Jesu Krönung: Gedacht als Verhöhnung, doch Teil der Versöhnung. (Mt. 27,27-31)
Freitag 3. April 2026 von Prädikant Thomas Karker

Jesu Krönung – eine Verhöhnung nach der Absicht jener Kriegsknechte und doch ein Teil der Versöhnung und eine Verherrlichung nach ihrer wirklichen Bedeutung. Das ist der Gedanke, der sich uns aufdrängt, wenn wir dort auf der Hauptwache zu Jerusalem Jesus sehen, zum Spott geschmückt mit Purpurmantel und Dornenkrone, und um ihn her die Rotte roher Soldaten, die ihn zum Scherz als einen König begrüßen. Heute beugen Tausende und Abertausende auf der ganzen Erde in anbetender Verehrung ihre Knie und bringen ihre Loblieder dem König in der Dornenkrone. Man spricht von einer Ironie der Weltgeschichte, wenn Wendungen eintreten im Weltlauf, die man für unmöglich hielt.
Ist es nicht eine Ironie Gottes selbst, auf die die Schrift hinweist, wenn es im 2. Psalm heißt: „Warum toben die Heiden und die Leute reden so vergeblich? Die Könige im Lande lehnen sich auf und die Herren ratschlagen miteinander wider den Herrn und seinen Gesalbten. Aber der im Himmel wohnt, lacht ihrer und der Herr spottet ihrer!“
Besonders in der Leidensgeschichte Jesu zeigt sich uns einmal mehr diese göttliche Ironie. Was Menschen tun und reden, wird in ganz anderem Sinn, als sie meinen, zur Wahrheit gemacht.
Das Wort des Kaiphas: „Es ist uns besser, ein Mensch sterbe für das Volk, denn dass das ganze Volk verderbe;“ oder der Pilatusspruch: „Sehet, welch ein Mensch!“ oder die Selbstverwünschung des Volkes: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ Ja in dem ganzen Erlösungswerk hat Gott selbst aus der größten Gemeinheit der Menschheit die größte Heilstat für die Welt gemacht.
Jesu Krönung: Gedacht als Verhöhnung, doch Teil der Versöhnung.
Wir fassen dabei ins Auge:
- Den Amtstracht des Herrn;
- die Huldigung der Knechte.
1. Die Amtstracht des Herrn:
Purpurmantel, Dornenkrone, Rohrstab – eins wie das andere ein Spott in den Augen der Knechte, für uns lauter Insignien der königlichen Würde des Herrn.
„Und sie zogen Jesus aus und legten ihm einen Purpurmantel an.“ Er war gegeißelt worden auf Pilatus Befehl. Bis er wieder vorgeführt werden sollte, nahmen ihn die Kriegsknechte mit sich in die Wachstube unten im Richthaus. Und nun sammelte sich um ihn die ganze Rotte und vertrieb sich die Langeweile auf Jesu Kosten. Die römischen Soldaten der Kaiserzeit durften sich viel herausnehmen. Gegen einen Juden war ja alles erlaubt, vollends wenn er verleugnet war von seinem eigenen Volk. So machen sie sich das grausame Vergnügen, spottend als König herauszuputzen. Er hat sich ja zum König machen wollen. Während sein zerfleischter Rücken von den Geißelhieben noch blutet und zuckt, ziehen sie ihm seine Kleider aus und legen ihm einen roten Soldatenmantel um die Schultern.
Uns verklärt sich sein Marterbild im Purpurmantel zu der königlichen Gestalt, die er bekam, als er sein irdisches Knechtsgewand abgelegt hat. Jetzt ist er angetan mit Macht und Herrlichkeit. Er sitzt zur Rechten Gottes, seines allmächtigen Vaters, als ein König, dem kein König gleicht.
Und die Purpurfarbe des Mantels, mit dem der Königsmantel Jesu gefärbt ist, erinnert uns an sein heiliges Opferblut. Sie mahnt uns an die Liebe, die sich selbst in den Tod geopfert hat zum Heil der Welt. Herrschaft habe ihre Hände oft in fremdem Blut gewaschen, unser König Jesus Christus hat sein eigenes Blut vergossen durch sein blutiges Opfer am Kreuz. Hierdurch hat er die Herrschaft errungen über die Seelen seiner Erlösten.
Das ist blutige Ernst als Teil seiner Versöhnung, die wir herauslesen dürfen aus diesem Soldatenscherz. Und sie zogen Jesus aus und legten ihm einen Purpurmantel an.
„Und flochten eine Krone von Dornen und setzten sie auf sein Haupt.“ Abermals ein Stück von der Krönungstracht Jesu – zunächst ein Zeichen grausamen Spotts über den Herrn und nun ein Ehrenzeichen seiner königlichen Würde.
