Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Die Bibel umschreiben, um „einfach Mensch sein“ zu können?

Donnerstag 19. März 2026 von Pastor Dr. Stefan Felber


Pastor Dr. Stefan Felber

Die Hannoversche Landeskirche hat eine Arbeitshilfe für gendersensible und queerfreundliche Praxis in ihren Gemeinden veröffentlicht. Ein Kommentar vom Vorsitzenden des Gemeindehilfsbundes (Walsrode), Stefan Felber

Ich weiß nicht, ob ich es ernst nehmen und weinen oder ob ich es sportlich nehmen und lachen soll. Während die woke Welle andernorts schon wieder abebbt und der Anteil der sich „divers“ Verstehenden sinkt, sucht die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers nach wie vor, dort Anschluss zu gewinnen. Jetzt hat sie die 192 Seiten lange „Arbeitshilfe für eine gendersensible und queerfreundliche Praxis in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers“ herausgegeben. Wer die ganze Bibel als Gottes Wort liebt, muss beim Lesen der rund 50 Texte verschiedener Autoren ziemlich tapfer sein.

Eine entkernte Sprache

Es geht nicht nur – und das wäre schlimm genug! – um „G*tt“ mit Sternchen oder Bindestrich. Sogar die Wörter „Vielfalt*“, „trans*“ und „inter*“ werden mit Sternchen ergänzt. Mehrere Wortlisten könnten helfen, die neuen Begrie zu lernen. Ein Problem sieht man hier nicht, sondern eine Möglichkeit, an allen (un)möglichen Stellen „Vielfalt“ zum Ausdruck zu bringen. Sprache habe mit Macht zu tun, heißt es. Also wird an ihr geschraubt. Die Umformungen sollen offenbar Kritik am leibfeindlichen Unsinn („Geboren im falschen Körper“) gar nicht erst aufommen lassen. Derlei wird nicht nur als gegeben hingenommen: Queere Identität wird in manchen Äußerungen sogar über die hetero- oder homosexuelle Identität gestellt.

So schreibt die Theologische Leiterin und Geschäftsführerin des „Studienzentrums der EKD für Genderfragen“, Ruth Heß, Folgendes über Zeugungsunfähige in Matthäus 19,12: Sein Typus sei „nicht nur Identifkationsfigur für queere Menschen, sondern Prototyp des anbrechenden G-ttesreiches selbst, der Zeit der in Christus geschehenen, aber noch nicht vollendeten Versöhnung – unserer Zeit“. Läuft es darauf hinaus: Versöhnung als Aufhebung von Sexualität und Fruchtbarkeit?

Die Zähmung der Bibel

Besonders bedrückend ist die Distanzierung von der Bibel. Unter der Überschrift „Wahlverwandtschaften – Eine Bibliolog-Erfahrung mit LSBTIQ+“ schreibt der Pastoralreferent und Geistliche Begleiter Stephan Trescher: „Zwischen dem schwarzen Feuer des Bibeltextes ist Platz für das weiße Feuer der Teilnehmenden. Jede:r kann, niemand muss etwas sagen. Alles Gesagte ist wertvoll. (…)

Es gibt kein Richtig und Falsch. Es geht eh nicht um Wissen. Es muss auch nichts Frommes oder Spirituelles sein.“ Für „queer-feministische G*ttesdienste“ schlägt das Papier vor: „Suche dir drei bis sechs Piktogramme aus, die für dich G*tt, Jesus und die Heilige Geistkraft beschreiben und formuliere damit eine trinitarische Formel, in der von G*tt nicht nur männlich gesprochen wird. (…) Wenn du noch Zeit/Lust hast, verfasse nun ein geschlechtergerechtes und/oder feministisches Gebet zu einem dieser Themen: Christopher-Street-Day Demonstration, Muttertag, Tag der Arbeit“.

Zur Vorbereitung der Schriftlesungen wird zunächst ein Vergleich von Lutherbibel, BasisBibel und Bibel in gerechter Sprache empfohlen. Markiert werden soll dann, „was dir gefällt mit Blick auf queere, feministische, geschlechtergerechte Formulierungen“ – aber auch problematische Stellen. Und dann soll der Bibeltext so umgeschrieben werden, „dass er für dich am gerechtesten von den Menschen und von G*tt spricht“. Eine ähnliche Herangehensweise wird auch für das Glaubensbekenntnis vorgeschlagen.

