffen wurde.
Wenn man sich die Sache genau anschaut, dann merkt man, dass es im 2. Kapitel gar nicht um die Reihenfolge der Erschaffung geht, sondern um den Menschen, der sich die Erde untertan machen soll. Zunächst ist von der Erde die Rede, die Feuchtigkeit braucht, um Pflanzen auf ihr wachsen zu lassen. Dann erst richtet sich der Blick auf den Menschen, der von Gott „aus Staub vom Erdboden“ geformt wird.
Im hebräischen Wortlaut müssen einige Vergangenheitsformen plusquamperfektisch (Vorvergangenheit) übersetzt werden, dann wird deutlicher, wie es gemeint ist. Wörtlich heißt das dann:
5 Es gab zunächst noch kein Gesträuch des Feldes auf der Erde und noch war kein Kraut des Feldes gesprosst, weil Gott, der Herr, noch nicht hatte regnen lassen auf die Erde, und weil es keinen Menschen gab, den Erdboden zu bebauen. 6 Da stieg Feuchtigkeit auf von der Erde und bewässerte die ganze Oberfläche des Erdbodens. 7 Und Gott, der Herr, bildete den Menschen …[33]
Es geht also in V. 5-7 um zweierlei: (a) um den ursprünglichen Wasserkreislauf als Bedingung für den Pflanzenbewuchs, und (b) um diesen wiederum als Öko-Rahmen für den Menschen, der dann erschaffen wird. Sonst hätte Gott den Menschen in eine unbelebte, kahle Umgebung gesetzt. Wie hätte er da leben sollen?[34]
6. Das Problem mit der Nahtstelle 1Mose 2,4
In den heutigen deutschen Bibelausgaben wird (von wenigen Ausnahmen abgesehen[35]) der 4. Vers im 2. Kapitel auseinandergerissen, indem man zusätzlich eine Zwischenüberschrift einfügt. Im rev. Luthertext sieht das so aus:
4 So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.
(Das Paradies)
Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte.
Durch diesen Eingriff wird die erste Vershälfte an den Schluss des angeblich ersten Schöpfungsberichtes gerückt, während die zweite Vershälfte den Anfang des 2. Schöpfungsberichtes bildet.
Auf diese Weise wird völlig willkürlich ein Bruch erzeugt, der dann als Begründung für zwei verschiedene (noch dazu ungeschickt aneinander gefügte) Schöpfungsberichte herhalten muss. Dabei scheut man vor ausgesprochenen Torheiten und Verfälschungen nicht zurück.
Der 4. Vers des 2.Kapitels heißt wörtlich übersetzt:[36]
Diese sind die Fortpflanzungen des Himmels und der Erde in ihrem Geschaffensein, zur Zeit, als Gott der HERR Erde und Himmel machte.
(a) Dieser Vers ist ein kunstvoll aufgebauter hebräischer Vers, den man nicht mutwillig zerreißen darf. Der bekannte englische Ägyptologe Kenneth Kitchen (1932-2025) schreibt dazu in seinem Buch „Das AT und der Vordere Orient“:
„Es ist wichtig festzuhalten, dass Genesis 2,4 in vierfacher Hinsicht eine literarische Einheit bildet und nicht willkürlich zwischen V. 4a und V. 4b getrennt werden darf, wie dies seit Beginn der literarkritischen Arbeit im 19. Jh. behauptet wird.“[37]
Und Kitchen weist dann daraufhin, dass der Vers einen doppelten Parallelismus enthält (Parallelismus = die Art der hebräischen Dichtung):
1 Eine einfache Parallele ist es, dass „Himmel und Erde“ in V. 4a dem „Erde und Himmel“ in V. 4b gegenübergestellt werden (chiastisch = über Kreuz).
2 Eine zweite Parallele ergibt der Adverbialsatz am Ende von V. 4a („in ihrem Geschaffensein“), der am Anfang von V. 4b wieder aufgenommen wird („als Gott machte“ steht im hebräischen Text am Eingang des zweiten Versteils).