Schmerzlich drückte der Dornenkranz auf Jesu Haupt. Wenn wir bedenken: Diese Dornen waren nicht die einzigen, die Jesus verwundet haben. Wir denken an den dornenvollen Weg, den Jesus auf dieser Erde gegangen ist, steinige Wege. Wir denken an die spitzigen Stacheln des Neids, an alle die giftigen Pfeile der Verleumdung, an alle die empfindlichen Nadelstiche der pharisäischen Verlogenheit. Verwundungen seiner Seele, lang bevor man ihm die Dornenkrone in die Stirn drückte und die Kreuzesnägel durch Hände und Füße schlug.
Ach Herr, welche Unbarmherzigkeit, wo man sonst auch dem geringsten noch einen Ehrenkranz mit ins Grab gibt, wird Jesus mit Dornen gekrönt.
Doch auch diese Dornenkrone gehört zu den Kleinodien der Christenheit, als das rührendste Zeichen, wie er hier allen Spott, den auch wir über ihn ausgeschüttet haben, in leidender Geduld und misshandelter Unschuld getragen hat. Stellvertretend erleidet er hier für unsere verlorene Königswürde, die wir als Krone der Schöpfung besaßen. Durch den Sündenfall sind auch wir mit der Dornenkrone behaftet.
Wenn die Maler uns den Heiland darstellen wollen, dann nicht mit der Strahlenglorie um sein Haupt, sondern mit der Dornenkrone stellen sie ihn dar. In dieser Gestalt hat er die Welt erobert.
Alle Fürstendiademe irdischer Macht, alle Lorbeerkränze weltlichen Ruhms, müssen erbleichen vor der Dornenkrone Jesu, die uns ihn zeigt in seiner tiefsten Erniedrigung als den leidenden Gottesknecht, und doch zugleich als den heiligen Gottessohn: Seht, da ist euer König!
„Und ein Rohr in seine Hand.“ Dieser Rohrstab, dieser Stecken, in Jesu Hand gedrückt, sollte seine Amtstracht vollenden, sollte sein königliches Zepter vorstellen.
Dieser Jesus mit dem gebrechlichen Rohrstab in der entkräfteten Hand inmitten der Kriegsknechte mit ihren Schwertern und ihren Lanzen – ist er nicht ein Bild der Ohnmacht, die wehrlos dasteht gegen die Waffen der rohen Gewalt?
So war Jesus dagestanden inmitten seiner Feinde. Aufgeschossen wie ein schwaches Reis und aus dürrem Erdreich. Ohnmächtig, kein Streben nach weltliche Macht, kein Streben nach irdischem Herrscherstab. Sein Reich war nicht von dieser Welt. Selbst bei seiner Gefangennahme sprach er zu Petrus: Stecke dein Schwert in die Scheide. Und als er seine Jünger aussandte in alle Welt, da gab er ihnen keine weltlichen Waffen mit, sondern nur den Pilgerstab des Glaubens und den Hirtenstab der Liebe und das Geistesschwert seines Worts.
Mit diesen Waffen haben sie einen guten Kampf gekämpft und kein Schwert weltlicher Gewalt, kein Zepter menschlicher Macht konnte die Predigt von Jesus Christus, dem Gekreuzigten, aufhalten in ihrem Siegeslauf durch die Welt.
So wird uns der Rohrstab dort in Jesu Hand zu einem Bild seiner geistigen Macht, mit der er die Welt überwindet durch die Macht der Wahrheit und der Liebe. Kein Zepter und kein Schwert, sondern nur der sanfte Stab des guten Hirten. – Mit diesem Hirtenstab regiert er sein Reich und schlägt seine Feinde und weidet sein Volk und führt die Seinen auf rechter Straße: Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab tröstet mich.
Das ist die Amtstracht Jesu in seiner heiligen Bedeutung für uns. Im Purpurmantel sehen wir seine heilige Liebe, die mit ihrem Blute ein Volk sich erkauft; in der Dornenkrone seine leidende Unschuld, die auch Schmach und Schmerzen geduldig trägt; im Rohrstab seine siegreiche Wahrheit, die mit den Waffen des Geistes die Welt überwindet.
2. Die Huldigung der Knechte,
Auch wenn sie nur ein Zerrbild darstellen, unsere Untertanenpflichten. So deuten wir die Kniebeugung, den Huldigungsgruß und die Backenstreiche der Knechte.
„Und beugten die Knie vor ihm,“ heißt es von diesen spottenden Römern.
Aber was ihnen ein leichtfertiger Scherz war, das ist uns ein heiliger Ernst! Wir beugen unsere Knie in anbetender Verehrung vor Jesus. Von ihm steht geschrieben: Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesus sich beugen sollen alle derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erden sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr sei, zur Ehre Gottes des Vaters.
