Gemeindenetzwerk

Ein Arbeitsbereich des Gemeindehilfsbundes

Die Entwicklung des Charakters, der mit unseren Überzeugungen einhergehen muss

Montag 16. Februar 2026 von Revd. Joshua Tomalin


Revd. Joshua Tomalin

Als ich erwog, was für ein Thema ich heute behandeln sollte, fiel mir die Wahl zunächst schwer. Es gibt so viele gute, hilfreiche und aufbauende Themen, die ich ansprechen könnte. Die Bedeutung der Heiligen Schrift, ihr Stellenwert in unseren Gemeinden als inspiriertes und unfehlbares Wort Gottes und die Fehler, die unsere Gemeinden begangen haben, indem sie sich davon entfernt haben. Ich könnte über unsere Überzeugung sprechen, dass das Heil allein durch Christus erlangt wird. Ich könnte darüber sprechen, wie unsere Kulturen uns dazu verleiten, das Weltliche anzunehmen, und die Wahrheit aus vielen Quellen zu beziehen. Es ist wichtig, dass wir in unseren Überzeugungen gestärkt und ermutigt werden, und ich könnte die nächsten zwanzig Minuten darüber sprechen, und ich bin sicher, jeder hier würde sehr zufrieden nach Hause gehen. Doch als ich darüber nachgedacht habe, was es bedeutet, in einer Kirche, die sich manchmal von ihren biblischen Wurzeln abzuwenden scheint, standhaft zu bleiben, als ich über den Dienst in meinem eigenen Umfeld nachgedacht habe, als ich über das Privileg nachgedacht habe, viele von Ihnen kennenzulernen – da ist mir klar geworden, dass unsere Überzeugungen, so wichtig sie auch sind, nicht genug sind.

Deshalb will ich heute über etwas sprechen, das untrennbar mit unseren Überzeugungen verbunden ist – und das ist unser Charakter. Unsere Überzeugungen sind das, woran wir glauben, was wir für wahr halten – und unser Charakter zeigt, wie wir diese Wahrheit leben. Und doch konzentrieren wir uns so oft so sehr auf unsere Überzeugungen, dass wir den Charakter vernachlässigen, der damit einhergehen muss. Es wäre so einfach für mich, den bequemen Weg zu gehen und so zu tun, als lägen alle Probleme außerhalb von uns – ohne jemals anzuerkennen, dass wir, bevor wir eine Reformation in unseren Kirchen anstreben, zuerst eine in uns selbst, in unseren Herzen, brauchen.

Welchen Charakter sollen wir also entwickeln?

Im zweiten Petrusbrief lesen wir

„so setzt eben deshalb allen Eifer daran und reicht in eurem Glauben die Tugend dar, in der Tugend aber die Erkenntnis, in der Erkenntnis aber die Selbstbeherrschung, in der Selbstbeherrschung aber das standhafte Ausharren, im standhaften Ausharren aber die Gottesfurcht, in der Gottesfurcht aber die Bruderliebe, in der Bruderliebe aber die Liebe.“

Sehen Sie, wie die Liebe die höchste Priorität nimmt? Im ersten Korintherbrief hören wir, wie die Liebe wie folgt beschrieben wird:

„Die Liebe ist langmütig und gütig, die Liebe beneidet nicht, die Liebe prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf; sie ist nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu; sie freut sich nicht an der Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.“

Und das alles klingt wunderbar und sogar einfach, bis wir uns an die Worte Jesu in der Bergpredigt erinnern: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen“. Wir sind eine Gemeinde, die dazu berufen ist, die Liebe als unser höchstes Charaktermerkmal zu leben. Und zwar nicht nur die Liebe zu denen, die wir leicht lieben können, sondern zu allen, selbst zu unseren Feinden. Ist das, was wir erleben? – Wenn wir mit anderen in Kontakt treten, wenn wir für den Glauben eintreten, wenn wir die Wahrheit des Evangeliums in unseren Kirchen, online oder wo auch immer wir uns befinden, verteidigen: nirgendwo sind wir von dieser Verpflichtung befreit.