Noch einmal sei Kitchen dazu zitiert:
„Es wäre geradezu ein literarischer Vandalismus, eine so deutliche und wohldurchdachte Kleinst-Einheit aufzubrechen, die besten Literaturstil des Alten Orient bietet.“[38]
(b) Hinzu kommt als zweites starkes Argument gegen die Aufteilung des 4. Verses die Verwendung des hebräischen Ausdrucks „Toledot“. Dieser Begriff meint das, was sich aus einer bereits genannten Person oder Sache weiter entwickelt hat.[39]
Im 1. Mosebuch kommt dieses Toledot insgesamt 10 Mal vor, und zwar immer am Anfang eines Stammbaumes (z.B. 5,1 Adams Toledot, 6,9 Noahs Toledot, 11,10 Sems Toledot). Wir haben deshalb Toledot mit „Fortpflanzungen“ übersetzt (immer im Plural).
Wenn man den 4. Vers willkürlich teilt, kommt der Begriff Toledot an einer Stelle zu stehen, wo er überhaupt nicht hinpasst. Er würde dann nämlich als Abschluss des sog. ersten Schöpfungsberichtes stehen. Das wäre absurd, weil Toledot an allen übrigen 9 Stellen im 1. Mosebuch als Überschrift für das Folgende verwendet wird. In 1Mose 2,4 müsste es dann – gegen alle Regeln – ausnahmsweise als Unterschrift (Schlusssatz) stehen.[40]
Man sieht an diesen willkürliche Eingriffen in den Bibeltext und sein unvoreingenommenes Verständnis, auf was für tönernen Füßen die bibelkritische Quellenscheidung steht.
7. Zusammenfassung
Ich hatte am Anfang gesagt, dass viele Bibelleser schon auf den ersten Seiten des Buches hängen bleiben, weil sie über Aussagen stolpern, die sie nicht verstehen oder einordnen können. Es lässt sich nicht bestreiten, dass uns da Dinge geschildert werden, die wir sonst nirgendwo anders so finden.
Es ist bedauerlich, dass durch bibelkritische (manchmal recht willkürliche) Theorien zusätzlich das Vertrauen in die Aussagen der Bibel gleich am Anfang des Buches untergraben wird. Auf diese Problematik will ich mit diesem Beitrag aufmerksam machen.
Nach dem, was die Bibel selbst dazu sagt, bietet uns Gott in 1Mose 1+2 eine knappe Zusammenfassung über das, was am Anfang der Welt und der Menschheit geschehen ist. Keiner von uns war dabei, um es besser zu wissen. Wir sind eingeladen, das Gesagte ernst zu nehmen. Viele halten das heutzutage für unerträglich und glauben lieber an die Entwicklungstheorien, die Wissenschaftler aufgestellt haben. Fachleute wissen, dass vieles davon fragwürdig ist und nicht bewiesen werden kann. Man muss sich das klar machen, um es richtig einzuordnen. Die Evolutionsmodelle beruhen auf (z.T. recht unterschiedliche) Hypothesen, die sich nur in einem einig sind: Für sie steht fest, dass die Entstehung der Welt auf keinen Fall durch einen Schöpfer erklärt werden kann. Nicht wenige Wissenschaftler (z.B. Vertreter des Intelligent Design) und Christen sehen das anders. Und das ist gut so, denn sie zeigen damit, dass die „Wissenschaftlichkeit“ eines Weltbildes keineswegs an der Evolution hängt, sondern daran, wie man die vorhandenen Informationen interpretiert.
Dr. Gottfried Herrmann
(Der Verfasser ist seit 1989 Dozent für Kirchengeschichte und Altes Testament am Lutherischen Theologischen Seminar der Ev.-Luth. Freikirche. Von 1984-2018 war er als Verlagsleiter in der Concordia-Buchhandlung Zwickau tätig.)
