Die Erschaffung der Frau
Freitag 20. Februar 2026 von Pastor Dr. Stefan Felber

Bibelarbeit zu 1. Mose 2,15–25Â
15 Und Gott der Herr nahm den Menschen [hebr.: Adam] und setzte ihn in den Garten Eden, daß er ihn bebaute und bewahrte. 16 Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, 17 aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm ißt, mußt du des Todes sterben. 18 Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe [oder: eine Gehilfin] machen, die ihm entspricht. 19 Gott der Herr hatte aus Erde alle Tiere auf dem Felde und alle Vögel unter dem Himmel gemacht. Die brachte er zu dem Menschen, daß er sähe, wie er [nämlich Adam] sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen. 20 Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Hilfe [oder: Gehilfin] gefunden, die ihm entsprach. 21 Da ließ Gott der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er [Gott] nahm ein Stück von seiner Seite und schloß die Stelle mit Fleisch. 22 Und Gott der Herr baute eine Frau [hebr. ischah] aus dem Seitenstück, das er von dem Menschen genommen hatte, und brachte sie zu ihm. 23 Da sprach der Mensch: Die ist nun Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch; man wird sie Männin [ischah] nennen, weil sie vom Manne genommen ist. 24 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau [ischah] anhangen, und sie werden sein ein Fleisch. 25 Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht. (1. Mose 2,15–25) (Luther 2017 mit Modifikationen SF)
Im Aufbruch 1/2025 haben wir über die Erschaffung des Mannes aus Erde plus göttlichem Atem nachgedacht. Wir haben gesehen, daß dabei kein Zufall regiert, sondern die weise Absicht Gottes. Mann und Frau sind je auf die ganz bestimmte Weise erschaffen, die nun ihr Wesen ausmacht:
- Der Mann ist von der Erde genommen und wird in den Garten gesetzt, ihn zu bebauen und zu bewahren (V. 15).
Das Wesen des Mannes ist daher schwerpunktmäßig welt- bzw. sachbezogen. - Die Frau ist vom Mann genommen und wird ihm zugeführt (V. 22).
Das Wesen der Frau ist daher schwerpunktmäßig personbezogen.
Hat man das verstanden, so sortiert sich die alltägliche wie die wissenschaftliche Erfahrung mit unseren Eigentümlichkeiten wie von selbst.[1] Schon Säuglinge reagieren auf Gesichter und Gegenstände in geschlechtsspezifischer Weise. Doch bleiben wir erst einmal genauer beim Text!
Verse 15–17: Der zweifache Auftrag an den Mann
Der Mann soll den Garten bebauen und bewahren (V. 15f.) und sich selbst bewahren, indem er sich von allen Bäumen außer einem bestimmten Baum ernährt (V. 17). Nachdem dieser Auftrag ergangen ist, lesen wir jedoch nichts davon, daß Adam mit der Gartenarbeit begonnen hätte. Vielmehr offenbart Gott sofort dessen Hilfsbedürftigkeit: „Es ist nicht gut, daß Adam allein sei …“ (V. 18).
„Nicht gut“ klingt wie ein Gegensatz zum „sehr gut“ von 1,31. Dieses gehört aber ans Ende des Schöpfungsprozesses. Erst muß noch der Zustand durchlaufen werden, der noch „nicht gut“ ist. Auf diesem also liegt der Fokus unseres Abschnittes: Adam braucht Hilfe.
