Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

„Hier ist nicht Mann noch Frau“ (Gal 3,28) – Lehrt Paulus die Aufhebung der Geschlechter?

Montag 16. März 2026 von Johann Hesse


Johann Hesse

In den Sommerferien des vergangenen Jahres besuchten wir als Familie in Hermannsburg eine Ausstellung über Pastor Louis Harms und die Geschichte der Hermannsburger Mission. Wir freuten uns über das Leitmotto von Louis Harms aus Johannes 17,3: „Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.“ Doch wir mussten feststellen, dass die Verkündigung des rettenden Evangeliums von Jesus Christus schon längst nicht mehr im Zentrum der Missionsarbeit des Evangelisch-Lutherischen Missionswerk (ELM) steht. Heute unterstützt die Mission die Nachhaltigkeitsziele der UN und fördert die LGBTQ*-Agenda, um die Akzeptanz für Menschen „mit einer nicht-heterosexuellen Identität“ in den Zielländern zu erhöhen. Dafür meinen die Verantwortlichen der Ausstellung, auch eine biblische Begründung liefern zu können: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28).

Für sich genommen hat dieser Satz tatsächlich revolutionäre Sprengkraft. Muss man nicht konsequenterweise auf Grund dieser Feststellung des Apostels, die Einebnung aller Unterschiede zwischen den Nationen und Kulturen, den sozialen Schichten und Klassen und zwischen den beiden Geschlechtern fordern und durchsetzen? Ist es da nicht nachvollziehbar, dass die feministische Theologie mit Blick auf Gal 3,28 die Frauenordination verlangte und die Kirchen sich heute für das Anliegen des Genderismus öffnen? Wenn in Christus alle Unterschiede, auch die Geschlechtsunterschiede irrelevant sind, warum dann nicht für eine gender-queere Kirche eintreten?

Doch Vorsicht! Betrachtet man Gal 3,28 für sich, kann schnell ein falscher Eindruck entstehen. Um die Aussage des Paulus genau zu treffen, muss der Vers im größeren Zusammenhang des Galaterbriefes und der ganzen Heiligen Schrift gelesen werden. Paulus geht es im Galaterbrief um die Frage, wie der Mensch vor Gott gerecht wird. Wie kommt der Segen Abrahams zu Juden und Heiden?  Wie empfangen wir den Heiligen Geist? Wie werden wir Kinder Gottes? Durch die Werke des Gesetzes oder durch den Glauben an Christus? Nur durch den Glauben an Jesus Christus! (Gal 3,1–14). In Galater 3,26 sagt Paulus dann: „Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder (wörtlich: Söhne) in Christus Jesus.“ Alle werden auf die gleiche Weise zu Kindern Gottes: durch den Glauben! Dabei kommt es nicht darauf an, aus welcher Nation, aus welcher sozialen Schicht jemand stammt oder welchem Geschlecht jemand angehört. Für alle gilt: Der Glaube an Christus rettet.

Halten wir also zunächst fest: Es geht Paulus im Gesamtzusammenhang nicht um die Einebnung von nationalen, sozialen oder geschlechtlichen Unterschieden, sondern um den Zugang zum Heil und die Rechtfertigung des Sünders vor Gott.

Ob Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen: Sie alle werden durch den Glauben an Christus zu Kindern Gottes. Das „ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder“ (Gal 3,26) entspricht dem „denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“. Für alle Menschen aus allen Nationen, Schichten und unabhängig von ihrer Geschlechtszugehörigkeit gilt: Sie werden durch den Glauben an Christus zu Kindern Gottes und durch ihn zu einer ewigen Heilsgemeinschaft zusammengefügt. „Die Formel „in Christus“ umschreibt den „‚objektiven‘ Heilsstand der Gemeinde“ (Ridderbos). Gal 3,28 meint also, dass in bezug auf das ewige Heil alle Menschen, ob Männer oder Frauen, vor Gott gleich sind und jedem der Zugang zur Gotteskindschaft durch den Glauben an Jesus offensteht (vgl. Gal 3,20).“[1] Es geht Paulus nicht um die Einebnung der Unterschiede und das Postulat einer undifferenzierten Gleichheit, sondern um den einheitlichen Zugang zum Heil und einer Einheit in Verschiedenheit: „Der Geist Gottes beseitigt also die Unterschiede nicht, sondern ermöglicht deren fruchtbares Gedeihen. Gal 3,28 redet daher auch nicht schlechthin von einem „Gleichsein“, sondern von einem „Einssein“ (εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ) aufgrund der gemeinsamen Christusförmigkeit im Heiligen Geiste“.[2] In diesem Sinne ist auch Kol 3,11 zu verstehen, wo Paulus schreibt: „Da ist nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Nichtgrieche, Skythe, Sklave, Freier, sondern alles und in allen Christus.“