Dieser Vortrag wurde bei einer Abendvorlesung in der Vorlesungsreihe „Theologie für junge Erwachsene“ (Nr. 3) am 24. Juni 2020 in Zwickau gehalten. Zu dieser Reihe von monatlichen Abendvorlesungen siehe: www.seminar-elfk.de (Studienangebote, Abendvorlesungen).
aus: Theol. Handreichung und Information 2025/4
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[1] Vortrag, gehalten bei „Theologie für junge Erwachsene“ (Nr. 3) am 24. Juni 2020 in Zwickau. Zu dieser Reihe von monatlichen Abendvorlesungen siehe: www.seminar-elfk.de (Studienangebote, Abendvorlesungen).
[2] Vgl. dazu auch: Thomas Schirrmacher, Gibt es zwei sich widersprechende Schöpfungsberichte? In: THI 1991/3, S. 8ff.
[3] Zitiert nach dem Text der Lutherbibel-Revision 1984; Abweichungen der Rev. 2017 werden vermerkt.
[4] Rev. 2017: Finsternis lag auf der Tiefe.
[5] Rev. 2017: über dem Wasser.
[6] Rev. 2017: an einem Ort.
[7] Rev. 2017: Seeungeheuer.
[8] Rev. 2017: über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
[9] Rev. 2017: im Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.
[10] Rev. 2017: Dies ist die Geschichte von Himmel und Erde, da sie geschaffen wurden.
[11] Vgl. dazu: Reinhard Junker, Schöpfung, Heilsgeschichte und Evolution; in: THI 1996/3, S. 8-10.
[12] Vgl. dazu: Gottfried Wachler, Schöpfung oder Evolution? In: THI 1985/3+4 und 1986/1; siehe: THI-Archiv, unter: https://elfk.de/wp-content/uploads/2019/09/thi_1985_3.pdf usw.
[13] Biologen definieren „Arten“ noch etwas anders!
[14] Joachim Cochlovius schreibt dazu: „Wieder fällt (im Schöpfungsbericht) die Formel ‚nach seiner Art‘ auf. Gott legt größten Wert auf die Artenkonstanz, sowohl im Pflanzen- als auch im Tierreich. Die Vorstellung, dass durch Mutation und Selektion aus einer Art völlig neue Arten mit neuen Bauplänen hervorgehen könnten, ist im biblischen Schöpfungsbericht nicht angelegt. Etwas ganz anderes ist die Annahme von ursprünglichen sog. Grundtypen, in deren Erbgut eine Anpassungsfähigkeit angelegt war (und noch ist), durch die sich dann im Lauf der Zeit je nach den Umweltbedingungen verschiedene Formen innerhalb der Grundtypen ausdifferenziert haben“ (Cochlovius, Man kann nur staunen, in: Factum 2020/2, S. 59).
[15] Carl Lawrenz, Die Schöpfungstage, in: THI 1998/1; siehe THI-Archiv unter: https://elfk.de/wp-content/uploads/2019/09/thi_1998_1.pdf.
[16] Ernst Lerle, Das Weltbild der Bibel, Berlin EVA ²1975; Und: Gottfried Herrmann, …und sie bewegt sich doch, Galieo Galilei – ein Held? In: THI 2014/1; siehe: http://www.elfk.de/html/seminar/index_htm_files/Herrm_Galileo-Held2013.pdf
[17] Neuere Übersetzungen nennen es deshalb mit Recht: Gewölbe (Gute Nachricht) oder Wölbung (NeÜ).
[18] Es wird ja an verschiedenen Stellen der Bibel tatsächlich auch von Gottes Angesicht (4Mose 6,24ff), seinem Arm (Jes 50,2) oder seiner Hand geredet. Wenn man diese Stellen genau untersucht, wird klar, dass es sich da um bildliche Redeweisen (Anthropomorphismen) handelt, die uns Menschen helfen sollen, Gottes Handeln zu verstehen.