Wozu soll die Hilfe dienen? Nach dem Kontext braucht er sie, um seine Aufträge zu erfüllen. Tragischerweise verleiten ihn Schlange und Frau später dazu, gerade den Auftrag, sich selbst zu bewahren (nicht von der bestimmten Frucht zu essen), nicht zu erfüllen. Die Frau gibt ihm von der verbotenen Frucht zu essen (3,6).[2]
Bleiben wir aber bei Kap. 2, also noch vor dem Fall: Worin soll die Hilfe bestehen? V. 18 läßt dies noch offen, weshalb die Übersetzungen und Revisionen zwischen „Gehilfin“, also einer Person (Luther 1984), und „Hilfe“ (Luther 2017) wechseln. Adam sollte jedenfalls noch erkennen, daß alle anderen Geschöpfe nicht geeignet sein würden, ihm die Ergänzung und Hilfe zu geben, die er wirklich braucht. Vergessen wir nicht, daß es ein hohes Amt ist, das der Frau gegeben ist, Hilfe des Mannes zu sein, auch wenn Feminismus und Genderismus dafür blind machen. Die hohe Würde, Helfer zu sein, gilt in erster Linie für die eheliche Beziehung, in anderer Weise aber auch für das Verhältnis der Geschlechter insgesamt (Joachim Cochlovius hat in seinen Eheseminaren darauf hingewiesen). Denn Hilfe oder Gehilfe zu sein kann an vielen Stellen der Bibel das bezeichnen, was Gott als Helfer und Retter uns ist bzw. tut.
Beispiele:
2. Mose 18,4: „Der Gott meines Vaters ist meine Hilfe gewesen und hat mich errettet vor dem Schwert Pharaos.“
5. Mose 33,29: „Wohl dir, Israel! Wer ist dir gleich? Du Volk, das sein Heil empfängt durch den Herrn, der deiner Hilfe Schild und das Schwert deines Sieges ist! Deine Feinde werden dir huldigen und du wirst auf ihren Höhen einherschreiten“ (vgl. Ps 27,9; 46,2; 70,6).
„Hilfe“ steckt sogar im Namen des Erlösers JESUS: der Helfer, der Retter von den Sünden (Mt 1,21; Apg 4,12). Wie Jesus gekommen ist, um den Menschen zu helfen, so wurde die Frau geschaffen, um dem Mann zu helfen. „Der Mann ist nicht geschaffen um der Frau willen, sondern die Frau um des Mannes willen“ (1. Kor 11,9).
Vers 18 unterstreicht somit 1. die Ehre, die der helfenden Person zukommt, 2. die Notwendigkeit der Hilfe, 3. die Angewiesenheit des Mannes auf die Frau, und nicht zuletzt 4. die Hinordnung, Zielbestimmung der Frau auf den Mann. Frauen spüren besser, was ihre Männer brauchen, und wenn sie unverheiratet sind, was eine Gruppe oder Gemeinschaft gerade braucht.
Jedes Geschlecht hat einen Mangel („nicht gut“), das nur vom anderen Geschlecht ausgefüllt werden kann. In der Ergänzungsbedürftigkeit des Mannes liegt, daß auch die Frau einen Mangel verspürt, wenn sie nicht eingebettet ist in eine Struktur, wo sie ergänzen darf (sei es in der Ehe, sei es in Gemeinde oder Gesellschaft). Es ist eine Leere, die nur im Dienen ausgefüllt werden kann. Die vielen Nachfolge- und Hingabe-Worte um des Reiches Gottes willen sind ein Echo davon. Wer sich selbst sucht, erstickt an sich; wer sich gibt, gewinnt (vgl. Ps 37,4.25; Mt 6,33).
„… ich will ihm eine Hilfe (oder: eine Gehilfin) machen“: Die göttliche Selbstberatung und -aufforderung findet sich nur bei den Erzählungen zur Erschaffung der Menschen in 1,26 und 5,1f. sowie hier zur Erschaffung der Frau. Nochmals: Welche Ehre! In Kap. 1 war es die gemeinsame Ähnlichkeit der Geschlechter zu Gott. Sie findet ihre Entsprechung in Kap. 2 durch die Ähnlichkeit der Frau zum Mann.