Der Boden wurde bereitet

Das alles kommt nicht aus dem Nichts: Der britische reformierte Theologe Carl Trueman hat in „Der Siegeszug des modernen Selbst“ (2022) die philosophischen Wurzeln offengelegt. Aber es gibt leider auch theologische Wurzeln. Wir ernten die späten Früchte der Theologie Friedrich Schleiermachers, der 1799 schrieb: „Jede heilige Schrift ist nur ein Mausoleum der Religion, ein Denkmal, dass ein großer Geist da war, der nicht mehr da ist; denn wenn er noch lebte und wirkte, wie würde er die todte kalte Masse, die er zurückgelassen hat, beleben und mit sich fortziehen! Nicht der hat Religion, der an eine heilige Schrift glaubt, sondern der, welcher keiner bedarf und wohl selbst eine machen könnte.“

Leider wurde diese Theologie an den Fakultäten nie überwunden. Die lutherische Theologie hätte das eigentlich gekonnt. Denn Luther sagte: „Und so verwandelt (Gott) uns in sein Wort, nicht aber sein Wort in uns. Er macht uns aber zu solchen (d.h. gerecht, wahrhaftig etc.), wenn wir sein Wort als solches glauben, nämlich als gerecht, wahr.“

Ausgrenzung im Namen der Toleranz

Der erschrockene Leser dieser Arbeitshilfe mag hoffen, das antichristliche Zeug möge nur eine Ausnahme sein. Doch das Papier selbst hofft auf das Gegenteil. So heißt es in den „10 Geboten“ für einen queersensiblen Gottesdienst: „Ich will an jedem Sonntag eine queere und feministische Sicht bedenken.“ Es gibt also doch Gebote, sogar richtig und falsch. Falsch ist alles, was Queersein infrage stellen könnte. Richtig ist alles, was bestätigt („empowert“).

Behauptet jemand, Gottes Wort sage aber …, müssen erst mal Herrschaftsansprüche dekonstruiert werden. Was die Arbeitshilfe als Toleranz definiert, grenzt die Wahrheit und mit ihr die treuesten Kirchenleute aus. „Woke“ heißt Dauerempörung – das sind die eigentlichen Wutbürger, die überall Ungerechtigkeit wittern und die Beseitigung sozialer Ungleichheiten als alleinige Daseinsberechtigung der Kirche sehen.

Die Demokratie-Keule

Die Arbeitshilfe sieht die Demokratie in Gefahr, wenn nicht gegendert und queersensibel agiert wird. Es heißt, Demokratiebildung und Demokratieförderung kämen nicht ohne die Thematisierung von Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen und den daraus resultierenden Benachteiligungsstrukturen aus. Moment! Wie konnte denn bisher Demokratie ohne Gender entstehen? Eher scheint mir die ganze Identitätspolitik, darunter der Genderismus, geradezu hinderlich für die demokratische Entwicklung, weil sie in Gesellschaft und Kirche so penetrant andere Sach- und Glaubensthemen, die viel wesentlicher und biblisch gesehen auftragsgemäß sind, in den Hintergrund treten lassen

Was nun?

Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass Kirchenleitungen und Synoden nicht Buße tun, egal ob ein Protest scharf oder milde angestimmt wird. Für manche wird diese Arbeitshilfe der letzte Anstoß zum Kirchenaustritt sein. Doch auch in den Landeskirchen hat Gott sich Menschen bewahrt, die ihm und seinem Wort treu bleiben. In den Kirchenämtern ist die geistliche Luft aber schon sehr dünn geworden. Kyrie eleison!

Pastor Dr. Stefan Felber

IDEA, 18.3.2026

IDEA Klar. Konkret. Christlich.

„WAS IST KIRCHE?“
Um ähnliche Themen geht es bei zwei Kongressen des Gemeindehilfsbundes:
20. bis 22. März | Geistliches Rüstzentrum Krelingen, Walsrode
27. bis 29. März | Haus Felsengrund, Bad Teinach-Zavelstein

 

Dieser Beitrag wurde erstellt am Donnerstag 19. März 2026 um 11:52 und abgelegt unter Allgemein, Ehe u. Familie, Gemeinde, Gender, Gesellschaft / Politik, Kirche.