Wir müssen eine Bewegung sein, deren Kennzeichen die Liebe ist: überfließende Liebe, verschwenderische Liebe, auch und gerade für diejenigen, mit denen wir uns auseinandersetzen und deren Lehren wir ablehnen. Denn Liebe ist nicht dasselbe wie einfach nur nett und freundlich zu sein; wir sind weiterhin dazu aufgerufen, aufzutreten, zu ringen und herauszufordern. Wir werden und müssen denen in unseren Gemeinden widersprechen, die die Heilige Schrift beiseiteschieben und sich vom überlieferten Glauben abwenden wollen. Aber wir tun dies in Liebe. Stellen Sie sich vor, die Menschen, mit denen Sie sprechen, gehen nach einem Gespräch mit Ihnen weg und denken: „Das war völlig seltsam – sie waren in so vielen Punkten anderer Meinung als ich, und doch weiß ich, dass sie mich geliebt haben.“

Wie sehr verfehlen wir dieses Ziel in unseren Worten und Taten? Lassen Sie mich das klarstellen: Dies ist keine Taktik, keine pragmatische Diplomatie oder Strategie, sondern ein Appell, dass wir uns daran erinnern, dass Gott zuerst in unseren Herzen wirken muss. Diese Liebe ist keine Maske, die wir aufsetzen. Sie bedeutet nicht, äußerlich zu lächeln, während wir innerlich voller Bosheit und Wut sind. Nein! Diese Liebe muss von Herzen kommen. Wenn Sie also das nächste Mal über Ihre Gemeinde, Ihre Leiter sprechen, fragen Sie sich: „Liebe ich sie wirklich?“ Entsprechen meine Worte und Taten echter Liebe, die nicht entehrt, die nicht leicht zornig wird, die das Böse nicht zurechnet, die schützt, vertraut und ausharrt? Ist das meine Liebe zu ihnen? Denn ich bin ehrlich zu Ihnen allen: Bei mir ist das leider viel zu oft nicht der Fall. Und das beschämt mich, denn diese Liebe ist keine Option. Denn wenn Paulus im Galaterbrief von der Frucht des Geistes spricht – Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung –, dann sind diese Eigenschaften nicht optional.

Vor meiner Rolle als Pastor und als jemand, der unsere Gemeinden zu Christus zurückführen möchte, bin ich zuallererst ein Christ. Das bedeutet, dass Gott seinen Geist in mir wohnen lässt und dass er mein totes Herz zum Leben erweckt hat. Er wirkt in mir, um mich zu heiligen, mich zu verändern und mich zu der Art von Mensch zu formen, der die Gegenwart Gottes wirklich genießen kann. Und dasselbe gilt für uns alle hier. Wenn wir Menschen sein wollen, die die Frucht des Geistes in ihrem Leben tragen, dann bedeutet das, dass dies in jedem Bereich unseres Lebens sichtbar wird, auch darin, wie wir uns für unsere Gemeinden einsetzen.

Vielleicht denken Sie jetzt: Moment mal. Das klingt ja alles schön und gut, aber was ist mit Jesus? Er ist den Pharisäern gegenüber nicht gerade sanft und nachsichtig gewesen. Er nannte sie ja schließlich eine Schlangenbrut und getünchte Gräber – wenn er solche Worte benutzen kann, kann ich das doch auch! Er ging mit einer Peitsche in den Tempel, um die dort stattfindende Entweihung zu beenden – das wirkt nicht gerade sanft. Dazu möchte ich Folgendes sagen: Jesus konnte in die Herzen der Menschen blicken, mit denen er sprach. Er wusste genau, wovon er sprach, als er seine Gegner scharf zurechtwies. Sie und ich können das nicht. Ja, es wird Situationen geben, in denen deutliche Worte und entschlossenes Handeln nötig sind. Ja, es besteht die Gefahr, nicht weit genug zu gehen, nicht deutlich genug zu sprechen. Nicht klar genug zu sein um des Evangeliums willen und unsere Botschaft aus dem Wunsch heraus, nett zu sein, zu verwässern. Nirgends sind wir einfach nur dazu aufgerufen, nett zu sein. Manchmal müssen wir herausfordernd sein, aber immer liebevoll, immer sanftmütig und immer mit Selbstbeherrschung. Das sind keine optionalen Eigenschaften, so hat Gott uns befohlen, zu sein.

Wir sehen dies praktisch umgesetzt in 2. Timotheus 2 – als Paulus Timotheus im Umgang mit Irrlehrern und denen, die das Evangelium verfälschen, unterweist.

„Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streiten, sondern milde sein gegen jedermann, fähig zu lehren, geduldig im Ertragen von Bosheiten; er soll mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweisen, ob ihnen Gott nicht noch Buße geben möchte zur Erkenntnis der Wahrheit und sie wieder nüchtern werden aus dem Fallstrick des Teufels heraus, von dem sie lebendig gefangen worden sind für seinen Willen.“

Zunächst einmal handeln wir auf diese vom Heiligen Geist erfüllte Weise, weil es unserem Wesen entspricht, aber auch im Hinblick auf diejenigen, mit denen wir es zu tun haben. Wenn wir mit anderen nicht übereinstimmen, sie herausfordern oder ihnen widersprechen, ist unsere Hoffnung und unser Ziel nicht, uns nach der Debatte als Sieger zu fühlen und unsere Gegner gedemütigt zu haben. Es geht nicht darum, uns selbst gut zu fühlen und sie zu beschämen. Unsere Hoffnung ist vielmehr, dass Gott ihnen Buße schenkt, die zur Erkenntnis der Wahrheit führt.

Wird das Ihre Interaktion mit anderen verändern, ob online oder in Ihrer Gemeinde? Ich hoffe es. Und ich weiß, dass einige von Ihnen jetzt denken: „Das habe ich im Griff – das mache ich schon, ich bin bestens vorbereitet!“ Wenn die Rollen vertauscht wären, würde ich wahrscheinlich genauso denken! Aber wer auch immer Sie sind und wie gut Sie sich auch vorbereitet fühlen, denken Sie daran: Wir alle sind noch auf dem Weg, wir streben nach Christusähnlichkeit, aber wir werden sie in diesem Leben nie vollkommen erreichen. Auch wenn dies eher eine Erinnerung als eine neue Lehre ist, nehmen Sie es sich zu Herzen, als ob Sie es zum ersten Mal hören würden. Ob auf X, auf YouTube, auf Discord – oder in Ihrer Gemeinde, in Ihren Synoden.

Denken Sie darüber nach, wie dieser radikaler, liebevoller Umgang für Sie aussieht. Und das ist radikal – einen Charakter zu haben, der unseren Überzeugungen entspricht. Denn alles andere in unserer Kultur belohnt entweder den Kompromiss mit unseren Überzeugungen im Namen der Einheit oder das Aufgeben unseres Charakters im Streben nach Erfolg und Sieg. Wer online eine große Reichweite erzielen will, muss einfach ständig mit allen anderer Meinung sein und so feindselig und provokativ wie möglich auftreten. So sieht Erfolg in unserer Welt aus. Aber nicht so bei uns. Halten Sie an Ihren Überzeugungen fest– und wir haben an diesem Wochenende viel Gutes, Richtiges und Hilfreiches gehört, das uns dabei unterstützen kann. Halten Sie aber auch an Ihrem Charakter fest, im Wissen, dass Gott Sie formt und durch Sie wirkt, dass Sanftmut keine Schwäche ist und Demut kein Zurückweichen bedeutet.

Die meisten von uns stehen erst am Anfang ihres Glaubensweges, und ich hoffe, dass viele hier, mich eingeschlossen, noch viele Jahrzehnte Zeit haben werden, um Weisheit zu erlangen und zu wachsen. Wir werden nicht alles auf Anhieb richtig machen, wir werden lernen müssen, uns zu entschuldigen, unsere Fehler einzugestehen und Buße zu tun. Aber geben Sie die Hoffnung nicht auf – denn in diesem Raum könnten die zukünftigen Leiter unserer Gemeinden sitzen, diejenigen, die das Evangelium wieder zu seinem rechtmäßigen Ehrenplatz zurückführen werden. Habt Hoffnung, denn ja, die Anforderungen an unseren Charakter sind hoch, aber wir haben einen treuen Gott, der uns durch Christus erlöst hat und uns versprochen hat, uns zu heiligen. Habt Hoffnung, meine Freunde – denn wir dienen einem wunderbaren Gott.

Amen.

Revd. Joshua Tomalin

Dieser Vortrag wurde gehalten auf der ‘Echoing Wittenberg 2025’ – Konferenz am 1. November 2025 im Katharinensaal der Stadtkirche Wittenberg.

Dieser Beitrag wurde erstellt am Montag 16. Februar 2026 um 9:28 und abgelegt unter Gemeinde, Kirche, Theologie.