GleichwĂĽrdig, nicht gleichartig
Je mehr man in den Text von 1. Mose 1 bis 2 eindringt, desto mehr zeigt sich, wie sehr Mann und Frau gleichwürdig und zur komplementären Einheit bestimmt sind: Beide sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen und damit gleichwertig. Aber das heute so hochgehaltene „gleichartig“ ist nicht das, was die Schrift uns predigt! Schon das „er schuf sie (Plural!) männlich und weiblich“ (1,27 und 5,2) in Verbindung mit dem Mehrungssegen (1,28 und 5,3ff.) zeigte die Verschiedenheit von Zeugendem und Empfangenden. Denn die Begriffe „männlich“ und „weiblich“ deuten auf die äußerliche, biologische Verschiedenheit der jeweiligen Geschlechtsorgane.
Auch Kap. 2 enthüllt, daß die Gleichwertigkeit eine Andersartigkeit nicht aus-, sondern einschließt. Sie liegt in der Art der Erschaffung begründet (siehe das oben zum stärkeren Sachweltbezug des Mannes und zum stärkeren Personweltbezug der Frau Gesagte): Der Mann ist nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, die Frau nach dem Ebenbild des Mannes: „Er ist Gottes Bild und Abglanz, die Frau aber ist des Mannes Abglanz“ (1. Kor 11,7).
Die Unterschiede sind augenfällig und sollten nicht mit dem raschen Hinweis auf die gemeinsam getragene Ebenbildlichkeit weggewischt werden:
- Physische Herkunft:
Die Frau ist vom Mann genommen, und zwar innerhalb des Gartens. - Zielbestimmung:
Die Frau ist Hilfe für den Mann, insofern „ist der Mann nicht um der Frau willen erschaffen, sondern die Frau um des Mannes willen“ (1. Kor 11,9). Darum wird sie dem Mann zugeführt. Man darf das nicht umdrehen und sagen, in gleicher Weise wäre der Mann als Hilfe der Frau erschaffen. Claus Westermann: „Es könnte in 2,18 eben nicht gesagt werden, daß der Mann zur Hilfe für die Frau geschaffen ist.“[3] - Wonach die Frau ihren Namen erhält:
Die Frau wird nach dem Mann benannt (2,23 ischah, Luther: „Männin“). - Subjekt des Benennens:
Sie wird vom Mann benannt (2,23; dann nochmals in 3,20: „Eva“).[4] - Was der Frau eigentümlich ist:
Nicht nur Gehilfin des Mannes im persönlichen Gegenüber zu sein, sondern auch ihre Mutterschaft erscheint als eine wesentliche Aufgabe von ihr, wie sich einerseits aus dem Vermehrungsauftrag vor dem Fall sowie nach dem Fall aus 3,16 im Unterschied zu 3,17–19 zeigt: Die Strafworte nach dem Fall treffen beide nicht in irgendwelchen, für sie peripheren, sondern in ihren zentralen Bezügen.
Der letzte Punkt zeigt: Die Abhängigkeit ist gegenseitig. „Wie die Frau von dem Mann, so kommt auch der Mann durch die Frau; aber alles von Gott“ (1. Kor 11,12). Die Punkte 1 bis 4 zeigen: Seine Lebensbestimmung soll ihr Leben bestimmen. Ich spreche ausdrücklich von seiner Lebensbestimmung, also von dem, was Gott dem Mann aufträgt, und nicht, was der Mann sich Tag für Tag ausdenkt und ggfs. mit einer Frau (oder gar mit mehreren) sein Leben bequem machen möchte.