Dass es Paulus nicht um die Einebnung und Aufhebung der Unterschiede geht, zeigt ein Blick in die anderen paulinischen Schriften. Obwohl Paulus sagen kann „Hier ist nicht Jude noch Grieche“, differenziert er im Römerbrief mit Blick auf die Heilsgeschichte sehr wohl zwischen Israel und den Nationen (Röm 9–11). Die Erwählung Israels will er gerade nicht aufheben! Und obwohl Paulus sagen kann „hier ist nicht Sklave noch Freier“, stellt er die Wirtschaftsordnung des Römischen Reiches nicht in Frage. Er fordert nicht den Sklavenaufstand, sondern ermahnt die Sklaven zum Gehorsam gegenüber den Herren (Eph 6,5) und die Herren zum rücksichtsvollen Umgang mit den Sklaven, „denn ihr wisst, dass euer und ihr Herr im Himmel ist, und bei ihm kein Ansehen der Person“ (Eph 6,9; vgl. Philemon-Brief). Obwohl Paulus sagen kann „hier ist nicht Mann noch Frau“ lehrt er doch eine hierarchische Eheordnung, in welcher der Mann als das Haupt aufgefordert ist, seine Frau zu lieben wie Christus die Gemeinde geliebt hat, und in der die Frau aufgefordert ist, sich dem Mann um des Herrn willen unterzuordnen (Eph 5,21–33). Und auch für die Gemeinden ordnet er an, dass Männer lehren und leiten sollen, Frauen nicht (1. Tim 2,12–14 + 3,1–7). Der Blick in den größeren gesamtbiblischen Zusammenhang zeigt: Das Einssein in Christus, unabhängig von nationaler Herkunft, sozialem Hintergrund oder geschlechtlicher Zuordnung ist eine Heilsgabe Gottes, die aber die irdisch-geschöpflichen Unterschiede nicht einfach nivelliert. Daraus folgt, dass dieser Vers nicht missbraucht werden darf, um eine feministische Theologie, die Ordination von Frauen oder gar eine gender-queere Kirche zu fordern, denn das Einssein in Christus steht nicht im Widerspruch zu unterschiedlichen auch hierarchisch gegliederten Verantwortlichkeiten und Aufgaben innerhalb des Leibes Christi (vgl. 1. Kor 12,12–31).

Dessen ungeachtet, darf die geistliche Sprengkraft von Gal 3,28 nicht unterschätzt werden. Jüdische Männer beteten nachweislich bereits um 150 n. Chr. und vermutlich schon zur Zeit des Paulus und bis heute das Morgengebet (Birkot haSchachar).[3] Darin heißt es: „Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der mich nicht als Heiden, der mich nicht als Sklaven und der mich nicht als Frau erschaffen hat.“[4] Auch wenn dieses Gebet nicht abwertend gemeint ist (oder sein sollte!), transportiert es doch die Vorstellung eines privilegierten Zugangs zu Gott auf Grund von nationaler Herkunft, Klasse und Geschlecht. Dass es diesen privilegierten Zugang auch tatsächlich gab, ergibt sich innerbiblisch mindestens für die nationale Herkunft. Juden hatten selbstverständlich einen Vorzug vor den Nationen. In diesem Sinne erinnert Paulus die Epheser an die Zeit, als sie noch „nach dem Fleisch Heiden“ waren und „Unbeschnittene“ genannt wurden, denn damals waren sie „ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels“, ohne Hoffnung und „ohne Gott in der Welt“ (Eph 2,11–12). Es sollte auch nicht vergessen werden, dass es bis heute Religionen gibt, in denen das Frausein schwere Nachteile mit sich bringt. Im Hinduismus kann eine Frau beispielsweise erst dann Erlösung erlangen, wenn sie stirbt und dann als Mann wiedergeboren wird. Das ist einer der Gründe, warum in Indien millionenfach Mädchen vor oder nach der Geburt getötet werden. Auf Grund dieses letztlich auch religiös begründeten Femizids gibt es heute in Indien einen Überschuss von 50 Millionen Männern.[5]

Gal 3,28 sagt dagegen: Das Heil gilt allen unterschiedslos, unabhängig von Nation, Schicht und Geschlecht. Es gibt keinen privilegierten Zugang zu Gott für Angehörige eines bestimmten Volkes, einer bestimmten Schicht oder eines bestimmten Geschlechts. Wir alle, egal ob Jude oder Heide, Freier oder Sklave, Mann oder Frau, werden Kinder Gottes (Gal 3,26) und „eins in Christus“ (Gal 3,28) durch den rettenden Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Gott selektiert und diskriminiert nicht, sondern lässt alle durch den einen Mittler und Erlöser zu sich kommen. Darin liegt die unerhörte geistliche Sprengkraft dieses Verses. S. Lewis Johnson schreibt dazu zu Recht: „Der Reichtum der Einheit, ohne jegliche Leugnung von Rollenunterschieden, ist der herausragende Schwerpunkt des Abschnitts, den wir betrachtet haben.“[6]

Johann Hesse

Aufbruch 2/2025 (November)

______________
[1] Neuer, Werner: Mann und Frau in christlicher Sicht, TVG Brunnen, 5. Auflage, Gießen 1993, S. 100.

[2] Hauke, Manfred: Die Problematik um das Frauenpriestertum vor dem Hintergrund der Schöpfungs- und Erlösungsordnung, Verlag Bonifatius-Druckerei Paderborn, 1982, S. 341.

[3] Johnson, S. Lewis, JR.: Role Distinctions in the Church. Galatians 3:28, in: John Piper und Wayne Grudem (Hg.): Recovering Biblical Manhood & Womanhood. A Response to Evangelical Feminism, Wheaton: Crossway 1991, S. 154–164, hier S. 158.

[4] https://www.talmud.de/tlmd/das-morgengebet-fuer-werktage/#Birkot_haSchachar (abgerufen am 8.10.2025).

[5] Johanna Durairaj im Interview mit der Jungen Freiheit: Indien: »Mädchen werden noch nach der Geburt getötet« – Eine Lebensschützerin packt aus (https://youtu.be/11swwhRoBBM?si=atYpSIxiOHLgSJDI).

[6] Johnson (s. Fußnote 3), S. 160.

Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 16. März 2026 um 16:52 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gemeinde, Sexualethik, Theologie.