[19] Das wird auch daran deutlich, dass in 1Mose 5,1-3 mit den gleichen Begriffen die Ähnlichkeit zwischen Adam und seinem dritten Sohn Seth beschrieben wird. Dieser war nicht nur äußerlich, sondern in seinem Wesen dem Vater ähnlich. Von Kain und Abel wird das nicht so gesagt (vgl. H. Möller, Der Anfang der Bibel, Zwickau ³1997, S. 19.
[20] Anders gesagt: Der Mensch „erkannte Gott von Herzen und war selbst von dessen Liebe und Gerechtigkeit erfüllt, dass all sein Denken und Tun rein und heilig war“ (H. Möller, aaO., S. 19 Anm.).
[21] Vgl. dazu ausführlicher: Martin Hoffmann, Mensch – wer bist du? In: THI 2025/3, S. 3ff. Siehe auch: https://elfk.de/wp-content/uploads/2025/09/THI2025-3.pdf.
[22] Rev. 2017: aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land.
[23] Rev. 2017: es ging.
[24] Rev. 2017: ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.
[25] Rev. 2017: aber für den Menschen wurde keine Hilfe gefunden, die ihm entsprach.
[26] Rev. 2017: Die ist nun Bein von meinem Bein.
[27] Das heißt: Alles, was Mose von seinem 2. Buch an beschreibt, geht (von seiner Geburt abgesehen, 2Mose 1) auf eigenes Erleben zurück. Er schreibt sozusagen als Zeitzeuge (im Auftrag Gottes). – Beim 1. Mosebuch ist das anders. Mose war ja persönlich bei der Schöpfung nicht anwesend. Er kann also nur aufschreiben, was ihm Gott (z.B. über die Anfänge der Welt) offenbart hat. Es ist möglich, dass er dafür Quellen benutzt hat, in denen schon die Generationen vor ihm etwas mündlich oder schriftlich festgehalten haben. Aber das bleibt Spekulation, denn die Bibel macht darüber keine Angaben.
[28] Aus: Zeitschrift GEO 2000/Heft 2.
[29] Die Bibel (Lutherbibel 1984) mit Erklärungen, Berlin und Altenburg EHBG 1989, Einführung.
[30] So in: GEO, aaO.
[31] Vgl. Hebr 13,8: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
[32] Reinhard Junker/Richard Wiskin, Zwei sich ergänzende Schilderungen vom Anfang, in: Wort und Wissen-Beiträge 1991/1.
[33] Zitiert nach Junker/Wiskin, aaO., S: 2. Vgl.: Hans Möller, Der Anfang der Bibel, Zwickau ³1997, S. 27.
[34] Dass an dieser Stelle die Tiere noch nicht erwähnt werden, könnte ein Hinweis darauf seien, dass sie im Urzustand noch nicht als Nahrung für den Menschen gedacht waren (vgl. 1Mose 1,29).
[35] Zum Beispiel: Neue evangelistische Übersetzung (Vanheiden); Neu Lutherbibel (Luther 2021); Schlachter.
[36] H. Möller, Der Anfang der Bibel, aaO., S. 26.
[37] Kenneth A. Kitchen, Das Alte Testament und der Vordere Orient; Zur Zuverlässigkeit biblischer Geschichte; Gießen Brunnen-Verlag 2008, S. 560.
[38] Kitchen, ebd.
[39] Das hebräische Wort ist eine Ableitung vom Verbum „jalad“ = gebären, zeugen.
[40] Vgl. dazu ausführlich: H. Möller, Der Anfang der Bibel, aaO., S. 23f. Oder: H. Möller, Alttestamentliche Bibelkunde, Zwickau ²2013, S. 27f.35.
Dieser Beitrag wurde erstellt am Mittwoch 8. April 2026 um 17:59 und abgelegt unter Schöpfung / Evolution, Theologie.