Vers 19: „Gott der Herr hatte aus Erde alle Tiere auf dem Felde und alle Vögel unter dem Himmel gemacht.“
Dem aufmerksamen Leser fällt das Plusquamperfekt auf: Die bereits vorher geschaffenen Tiere werden nun zum Menschen gebracht. Der Mensch „benamt“ die Tiere: Er spricht die Gedanken aus, die durch den Anblick der Tiere bei ihm ausgelöst werden, vom Sehen zum Verstehen zum Sagen! Sprachfähigkeit ist vorausgesetzt, ebenso wie schon 1,28–30 und 2,16f. das sprachliche Verstehenkönnen vorausgesetzt ist. Adam übt den Herrschaftsauftrag zunächst sprachlich aus. Die Namengebung ist mehr als eine bloße Benennung! Einen Namen geben ermöglicht Ordnen, Aneignen, Lenken. Der Mensch kann die Kreaturen nun geistig erfassen. Erst so kann er seine Herrschaft ausüben und die Welt in Besitz nehmen.[5] Nach antiker Vorstellung drückt ein Name das Wesen eines Dinges aus („nomen est omen“), nach moderner Auffassung sind Namen nur „Schall und Rauch“ (Goethes Faust). Adams Benennen sollte also der geistigen Erfassung der jeweiligen Eigenart dienen. So vollzieht es sich an seiner Wortprägung „Männin, vom Manne“, ischah vom isch (V. 23): Er ist ihre Herkunft, er bestimmt ihr Leben (mit). Auch gemäß Luthers Auslegung wird hier nicht nur das geistige Erfassen der Tiere durch Adam ausgesagt, sondern auch das Regieren der Tiere: Mit einem Wort hat er die wilden Tiere regieren und bezwingen können, das ihrer Natur Gemäße zu tun – so wie wir einem zahmen Hund befehlen. Doch die Sünde hat diese ursprüngliche Sprachkraft zerstört! Auf unser bloßes Reden reagieren die meisten Tiere mit Flucht oder Gleichgültigkeit …
Vers 20: „Und der Mensch gab einem jeden … seinen Namen. Aber … keine Gehilfin …“
Das erste Sprechen des Menschen – für das der Erzähler aber kein Beispiel gibt – bleibt ohne Erwiderung. Kein Tier zeigt sich imstande, auf den Anruf des Menschen zu antworten, geschweige denn, ihm bei seiner Aufgabe, die geschöpfliche Welt zu bedienen und zu bewahren, behilflich zu sein. Natürlich wußte Gott von vornherein, daß die Tiere nicht das Gegenüber zum Mann bilden können, das allein die Frau sein kann. Darum ist Umberto Cassuto Recht zu geben, der auslegt, es werde auf diese Weise die Sehnsucht des Mannes nach der Frau noch gesteigert. Die überaus erfreute Reaktion des Mannes auf das Erscheinen der Frau, der sogenannte Bräutigamsjubel (V. 23), gibt Cassutos Auslegung Recht.
Verse 21–22: Die Erschaffung Evas
Warum wird Adam in einen Tiefschlaf versetzt? Der Verweis darauf, daĂź fĂĽr die folgende Operation eine AnästheÂtisierung nötig sei, genĂĽgt nicht. Gott hätte es ja auch schmerzlos und im BewuĂźtsein Adams tun können. Der Schlaf steht vielmehr dafĂĽr, daĂź Adam passiv an sich geschehen läßt, was Gott ihm vorbereitet. Ansonsten wĂĽrde man spekulieren, welchen Anteil Adam an der Entstehung der Frau hat! Was wäre da wohl herausgekommen!?! Nicht der Mann schafft die Frau, nicht der Mann holt sich eine Frau heran – sonst könnte er sie am Ende auch wieder verwerfen –, sondern der Schöpfergott tut beides selbst! „Was Gott zusammengefĂĽgt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ (Mt 19,6).
Viele Übersetzungen der Verse 21 und 22 enthalten das Wort „Rippe“ des Mannes (sogar noch in Luther 2017). Die Ausleger sind uneins, ob man nicht allgemeiner mit „Seite“ wiedergeben sollte. Meine vorangestellte Übersetzung ist so ein Versuch, um das Mißverständnis zu vermeiden, Gott habe nur einen Knochen herausgelöst und daraus die Frau gebaut. An allen anderen Vorkommen des hebräischen Wortes geht es allgemeiner um eine „Seite“.[6] Nur hier wird es oft mit „Rippe“ wiedergegeben! – Sicherlich war auch eine Rippe dabei, denn Adam sagt dann V. 23 „Bein von meinem Bein“ (also Knochen), zugleich aber „Fleisch von meinem Fleisch“. Daher paßt m.E. der allgemeinere Begriff „Seite“ besser.