Anbetende Verehrung sind wir ja unserem Herrn Jesus schuldig. Wo er geht und steht, was er tut und spricht. Wir beugen an der Krippe des Neugeborenen schon die Knie, weil wir den Ratschluss der Erlösung anbeten: Also hat Gott die Welt geliebt! Unmündigen Kinder verehren schon den künftigen Welterlöser: wie muss erst unter seinem Kreuz, wo er sein großes Werk vollbracht hat, im Hinblick auf seinen heiligen Opfertod unsere Verehrung zur Anbetung werden!
Deswegen gibt es eine Zeit im Jahr, wo durch die Gemeinde Jesu noch tiefer als sonst die Herzen sich vor ihm beugen in Ehrfurcht; eine Zeit im Jahr, wo unter soviel Unglauben und Abfall, weltlichem Wesen und fleischlichem Sinn sich es immer wieder zeigt: Der Name Jesu ist eine Macht in der Welt, er ist der König in der Dornenkrone. „Sie beugten die Knie vor ihm.“ O lasst auch uns die Knie beugen vor dem Herrn, nicht zum Spott oder als äußerlicher Zeremonie, sondern in heiligem Ernst und anbetender Verehrung dessen, von dem es heißt: Das Lamm, das erwürgt ist, ist würdig zu nehmen Ehre und Preis und Lob von Ewigkeit zu Ewigkeit.
„Sei gegrüßt, lieber Judenkönig,“ so sprachen die Kriegsknechte zu Jesus. Was aber bei ihnen ein leichtfertiger Spott war, das soll bei uns ein heiliger Ernst sein, mit dem wir ihm als unsern König huldigen. Nicht „der Juden König,“ der uns kaum etwas angeht, sondern unser König soll er sein, – der deine und der meine, dem wir angehören als das Volk des Eigentums, das er mit seinem Blute sich erkauft hat.
Auch nicht mit dem Munde bloß wollen wir ihm huldigen, dass wir mit den Lippen ihn unsern Herrn nennen, dass wir ihm unsere Loblieder singen, sondern dadurch wollen wir ihn als unsern König ehren, dass wir unser Herz und Leben ihm zum Dienst ergeben. Unser Verhalten verkündigt die Tugenden des, der uns berufen hat zu seinem wunderbaren Licht; dass wir sein Eigen sind und ihm dienen in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit.
Willst du das? Willst du so Jesu als deinem König huldigen, nicht zum Spott, nicht zum Schein, sondern in der Tat und Wahrheit? Willst du dich’s auch etwas kosten lassen? O dann kommt zum Schluss noch eine ernste Untertanenpflicht. Die Majestätsbeleidigung, die dort Jesus widerfuhr.
„Sie gaben ihm Backenstreiche und spuckten ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt.“
Damit endete ihre Krönungszeremonie, damit trieben sie ihre Bosheit auf die Spitze und schadeten doch niemandem, als sich selbst. Ihre Schläge fielen zurück auf ihr eigenes Haupt als ein Zeugnis menschlicher Verworfenheit. Und, meine Freunde, so fern wir auch sein mögen von der Bosheit dieser Knechte: ihre Schläge müssen zurückfallen heute auf unser Haupt. Sie müssen uns mahnen, dass wir an unsere Brust schlagen und bekennen: Was ist die Ursache aller solcher Plagen? Ach, meine Sünden haben dich geschlagen!
Erst wenn es zur rechtschaffenen Buße bei uns kommt, zur demütigen Erkenntnis unserer Sündhaftigkeit und zum ernstlichen Vorsatz der Besserung, erst dann bekommt die Passionsbetrachtung die rechte Frucht. So lang wir von uns selbst noch zu viel halten, können wir auch unsern Heiland noch nicht recht schätzen und ehren.
Er der König der Ehren, wir die unnützen Knechte – diese Erkenntnis erst gibt uns die rechte Liebe zu ihm und die rechte Ehrfurcht vor ihm, das rechte Verlangen nach seinem Heil und die rechte Dankbarkeit für sein Erlösungswerk.
Anbetende Verehrung, willige Hingabe unseres Herzens und Lebens, bußfertige Erkenntnis unserer Sünden, das sind unsere Untertanenpflichten gegen den König in der Dornenkrone. Dazu segne uns der Herr diesen Tag und diese ganze Woche, das Wort von seinem Kreuz und den Tisch seiner Gnade: Sehet, das ist euer König!
Amen
Prädikant Thomas Karker, Passionszeit 2026
Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 3. April 2026 um 6:22 und abgelegt unter Predigten / Andachten.