Jedenfalls ist sie von ihm genommen; nochmals: genommen von einer Person, nicht von der Erde. Er gehört zu ihr, weil sie zu ihm gehört (mit Bonhoeffer). Zu Recht ist die Auslegung beliebt, daß sie nicht von seinem Kopf genommen ist, um nicht sein Haupt zu sein, auch nicht von seinen Füßen, um ihm nicht zu Füßen zu sein. Vielmehr entstammt sie seiner Seite, um an seiner Seite, an seinem Herzen zu stehen und geliebt zu sein, und unter seinem Arm, um geschützt zu sein (Matthew Henry).
Fraglich hingegen ist die Auslegung, Adam habe durch die Herauslösung eines Stückes seines Leibes auch ein Stück seines Wesens verloren, das er dann in der Frau wiederfinde. Wäre dem so, dann hätte er vorher etwas gehabt, was ihm nachher erst durch die Frau wieder zuteil wird. Nach dem Text war er aber der Frau von Anfang an bedürftig. Mit der Frau wird ihm geschenkt, was er vorher eben nicht hatte. „Und Gott der Herr brachte sie zu ihm.“
„Und Gott der Herr baute eine Frau“: Wo Gott Subjekt des Bauens ist, geht es immer um Großes. Amos 9,6: „er ist es, der seinen Saal in den Himmel baut“; Jer 18,6: „ein Volk und Königreich“; Ps 102,17 und 147,2: Zion bzw. Jerusalem.
V. 23 „Da sprach der Mensch: Das ist doch … Männin vom Manne …“
Das Geschehen
Gott stellt die Frau nicht dem Manne vor. Gott gibt weder ihm noch der Frau eine Erklärung, was es nun mit der neuen Gestalt auf sich hat. Auch die Frau selbst stellt sich nicht dem Mann vor. Der Mann soll die neue Lage selbst erfassen. Das tut er auch, und zwar sofort als Liebender. Jede Silbe sprüht vor Freude! Die beiden Sätze sind im Hebräischen voller Rhythmus und Klang-Resonanzen. „Die Poesie der Liebe ist hier im ersten Entstehen; sie gibt den Worten des Menschen dichterischen Schritt und Schwung“ (Franz Delitzsch). Adam kündet von der „Erfüllung längst ersehnten Glückes“ (Hans Walter Wolff). So wird die Frau willkommen geheißen, und im Wort Adams erkennt auch sie selbst ihre Herkunft und Eigenart. Doch noch spricht Adam kein „Du“, sondern er spricht über sie in der dritten Person „sie“. Auf diese Weise ist sein Willkommensjubel zugleich ein Lobpreis des Schöpfers, dem Sinne nach etwa so: „Wunderbar hast du sie mir gemacht!“ (vgl. Ps 139,14–16).
Doch wie kommt Adam darauf? Ist es nicht ein Egoismus, sich nur (?) darum zu freuen, weil jemand zu mir paßt (vgl. „wer seine Frau liebt, der liebt sich selbst“, Eph 5,28)?!? Nein! Adam erkennt, daß er mit der passenden Ergänzung an seiner Seite den Auftrag des Schöpfers erfüllen können wird. Zudem werden mit der Erschaffung der Frau die Schöpfungswerke abgeschlossen – Höhe- und Schlußpunkt! Und deswegen erfolgt genau hier die erste Rede eines Menschen in der Weltgeschichte.
Die Benennung: Name und Wesen
Im Namen verknüpft Adam die weibliche Eigenart mit ihrer Herkunft. Bis Vers 22 spricht der hebräische Text von 1. Mose 2 vom Menschen immer mit dem Begriff „Adam“. Die geschlechtliche Unterschiedenheit, die für Erzähler und Leser schon seit 1,27 („männlich und weiblich“) präsent ist, tritt erst mit dem Auftreten der Frau ins Bewußtsein: ischah vom isch. Adam spricht zuerst ischah aus, dann isch.[7] Der erste Mensch erkennt: Ich bin nicht die ganze Menschheit, sondern nur – Mann. Und wie er sich freut!
Vers 24: Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen …
Der Vers ist als Rede Adams und als Rede des Erzählers denkbar. Das „Darum“ spricht für letzteres (Georg Fischer), die verwendeten Zeiten für ersteres. Ein Sachunterschied besteht nicht, da der Erzähler sich sicher nicht von Adam distanzieren wollte.
Plötzlich tauchen Eltern auf, die noch gar nicht existieren. Aber es ist die Konsequenz aus der Erkenntnis von V. 23: Wie die Frau zum Mann gebracht wurde, so wird der Mann geheimnisvoll hingezogen zu ihr und anhangen an ihr. Die neue Bindung wird über allen anderen Bindungen stehen; „anhangen“ ist hebräisch „kleben“ und ist so intensiv gedacht, daß es nur in der lebenslangen Einehe ganzheitlich verwirklicht werden kann – genau das war für Jesus die Norm, an der das Verhältnis der Geschlechter für alle Zeiten zu messen ist (Mt 19,1–9). In der patriarchalischen Zeit des Erzählers, in der Mehrehe, Familie und Clan die wichtigsten Sozialformen darstellten, war das ein großer Schritt, ja es steht quer zur eigenen Kultur! Denn im Alten Testament tritt in der Regel die Frau in den Verband des Mannes ein statt umgekehrt, man denke nur an Jakob und Rebekka. Unserer Formulierung kommt ausgerechnet die Moabiterin Ruth am nächsten. Boas lobt sie:
Man hat mir alles angesagt, was du getan hast an deiner Schwiegermutter nach deines Mannes Tod; daĂź du verlassen hast deinen Vater und deine Mutter und dein Vaterland und zu einem Volk gezogen bist, das du vorher nicht kanntest. Â (Ruth 2,11)
1. Mose 2,24 nennt interessanterweise nur den Mann als Subjekt des Verlassens. Bei ihm liegt offenbar die größere Verantwortung für die Priorität der Ehebeziehung gegenüber allen anderen Beziehungen. Darum gilt auch nur ihm – nun nach dem Fall – die Mahnung des Paulus, seine Frau zu lieben wie sich selbst (Eph 5,25.28); ihr gilt die Mahnung, sich seiner Bestimmung einzufügen „wie dem Herrn“ (V. 22).
„Und sie werden sein ein Fleisch“
„Ein“: Es ist eine zusammengesetzte Einheit, wie zwei Legosteine ein neues Ganzes bilden. Auch die Einheit Gottes in 5. Mose 6,4 wird mit diesem Zahlwort bezeichnet (ächad). Das Alte Testament ist so von vornherein offen dafür, daß in dem einen Gott mehrere Personen leben.
„Ein Fleisch“: Die innige körperliche Vereinigung folgt dem Verlassen der Eltern, sprich der Eheschließung. Der Trauakt in Eden wurde in V. 22 von Gott selbst als Brautführer vollzogen: „und brachte sie zu ihm“. Alte Abbildungen wie von Hieronymus Bosch zeigen, wie Gott (gemalt als Christus), zwischen den beiden steht und sie zusammenführt. Jede Trauung ist idealerweise eine Erinnerung an Eden – und eine Vorwegnahme der Trauung Christi mit seiner Braut, der Gemeinde.
Vers 25 „Und sie waren beide nackt, Adam und seine Frau, und schämten sich nicht.“
Die Verse 24 und 25 zeigen wunderbar, daß und wie der Mann im sündlosen Urzustand die Frau bedingungslos bejahte – und natürlich soll dies normativ sein für die Ehen aller Zeiten! Dem Mann soll die eigene Frau mehr gelten als die eigenen Eltern. Die Liebe der Eheleute ist leiblich und geistig vorbehaltlos und ohne jede negative Beimischung. Vergleicht man den Bericht mit den Mythen von der Menschenschöpfung im Vorderen Orient, ist die Hochschätzung gerade der Frau einzigartig (Claus Westermann).
Wenn nach dem Sündenfall Nacktheit vorkommt, hat es dagegen immer etwas mit Erniedrigung, Scham und Schuld zu tun: Der neue Blick auf die Geschlechtsregion entsteht nach dem Fall (3,7); Noah und Saul verlieren die Selbstkontrolle (9,21f.; 1. Sam 19,24); Gefangene werden bloß-gestellt (Jes 20,2–4). Nichts davon hier: Sie schämten sich nicht.
Was für eine Seligkeit war das! Und was für eine Seligkeit wird es sein, einst mit erneuerten Leibern und geheiligten Augen miteinander den Schöpfer und Erlöser sehen und preisen zu dürfen!
Pastor Dr. Stefan Felber, Aufbruch 2/2025 (November)
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[1] Vgl. Prof. Manfred Spreng: Adam und Eva – Die unüberbrückbaren neurophysiologischen Unterschiede, in: Andreas Späth (Hg.): Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, Ansbach: Logos Editions 2011, S. 35–74 (über dieses Buch siehe die Besprechung von R. A. Thieke, in: Diakrisis 33, 1/2012, S. 39–41).
[2] Dadurch wird zugleich der Auftrag zu bebauen nicht mehr erfüllbar, weil die Erde ihren Ertrag nur noch durch schweißtreibende Arbeit geben wird und die beiden aus Eden vertrieben werden (3,17f.22–24). Dem Vermehrungsauftrag stehen die Schmerzen der Frau im Weg (3,16); dem Herrschafts- und Ernährungsauftrag steht der Widerstand der Erde entgegen („Dornen und Disteln“, 3,18).
[3] Claus Westermann, Genesis, 1974, S. 357. Zu 2,18: Ein Unterordnungsverhältnis ist nicht ausgeschlossen (ebd.).
[4] W. Zimmerli, Die Weisung des Alten Testaments zum Geschäft der Sprache, 1958: Die Namengebung hat in 1. Mose 1 etwas vom Gewicht der Vollendung des Schöpfungsvorgangs: erst durch seine Be-Rufung erhält ein Ding seine volle Existenz. In Gen 2 wird der Mensch an diesem Recht des Be-Rufens beteiligt (S. 279). Er übt dabei ein Stück verliehener Herrschaft aus, was auch für die Tatsache gilt, daß der Mann die Frau be-ruft. Im Namen der Frau ergreift der Mann die Wahrheit der Frau und beugt sich ihr – wie denn zuvor schon Jahwe selber sich der Wahrheit gebeugt hatte, die der Mensch in den Namen der Tiere aussprach (1. Mose 2,19; S. 280).
[5] Vgl. 1. Mose 32,29; 2. Kön 23,34; 24,17; 2. Chron 36,4; Dan 1,7 und bes. das „Rufen“ Gottes bei der Schöpfung: 1. Mose 1,5.8.10.
[6] Beispiele: Seite eines Berges (2. Sam 16,13); Seite der Lade (2. Mose 25,12. 14; 37,3.5); Seite der Stiftshütte (2. Mose 26,20ff.); ein Türflügel (1. Kön 6,34) usw. Die Septuaginta (die vorchristliche griechische Übersetzung des Alten Testaments) liest pleura (medizinisch: Pleuraspalt), hat also ebenfalls „Seite“ verstanden. Die lateinische Vulgata hat costis (Plural von costa), was etwa für die Seitenwände des Trojanischen Pferdes oder den Bauch eines Kessels verwendet wird.
[7] isch: 2184 x, ischah 846 x im Alten Testament.– Die genaue Herleitung der Wörter ist ungeklärt (Georg Fischer).
Dieser Beitrag wurde erstellt am Freitag 20. Februar 2026 um 17:55 und abgelegt unter Ehe u. Familie, Gender, Predigten / Andachten, Seelsorge / Lebenshilfe, Sexualethik, Theologie.














